Kategorie: Rezension

Jane Harper: The Lost Man

Nachdem Neyasha im vergangenen Dezember so begeistert über „The Lost Man“ von Jane Harper geschrieben hatte, hatte ich mir direkt das eBook besorgt. Da aber die Autorin nicht gerade die heimeligsten Geschichten schreibt, hat es eine Weile gedauert, bis ich Lust auf diese Art von Roman hatte. „The Lost Man“ gehört nicht zu den Veröffentlichungen rund um den Polizisten Aaron Falk („Hitze“ und „Ins Dunkel“), sondern ist ein eigenständige Geschichte, die aus der Perspektive von Nathan Bright erzählt wird. (Allerdings gibt es einen kleinen Verweis auf Aaron Falks Geburtsort Kiewarra, aus dem auch Nathans Mutter stammt.) Die Handlung in „The Lost Man“ beginnt damit, dass Nathan und sein jüngerer Bruder Bub vor einem alten Grabstein am Rande einer australischen Wüste im Südwesten von Queensland stehen – und neben diesem Grabstein liegt die Leiche ihres gemeinsamen Bruders Cameron. Schnell steht fest, dass Cameron der Hitze zum Opfer gefallen ist und dass sein Tod grauenhaft war.

Doch vor allem lässt Nathan die Frage nicht los, wieso Cameron überhaupt sein Auto verlassen hatte und das auch noch, ohne jegliche Wasservorräte mit sich zu führen. Die Rätsel rund um Camerons Tod führen dazu, dass Nathan sich nicht nur mit dem Leben seiner Familienmitglieder – die er seit Monaten nicht mehr gesehen hatte – auseinandersetzen muss, sondern auch mit seiner eigenen Vergangenheit. Jane Harper schreibt Geschichten von Menschen, die in unmenschlichen Umgebungen versuchen, sich ihre Menschlichkeit zu bewahren – und häufig genau daran scheitern. So gab es vor zehn Jahren in Nathans Leben einen Moment, in dem er eines der eisernen Gesetze seiner Gemeinschaft verletzte und dafür von seinen Nachbarn aus eben dieser Gemeinschaft ausgeschlossen wurde. Was genau Nathan damals getan hat, verschweigt Jane Harper ziemlich lange, und ich muss gestehen, dass ich deshalb im Laufe der Zeit mit der Autorin ziemlich ungeduldig wurde. Es ist für mich vollkommen in Ordnung, wenn Elemente verschwiegen werden, weil der Erzähler selbst keine Details weiß. Aber hier wusste so gut wie jeder Charakter, was Nathan damals getan hat, aber trotzdem wird lange drumherumgeredet, um künstlich Spannung aufrecht zu halten. So haben mich in dieser Phase vor allem die ungemein atmosphärischen Beschreibungen des Lebens am Rande einer Wüste bei der Stange gehalten.

Hier fand ich es sehr schön, wie Jane Harper Informationen, die Nathan und sein Bruder dem ortsfremden Polizisten zukommen lassen, als dieser sich den Schausplatz von Camerons Tod anschaut, mit kleinen Gedanken und Nebenbemerkungen des Erzählers mischt. So wird schnell deutlich, dass es bestimmte Dinge gibt, die kein Einheimischer vernachlässigen oder vergessen würde, so wie es zum Beispiel selbstverständlich ist, dass bei solch gefährlichem Gelände niemand nachts mit dem Auto fährt oder dass für eine zweitägige Fahrt ein ganzer Kofferraum voller Wasserflaschen und Nahrungsmittel mitgenommen wird. Immer wieder gibt es diese kleinen Momente, die zeigen, wie selbstverständlich die Gefahren eines solchen Lebens für die Einheimischen sind, während sich mir bei dem Gedanken, dass es im Notfall im optimalsten Fall mindestens drei Stunden dauern würde, bis Hilfe aus der nächsten Stadt eintreffen könnte, der Magen umdreht. All diese Details lassen einen nur zu gut nachvollziehen, wieso ein solches Leben die besten und die schlimmsten Seiten eines Menschen zum Vorschein bringen kann. So ist es auch nicht besonders überraschend, dass Nathan und seine Brüder selbst keine besonders glückliche Kindheit hatten, und auch wenn er selbst nicht die gleichen Fehler wie sein gewalttätiger Vater begangen hat, hat er dafür mit anderen Problemen zu kämpfen.

Ich will beim besten Willen nicht behaupten, dass „The Lost Man“ eine schöne Geschichte ist. Es gibt so viele zutiefst deprimierende und frustrierende Elemente, wenn es um den Schatten geht, den Nathans seit langem verstorbener Vater bis zum aktuellen Tag auf die gesamte Familie wirft. Aber ich fand es schön zu verfolgen, wie Nathan sich im Laufe des Romans weiterentwickelt hat. Je mehr er sich mit dem Tod von Cameron, mit den Problemen seiner Familie und sogar mit seinem Verhältnis zu seiner Ex-Frau Jacqui und seinem Sohn Xander auseinandersetzt, desto eher scheint er in der Lage zu sein, auch mal positive Gedanken und Gefühle zuzulassen. Wirkt Nathan anfangs geradezu lebensmüde, nach all den Jahren, die er isoliert von der Gemeinschaft verbracht hat, so führen all die Ereignisse rund um Camerons Tod dazu, dass er so langsam in der Lage ist, sich (und anderen) zu verzeihen und in die Zukunft zu blicken. So steht für mich in diesem Roman nicht Camerons Tod, sondern Nathans Entwicklung im Mittelpunkt der Geschichte, was dazu führt, dass ich es auch nicht schlimm fand, dass so viele „überraschende“ Wendungen rund um Camerons Ableben für mich deutlich leichter vorhersehbar waren als die Handlungsentwicklungen in den anderen beiden Büchern von Jane Harper. Die Autorin hat wirklich ein Händchen für realistische Charaktere voller Graustufen ebenso wie für wunderbar atmosphärische Beschreibungen des Lebens in den unwirtlicheren Ecken Australiens und hat es damit auch bei „The Lost Man“ geschafft, mich damit so sehr zu packen, dass ich den Roman zügig gelesen habe, obwohl ich ein paar andere Aspekte in dieser Geschichte nicht ganz so gelungen gefunden habe.

Mur Lafferty: The Shambling Guide to New York City (The Shambling Guide 1)

In den letzten Wochen habe ich so einige „nette“ Romane gelesen, die noch auf meinem eReader schlummerten (oder von mir spontan heruntergeladen wurden 😉 ). „The Shambling Guide to New York City“ von Mur Lafferty gehört definitiv in die Kategorie „nette Romane“ und hat mich gut unterhalten. Die Protagonistin Zoë Jennifer Norris sucht zu Beginn der Geschichte dringend einen neuen Job, nachdem sie ihren letzte Arbeitgeber wegen persönlicher Differenzen (vor allem mit der Ehefrau ihres Vorgesetzten) verlassen musste. Da Zoë sich als Autorin und Redakteurin auf Reiseführer für Städtereisen spezialisiert hat, ist sie hingerissen, als sie bei einem Ausflug in New York in einer seltsamen kleinen Buchhandlung über einen Aushang stolpert, in dem ein neu gegründeter Reisebuch-Verlag jemanden mit ihren Erfahrungen sucht. Doch obwohl Zoë sich sicher ist, dass sie ein Glücksfall für Underground Publishing sein müsste, will der Verlagsinhaber Phillip Rand ihre Bewerbung nicht einmal annehmen. Erst als deutlich wird, dass Zoë nicht so schnell aufgeben wird, kommt es zu einem Vorstellungsgespräch, bei dem sie herausfindet, dass der Verlag von Monstern Cotterie geführt wird.

