Kategorie: Rezension

Stephanie G. Olson: Still Chosen – Another Unwanted Adventure

„Still Chosen – Another Unwanted Adventure“ von Stephanie G. Olson ist mir zufällig Anfang des Jahres auf Bluesky vor die Nase gekommen. Nachdem ich die Leseprobe gelesen hatte, wollte ich unbedingt wissen, wie es weitergeht, weshalb dieser Roman dann meine erste eBook-Anschaffung für 2025 wurde. „Still Chosen“ wird aus der Sicht von Phoebe erzählt, die vor zwanzig Jahren – gemeinsam mit einer Handvoll Gefährten – den bösen Zauberer Zaletor besiegte und danach zur Königin gekrönt wurde. Seitdem war Phoebe damit beschäftigt, ihr Königreich zu führen, und obwohl sie so einiges Gutes für ihre Bevölkerung erreichen konnte, wird zu Beginn des Romans deutlich, wie unbefriedigend und frustrierend dieses Leben für die Protagonistin ist.

Kaum jemand in ihrem Umfeld nimmt sie als reale Person mit Wünschen und Bedürfnissen wahr. Ihre früheren Gefährten haben längst neue Wege eingeschlagen, die „Liebe ihres Lebens“ hat sie wenige Jahre nach ihrer Krönung verlassen, und nur ihr Pflichtgefühl sorgt dafür, dass Phoebe weiterhin so gut, wie sie es vermag, ihren Tätigkeiten als Königin nachkommt. Umso schlimmer ist es für sie, als zwanzig Jahre nach ihrem hart erkämpften Sieg gegen den bösen Zauberer der Göttinnen-Bote Mercury erscheint und von einem erneuten Auftauchen Zaletors berichtet. Da sie immer noch die Auserwählte der Göttinnen ist, ist es auch dieses Mal Phoebe, die sich auf den Weg machen muss, um den Zauberer zu besiegen. Doch Phoebe ist kein Teenager mehr, sie ist älter und zynischer geworden, sie hat in den vergangenen Jahren ihre Magie kaum noch eingesetzt, und zu ihren ehemaligen Gefährten besteht so gut wie kein Kontakt mehr.

Dieser Debütroman von Stephanie G. Olson hat mir beim Lesen wirklich viel Spaß gemacht. In vielen Dingen ist „Still Chosen“ eine klassische Fantasygeschichte, bei der die Protagonistin nach und nach Begleiter für ihre Quest aufsammelt, um am Ende einen Kampf gegen das Böse zu bestreiten. Aber da Phoebe all das schon einmal vor zwanzig Jahren durchgemacht hat und nun deutlich lebenserfahrener und desillusionierter ist, gibt es immer wieder Beobachtungen und Anmerkungen, die kritisch mit dieser Art von klassischer Fantasy umgehen. Dazu kommen all die kleinen amüsanten Momente, in denen der Göttinen-Bote Mercury fassungslos feststellen muss, dass die in der Zwischenzeit gealterte Phoebe nicht mehr klaglos all seinen Anweisung folgt, Probleme damit hat, Nacht für Nacht auf bloßer Erde zu schlafen, und ihre Kontrolle über ihre Magie ziemlich eingerostet ist.

Ich mochte es sehr, wie Phoebe im Laufe ihrer Reise feststellen muss, dass die Personen, die ihr früher am nächsten standen, über Facetten verfügen, die sie damals nicht gesehen hat. Außerdem bekommt sie endlich die Gelegenheit, all die traumatischen Dinge zu verarbeiten, die sie bei ihrer ersten Heldenreise erlebt und nie thematisiert hat. Zudem findet sie in all den Wochen unterwegs Dinge über ihr Königreich heraus, die ihr in ihrer Rolle als Königin verschwiegen wurden und die sie in Zukunft ändern muss – wenn sie denn diese Quest überleben sollte. Für mich ist „Still Chosen“ eine überraschend stimmiger Blick auf die Frage, was wohl der Erwachsenen-Alltag für all die Fantasyfiguren bereithält, die als Jugendliche Heldentaten vollbracht haben – wobei es eben viel darum geht, dass diese „Helden“den Rest ihres Lebens mit den während ihrer Erlebnisse gewonnenen Fähigkeiten und Erinnerungen zurechtkommen müssen.

Alles in Allem sorgen diese Themen weniger für Spannung und dafür mehr für nachdenkliche Momente auf Phoebes Seite. Aber da ich Phoebes Gedanken und Erinnerungen gern verfolgt habe, habe ich mich beim Lesen wirklich sehr gut unterhalten gefühlt. Ich fand es faszinierend, diese Art von Geschichte mal aus einer solch ungewöhnlichen Perspektive zu erleben, und dazu gab es viele amüsante Szenen, die die Handlung auflockerten. Für sich genommen ist „Still Chosen – Another Unwanted Adventure“ streng genommen nur „sehr nett“, aber als Ergänzung zu all die High-Fantasy-Romanen, die ich in meinem Leben gelesen habe, fand ich Stephanie G. Olsons Debüt ungewöhnlich reizvoll. Ich bin auf jeden Fall neugierig, was die Autorin in Zukunft noch für Geschichten veröffentlichen wird.

Dominique Valente: Witchspark

Nachdem ich schon die „Starfell“-Bücher von Dominique Valente sehr genossen hatte, hatte ich mir natürlich auch den aktuellsten Titel der Autorin vorbestellt. „Witchspark“ ist der Auftakt einer neuen Reihe und spielt in einem alternativen (fantastischen) Großbritannien im Jahr 1833. Nachdem einem Erdbeben vor ungefähr 100 Jahren sogenannte isle-sparks freisetzte, entwickelte ungefähr die Hälfte der Bevölkerung der britischen Inseln die Fähigkeit, Magie zu wirken. Das hat nicht nur zu einigen gesellschaftlichen Veränderungen – wie z. B. mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und weniger Rassismus – geführt, sondern die isle-sparks erweckten auch noch einige mystische Kreaturen (und magische Häuser) zum Leben. In dieser Welt leben die beiden Protagonistinnen, aus deren Sicht die Handlung von „Witchspark“ erzählt wird.

Auf der einen Seite ist da die zwölfjährige Lady Eglantine Bury, die gemeinsam mit ihrem Vater und dem Wyvern-Butler Arthur in dem magischen Haus Huswyvern lebt und die befürchten muss, dass ihr Mangel an Magie dafür sorgen wird, dass sie Huswyvern verliert. Auf der anderen Seite droht der vierzehnjährigen Prinzessin Victoria der Verlust der Krone, wenn bekannt würde, dass sie über Magie verfügt, die sie nicht kontrollieren kann. Denn nach einem Vorfall mit einem von Victorias Vorfahren hatte das Parlament ein Gesetz erlassen, das bestimmt, dass kein Mitglied der königlichen Familie jemals wieder über Magie verfügen darf.

