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Lena Gorelik: Die Listensammlerin

Ich habe keine Ahnung mehr, wie und wo ich über „Die Listensammlerin“ von Lena Gorelik gestolpert bin, aber vor ein paar Wochen meldete mir die Bibliothek, dass das Buch für mich zur Abholung bereit stünde. Gelesen habe ich es dann (mal wieder) am Tag vor der Abgabe und habe so einen sehr intensiven Dienstag mit Sofia, Anna, Flox, Grischa, Anastasia und dem Rest der Familie verbracht.

Auf der einen Seite erzählt „Die Listensammlerin“ von der unglücklichen Autorin Sofia, die seit der Geburt ihrer Tochter keine einzige Geschichte mehr geschrieben hat, mit ihrem Leben nicht zurechtkommt und die ich ehrlich gesagt auch als sehr anstrengend empfunden habe. Sofia ist es auch, die Listen sammelt. Schon von Kindheit an erstellte sie Listen über alle möglichen Dinge, ergänzte und pflegte sie und hob sie auf. Ihre Listen geben ihr Halt, wenn ihr das Leben zu viel wird, wenn es zu einer Ausnahmesituation kommt oder wenn sie etwas verarbeiten muss. Dabei drehen sich die Listen um so gut wie jedes Themengebiet von „Sätze, die ich niemals sagen wollte“ über „Szenen meines Lebens, die aus einem (Hollywood-)Film stammen könnten“ bis zu „Momente, in denen ich Frank [das ist ihr Stiefvater] weinen sah“.

Sofias Passagen erstrecken sich eigentlich nur über wenige Tage. Tage, in denen sie auf die dritte Operation ihrer mit einem Herzfehler geborenen Tochter wartet, in denen sie ihre an Alzheimer erkrankte Großmutter im Pflegeheim besucht, in denen sie die frühere Wohnung der Großmutter ausräumt, in denen sie sich an die vergangenen zwei Jahre erinnert, in denen sie und ihr Freund Flox mit der Krankheit und dem möglichen Tod von Anna fertig werden mussten, in denen sie sich mit ihrem Verhältnis zu ihrer Mutter Anastasia beschäftigt und in denen sie herausfindet, dass sie nicht die einzige Person in der Familie ist, die Listen schreibt.

Der andere Erzählstrang beginnt sehr viel früher in der Sowjetunion und erzählt von Grischa, der mit seinen Eltern, seinem großen Bruder Andrej und seiner kleinen Schwester Anastasia in einer Kommulka lebt. Grischa ist der Klassenclown, ein charmanter Junge, ein begabtes Kind – und gefährlich anders als alle anderen. Grischa hinterfragt Dinge, er will verstehen und wissen und – wie man im Laufe der Geschichte feststellen kann – er lernt nie, seine Fragen zu filtern, er lernt nie, wann er vielleicht besser den Mund halten sollte, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Grischa ist jemand, der anscheinend niemals Angst hat, während gerade dieser Punkt – ebenso wie seine kritische Haltung zum System – seiner Familie umso mehr Angst macht.

Die Kapitel rund um Grischa fand ich wunderschön. Eingeleitet wurden diese von Listen (zum Beispiel von „Männern mit schönen Händen“ oder „Sachen, die ich meiner Mutter wünsche“) und sie erzählten auf eine wunderschöne und sehr liebevolle Weise vom Anderssein, vom Hinterfragen eines Systems wie es in der Sowjetunion herrschte, und von dem Bedürfnis eines Künstlers, sich frei ausdrücken zu können. Überhaupt hat es Lena Gorelik geschafft, wunderschön zu beschreiben, wie Grischa seine Umgebung wahrnimmt, wie er sich die Bilder zu dem Erlebten vorstellt, wie er Stimmungen und Gefühle in Maltechniken (nicht Farben!) empfindet.