Nachdem sie den ersten Schock darüber überwunden hat, dass es Vampire, Zombies, Todes-Göttinnen und ähnliche übernatürlich Wesen (allgemein als Cotterie bezeichnet) wirklich gibt, beschließt Zoë, dass die Arbeit für Underground Publishing eine Herausforderung darstellt, die sie wirklich reizt. Allerdings ist es nicht ganz einfach für sie, in einer solchen Umgebung Fuß zu fassen, vor allem, da es unter den Kolleg*innen nicht wenige gibt, die sich von Menschen ernähren. Ich fand es sehr unterhaltsam zu lesen, wie Zoë mehr über diese – ihr bislang vollkommen unbekannte – Parallelgesellschaft der Cotterie erfährt und wie sie sich bei jeder Begegnung mit einer neuen Spezies Gedanken um Etikette macht. Auch war es nett zu verfolgen, wie sie sich mit zwei Kolleginnen anfreundet, während andere Mitarbeiter sie vor größere Herausforderungen gestellt haben. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mich nach ca. 100 Seiten fragte, worauf die Autorin mit ihrer Geschichte eigentlich hinauswill, weil ich das Gefühl hatte, dass so langsam etwas passieren müsste. Ein Kapitel später war es dann auch so weit und Zoë begegnet ihrem neuen Kollegen Wesley, der nicht nur ein Konstrukt (in diesem Fall ein aus Leichenteilen zusammengesetztes Wesen) ist, sondern der auch eine Verbindung zu Zoës Vergangenheit hat. Ab diesem Moment nimmt die Handlung etwas mehr Fahrt auf, auch wenn ich sie insgesamt immer noch recht gemütlich zu lesen fand.

Vor allem lebt die Geschichte von „The Shambling Guide to New York City“ von all den größeren und kleineren Begegnungen, die Zoë mit den verschiedenen Cotterie-Varianten hat. Häufig überschätzt die Frau ihr angelesenes Wissen über die verschiedenen Kreaturen, was zu amüsanten Momenten führt, dann wieder trifft sie auf Cotterie, von denen sie vorher noch nie etwas gehört hat und bei denen die Protagonistin sich unsicher ist, wie sie sich verhalten muss, um heil aus der Situation herauszukommen. Dazu kommen all die verschiedenen Nebencharaktere, die mir wirklich viel Spaß gemacht haben, wie Zoës Kolleg*innen oder die alte Granny Good Mae, die Zoë in Selbstverteidigung unterrichtet. Mur Lafferty hat wirklich viele ungewöhnliche Ideen in ihren Roman gepackt, so dass ich immer wieder über überraschende neue Elemente in ihrer Version von New York stolpern konnte. Dazu kommen dann noch all die kleinen Einträge aus dem Reiseführer, an dem Zoë die ganze Zeit arbeitet, die noch weitere Details zu dieser Urban-Fantasy-Welt zufügen. Ich fand es nett, von den alltäglichen Problemen der Cotterie zu lesen, wenn es um die Nahrungsbeschaffung oder Übernachtungsoptionen auf Reisen geht, muss aber auch zugeben, dass all diese Elemente eben auch dazu geführt haben, dass der Roman stellenweise etwas zu gemächlich dahinplätscherte. Wer also eine eher gemütliche Urban-Fantasy-Geschichte mit amüsanten Städteführer-Auszügen sucht, hat mit „The Shambling Guide to New York City“ den passenden Roman gefunden. Wer lieber etwas mit mehr Action liest, sollte definitiv zu einem anderen Buch greifen.

Catherine Coles: Murder at the Manor (Tommy & Evelyn Christie 1)

„Murder at the Manor“ von Catherine Coles ist der erste Teil einer (bislang) achtteiligen Krimi-Reihe rund um Evelyn und Tommy Christie. Die Handlung spielt in den 1920ern in Yorkshire, und es gelingt der Autorin meiner Meinung nach recht gut, die Atmosphäre klassischer britischer Cozies einzufangen. Die Geschichte wird zum Großteil aus der Sicht von Evelyn erzählt, die vor einigen Jahren Tommy Christie geheiratet hat, der zur Familie des Earl of Northmoor gehört. Dabei wird schon recht früh deutlich, dass weder Evelyn noch Tommy besonders angetan von Tommys Verwandtschaft sind und beide – statt den Beginn der Jagdsaison auf dem Familiensitz zu verbringen – lieber gemütlich zuhause in ihrem kleinen Cottage wären. Als dann der Earl of Northmoor stirbt und schnell der Verdacht im Raum steht, dass er vergiftet worden sein könnte, versucht das Ehepaar mehr über die Personen herauszufinden, die das Wochenende über im Haus waren.

Ich fand „Murder at the Manor“ wirklich sehr nett zu lesen, auch wenn (oder gerade weil?) die Handlung ein bisschen vor sich hinplätschert. Evelyn ist eine sympathische Figur, deren Perspektive ich gern verfolgt habe. Ich mochte, dass sie häufig unsicher ist, weil sie wenig mit den Traditionen von Tommys adeliger Familie anfangen kann, sich aber trotzdem bemüht, all diese Dinge zu respektieren. Und noch mehr mochte ich, dass sie trotz all ihrer Unsicherheit Rückgrat hat und Grenzen setzen kann, wenn eines von Tommys Familienmitglieder zu weit geht. Sehr viele Elemente in der Handlung erinnern an all die Romane von Agatha Christie, in denen im engen Familien- und Freundeskreis ein Mord begangen wird, wobei Catherine Coles‘ Erzählweise – besonders wenn es um zwischenmenschliche Elemente und Evelyns Gedanken zu ihrer eigenen Position als Frau in der Gesellschaft geht – immer wieder verrät, dass dieser Roman erst vor wenigen Jahren geschrieben wurde.

Ein wenig schmunzeln musste ich zum Beispiel bei all den Szenen, in denen Evelyn die Dienstboten zu diversen Themen und Vorfällen befragt und dabei recht gemütlich mit ihnen schwatzt, weil diese Momente so gar nicht mit den Eindrücken zusammenpassen, die ich in den letzten Monaten durch das Lesen von „The Cook’s Tale“ und „Below Stairs“ zum Verhältnis zwischen Dienerschaft und Herrschaft bekommen habe. Aber innerhalb des Romans funktionieren Evelyns Versuche, ein freundschaftliches Verhältnis zu Köchin, Küchenmädchen und Haushälterin aufzubauen, sehr gut, also konnte ich definitiv damit leben. Spannend fand ich es auch, dass Catherine Coles der Polizei keine nennenswerte Rolle in diesem Kriminalroman einräumte. Auf der einen Seite ist es schon wichtig, dass sowohl Tommy als auch Evelyn früher für die Polizei gearbeitet haben, nun aber aufgrund ihrer Verstrickungen mit der Familie nicht in die Ermittlungen einbezogen werden dürfen, auf der anderen Seite gibt es keinerlei Szenen, in denen Polizeiarbeit beschrieben wird.

Auch bei der Auflösung des Falls scheint es weniger wichtig zu sein, belegbare Beweise für die Polizei (und ein späteres Gerichtsverfahren) zusammenzubringen, statt die Unschuld derjenigen zu beweisen, die ohne eigenes Zutun von den Verbrechen profitiert haben. Dann ist da noch all das Beziehungschaos innerhalb von Familie und Freundeskreis, das es aufzuräumen gilt, um den Fall zu klären. Wobei Tommy die Polizei immer informiert, wenn er oder seine Frau etwas Wichtiges für die Ermittlungen erfahren haben, so dass die offiziellen Ermittler zwar nur eine geringe Rolle spielten, aber auch nicht als unfähig oder gar feindlich dargestellt werden. Insgesamt fand ich es überraschend unterhaltsam und entspannend, mit Evelyn (und Tommy) durch das Herrenhaus zu streifen und die Geheimnisse all der anwesenden Personen zu entdecken. Auch wenn ich nicht das Gefühl habe, dass der Roman einen langanhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen hat, so kann ich mir doch gut vorstellen, in Zukunft weitere Geschichten mit Evelyn und Tommy zu lesen (und dabei herauszufinden, wie viel Gin Tonic Tommys Tante Em wohl benötigen wird, um den nächsten Mordfall zu überstehen).