Beide Mädchen sind so verzweifelt, dass sie auf eine Anzeige für den postalischen Hexenkurs von Miss Hegotty reagieren, in dem vollen Bewusstsein, dass dieser Kurs ganz oben auf der Liste mit von der Regierung gebannter Magie steht. Ich muss zugeben, ich liebe die Anzeige für Miss Hegottys Kurs (ebenso wie die vielen wunderbaren Illustrationen von Eleonora Asparuhova in den verschiedenen Kapiteln).

Ich weiß nicht, wie Dominique Valente es jedes Mal schafft, aber ich habe jede einzelne Seite von „Witchspark“ genossen. Mir sind Victoria (und ihr Stallbursche Eoin) ebenso ans Herz gewachsen wie Eglantine, ihr Butler Arthur und ihr großartiges Haus Huswyvern. Ich habe mich bei all den kleinen und größeren Katastrophen im Leben der beiden Protagonistinnen hervorragend amüsiert, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, dass für beide Mädchen sehr viel auf dem Spiel steht. Es gab so viele fantastische Ideen rund um die Magie in dieser Welt, die der ganzen Geschichte einen frischen Anstrich gaben, obwohl die Grundidee ehrlich gesagt nicht so ungewöhnlich ist. Aber gerade diese Mischung aus Vertrautem und Überraschenden hat dafür gesorgt, dass ich mich mit dem Roman so wohl gefühlt habe.

Mir gefiel auch die Tatsache, dass Eglantine und Victoria zwei vollkommen gegensätzliche Gründe haben, um sich in Miss Hagottys Kurs einzuschreiben. So war es Dominique Valente möglich, die verschiedenen Gefahren, die mit einem Mangel an Kontrolle über die Magie einhergehen, oder eben die Herausforderungen, die das Fehlen von Magie für eine Person in einer magisch geprägten Gesellschaft mit sich bringen, darzustellen. Doch vor allem waren es die vielen sympathischen Charaktere (zu denen definitiv auch das magische Haus Huswyvern gehört!), die dafür gesorgt haben, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen mochte. Gerade Eglantine, die schon von klein auf gelernt hat, dass sie besonders hartnäckig sein muss, um Dinge zu erreichen, die anderen Personen deutlich leichter fallen, ist eine wunderbare Protagonistin.

Die Beziehung zwischen Eglantine und Arthur ist, ebenso wie die zwischen ihr und Huswyvern, wirklich herzerwärmend. Und bei Victoria war es wunderbar zu verfolgen, wie all die Aufgaben, die mit Miss Hegottys Kurs einhergehen, dafür sorgen, dass die junge Prinzessin eine Menge Einfallsreichtum beweisen muss. Lustigerweise ist eine der für mich wichtigsten Figuren in der Geschichte Miss Hegotty, obwohl sie (fast) ausschließlich in ihren Briefen zu Wort kommt. Aber ihr Optimismus, ihr Vertrauen in ihre Schülerinnen und ihre ermutigenden Worte an Eglantine und Victoria zeugen von einer wunderbaren Lehrerin, und ich hoffe, dass sie im nächsten Band einen größeren Teil der Handlung einnimmt. Das Einzige, worüber ich mich nach dem Lesen von „Witchspark“ beschweren kann, ist, dass ich keinerlei Informationen zum Erscheinungstermin der Fortsetzung finden kann. 😉

Damaris Young: The Switching Hour

Nachdem ich Ende 2020 „The Creature Keeper“ von Damaris Young gelesen hatte, hatte ich mir im folgenden Januar den Debütroman der Autorin, „The Switching Hour“ gekauft. Vier Jahre saß das Buch dann auf meinem SuB und wartete darauf, dass ich es – passend zur Atmosphäre der Geschichte – „im Sommer“ endlich lesen würde. „Im Sommer“ passte es aber nie so recht, und nachdem ich den Roman jetzt endlich gelesen habe, bin ich froh, dass ich nicht parallel zum Lesen auch noch in der Realität mit – für mich – viel zu viel Hitze zu kämpfen hatte. Da die Handlung während einer anhaltenden Dürre in einem Land spielt, das von der Kindheit der Autorin in Südafrika inspiriert wurde, wäre das für mich vermutlich zu viel gewesen, um die Geschichte noch genießen zu können.

Damaris Young ist erschreckend gut darin, zu beschreiben, wie unerträglich das Leben bei solch hohen Temperaturen und ohne einen Hauch von Regen ist. Ihre Protagonistin, die zwölfjährige Amaya, lebt seit dem Tod ihrer Mutter mit ihrem kleinen Bruder Kaleb bei ihrer Großmutter Uma. Jeden Tag bringt sie die drei Ziegen auf die Weide und verbringt dann bis kurz vor der Abenddämmerung den Tag am See. Doch von Woche zu Woche wird der See kleiner, immer mehr Menschen versuchen, die wenigen Fische, die noch im Wasser zu finden sind, zu fangen, und Amayas Chancen, selbst mit einem Fang nach Hause zu kommen, werden immer geringer. Auch der kleine Garten ihrer Großmutter Uma bringt kaum noch einen Ertrag, was bedeutet, dass es mit jedem Tag schwieriger wird, genügend Lebensmittel für eine Mahlzeit zusammenzubekommen.

Dazu kommt noch das Gerücht, dass die Dürre – nach fast hundert Jahren – für ein erneutes Auftauchen von Badeko gesorgt hat. Badeko ist ein sagenhaftes Ungeheuer, das nach Einbruch der Dämmerung kleine Kinder entführt, um sich von ihren Träumen zu ernähren. Zehn Kinder sind in den umliegenden Orten schon verschwunden, und als auch Kaleb von Badeko entführt wird, macht sich Amaya auf, um ihren kleinen Bruder zu retten. Drei Tage hat sie Zeit, bevor die sorrow sickness sie erfassen und dafür sorgen wird, dass sie Kaleb für immer vergisst. Doch glücklichweise wird Amaya auf ihrem Weg von ihrer dickköpfigen Ziege Tau begleitet und findet wenig später auch noch in der gleichaltrigen Molly eine Gefährtin, die Amaya bei ihrer Suche unterstützt.

Die Handlung in „The Switching Hour“ streift so viele verschiedene Themen, aber vor allem dreht sie sich um Verlust und Trauer und um die häufig komplizierten Gefühle, die Familienmitglieder füreinander empfinden können. Dabei fand ich, dass Damaris Young mit Amaya die perfekte Protagonistin für diese Geschichte geschaffen hat. Das Mädchen liebt seinen kleinen Bruder und seine Großmutter, aber es ist auch of überfordert mit all den Veränderungen in seinem Leben. Dazu kommt, dass Amaya um ihre Mutter trauert, die bei einem Feuer umkam, und befürchten muss, dass sie sich irgendwann nicht mehr ausreichend an die Verstorbene erinnern kann. Als Kaleb dann auch noch verschwindet, ist Amaya wild entschlossen, ihn zu retten. Doch um das zu erreichen, muss sie all ihren Mut zusammennehmen und gemeinsam mit ihren Gefährten einige Herausforderungen überwinden.

So spannend es auch war, von den größeren Gefahren wie den Raubtieren und dem Wassermangel zu lesen, so mochte ich doch vor allem die kleinen, persönlichen Momente, die Amaya erlebt. Für mich fühlte sie sich wie eine reale Person mit allen möglichen Stärken und Schwächen an, die sich im Laufe ihrer Suche immer wieder den kleinen Lügen, die sie sich selbst erzählt hat, stellen muss. Ihre Begleiterin Molly fand ich etwas weniger überzeugend gestaltet (da ihre Hintergrundgeschichte für mich zu offensichtlich war), aber ich mochte das Zusammenspiel der beiden Mädchen und die – nicht ganz einfache – Freundschaft, die sich im Laufe der drei Tage zwischen ihnen entwickelt. Die Ziege Tau hingegen ist der heimliche Star der Geschichte, da das Tier nicht nur immer wieder für kleine amüsante Momente sorgt, sondern auch deutlich dazu beiträgt, dass die beiden Mädchen ihre Suche zu Ende bringen können. Doch vor allem bleibt mir nach dem Lesen von „The Switching Hour“ die Atmosphäre der Geschichte in Erinnerung. Damaris Young beschreibt die Dürre, den Durst der Figuren und die Ängste, die Badeko auslöst, so eindringlich, dass all diese Elemente nach dem Beenden des Romans noch eine ganze Weile in mir nachklangen.

Lese-Eindrücke Januar 2025

Hier sind wieder die Lese-Eindrücke zu den Büchern, zu denen ich wenigstens ein bisschen was schreiben wollte. Das betrifft im Januar den Großteil der Romane, die ich gelesen habe. *g*

Celia Lake: Complementary

„Complementary“ war der erste Roman, zu dem ich in diesem Jahr gegriffen habe. Celia Lakes Geschichten mochte ich bislang alle, und so war es auch mit diesem Titel. Die Handlung spielt 1910 in einer fantastischen Variante von Großbritannien und dreht sich um zwei Frauen, die im Auftrag der Wache in einer nicht-magischen Künstler-Gemeinschaft nach einem magischen Objekt suchen. Dabei ist Elizabeth ein offizielles Mitglied der Wache (und arbeitet als eine Art magische Spurensucherin), während Rosemary eine Hebamme mit Heilmagie ist.

Ich fand es reizvoll, mal eine Geschichte von Celia Lake zu lesen, in der die Protagonistinnen unter allen Umständen vermeiden müssen, dass jemand herausfindet, dass Magie existiert – während sie natürlich gleichzeitig Magie einsetzen müssen, um ihren Auftrag erledingen zu können … Außerdem habe ich wirklich gern verfolgt, wie Elizabeth (die ich schon aus anderen Romanen kannte) und Rosemary einander näherkamen. Das war eine sehr schöne Liebesgeschichte zwischen zwei Personen, die schon etwas älter und lebenserfahrener sind. Mir gefiel es auch sehr, dass beide Frauen nach einer ersten Annäherung erst einmal jede für sich überlegen mussten, ob sie bereit sind, ihren behaglichen Alltag so weit umzukrempeln, dass eine andere Person darin Platz findet.

Celia Lake: Bound to Perdition (Mysterious Arts 1)

Da ich nach „Complementary“ weiter Lust auf Celia Lake hatte, habe ich mir (für ganze 95 Cent) noch den Roman „Bound to Perdition“ gegönnt. Die Geschichte spielt 1917 und dreht sich vor allem um die Vorgänge in einer magischen Forschungseinrichtung der Regierung. Die Protagonistin Lynet ist Buchbinder-Meisterin und hat den Auftrag, ein magischen Journal zu entwickeln, das sich in größeren Mengen herstellen lässt. Diese Journale sollen u. a. die zeitnahe und direkte Kommunikation mit der Front ermöglichen, was für den Kriegsverlauf eine entscheidende Wende bringen könnte. Umso mehr verwirrt es Lynet, dass ihr von allen Seiten Hindernisse in den Weg gelegt werden. Einzig ihr Assistent Reggie (der aufgrund einer Verletzung nicht mehr an die Front zurückkehren kann) scheint kein Problem damit zu haben, dass sie einen Handwerks-Hintergrund hat, während er gleichzeitig ihre Arbeit genauso wichtig nimmt, wie sie es tut.

Ich fand es spannend, mal eine (Liebes-)Geschichte zu lesen, die sich mit den Problemen rund um Materialbeschaffung, Forschung und Ethik in Kriegszeiten beschäftigt. Reggies Teil der Handlung zeigt immer wieder, wie sehr Krieg einen Menschen (und seine Prioritäten) verändern kann, während Lynets Perspektive mich – stellvertretend für ihre Figur – häufig frustrierte. Trotzdem mochte ich, wie die Autorin mit den vielen verschiedenen „herausfordernden“ Themen umgegangen ist. Ich habe auch hier die Charaktere sehr schnell ins Herz geschlossen und ich habe es ungemein genossen, so viele Passagen rund ums Buchbinden und die damit verbundenen Techniken zu lesen.

Kat Richardson: Storm Waters

Von Kat Richardson hatte ich die Greywalker-Reihe wirklich gern gelesen, und so habe ich mich sehr gefreut, als ein neuer Roman der Autorin angekündigt wurde. „Storm Waters“ ist eine „noir urban fantasy“-Geschichte, die im Jahr 1934 in Hollywood beginnt. Der Protagonist Marty Storm besitzt gemeinsam mit seinem Partner Peter eine Firma, die sich auf Frachtschifffahrt spezialisiert hat. In dieser Firma taucht zu Beginn der Handlung ein Geist auf, der behauptet, dass er der Kapitän eines untergegangenen Schiffs gewesen sei. Marty selbst verfügt über Wassermagie, und schnell steht fest, dass hinter der Geistererscheinung etwas Größeres steckt – etwas, das dazu führt, dass er sich mit der Familie seiner Mutter in New Orleans auseinandersetzen muss.

Der Erzählton der Geschichte war anfangs wirklich sehr faszinierend, denn Kat Richardson gelingt es erstaunlich gut, die Atmosphäre eines klassischen Privatdetektiv-Romans heraufzubeschwören. Aber in der Mitte des Buchs – als sich die Handlung von Los Angeles wegbewegt – hat mich die Autorin trotzdem eine Zeitlang verloren. Den Teil, der in der Nähe von New Orleans spielt, fand ich so unrund, dass ich das Buch Anfang Dezember zur Seite gelegt und erst Mitte Januar wieder in die Hand genommen habe (um dann erleichtert festzustellen, dass sich die Handlung wieder auf L.A. zubewegte). Am Ende bin ich etwas zwiegespalten, weil ich den Anfang und den Schluss eigentlich mochte, mich der Mittelteil aber so sehr rausgerissen hatte. Aber ich würde vermutlich einem weiteren Band um Marty Storm eine Chance geben, um zu schauen, ob der dann von Kat Richardson durchgehend stimmig geschrieben wurde.