Lisa Shearin: The Grendel Affair (SPI Files 1)

Ich muss zugeben, dass ich „The Grendel Affair“ von Lisa Shearin vor allem rezensiere, um bei der Masse der „netten“ Urban-Fantasy-Romane, die ich so lese, den Überblick zu behalten. „The Grendel Affair“ ist der erste Band einer (aktuell) achtteiligen Reihe, deren Handlung aus der Sicht von Makenna (Mac) Fraser erzählt wird. In „The Grendel Affair“ arbeitet Mac seit gerade mal einigen Wochen für das SPI (Supernatural Protection & Investigations), wobei sie bei ihrer Arbeit ihre angeborenen Fähigkeiten als Seherin einsetzt – was bedeutet, dass sie in der Lage ist, jegliche magische Tarnung zu durchschauen und die wahre Gestalt einer Kreatur zu sehen. Die Handlung in dem Auftaktband der Reihe beginnt kurz vor Silvester, als Mac sich nach der Arbeit aufmacht, um ihrem Freund Ollie einen Gefallen zu tun. Eigentlich ist Ollie eher ihr Informant als ein Freund, denn der Kuriositätenhändler bekommt von seinen nichtmenschlichen Kunden so einige Details mit. Doch an diesem Abend geht es Mac darum, einen Bavarian Nachtgnome zu fangen, der sich in Ollies Laden eingenistet hat. Als Seherin gehört sie zwar nicht zu den aktiven Kampfeinheiten des SPI, aber sie ist sich sicher, dass sie mit einem Nachtgnome schon fertig wird – zumindest ist sie das, bis sie über die Leiche eines unbekannten Mannes stolpert.

Der Tote wurde eindeutig nicht von einem Menschen getötet, sondern von einem Monster, das stark genug war, um der Leiche Gliedmaßen auszureißen. Es hat zudem eine Kralle am Tatort zurückgelassen, die den Verdacht nahelegt, dass es wirklich riesig ist. Im Laufe der Ermittlungen findet das SPI heraus, dass eine Gruppe von übernatürlichen Wesen vorhat, während des Silvester-Countdowns am Times Square einen Angriff durchzuführen, der die Existenz übernatürlicher Wesen enthüllen und die Menschheit einschüchtern soll. Mehr zur Handlung muss ich hier eigentlich nicht schreiben, denn so komplex ist sie nicht, dass mehr Details notwendig wären. Was mir bei „The Grendel Affair“ gut gefallen hat, war, dass sich die Geschichte leicht und fluffig lesen ließ. Es gibt immer wieder humorvolle Momente – gerade in den Gefahrensituationen – ohne dass ich das als zu Slapstick-haft oder abwegig empfunden hätte. Mac ist zwar mit dem Wissen aufgewachsen, dass es übernatürliche Wesen gibt, und ihre Polizistenfamilie übernimmt in ihrer kleinen Stadt im Prinzip ähnliche Aufgaben wie das SPI, aber sie selbst ist – wie sie schnell genug feststellen muss – keine Kämpferin.

So gern ich Kick-Ass-Heldinnen lese, so mochte ich es doch besonders, dass Mac eben alles andere als eine erfahrene Kämpferin ist (auch wenn sie ihre Fähigkeiten mit einer Schusswaffe anfangs noch höher einschätzt, als sie sind). Sie ist eine Frau, deren Stärken ihre Recherche- und Seherinnen-Fähigkeiten sind, und das führt dazu, dass Mac in all den Kampf- und Gefahrensituationen vor allem versucht, nicht im Zentrum des Geschehens zu landen, um dort den erfahrenen Kämpfern nicht im Weg zu stehen. Natürlich kann es in solch einem Urban-Fantasy-Roman nicht sein, dass die Protagonistin keinerlei Gefahren erlebt, aber oft genug übersteht Mac diese nur, weil sie entweder durch ihr eigenes Ungeschick oder durch das Eingreifen ihrer Kollegen gerettet wird. Wobei die Momente, in denen Mac tollpatschig ist, meiner Meinung nach von Lisa Shearin so geschrieben wurden, dass sie sich überraschend realistisch lesen, statt mir das Gefühl zu vermitteln, dass die Autorin verzweifelt eine Lösung für eine Situation gesucht hätte oder noch irgendwie humorvoll hätte sein wollen. Insgesamt fand ich es zur Abwechslung wirklich angenehm, dass Mac in vielen Bereichen eine so untypische Protagonistin für einen Urban-Fantasy-Roman war. Außerdem mochte ich die lockere Erzählweise und die humorvollen Szenen, die mich zwar selten überrascht haben, aber dafür sorgten, dass ich mich wirklich gut unterhalten gefühlt habe. Ich werde die Serie auf jeden Fall im Hinterkopf behalten für den Tag, an dem ich mal wieder Lust auf etwas leichtere Urban-Fantasy-Romane habe.

T. Kingfisher: Nettle & Bone

Bei T. Kingfisher (Ursula Vernon) kann ich inzwischen sagen, dass ich alle ihre Bücher rundum genieße – sogar die Horror-Romane, die ich bislang gelesen habe, haben mir gefallen. „Nettle & Bone“ habe ich also direkt am Erscheinungstag gelesen und dann gleich zwei Monate danach noch einmal, als ich ein paar Erinnerungen für die Rezension auffrischen wollte und mich dann dabei ertappte, dass ich das Buch nicht wieder aus der Hand legen mochte. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Marra erzählt, die die dritte und jüngste Prinzessin ihres Königreichs ist. Marra ist nicht wie ihre älteren Schwestern – und bevor ihr jetzt denkt, dass ihr das „not like other girls“-Element ziemlich über habt, muss ich betonen, dass es hier wirklich wichtig ist, dass Marra als Kind so naiv gegenüber all den politischen Schachzügen ist, die dafür sorgen, dass ihre beiden älteren Schwestern nacheinander mit dem Prinzen des Nördlichen Königreichs verheiratet werden. Erst als erwachsene Frau findet Marra mehr über die Ehen ihrer Schwestern heraus und beschließt, dass sie einen Weg finden muss, um den Prinzen zu töten.

Ich liebe es, dass Ursula Vernon so oft Charaktere, die über 30 Jahre alt sind, als Protagonisten ihrer Geschichten wählt. Figuren, die vielleicht desillusioniert sind und sich alles andere als heldenhaft fühlen, die aber das Gefühl haben, sie könnten nicht ignorieren, dass es da einen Job gibt, der unbedingt erledigt werden muss. Marra selber fragt sich die ganze Zeit, ob sich all die Helden in den Geschichten, die sie als Kind gehört hat, auch so verloren fühlten, und ob sie auch so viel Zeit mit Warten, mit dem Sammeln von Informationen und ähnlichen langwierigen Dingen verbracht haben. So gibt es in „Nettle & Bone“ nicht nur all die magischen und märchenhaften Momente, in denen eine Dust Wife (eine Art Friedhofshexe) Marra drei unmögliche Aufgaben stellt, sie den Goblin Market besucht oder einer unsterblichen Fee gegenübersteht. Zusätzlich gibt es auch noch Passagen, in denen sie das für sie richtige Verhalten in einer öffentlichen Kutsche herausfindet, in denen sie mit einem halben Ei zum Frühstück (und das kommt auch noch von einem dämonenbesessenen Huhn!) ihre Reise durchstehen muss oder als Assistentin einer heilkundigen Nonne die schmutzigen Details rund um eine Geburt kennenlernt.