Annie Bellet: Harper’s Tale (The Twenty-Sided Sorceress 7.5)

Ein relativ kurzes Buch, das ich über Kickstarter mitfinanziert hatte, weil ich die „Twenty-Sided Sorceress“-Geschichten der Autorin gern gelesen hatte. Außerdem wollte ich wissen, wie es der Protagonistin Harper nach einem bestimmten Ereignis in der Serie ergangen war. Dieser Roman spielt zwischen zwei Bänden der Haupthandlung und dreht sich um das Verschwinden (und die Ermordung) von Youtuberinnen. Das Ganze ist eine klassische Urban-Fantasy-Geschichte, bei der die Protagonistin während der Ermittlungen weniger davon profitiert, dass sie eine Fuchs-Gestaltwandlerin ist, als davon, dass sie einen Namen und Beziehungen in der Gamer*innen-Szene hat. Obwohl der/die Bösewicht/e im Prinzip beim ersten Auftritt schon offensichtlich war/en, habe ich mich beim Lesen gut unterhalten gefühlt. Wobei ich zugeben muss, dass Geschichten, die rund um Conventions, Videospiele und Cosplay spielen, von mir immer ein paar Sentimentalitäts-Bonuspunkte bekommen.

S. Usher Evans: Fiends and Festivals (The Weary Dragon Inn 2)

Der zweite Band der „The Weary Dragon Inn“-Reihe war genauso nett wie „Drinks and Sinkholes“. Neben den schon vertrauten Figuren gab es ein paar neue Besucher in Pigsend, und das große Ereignis war dieses Mal das Herbst-Festival inklusive der dazugehörigen unterschiedlichen Wettbewerbe, bei denen auch Personen aus anderen Orten mit ihren Erzeugnissen (oder Backwaren) antreten. Was bedeutet, dass Bev unbedingt herausfinden musste, wer das Festival sabotiert (und so vielleicht dafür sorgt, dass es zukünftig in den Nachbarort verlegt wird). Ich gebe zu, dass die Identität des Saboteurs von Anfang an wirklich offensichtlich war. Aber da ich keine Ahnung hatte, was das Motiv dieser Person sein könnte, und mich ansonsten gut genug mit den größeren und kleineren Katastrophen rund ums Festival unterhalten gefühlt habe, habe ich auch diesen Band wieder genossen.

Ich weiß noch nicht, ob ich die Reihe fortsetzen werde, wenn ich den dritten Teil, den ich schon als eBook besitze, gelesen habe. Die Geschichten sind halt nur „nett“ – aber ich bereue die Anschaffung definitiv nicht. Es ist angenehm, mal einen fantastischen cozy mystery zu lesen, bei dem es nicht um Mord geht und bei dem das Scheitern der „Ermittlerin“ eher ärgerlich als dramatisch wäre. Oh, und ich mochte den „Hund“, der Bev im Laufe der Geschichte zugelaufen ist. Magische Hunde sind doch immer nett, auch wenn die Protagonistin endlos lange benötigte, um herauszufinden (oder sich einzugestehen), dass Mr. Biscuit kein normaler Streuner ist. Die Tatsache, dass S. Usher Evans mir das Gefühl gibt, dass die Protagonistin die ganze Zeit mit Scheuklappen rumläuft und nur aufgrund ihrer Hartnäckigkeit irgendwann die Lösung des jeweiligen Rätsels findet, ist mein größter Kritikpunkt an den Geschichten. Aber solange mich der Rest der Handlung gut unterhält, kann ich damit leben.

Alice Bell: Grave Expectations

„Grave Expectations“ von Alice Bell hatte ich im vergangenen November zum Geburtstag geschenkt bekommen und dann auch direkt Anfang Dezember gelesen. Der Roman beginnt an einem Wochenende, an dem die Protagonistin Claire Hendricks den unterhaltsamen Teil für den Geburtstag der Urgroßmutter ihrer ehemaligen Kommilitonin Figgy Wellington-Forge beisteuern soll. Genau genommen soll Claire, die seit Jahren als Medium arbeitet, am Abend von Nanas Geburtstag im großen Familien- und Freundeskreis eine Seance abhalten. Leider kommt es vor dem großen Tag zu einem Todesfall, weshalb die Feier abgesagt wird – allerdings erst, nachdem Claire in der Bibliothek einen Geist gesehen hat, der vor relativ kurzer Zeit gewaltsam ums Leben gekommen ist. Gemeinsam mit Figgys Bruder Sebastian „Basher“ Wellington-Forge (der ein Ex-Polizist ist), Alex (nicht-binäres jüngstes Mitglied der Wellington-Forge-Familie im Teenager-Alter) und Claires ältester Freundin Sophie (die leider vor einigen Jahren verstarb und deren Geist seitdem Claire begleitet) versucht das Medium, mehr über das Verbrechen herauszufinden.

„Grave Expectations“ bietet eine wirklich ungewöhnliche Mischung, was ich wirklich unterhaltsam zu lesen fand. Die Handlung spielt in unserer Zeit, aber trotzdem gelingt es Alice Bell, dass der Beginn der Geschichte, der im Herrenhaus der Wellington-Forges spielt, sich wie in einem Golden-Age-Mystery anfühlt (oder wie in einer frühen Inspector-Barnaby-Folge inklusive der eher überzogenen Humor-Elemente). So sorgen vor allem Claires Perspektive und ihre – von fast allen anderen Charakteren angezweifelte – Fähigkeit, Geister sehen zu können, dafür, dass sich dieser Roman von Anfang an von einem klassischen britischen Cozy Mystery unterscheidet. Claire fühlt sich verpflichtet herauszufinden, wer der Geist in der Bibliothek ist und wie diese Person ums Leben kam, während Alex und Basher sich aus Abenteuerlust (Alex) bzw. mit der Absicht, das Schlimmste für die Familie zu verhindern, (Basher) Claires Ermittlungen anschließen.

Neben dem stellenweise altmodischen Flair eines klassischen Kriminalromans, den absurd-amüsanten Momenten und den paranormalen Elementen gibt es immer wieder überraschend realistische Szenen, in denen Claire und die anderen bei ihren Ermittlungen daran scheitern, dass sie keine Befugnisse oder nicht genügend Ausgangsinformationen haben. Dazu kommen all die Hinweise auf Claires und Sophies gemeinsame Vergangenheit und darauf, wieso Sophie seit ihrem 17. Lebensjahr Claires ständige, geisterhafte Begleitung ist, welche ein bedrückendes Bild vom Schicksal der beiden Frauen zeichnen. All das hat dazu geführt, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre bei der Auflösung des Kriminalfalls den Protagonisten weit voraus, ohne dass die Geschichte für mich weniger fesselnd geworden wäre. Stattdessen habe ich gespannt all die kleinen (und größeren) zwischenmenschlichen Elemente mitverfolgt.

Obwohl Basher die ganze Zeit skeptisch gegenüber Claire ist, entwickelt sich doch so etwas wie eine Freundschaft zwischen ihr, Alex und Basher – was eine Herausforderung ist, wenn eine Person davon ausgeht, dass die andere durchgehend lügt. Dann ist da noch die Beziehung zwischen Claire und Sophie, die vor Jahren beste Freundinnen waren und seitdem so gut wie jeden Tag gemeinsam verbracht haben – was nur umso deutlicher macht, dass nur eine von ihnen sich weiterentwickelt und altert, während die andere ein Teenager bleibt und keine Chance auf eine eigenständige Existenz hat. Außerdem gibt es immer wieder Szenen innerhalb der Wellington-Forge-Familie, die (auch wenn die Charaktere stellenweise etwas arg klischeehaft gestaltet wurden) zeigen, dass Familien eine komplizierte Angelegenheit sein können und dass einander sehr gut zu kennen nicht bedeutet, dass es keinerlei Geheimnisse gibt.

Die einzigen kleinen Kritikpunkte, die ich an „Grave Expectations“ habe, sind auf der einen Seite ein sehr hemmungsloser Umgang mit Alkohol bei eigentlich allen Figuren (was ich persönlich nur ungern lese), und auf der anderen Seite das stellenweise etwas gemächliche Tempo. Letzteres kam mir beim Lesen an ein paar Stellen – gerade in der zweiten Hälfte – etwas zu schleppend vor. Aber im Nachhinein konnte ich verstehen, wieso die Autorin da die Handlung nicht etwas mehr gerafft hatte, weil diese überflüssig wirkenden ruhigeren Passagen wichtig für die weitere Entwicklung der Geschichte waren. Alles in allem habe ich mich am Ende wirklich gut unterhalten gefühlt mit „Grave Expectations“ und hoffe sehr, dass Alice Bell mit der schon erschienenen Fortsetzung „Displeasure Island“ einen ebenso unterhaltsamen Roman geschrieben hat, in dem ich mehr über Claire, Sophie, Basher und Alex und ihre gemeinsamen Bemühungen, Kriminalfälle zu lösen, erfahren kann.

Lese-Eindrücke Dezember 2024

Ich habe im Dezember so viele gute Bücher gelesen, das war schön! Da einige davon Reihenfortsetzungen oder eben doch nur „nett“ waren, gibt es wieder die dazugehörigen Lese-Eindrücke.

Kalyn Josephson: Hollowthorn (Ravenfall 2)

Nachdem mir im Oktober „Ravenfall“ so gut gefallen hatte, hatte ich mir zum Geburtstag die Fortsetzung gewünscht – die ich dann direkt im Dezember gelesen habe. Die Handlung in „Hollowthorn“ setzt wenige Wochen nach den Ereignissen im ersten Band ein. Genau genommen beginnt die Geschichte mit dem jüdischen Lichterfest und damit, dass der Großteil von Annas Familie eine Woche lang nicht im Inn Ravenfall sein wird. So sollen Colin, Anna und ihr Vater Henry eigentlich die Stellung halten und sich um die Gäste kümmern, als der Raven Salem Henry um Hilfe bei einer Mission im Hollowthorn bittet. Ich muss zugeben, dass ich es ein bisschen schade fand, dass nur ein Teil der Handlung im Inn spielte (wobei das Inn dieses Mal immerhin in ein paar Kapitel seine eigene „Sicht“ äußern kann). Ansonsten habe ich die Darstellung der Otherworld genossen, mochte es, Annas und Colins Weg (mit all ihren Problemen) zu verfolgen, und bin überraschend neugierig darauf, wie es mit den beiden weitergeht. Leider ist der dritte Band der Reihe („Witchwood“) gerade erst als Hardcover erschienen, und eine Taschenbuchausgabe ist noch nicht angekündigt.

S. Usher Evans: Drinks and Sinkholes (The Weary Dragon Inn 1)

„Drinks and Sinkholes“ ist der erste Band einer zehnteiligen Cozy-Fantasy-Mystery-Reihe, die sich rund um Bev(erage Wench) dreht. Wenn ich von der bemüht-amüsanten Namensgebung der diversen Personen absehe, habe ich mich mit diesem Band wirklich gut unterhalten gefühlt. Bev ist vor fünf Jahren – ohne jegliche Erinnerung an ihre Vergangenheit – in den kleinen Ort Pigsend gekommen. In Pigsend wurde sie von den Anwohnern freundlich aufgenommen und fand einen Job beim Weary Dreagon Inn, das sie nach dem Tod des Vorbesitzers erbte. In diesem Band wird (nicht nur) ihr Gasthaus von überraschend auftreten Erdlöchern bedroht.

Da die Bürgermeisterin und der örtliche Polizist alle Hände voll mit den besuchenden Soldaten der Königin zu tun haben, wird Bev mit der Ermittlung beauftragt. Was in erster Linie dazu gedacht war, die Anwohner des Ortes zu beruhigen, weil ja nun etwas getan wird, führt dazu, dass Bev all ihre Energie in die Ursachenforschung steckt und so überraschend viele Geheimnisse ihrer Nachbarn herausfindet. Die fantastische Welt, in der die Geschichte spielt, wirkt zu Beginn relativ magiearm, und Bev entdeckt erst nach und nach, dass in ihrer Nachbarschaft mehr übernatürliche Wesen leben, als sie geahnt hat. Das ist stellenweise etwas vorhersehbar, aber trotzdem sehr nett und unterhaltsam zu lesen. Genau die richtige Lektüre für einen entspannten Leseabend – und ich fürchte, ich werde mir demnächst den Sammelband mit den ersten drei Bänden holen mussen, um irgendwann weiterlesen zu können.

Toshikazu Kawaguchi: Before We Forget Kindness (Before the Coffee Gets Cold 5)

Der inzwischen fünfte Band rund um das kleine Café in Tokyo, in dem Besucher für einige Minuten durch die Zeit reisen können. Nichts an diesen Geschichten war neu oder überraschend, und ich muss zugeben, dass das nicht mein Lieblingsband der Reihe war. Aber grundsätzlich genieße ich weiterhin diese kleinen Episoden, die sich rund um kleine menschliche Momente drehen, um die vielen verschiedenen Arten von Beziehungen und die vielen kleinen (oder großen) Dinge, die schieflaufen können und die später bereut werden. Ich freue mich über ein Wiedersehen mit den Charakteren, die – sei es als Personal oder als Stammgäste – immer wieder auftauchen, und ich teile mir bewusst die Geschichten eines neuen Bandes so ein, dass ich mehrere Tage etwas davon habe. Wie schon bei den anderen Büchern von Toshikazu Kawaguchi empfand ich auch das Lesen von „Before We Forget Kindness“ als wohltuend.