Diese Mischung aus magischen und realistischen Elementen sorgt für eine Handlung voller überraschender Wendungen und für Kapitel, in denen ich immer wieder über Sätze gestolpert bin, die mich haben schlucken lassen, weil sie die menschliche Natur so gut auf den Punkt bringen. Es gibt es nur wenige Autor*innen, die mich beim Lesen regelmäßig innehalten lassen, weil ihre Sätze nicht nur schön zu lesen und humorvoll formuliert sind, sondern oft auch einen bitteren und erschreckend wahren Kern haben – Ursula Vernon gehört definitiv zu diesen Autor*innen. Dabei verzichtet sie in der Regel vollkommen auf großes Drama und unterhält mich stattdessen mit vielen absurden kleinen Szenen und lauter amüsanten Elementen, die vor allem aus dem Pragmatismus der Figuren entstehen. Ich mag all diese realistischen Charaktere, die sich trotz all ihrer Wehwechen und trotz des Gefühls, dass sie vollkommen ungeeignet für den Job sind, mit einer Ansammlung seltsamer Reisegefährten aufmachen, um die Welt ein kleines Stück zu verbessern – selbst wenn sie dafür Dinge tun müssen, die ihnen vollkommen zuwider sind.

Jacqueline West: Long Lost

Die Handlung in „Long Lost“ von Jacqueline West wird aus Sicht der elfjährigen Fiona erzählt, die gerade mit ihrer Familie in den kleinen Ort Lost Lake gezogen ist. Fiona ist nicht gerade glücklich mit diesem Umzug, weil dieser bedeutet, dass sie all ihre Freunde (und sie schließt nicht gerade leicht Freundschaften) zurücklassen musste, nur damit ihre ältere Schwester Arden besseren Zugang zu ihrem Eiskunstlauf-Training hat. Überhaupt hat Fiona das Gefühl, dass sich in der Familie alles um die dreizehnjährige Arden dreht, während sie selbst und ihre Bedürfnisse ständig übersehen werden. Einziger Lichtblick in Lost Lake ist die Öffentliche Bibliothek, die sich in einem ehemaligen Herrenhaus befindet. Vor allem ein Buch mit dem Titel „The Lost One“, das die Geschichte der beiden Schwestern Hazel und Pearl erzählt, hat es Fiona angetan. Je mehr Fiona über das Buch herausfindet, desto sicherer ist sie sich, dass die Handlung in „The Lost One“ von einer wahren Begebenheit in Lost Lake erzählt. Doch bevor Fiona das Ende lesen kann, verschwindet das mysteriöse Buch, und die Bibliotheksleiterin versichert ihr glaubhaft, dass es einen solchen Titel niemals im Bestand der Bibliothek gab.

Ich habe „Long Lost“ wirklich gern gelesen und es genossen, mit Fiona zusammen mehr über Hazel und Pearl zu erfahren – und darüber, wie eine der beiden Schwestern verschwand. Es gelingt Jacqueline West, über lange Zeit hinweg offen zu lassen, ob etwas Übernatürliches in Lost Lake vor sich geht oder ob Fionas Fantasie mit ihr durchgeht, während es ganz einfache Erklärungen für all die Vorgänge gibt, die sie so sehr beschäftigen. Ich mochte dieses Miträtseln und ich habe Fionas Perspektive gern verfolgt. Die Protagonistin hat mir wirklich leidgetan, weil sie niemanden hatte, mit dem sie reden konnte. Sie vermisst die ganze Zeit über ihre Freunde, und jedes Mal, wenn ihre Eltern ihr etwas versprechen, dann wird sie von ihnen im Stich gelassen. Das hat dazu geführt, dass ich sehr gut verstehen konnte, wieso sie sich so von ihrer Familie missachtet fühlt und wieso sie irgendwann ihren Gefühlen Luft machen muss – auch wenn Fiona sich da alles andere als nett verhält. Vor allem fand ich es spannend, dass ich mich die ganze Zeit beim Lesen gefragt habe, ob ich die Geschichte als jüngere Leserin anders wahrgenommen hätte. Denn so sehr ich mit Fiona mitfühlte, so konnte ich als erwachsene Leserin doch verstehen, dass die ganze Situation auch für ihre Eltern und ihre ältere Schwester Arden ziemlich schwierig ist.

Dazu mischen sich den gesamten Roman hindurch Fionas Erlebnisse mit denen von Hazel und Pearl, und das sorgt für eine faszinierende Lektüre. So wie die Handlung nur aus Fionas Sicht erzählt wird, erfährt sie von den Ereignissen rund um die beiden Schwestern nur aus Pearls Perspektive. Um der Wahrheit auf den Grund gehen zu können, muss Fiona irgendwann die Geschehnisse in Frage stellen, die Pearl beschreibt, und die Entwicklung, die das in Fiona auslöst, habe ich sehr gern verfolgt. Jacqueline West hat wirklich ein Händchen dafür, Geschichten mit lauter kleinen unheimlichen Elementen zu schreiben, die einen immer wieder an all den rationalen Erklärungen zweifeln lassen, die doch so offensichtlich zu sein scheinen. Dazu kommen wunderbar atmosphärische Beschreibungen des trostlos wirkenden Ortes Lost Lake und Charaktere, die so realistisch wirken, dass sie mich auch dann nicht ganz losgelassen haben, wenn ich eine Lesepause einlegen musste. Nachdem mir „Long Lost“ so gut gefallen hat, frage ich mich ehrlich gesagt, ob ich mir „Olive und das Haus der Schatten“ – ein Jacqueline-West-Titel, den mir Natira vor einigen Jahren geliehen hatte – noch einmal im Original anschauen (und vielleicht auch noch die Fortsetzungen lesen) sollte.

Lish McBride: A Little Too Familiar (Uncanny Romance 1)

„A Little Too Familiar“ von Lish McBride habe ich schon vor einigen Wochen gelesen, aber da ich in meiner Twitter-Timeline regelmäßig über Empfehlungen des Romans als „Wohlfühlbuch“ stolpere, wollte ich doch noch etwas zu dem Titel schreiben. Die Handlung wird aus der Sicht von Lou und Declan erzählt. Lou (eigentlich Louise) ist ein animal mage und darauf spezialisiert, die Verbindung zwischen Familiar und Menschen zu stärken. Declan hingegen ist ein Werwolf und sucht zu Beginn der Geschichte eine Neuanfang, nachdem sich seine Freundin Sidney und seine kleine Schwester Zoey ineinander verliebt haben. Damit die beiden Frauen ohne schlechtes Gewissen miteinander leben können, beschließt Declan, von Portland nach Seattle in die Wohngemeinschaft von seinem Freund Trick zu ziehen. Tricks WG besteht aus einem bunten Haufen von Personen, zu denen neben Lou auch noch ihre beste Freundin Van(essa) und deren Schwester Juliet mit ihrer kleinen Tochter gehören. Außerdem gibt es einige Freunde wie zum Beispiel den Minotaurus Jim, die eigentlich täglich in der WG vorbeischauen.

Es gibt wirklich sehr, sehr viele Szenen in diesem Roman, die einen wunderbar warmherzigen, aufmerksamen und liebevollen Umgang der verschiedenen WG-Mitbewohner miteinander zeigen. Und auch mit Lous Familie gibt es sehr viele amüsante Szenen, die zeigen, dass diese Personen einander mögen und jederzeit unterstützen, was wunderschön zu lesen ist. Trotzdem habe ich ein Problem damit, „A Little to Familiar“ uneingeschränkt als Wohlfühlbuch zu bezeichnen, da es so einige Elemente in der Geschichte gibt, die alles andere als gemütlich sind. Declan zum Beispiel hat als Kind in einem sektenähnlichem Umfeld gelebt und dort physischen und psychischen Missbrauch erfahren, der bis heute sein Leben prägt. Das führt dazu, dass er, als er zum ersten Mal in der WG auf Lou trifft, eine Panikattacke erleidet. Die Tatsache, dass Lou ein animal mage ist, weckt bei dem Werwolf Ängste, mit denen er kaum fertig werden kann, und das ist wirklich schmerzhaft zu lesen. Auch das familiäre Umfeld von Van und Juliet ist nicht gerade liebevoll und beeinflusst immer wieder das Leben dieser Figuren, außerdem gibt es am Ende des Romans eine ziemlich blutige Schlacht zwischen einer Gruppe, die eine Person aus der WG entführt hat, und den restlichen WG-Mitbewohnern und ihren Freunden und Familienmitgliedern.

Ich persönlich mochte diese Mischung aus „klassischen Urban-Fantasy-Elementen“ und den wunderbar wohltuenden und gemütlichen Szenen rund um die WG-Mitglieder. Ich fand es wirklich süß zu verfolgen, wie Lou und Declan damit umzugehen versuchen, dass sie sich auf der einen Seite zueinander hingezogen fühlen und dass er auf der anderen Seite Panikattacken bekommt, wenn er an ihre Magie denkt. Außerdem gibt es wirklich sehr viele überaus amüsante Szenen in dem Roman, wenn zum Beispiel Declan als Alphawolf dafür sorgt, dass seine WG-Mitglieder gut versorgt sind (was in diesem Fall auch bedeutet, dass er den halben Tag in der Küche steht, damit all seine „Rudel-Mitglieder“ sich gut ernähren) oder die Momente, in denen Lou sich mit Tauben streitet oder mit den Besitzern von Familiars auseinandersetzen muss. Für mich funktionierte dieser Gegensatz aus traumatischer Vergangenheit/aktueller Bedrohung und all den vielen kleinen amüsanten und/oder wohltuenden Szenen sehr gut, und ich freue mich jetzt schon darauf, irgendwann eine Fortsetzung zu lesen, in der vermutlich ein anderes WG-Mitglied im Mittelpunkt stehen wird. Aber ich würde „A Little Too Familiar“ nicht ohne Warnung bezüglich der Passagen, die eben nicht so gemütlich zu lesen sind, weiterempfehlen wollen, weshalb ich wirklich sauer bin, dass dieser Roman ohne weiteren Hinweis als „Wohlfühlbuch“ empfohlen wird.

Margaret Powell: Below Stairs – The Bestselling Memoirs of a 1920s Kitchen Maid

Nachdem ich „The Cook’s Tale“ von Nancy Jackman gelesen hatte, war ich neugierig auf die Biografie von Margaret Powell, deren Lebensweg oberflächlich betrachtet dem von Nancy Jackman sehr ähnlich war. Auch Margaret Powell hat ihre Laufbahn als Köchin damit begonnen, dass sie als Küchenmädchen in einem Herrenhaus gearbeitet hat. Doch während Nancy Jackman grundsätzlich zufrieden mit ihrer Arbeit als Köchin war, hätte Margaret Powell lieber einen vollkommen anderen Weg eingeschlagen. Geboren wurde Margaret Powell als zweites von sieben Kindern eines Handwerkers in Hove, und als ältestes Mädchen war sie schon früh für die Versorgung ihrer jüngeren Geschwister verantwortlich. Angesichts des unregelmäßigen Einkommens ihres Vaters und der Tatsache, dass ihre Eltern so viele Kinder zu versorgen hatten, sah sich Margaret als Dreizehnjährige gezwungen, sich eine Arbeit zu suchen.

Nach einigen kurzfristigen Jobs landete Margaret mit fünfzehn Jahren zum ersten Mal als Küchenmädchen in einem Herrenhaus. Dabei hatte sie wenig Glück mit der Köchin, unter der sie arbeiten musste, denn diese gab sich keine Mühe, ihrem Küchenmädchen irgendwelche Rezepte beizubringen oder ihr gar irgendwelche Tipps zu geben für eine eventuelle Zukunft als Köchin. Insgesamt fand ich es sehr faszinierend zu verfolgen, wie unterschiedlich die Arbeitsbedingungen waren, auf die Margaret Powell im Laufe der Zeit so traf. Von Herrenhäusern mit einigem Personal bis zu nicht mehr ganz so wohlhabenden Arbeitgebern, die mit zwei älteren Hausangestellten und einer Köchin auskommen mussten, war alles dabei.

Dabei scheint Margaret Powell ihre Arbeitgeber (von einer Ausnahme abgesehen) durchgehend verachtet zu haben. Jeder Absatz in „Below Stairs“ scheint nur so von einem tiefen Gefühl der Ungerechtigkeit durchdrungen zu sein, das Margaret Powell bezüglich des Umgangs mit ihrem eigenen sozialen Stand zu empfinden schien. Natürlich hat sie recht damit, dass die Tatsache, dass sie als Tochter eines Handwerkers geboren wurde, niemandem das Recht gibt, sie wie einen minderwertigen Menschen zu behandeln. Und ja, es wäre definitiv fairer gewesen, wenn ihr Leben nicht so sehr von der Armut ihrer Eltern beherrscht worden wäre und wenn sie statt als Küchenmädchen zu arbeiten ihre Wunschausbildung als Lehrerin hätte machen können. Aber insgesamt wird die Lektüre des Buchs durch das permanente Beklagen dieser Umstände nicht gerade angenehmer. Außerdem fiel mir immer wieder auf, dass sie – von den wenigen Kolleginnen, die sie als Freundinnen bezeichnete, abgesehen – selbst anderen Angestellten keinerlei Respekt entgegenbrachte, vor allem, wenn diese sich mit ihren Arbeits- und Lebensumständen abgefunden hatten und versuchten das Beste daraus zu machen.

So war für mich der spannendste Aspekt beim Lesen letztendlich der Kontrast zwischen den Persönlichkeiten von Nancy Jackman und Margaret Powell, die natürlich ihre Biografien deutlich geprägt haben. Während Nancy ein braves und schüchternes Mädchen vom Land war, das sich in den ersten Arbeitsjahren kaum zu trauen schien, überhaupt nach einem freien Tag zu fragen, scheint Margaret Powells eher städtisches Aufwachsen (und die Tatsache, dass sie das älteste Mädchen im Haus ihrer Eltern war) dafür gesorgt zu haben, dass sie – trotz aller Widrigkeiten – genügend Selbstbewusstsein hatte, um Risiken einzugehen und das Gefühl zu haben, dass sie Besseres verdient hätte, als ihr Leben damit zu verbringen, den Launen ihrer Herrschaften entsprechen zu müssen. So bietet „Below Stairs“ nicht nur einige Informationen über die Arbeitsbedingungen als Küchenmädchen bzw. Köchin zu dieser Zeit, sondern auch eine Menge Gedanken von Margaret Powell zum Leben ihrer Arbeitgeber – wobei sie besonders von deren sexuellen Eskapaden geradezu besessen zu sein schien. Ich muss gestehen, dass ich das lieber gelesen und deutlich amüsanter gefunden hätte, wenn ich Margaret Powell sympathischer gefunden hätte. So fragte ich mich relativ häufig, wie sehr ihr (überaus verständlicher) Wunsch nach einer Flucht aus diesem Leben ihre Perspektive getrübt hat.

A. L. Heard/Nina Waters/A. Reilly (Hrsg.): Add Magic to Taste (Anthologie)

Wie immer, wenn ich eine Anthologie lese, gibt es einen Blogbeitrag, in dem ich meine Gedanken zu den einzelnen Geschichten festhalte. Wobei ich dieses Mal besonders betonen muss, dass ich diesen Beitrag vor allem für mich schreibe, denn die Anthologie habe ich über ein Kickstarter-Projekt erhalten und sie ist ansonsten – soweit ich das sagen kann – nicht bei den üblichen Anbietern, sondern nur als eBook direkt über die „Duck Prints Press“-Homepage zu beziehen. „Add Magic to Taste“ beinhaltet „A Spellbinding (and Scrumptious!) Collection of Heartwarming Queer Stories“ von Autor*innen, die ich vorher alle nicht kannte.