Lynn Strong: Chai and Cat-Tales

„Chai and Cat-Tales“ von Lynn Strong enthält drei Geschichten, die in einer vom Mittleren Osten inspirierten Fantasywelt spielt. Jede der drei Episoden dreht sich um eine andere Figur, aber da alle Geschichten in derselben Stadt spielen, gibt es Charaktere, die sich durch den gesamten Band ziehen – sei es, dass sie persönlich auftauchen oder nur erwähnt werden. Ich fand es spannend, drei so unterschiedliche „cozy“ Erzählungen zu lesen, deren Gemeinsamkeit vor allem im Schauplatz besteht, die mich aber alle drei beim Lesen erfreut und überrascht haben. Lynn Strongs Charaktere sind sehr divers angelegt, und ich habe das Gefühl gehabt, dass sie sehr aufmerksam und bewusst mit schwierigeren Themen umgeht, während ich mich gleichzeitig großartig beim Lesen amüsiert habe. „Chai and Cat-Tales“ hat mich wirklich überrascht, und ich bin sehr gespannt darauf, ob Lynn Strong es wirklich schafft, 2025 ihren im Nachwort erwähnten Roman zu veröffentlichen. Wenn das so sein sollte, werde ich ihn mir auf jeden Fall bestellen!

Seishi Yokomizo: The Honjin Murders

„The Honjin Murders“ ist ein Kriminalroman des japanischen Autors Seishi Yokomizo, der im Original im Jahr 1973 veröffentlicht wurde. Erzählt wird die Handlung von einem (namenlosen) Schrifsteller, der viele Jahre später die rätselhaften Ereignisse, die im November 1937 stattfanden, für die Leser festhält. Diese Erzählweise sorgt für eine relativ sachliche, chronologische Darstellung der verschiedenen Vorkommnisse vor dem Mord, der anschließenden Ermittlungen und der Auflösung des Falls durch den Privatdetektiv Kosuke Kindaichi. So bekommen die verschiedenen Charaktere zwar nicht gerade viel Tiefe, aber es ermöglicht ein faszinierendes Mitermitteln beim Lesen. Seishi Yokomizo erwähnt in dem Roman immer wieder klassische US-amerikanische und britische Kriminalroman-Autor*innen, die vom Anfang bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts den Markt beherrschten und die für ihre unterschiedlichen „locked-room“-Mysteries berühmt waren. Deren Romane werden von seinem Erzähler zum Vergleich für den vorliegenden Fall herangezogen.

Schauplatz des Verbrechens ist das Anwesen der wohlhabenden Familie Ichiyanagi, deren ältester Sohn Kenzo am 25. November 1937 die deutlich jüngere Katsuko heiratet. In der Hochzeitsnacht werden die Familienmitglieder des Brautpaars (ebenso wie die Bediensteten) durch schreckliche Schreie und den Klang einer Koto aus dem Schlaf gerissen. Wenig später werden Kenzo und Katsuko tot aufgefunden – ihre Körper weisen Wunden auf, die von einem Katana verursacht wurden. Der Mord selbst fand in einem von innen fest verschlossenem Nebengebäude des ziemlich großen Anwesens der Ichiyanagi statt.

Zu Beginn der Geschichte scheint es fast zu viele verschiedene Details rund um den Verlauf der Tat zu geben. Aber nachdem ich mich einfach darauf eingelassen hatte und gemeinsam mit den Polizisten (und etwas später mit Kosuke Kindaichi) die verschiedenen Informationen betrachten konnte, gab es so einige interessante Hinweise. Insgesamt hat das dafür gesorgt, dass ich als Leserin ständig das – sehr befriedigende – Gefühl hatte, ich wäre bei der Auflösung immer einen kleinen Schritt weiter als die Polizei. Es macht sich schon deutlich bemerkbar, dass „The Honjin Murders“ kein aktueller Kriminalroman ist, und ich vermute, dass jemand, der keine Freude an dieser Art von (inzwischen) altmodischen Krimis hat, auch mit diesem Titel nichts anfangen kann.

Ich persönlich brauche jedoch keine detailiert ausgearbeiteten Charaktere, wenn ich so wie hier beim Lesen ein kniffliges Rätsel vorgelegt bekomme, obwohl ich zugeben muss, dass einige Elemente – eben weil sie immer wieder in dieser Art von „locked-room“-Geschichten vorkommen – für mich wenig überraschend waren. Aber ich fand es faszinierend herauszufinden, wo ihr Platz in dieser Handlung war. Was für mich diesen Roman von vergleichbaren Titeln seiner Zeit definitiv unterscheidet, ist die Tatsache, dass die Geschichte in Japan spielt und von einem japanischen Autor geschrieben wurde. Seishi Yokomizo hat die Zeit selbst erlebt, die er in seinen Romanen beschreibt, und es gab für mich beim Lesen immer wieder kleine Details rund um das Leben in Japan in den 1930er Jahren zu entdecken. Mich unterhielt diese Mischung aus solider „locked-room“-Mystery-Handlung und kleinen Einblicken in das Leben in Japan wirklich sehr, und ich bin froh, dass schon fünf weitere Kosuke-Kindaichi-Romane ins Englische übersetzt wurden. Wer hingegen lieber die deutsche Übersetzung lesen würde, findet immerhin schon drei veröffentlichte Titel, und ein vierter Band ist für das Frühjahr 2025 angekündigt.

Kalynn Bayron: This Poison Heart (und This Wicked Fate)

„This Poison Heart“ (und die Fortsetzung „This Wicked Fate“) von Kalynn Bayron hatte ich schon im April gelesen, aber ich wollte hier unbedingt noch eine Rezension zu dem Titel hinterlassen. Die Handlung wird aus der Sicht der siebzehnjährigen Briseis (Brie) erzählt, die gemeinsam mit ihren beiden Adoptivmüttern in New York lebt. So lange Brie sich erinnern kann, hat sie so etwas wie einen „grünen Daumen“ – nur dass ihr Daumen so grün ist, dass sie selbst verdorrte Pflanzen innerhalb von Sekunden wieder zur üppigen Blüte bringen kann. In den vergangenen Jahren ist ihre Macht über Pflanzen so stark geworden, dass sie jede Minute des Tages aufpassen muss, um nicht ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, weil sich zum Beispiel Alleebäume auf sie zubewegen oder sich ein verdorrter kleiner Vorgarten mal eben in einen üppig wuchernden Dschungel verwandelt. Erst als Brie von ihrer leiblichen Tante ein Herrenhaus auf dem Land erbt, erfährt sie, dass ihre Pflanzenmagie eine Fähigkeit ihrer Geburtsfamilie ist, hinter der sich mehr verbirgt, als sie jemals hätte ahnen können.

Kalynn Bayron vermischt in „This Poison Heart“ eine ganze Menge von Themen von Botanik über griechische Mythologie bis zur der Frage, was eine Familie eigentlich ausmacht. Es gibt immer wieder dramatische oder bedrohliche Szenen, wenn Brie mit gefährlichen Pflanzen zu tun hat oder mit Personen, die ihre Fähigkeiten ausnutzen wollen. Aber was bei mir den stärksten Eindruck hinterlassen hat, ist Bries Verhältnis zu Pflanzen und ihre Faszination, wenn es um die Hege und Pflege des zum Herrenhaus gehörenden Giftgartens sowie um die (medizinische oder magische) Verwendung der dort wachsenden Pflanzen geht. Diese Passagen sind in der Regel deutlich ruhiger und eher alltäglich. Sie bieten Brie die Möglichkeit, in ihrem neuen Zuhause anzukommen und es zu genießen, dass sie endlich einmal ihrer Pflanzenmagie freien Lauf lassen kann, und das ist sehr schön zu lesen.

Auch fand ich es sehr nett mitzuverfolgen, wie Brie sich im Laufe der Zeit mit Karter, einem Jungen aus dem Ort, anfreundet und mit Marie, einer jungen Frau aus der Nachbarschaft, jemanden kennenlernt, mit dem sie sich mehr als Freundschaft vorstellen kann. Doch natürlich bleibt es nicht lange so harmonisch, dafür gibt es zu viele Geheimnisse rund um die Verbindung von Bries Geburtsfamilie zu der legendären Medea. Außerdem gibt ein einige Personen, die hinter diesen Geheimnissen und Bries Magie her sind und die keinerlei Skrupel haben, wenn es um das Erreichen ihrer Ziele geht. Das alles führt dazu, dass „This Poison Heart“ nach so einigen dramatischen Ereignissen mit einem Cliffhanger endet und die Geschichte erst mit Bries weiteren Erlebnissen in „This Wicked Fate“ einen Abschluss findet. Während ich diese Mischung aus griechischer Mythologie und Fantasyelementen in der Geschichte sehr unterhaltsam fand und mich die spannenderen Passagen sehr fesselten, fand ich das offene Ende ein bisschen frustrierend.

Immerhin war „This Wicked Fate“ schon erschienen, so dass ich relativ zeitnah weiterlesen konnte, wobei ich dann feststellte, dass sich die beiden Romane für mich überraschend unterschiedlich angefühlt haben. Die Handlung in „This Poison Heart“ hat sich eher gemächlich entwickelte, da sich Kalynn Bayron Zeit nahm um Brie, ihre Familienverhältnisse und die mit ihrem Erbe verbundenen Elemente vorzustellen. Außerdem gab es – abgesehen von der Identität der drahtziehenden Person, die wirklich früh auf der Hand lag, – die eine oder andere Überraschung in der Geschichte, die mich neugierig auf die weitere Entwicklung machte. Insgesamt fühlte sich dieser erste Band trotz Bries Pflanzenmagie (und ein paar anderer übernatürlicher Figuren) weniger fantastisch an als „This Wicked Fate“. In dem zweiten Teil ist Brie mit einigen anderen Personen in Europa unterwegs, um die Dinge, die am Ende von „This Poison Heart“ geschehen sind, wieder in Ordnung zu bringen, was zu einer durch und durch von Göttern und Magie durchsetzten fantastischen Handlung führt, die ich so zu Beginn des ersten Teils nicht erwartet hatte. Ich habe mich auch damit sehr gut unterhalten gefühlt, aber es hätte mir noch ein kleines bisschen besser gefallen, wenn Bries Leben etwas „alltäglicher“ geblieben wäre und wir stattdessen noch mehr über ihren neuen Wohnort und ihr Erbe gelernt hätten.

Hwang Bo-Reum: Welcome to the Hyunam-Dong Bookshop

„Welcome to the Hyunam-Dong Bookshop“ von Hwang Bo-Reum habe ich im Juli wirklich genossen. Schauplatz des Romans ist eine neu eröffnete Buchhandlung in einem eher altmodischem Viertel von Seoul. Besitzerin dieser Buchhandlung ist Yeongju, und der Hyunam-Dong Bookshop ist für sie die Erfüllung eines Traums, ohne dass sie sich vorher Gedanken über die alltäglichen praktischen Dinge gemacht hat, die eigentlich dazugehören. Solch eine Grundvoraussetzung für eine Geschichte würde mich normalerweise ziemlich frustrieren, aber hier ist es überraschenderweise für mich kein Problem gewesen. Denn von Anfang an steht fest, dass Yeongju aus einer persönlichen Ausnahmesituation heraus die Buchhandlung gegründet hat und dass sie – zumindest zu Beginn – damit hätte leben können, wenn ihr Laden keine langfristige Zukunft hätte.

Genauere Details über Yeongjus Vergangenheit gibt der Roman erst im Laufe der Zeit preis (auch wenn der Klappentext schon einiges andeutet). Währenddessen lernen wir die verschiedenen Personen kennen, die regelmäßig in der Buchhandlung auftauchen. Viele kleine untereinander verflochtene Episoden erzählen von dem jungen Mann, den Yeongju als Barista für das Buchhandlungs-Café anheuert, von der Kundin, die sich regelmäßig Gedanken um ihren antriebslosen Sohn macht, von den verschiedenen Leser*innen, die auf der Suche nach dem richtigen Buch für sich sind, und von kleinen und größeren Ereignissen, die im Laufe der Zeit rund um die Buchhandlung passieren. Dabei zieht sich durchgehend eine entspannte und wohltuende Atmosphäre durch die Geschichte, die verschiedenen Figuren reden sehr viel miteinander, und immer mal wieder gibt es kleine Momente, in denen spürbar wird, dass sich einer der Charaktere erst einmal gedanklich mit dem auseinandersetzen muss, was eine andere Person im Gespräch gesagt hat.