1. Shea Sullivan: Sea Salt and Caramel
Die Kurzgeschichte von Shea Sullivan wird aus der Perspektive des Gestaltwandlers Kyle erzählt, der vor einiger Zeit Mitglied einer Delegation war, die ein Abkommen mit den Bewohnern der Stadt schloss, in deren Nähe Kyles Familie unter der Meeresoberfläche lebt. Kyle wirkt anfangs ziemlich unzufrieden mit sich und seinem Leben, doch dann lernt er den Skateboarder Clovis kennen. Ich mochte das von Shea Sullivan beschriebene Zusammenleben zwischen Menschen und (Meeres-)Gestaltwandlern sehr, auch wenn es dazu nur kleine Einblicke gibt, und ich fand es sehr schön mitzuerleben, wie sich Kyle und Clovis kennenlernen, sich in einander verlieben und dafür sorgen, dass der andere einen neuen Blick auf sein vertrautes Leben wirft. Das war ein wirklich hübscher Start in die Anthologie.

2. Scarlett Gale: Unusual Blends
Eine sehr süße Geschichte, die aus der Perspektive der Teeladen-Besitzerin und Hexe Vivian erzählt wird, die sich von ihrer neuen Nachbarin Gwendolyn irritiert fühlt. Während Vivian sehr kontrolliert und organisiert ist, ungern redet und auf die Gesellschaft von anderen Menschen gut verzichten könnte, ist Gwendolyn chaotisch, laut und ungemein gesprächig – und sie sucht fast täglich Vivians Laden auf. Ich mochte die Erzählweise von I.A. Ashcroft, ich fand es niedlich, Vivians Perspektive zu verfolgen, gerade weil schon schnell deutlich wurde, dass sie etwas für Gwendolyn empfindet, und ich mochte es, wie die beiden Frauen am Ende (endlich) zum ersten Mal richtig miteinander geredet haben.

3. A. L. Heard: The Tasty Crumpet
Auch das hier war eine eigentlich sehr süße Geschichte über einen jungen Mann (Danny), dessen Urgroßmutter ihm (und jedem anderen Familienmitglied) Angst davor eingejagt hat, das magische Viertel der Stadt zu betreten. Und da Danny auf seine Urgroßmutter gehört hat, hat er keine Ahnung, dass die ungewöhnliche Kundschaft in dem Café „The Tasty Crumpet“, in dem er einen Job gefunden hat, aus Angehörigen der magischen Gemeinschaft besteht. Das war alles sehr nett zu lesen, ebenso wie sein vorsichtiges Flirten mit einem der Kunden. Aber es war halt nur deshalb so nett zu lesen, weil ich die ganze Zeit erwartet hatte, dass es lustig sein wird, wenn Danny endlich herausfindet, was es mit all den ungewöhnlichen Kunden auf sich hat. Doch statt einer amüsanten Auflösungsszene bekam ich einen Protagonisten geboten, der diese für ihn unerwartete Enthüllung recht gelassen hingenommen hat und … das war es irgendwie.

4. Florence Vale: Bånd
Die Geschichte wird aus der Perspektive von Thomas erzählt, der ein Café mit „extra Service“ betreibt – genau genommen hat er eine zusätzliche Lizenz, um Zauber zu verkaufen. Dummerweise verflucht er aus Versehen einen Kunden und muss nun einen Weg finden, um diesen Fluch wieder aufzuheben, was bedeutet, dass er viel Zeit mit seinem Kunden verbringen muss … Ich mochte es, Thomas‘ Perspektive zu verfolgen, und ich mochte, dass sein Kunde Jay ein „Fährmann“ ist und dank des Fluchs nun seinem Job nicht mehr nachgehen konnte, aber vor allem war es süß zu verfolgen, wie die beiden sich besser kennengelernt haben. Alles in allem war das eine wirklich süße Liebesgeschichte, auch wenn ich gestehen muss, dass sich die bislang gelesenen Geschichten in dieser Anthologie überraschend ähnlich anfühlen, wenn ich bedenke, dass sie von den verschiedensten Autor*innen sind.

5. Jessica Black: A Family Thing
Noch eine Café-Geschichte, dieses Mal aus der Sicht von Connor erzählt, der von klein auf weiß, dass ein Fluch auf ihm liegt, der seit Generationen in seiner Familie vorkommt. Und Connor ist so wild entschlossen, dafür zu sorgen, dass sich dieser Fluch nicht erfüllt, dass er in Panik gerät, als er feststellt, dass er mehr für einen seiner Café-Kunden empfindet. Es war für mich ziemlich überraschend, wie sehr dieses „Fluchelement“ für mich die Atmosphäre der Handlung aus den anderen Geschichten herausstechen ließ, weil es eben nicht so sehr darum geht, dass Connor sich seine Gefühle eingesteht, sondern dass er seine Angst bezüglich des Familienfluchs überwindet. Alles in allem eine sehr süße Geschichte – irgendwie scheine ich an diesem Wort zu hängen, wenn es um die Beiträge in dieser Anthologie geht. 😉

6. Theresa Alef: Anywhere, Everywhere, Forever
Uuuund noch eine süße Geschichte! *g* Dieses Mal wird die Handlung aus Sicht von Keegan erzählt, der ein recht chaotischer und unorganisierter Typ zu sein scheint – und der deshalb von seinem Ex-Freund wohl regelmäßig fertig gemacht wurde. Doch seit inzwischen sechs Jahren ist Keegan mit Tan zusammen und an dem Jahrestags ihres ersten Dates will er Tan einen Heiratsantrag machen. Allerdings geht alles schief, angefangen damit, dass Keegan den Ring zu Hause vergessen hat … Es war sehr niedlich zu verfolgen, wie Keegans Pläne alle zunichte gemacht wurden und wie er seinen Freund Tan mit seinem Verhalten total verwirrt und wie es am Ende dann doch noch zum langgeplanten Heiratsantrag kam. Ich fand es hübsch, mal eine Geschichte zu lesen, in der es nicht darum geht, dass zwei Personen zusammenkommen, sondern in der sie – trotz aller Ängste und Minderwertigkeitsgefühle – den nächsten Schritt in ihrer Beziehung gehen wollen.

7. Lacey Hays: The Magic Kin Know
Die erste Geschichte, bei der mir nicht spontan „süß“ als passende Bezeichnung einfällt. 😉 Ich mochte „The Magic Kin Know“, mir gefiel das Café („Bubbles and Brew“) der Protagonistin Isla und ich hätte gern noch mehr über das Verhältnis zwischen Fae und magischer Gemeinschaft erfahren. Die Handlung selber fand ich eher bittersüß, denn Isla hat elf Jahre lang ihre Liebste Aven nicht gesehen, weil die Fae ihren Bund damals nicht akzeptierten. Und auch wenn schon früh in der Geschichte klar ist, dass es eine zweite Chance für die beiden Frauen geben würde, so fand ich es bitter, dass sie erst elf Jahre ohne einander verbringen musste, bevor sie sich wiedersehen konnten …

8. Maggie Page: Herald of Love
Ich habe mich gefreut, mal eine Geschichte zu lesen, in der es darum ging, dass drei Personen in einer Beziehung zusammenfinden, allerdings war es mir beim Lesen relativ egal, ob die Protagonistin nun mutig genug ist, um auf die anderen beiden Personen zuzugehen oder nicht. Dafür mochte ich die Beschreibungen ihres Teegeschäfts und fand es lustig zu lesen, wie sie zu dritt einen kleinen Drachen durch den Laden gejagt haben. Insgesamt nett, aber wohl keine Geschichte, die bei mir hängenbleiben wird.

9. Nina Waters: Knishes and Noshes
Oh, ich mochte die Grundidee hinter dieser Geschichte wirklich, und auch, dass die beiden Protagonisten Benjamin und Eli trotz Kommunikationsproblemen versuchen, miteinander zu reden und einander besser kennenzulernen. Den „religiösen“ Teil der Handlung kann ich nicht ganz nachvollziehen, was definitiv an mir und nicht an der Geschichte liegt, aber ich fand es schön zu lesen, wie Benjamin und Eli auch hier immer wieder gemeinsam Lösungen für Probleme gefunden haben.

10. I. A. Ashcroft: Harmony
Ich fand es in „Harmony“ nett zu lesen, wie die beiden Protagonisten miteinander umgingen und es gab einige süße Details in der Handlung, die ich sehr genossen habe. Allerdings hat es mich anfangs etwas verwirrt, dass die Person, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, so panisch auf das Auftauchen der anderen Person reagiert, weil mir einfach das Hintergrundwissen fehlte, um das richtig einzuordnen. Einige dieser Details werden zwar im Laufe der Geschichte nachgereicht, aber alles in allem hätte ich gern mehr über die Figuren und ihre Welt gewusst, um all die vielen Andeutungen zur „magischen Gemeinschaft“ und die Probleme, die beide Protagonisten damit haben, besser einordnen zu können … aus diesem Grund fand ich die Kurzgeschichte leider etwas unbefriedigend.

11. Puck Malamud: Confluence
Ich mochte die Geschichte über zwei Personen, die vor langer, langer Zeit ein paar Tage miteinander verbracht und sich gegenseitig deutlich mehr beeinflusst haben, als ihnen damals bewusst wurde. Genau genommen ist es eine Geschichte über eine Russalka und einen Fuchs und darüber, wie sie sich nach all der Zeit in vollkommen fremder Umgebung und unter vollkommen unerwarteten Umständen wiedertreffen und einander neu kennenlernen. Das war hübsch zu lesen, weil beide sich so sehr verändert haben seit dem ersten Treffen und doch gleich eine gemeinsame Basis zu spüren ist.

12. Alex Ransom: Flowers Bloom Even Then
Diese Geschichte wird aus der Sicht von Max erzählt, der magische Potions verkauft, die mit den Emotionen ihrer Nutzer spielen können. Bei einem Verkaufstermin trifft er auf Devon, den er anziehender findet als erwartet – was ihn dazu bringt einzugestehen, dass die „romantischen“ Potions auf ihn keine Wirkung haben. Ich mochte es, dass zwar von Anfang an deutlich wird, dass die beiden das Potenzial für eine tolle Beziehung haben, dass Alex Ransom aber nur dieses allererste Kennenlernen beschreibt und alles andere offen lässt …

13. Beth Lumen: Breaking Bread
Es gab sehr viele Elementen in dieser Kurzgeschichte, die ich mochte, wie zum Beispiel die Tatsache, dass sie an Islands Küste spielt, dass es in der Geschichte ums Brotbacken geht (und ein paar schön fantastische Details zum Brotbacken unter der Meeresoberfläche erwähnt werden) und natürlich, wie die beiden Protagonist*innen miteinander umgehen. Was ich nicht mochte, war das Verhältnis zwischen der erzählenden Person und ihrer Mutter und dass es am Ende einen „wenn ich gewusst hätte, dass mein Handeln Auswirkungen auf reale Personen hat, hätte ich anders gehandelt“-Moment gab. Mehr kann ich dazu nicht sagen, wenn ich nicht zu viel spoilern will, aber dieser Punkt hat mich überraschend wütend gemacht.

14. Lex T. Lindsay: Rain and Moonlight
Auch „Rain and Moonlight“ ist eine sehr süße Liebesgeschichte – dieses Mal zwischen den beiden Hexen Daisy und Helix. Beide kannten sich schon während des Studiums und Daisy, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, war schon damals hoffnungslos in Helix verliebt. Als sie sich nun zufällig wiedertreffen, stellt sich heraus, dass auch Helix Gefühle für Daisy hat. Wie gesagt, eine sehr süße Liebesgeschichte und ich mochte auch Daisy und Helix sehr, aber ich muss zugeben, dass ich vor allem die Welt mit ihrer Magie, all den Hexen und den mit ihnen verbundenen Göttinen mochte und gern noch mehr darüber gelesen hätte.

15. Em Rowntree: Tomb Many Cooks
Eine wunderbare Geschichte über den Gott Hades, der eine Bäckerei betreibt. Allerdings hat er ein großes Problem, denn seine Backwaren sind zwar köstlich, aber trotzdem kommen seine Kunden nicht wieder, weil der Verzehr seines Gebäcks beim Essen zu Lebenskrisen führt. Zum Glück bekommt er Hilfe von Seph, einer Person, die so begeistert von Hades‘ Backkunst ist, dass sie ihm helfen will. Auch diese Kurzgeschichte erzählt eine süße Liebesgeschichte und ich mochte die Grundidee mit der Wirkung von Hades‘ Backwaren auf seine menschlichen Kunden so sehr, doch vor allem stach für mich bei „Tomb Many Cooks“ die Sprache von Em Rowntree hervor, die stellenweise geradezu poetisch ist, ohne dabei auch nur im geringsten gekünstelt zu wirken. Davon würde ich gern mehr lesen, leider habe ich online keine weiteren Geschichten von Em Rowntree gefunden – aber ich werde weiter die Augen danach aufhalten!

16. Tris Lawrence: Dreaming of Pines
Die Geschichte spielt in einem magischen Café, dessen Kunden durch individuelle Türen kommen und gehen, und wird aus der Perspektive von Mel erzählt, die seit langer Zeit dieses Café zusammen mit dem Gestaltwandler Josh betreibt. Als eines Tages Britt das Café besucht (und wenig später wieder verlässt), kann Mel sie nicht so recht vergessen – ebenso wenig wie das Eiersalat-Sandwich-Rezept, das sie für diese Kundin gemacht hat. Ich mochte die Vorstellung von einem solchen magischen Cafés, ich mochte die Idee, dass die Gerichte und Getränke, die Mel für ihre Kunden zubereitet, ganz besondere Bedeutung für diese haben und viele Erinnerungen mit sich bringen. Alles in allem war das eine wirklich süße Geschichte.

17. Willa Blythe: Something in the Water
Diese Geschichte wird aus der Sicht von Merrily erzählt, die eine Hexe ist und im Café ihrer Tante arbeitet. Von Anfang an ist klar, dass Merrily Angst vor größerer Magie hat, weshalb sie auch erst einmal sehr ablehnend ist, als Thea ins Café kommt und Hilfe gegen die HOA (Homeowner’s Association) in ihrer Nachbarschaft benötigt. Erst im Laufe der Handlung wird deutlich, wieso Merrily sich so davor fürchtet, ihre Magie einzusetzen – und gemeinsam mit Thea findet sie einen Weg, um sich mit ihren Fähigkeiten wieder wohl zu fühlen (und natürlich Thea zu helfen). Insgesamt war das wirklich eine hübsche Geschichte, aber ich fand die Verbindung zwischen Thea und Merrilys ersten großen magischen Projekt etwas arg … offensichtlich. Diese extra Verknüpfung hätte es in meinen Augen gar nicht benötigt.