Wer „Welcome to the Hyunam-Dong Bookshop“ in die Hand nimmt, sollte nicht davon ausgehen, dass es im Laufe des Romans zu großen, einschneidenden Veränderungen im Leben von Yeongju und den anderen Figuren kommt. Stattdessen gibt es viele kleine Momente, die lose miteinander verknüpft sind und in denen man die verschiedenen Charaktere und ihr Leben besser kennenlernt. Sie alle beschäftigen ganz persönliche Probleme, und häufig würde die Lösung dieser Probleme bedeuten, dass die jeweilige Figur die Erwartungen, die sie selbst in sich setzt, die ihre Familie ihr gegenüber hat oder die durch die Gesellschaft vorgegeben werden, enttäuscht. So sind es in der Regel nur sehr kleine Schritte, die von den Charakteren in den verschiedenen Kapiteln gemacht werden, aber gerade diese langsame Entwicklung und dieses Fehlen von „Lösungszwang“ fand ich sehr entspannend und erholsam zu lesen. Dabei hat es natürlich auch nicht geschadet, dass all diese Ereignisse vor der Kulisse einer sehr idealistisch dargestellten Buchhandlung geschehen und dass immer wieder die Liebe zum Lesen oder ein bestimmtes Buch in der Geschichte ein Gespräch oder ein Umdenken bei einer Figur auslösten. Viel mehr gibt es über die Handlung eigentlich nicht zu sagen – der Roman war nett und erholsam, und ich freue mich darauf, ihn irgendwann noch einmal zu lesen.

Kalynn Bayron: You’re Not Supposed to Die Tonight

Ich fürchte, es macht sich gerade bei meinen Rezensionen bemerkbar, dass ich versuche, vor dem Jahresende all die Titel zu besprechen, zu denen ich eigentlich schon vor Monaten etwas schreiben wollte. „You’re Not Supposed to Die Tonight“ habe ich im Juli gelesen, und es ist wirklich das perfekte Buch für eine Sommernacht, in der einen die Hitze nicht schlafen lässt. Die Geschichte dreht sich um Charity Curtis, die seit Jahren während der Sommerferien im Camp Mirror Lake arbeitet. Camp Mirror Lake ist ein ganz besonderes „Ferienlager“, in dem sich die Gäste für eine Nacht fühlen dürfen, als wären sie Teil der Handlung eines Horrorfilms. Die Mitarbeiter von Camp Mirror Lake sind dabei sowohl für die special effects zuständig, mit denen die Gäste geschockt werden, als auch als „Schauspieler*innen“ unterwegs, die dafür sorgen, dass es eine Art Handlung gibt, die die Gäste durch eine Nacht voller Schrecken führt.

Dabei verkörpert Charity in diesem Jahr zum ersten mal das final girl, was nicht nur bedeutet, dass sie jede Nacht die Hauptrolle in der jeweiligen Horrorgeschichte spielt, sondern auch für das richtige Timing all der verschiedenen Schreckmomente für die Gäste verantwortlich ist. Doch in der Nacht, in der die Romanhandlung beginnt, beschleicht Charity der Verdacht, dass jemand anders im Hintergrund die Fäden zieht und nicht jede Blutlache künstlich erzeugt wurde. Gemeinsam mit den anderen Mitarbeitern versucht Charity, mehr über die unheimlichen Gerüchte rund um den Mirror Lake herausfinden, und natürlich tun sie alles, um irgendwie ihre Zeit im Camp zu überleben. Doch das ist gar nicht so einfach, wenn eine Person nach der anderen verschwindet, während ein geheimnisvoller Angreifer es auf sie und ihre Freunde abgesehen hat.

Kalynn Bayron hat mit „You’re Not Supposed to Die Tonight“ eine Horrorgeschichte für Jugendliche geschrieben – was den Roman perfekt für Personen wie mich macht, die normalerweise keinen (Slasher-)Horror konsumieren. Es gibt sehr viele Anspielungen auf Horrorfilme, die auch für mich gut verständlich (und oft genug sogar zuordbar) waren und die ich unterhaltsam fand. Überhaupt habe ich es sehr genossen, in der ersten Hälfte des Buchs von Charitys Begeisterung für dieses Camp zu lesen und von all den (praktischen und künstlerischen) Aspekten, die in die Gestaltung einer solchen Horrornacht für die Gäste einfließen. Ich mag solche „hinter den Kulissen einer Veranstaltung“-Momente in Romanen, und hier sorgte das zusätzlich dafür, dass anfangs nicht genau greifbar war, was nur „Show-Horror“ und was eine aktuelle Bedrohung für die Charaktere war. Außerdem bot dies der Autorin genügend Platz, um die Beziehungen zwischen den verschiedenen Figuren und ihre unterschiedlichen Eigenschaften vorzustellen.

In der zweiten Hälfte ging es für Charity und die anderen dann nur noch darum, zu überleben und mehr über ihre/n Gegner herauszufinden, was die Handlung in eine ganz neue Richtung lenkte. Es gibt einige drastische Szenen, aber nichts davon war so heftig, dass es mir beim Lesen zu viel wurde. Ich war vor allem neugierig darauf, ob (und wenn ja, wie) die jeweiligen Charaktere aus Situationen herauskommen würden, in denen ihr Leben auf dem Spiel stand. Dabei muss ich zugeben, dass ich die eine oder andere Wendung recht vorhersehbar fand, da Kalynn Bayron einige (mehr oder weniger dezente) Hinweise in die vorhergehenden Kapiteln eingebaut hatte. Was mich hingegen überrascht hat, war die Wendung am Ende der Geschichte, und ich bin mir bis heute nicht sicher, was genau ich davon halten soll. Ich denke, es wäre mir lieber gewesen, wenn die Autorin auf diese eine letzte Entwicklung verzichtet hätte. Das wäre dann meinem Gefühl nach auch passender für das Genre gewesen. Auf der anderen Seite ist dieses Ende stimmig, wenn ich all die (weniger realistischen) Elementen in der zweiten Hälfte des Romans in Betracht ziehe, so dass es vielleicht doch der richtige Abschluss für diese Geschichte war.

Insgesamt finde ich es schwierig, eine klare Empfehlung für „You’re Not Supposed to Die Tonight“ auszusprechen. Es gab sehr viele Elemente, die ich bei diesem Roman genossen habe, obwohl ich normalerweise keine Horror-Leserin bin. Ich lese den Schreibstil von Kalynn Baron sehr gern, ich mag, wie sie LGBTQIA+- und Schwarze Charaktere in ihre Geschichten einbaut, und dieser Horrorroman bot mir ein paar überraschend unterhaltsame Lesestunden. Aber wer sich auf dieses Buch einlässt, sollte damit leben können, dass sich die erste und die zweite Hälfte der Geschichte ziemlich unterschiedlich anfühlen. Mir persönlich lagen die realistischeren und alltäglicheren Details rund um die Arbeit in einem solchen „Themen-Champ“ mehr als die sich eher „übernatürlich“ anfühlenden Passagen rund um die Motive, die hinter den Angriffen auf die Camp-Mirror-Lake-Mitarbeiter standen. Wer aber mit diesen sehr unterschiedlichen Schwerpunkten leben kann oder wer eine Schwäche für Slasher-Filme und dementsprechende Anspielungen hat, wird meiner Meinung nach mit „You’re Not Supposed to Die Tonight“ viel Spaß habe.