18. Kristi Mae: The Ballad of Yggdrasil
Ich muss gestehen, dass ich mit dieser Geschichte nicht ganz warm geworden bin. Die Grundidee finde ich etwas seltsam: Eine Gesellschaft, in der Yggdrasil als eine Macht dargestellt wird, die Seelengefährten zusammenführt, wobei das Finden eines Seelengefährten in der Regel zur Ehe führt und dazu, dass die Seelengefährten dann gemeinsam Magie wirken können. Dazu eine aromantische Protagonistin, die sich nach dieser „Normalität“ sehnt (eben weil sie Magie wirken können will), bis sie ihre Seelengefährtin trifft, die nicht an diesen Kram glaubt und ihr andere Wege eröffnet … oder so ähnlich. Wer weiß, vielleicht ist mein Problem mit der Geschichte das Gleiche, das aromantische Personen mit Liebesgeschichten haben. Aber ich denke eher, dass die Geschichte mich nicht so recht gepackt hat, weil ich den Weltenbau verwirrend und unstimmig fand.

19. Jo Mathieson: In Like Flynn
Sehr nette Geschichte über zwei Personen, die das selbe seltene Buch kaufen wollen, und dann beschließen, gemeinsam mit dem Buch zu studieren – und sich dabei verlieben. Was ich besonders niedlich fand, war Flynn – der Drache, der in dem Buch lebte und meine große Schwäche für Latte und Zimtschnecken teilt. 😉 Der Rest der Handlung fühlte sich nach all den „zwei Personen treffen sich in einem Coffeeshop und lernen sich nach und nach besser kennen“-Geschichte relativ vertraut an, war aber trotzdem sehr wohltuend zu lesen.

20. T. S. Knight: A Leap Worth Taking
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Shiloh, die der festen Überzeugung ist, dass sie wiedergeboren wurde. In der Hoffnung, dass sie dort Verständnis – und vielleicht ein paar Erklärungen für all die Visionen von einem anderen Leben – findet, geht sie zu einem Treffen der „Reincarnation Support Group“. Ich mochte zwei Dinge an dieser Kurzgeschichte: 1. dass die „Reincarnation Support Group“ einen ganz anderen Hintergrund hatte, als erwartbar gewesen wäre, und trotzdem sehr unterstützend war, und 2. dass Shiloh zwar davon überzeugt ist, dass sie die Ehefrau ihres früheren Selbst finden muss, dass dies aber weniger zu einem „lass uns zu unserer früheren Beziehung zurückkehren“ als ein „lass uns schauen, ob wir eine gemeinsame Zukunft haben könnten“ wird.

 

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„Add Magic to Taste“ ist eine wirklich hübsche Anthologie voller süßer, queerer und magischer Liebesgeschichten, die ich wirklich gern gelesen habe. Wobei ich zugeben muss, dass die Masse an „Coffee Shop“-Schauplätzen mich zwischendrin etwas überwältigt hat, so dass ich nicht – wie ich es sonst mache – täglich eine Kurzgeschichte gelesen habe bis ich mit dem Band durch war. Stattdessen brauchte ich immer wieder Pausen, um danach die verschiedenen Geschichten wieder bewusst würdigen zu können. Auf der anderen Seite habe ich immer wieder überraschende Elemente in all den Cafés, Bäckereien und anderen Schauplätzen dieser Geschichten gefunden, dass das Lesen definitiv nicht langweilig wurde. Wer also eine fantastische und queere Anthologie sucht um sich ab und an mit einer queeren Liebesgeschichten zu entspannen, wird mit diesem Titel perfekt bedient. Oh, und es schadet definitiv nicht, wenn beim Lesen ein Heißgetränk und leckeres Gebäck in Reichweite steht … 😉

Elizabeth Acevedo: With the Fire on High

„With the Fire on High“ von Elizabeth Acevedo war für mich beim Lesen ein wunderbares Wohlfühlbuch, auch wenn die Themen, mit denen sich die Protagonistin Emoni auseinandersetzen muss, nicht immer einfach waren. Emoni ist zu Beginn der Geschichte 17 Jahre alt, sie geht zur High School, arbeitet nebenbei bei einer Fast-Food-Kette, um ihre Großmutter finanziell unterstützen zu können, und weiß nicht so recht, welche Zukunft sie nach der Schule anvisieren soll. Sie träumt davon, eines Tages als Köchin zu arbeiten, doch da Emoni eine zweijährige Tochter namens Emma hat, deren Wohl für sie wichtiger ist als alles andere, geht sie davon aus, dass sie die Ausbildung zur Köchin nicht finanziert bekommt. Neben der finanziellen Seite hat sie auch das Gefühl, sie müsse endlich ihre Großmutter entlasten, die nicht nur Emonis Vater Julia, sondern auch Emoni aufgezogen und ihr in den vergangenen zwei Jahren zusätzlich geholfen hat, sich um Emma zu kümmern.

Emonis Mutter ist bei ihrer Geburt verstorben, ihr Vater ist kurz darauf nach Puerto Rico zurückgegangen, zu ihrer Verwandtschaft mütterlicherseits hat sie so gut wie keinen Kontakt, und so müssen Emoni, ihre Großmutter und die kleine Emma schauen, wie sie zurechtkommen. Dabei lässt Elizabeth Acevedo ihre Protagonistin Emoni sehr sachlich ihre Lebensumstände beschreiben. Überhaupt ist Emonie ziemlich pragmatisch, wenn es um ihr Leben und ihre Zukunftsaussichten geht. Manchmal vielleicht zu pragmatisch, denn die junge Frau hat ein magisches Händchen, wenn es ums Kochen geht, und – wie im Laufe der Geschichte deutlich wird – so einige Personen um sich herum, die ihr helfen wollen, ihre Träume zu verwirklichen. Elizabeth Acevedo erzählt die Geschichte in vielen kleinen Kapiteln, von denen einige einen Rückblick auf Emonis Kindheit bieten und auf die Zeit, in der sie Tyrone kennenlernte und von ihm schwanger wurde.

Dabei verschweigt Emoni nicht, wie leichtsinnig sie war und dass sie nicht nur mit Tyrone zusammen war, weil er sie so umgarnt hat, sondern auch, weil sie „mitreden können“ wollte. Diese Sachlichkeit und diese Selbsterkenntnis haben mir ebenso gefallen wie die Tatsache, dass Emonis Verhältnis zu Tyrone auch zwei Jahre nach Emmas Geburt zwar nicht einfach ist, er aber nicht als Bösewicht dargestellt wird. Tyrone ist einfach nur ein junger Mensch, der Fehler gemacht hat und der nun mit den Folgen leben muss, und das bekommt er – ebenso wie Emoni – mal besser und mal schlechter auf die Reihe. Überhaupt mochte ich all die Figuren um die Protagonistin von ihrer Großmutter, die im Laufe der Handlung zugibt, dass sie auch gern mal wieder als eigenständige Person wahrgenommen werden würde, über Emonis beste Freundin Angelica, die auf der einen Seite so tough und auf der anderen Seite so unsicher ist, wenn es um ihre Liebste geht, bis zu Chef Ayden, der Emoni beibringt, dass es manchmal wichtiger ist, Regeln einzuhalten, als das bestmögliche Essen zu kochen.

Ich finde es wirklich schwierig, hier genau zu beschreiben, was mir so viel Freude beim Lesen von „With the Fire on High“ gemacht hat, weil es eben so viele kleine Situationen waren, die mir gefallen haben. Vielleicht waren es all die kleinen Momente, in denen Elizabeth Acevedo der Handlung einen fürchterlich dramatischen Dreh hätte geben können und in denen sie genau darauf verzichtet hat. Stattdessen bekommen wir mit dieser Geschichte Emonis Leben als eine gute Mischung aus Herausforderungen, die mal mit Hilfe, mal ohne Beistand von ihr bewältigt werden, und schönen Momenten präsentiert. Emoni hat definitiv kein einfaches Leben, aber egal wie erschöpft und überfordert sie häufig ist, sie wächst im Laufe des Romans an all den Herausforderungen, mit denen sie fertig werden muss, und das ist wirklich sehr schön zu verfolgen.