Sofia hingegen fand ich nicht so überzeugend. Nicht wegen ihrer Listen, die ich in gewisser Weise charmant fand, sondern weil ich sie als so anstrengend empfunden habe. Dabei muss ich zugeben, dass die Probleme, die ich mit der Protagonisten hatte, die gleichen Probleme waren, die die Protagonistin mit sich selber hatte. Sofia war so schrecklich überempfindlich. Während der aktuellen Szenen konnte ich es noch verstehen, die anstehende Operation belastete sie ebenso wie die Situation ihre Großmutter, zu der sie als Kind ein sehr enges Verhältnis hatte. Aber auch bei den Kindheitsszenen schien sie mir überempfindlich und immer undankbar, immer gereizt, immer bereit zum Angriff – mir fehlte da wirklich ein „schöner“ Ausgleich, ein Charakterzug, der vielleicht erklärt, warum jemand mit dieser Person überhaupt eine Beziehung eingehen würde. Auf der anderen Seite gab es viele Momenten zwischen Sofia und ihrer Familie und auch Grischa und seiner Familie, die wiederum in mir Erinnerungen an meine Familie geweckt haben und die ich als universell familiär empfunden habe.

Lena Gorelik erzählt beide Geschichten sehr episodenhaft. Sie erklärt viele Dinge nicht, gibt am Ende keine Antworten auf bestimmte Fragen, aber gerade das mochte ich, weil es Raum für die eigenen Gedanken bietet und weil die Handlung es auch nicht nötigt hat, dass alles geklärt wird. Wie schon gesagt, habe ich einen sehr intensiven Tag mit dem Buch erlebt und habe das sehr genossen. Auf der anderen Seite muss ich nach gerade mal zwei Tagen feststellen, dass abgesehen von einigen kleinen Szenen und einigen Gefühlen, die ich mit dem Roman verbinde, es eigentlich nur Grischa ist, der sich bei mir festgesetzt hat und der wohl noch ein wenig in Erinnerung bleiben möchte.

[Kurz und knapp] Harald Schneider: Tote Beete (Hörbuch)

„Tote Beete“ von Harald Schneider ist – wie ich im Nachhinein erfahren habe – der zehnte Teil einer Krimiserie rund um den Polizisten Reiner Palzki. Die Romanvorlage ist im Gmeiner Verlag erschienen, die Hörbuchumsetzung bei Radioropa und gelesen wurde das Ganze von Manfred Callsen. Für die Inhaltsangabe bemühe ich mal den Klappentext des Hörbuchs:

„Hauptkommissar Reiner Palzki besucht mit seiner Familie nicht ganz freiwillig die Landesgartenschau in Landau, als plötzlich eine gewaltige Explosion das Gelände erschüttert. Ein Besucher ist tot, ein Gärtnermeister verletzt. Bei seinen Ermittlungen stößt Palski auf dubiose Vorgänge, in die der Gärtner verwickelt war. Aber auch der bekannte Salathersteller, bei dem der Tote als Prokurist arbeitete, hat mehr als ein finsteres Geheimnis …“

Regionalkrimis sind ja immer so eine Sache. Manche finde ich wunderbar (z.B. „Frau Maier fischt im Trüben“), andere zumindest ganz nett und dann gibt es die, bei denen ich mir ernsthaft vornehme nie wieder einen Regionalkrimi anzufassen. Leider gehört „Tote Beete“ zur letzteren Kategorie – was nicht nur meinen Blutdruck in den letzten Tagen regelmäßig in die Höhe getrieben hat, sondern auch dafür sorgte, dass mein Mann sich nach den ersten Minuten weigerte auch noch ein weiteres Kapitel dieses Machwerks zu ertragen.

Sollte unter euch jemand sein, der diese Geschichte (oder die Vorgängerromane) mochte, den bitte ich mir zu erklären, was daran unterhaltsam sein soll! Dass der Kriminalfall unlogisch und banal gestaltet wurde, ist kein Problem für mich, ist dieser Teil der Handlung doch eh in diesem Fall nebensächlich. Was ich aber wirklich schlimm fand, war die Charaktergestaltung. Palzki ist ein aufgeblasender Idiot, der für seine Umwelt nur Verachtung übrig hat, und der Rest der Figuren besteht entweder aus farblosen Randerscheinungen (z.B. seine Kollegen, die im Gegensatz zu ihm wenigstens ab und an arbeiten) und vollkommen abgedrehten Personen, die so extrem „überzogen“ dargestellt werden, dass es einfach nicht mehr witzig ist.

Harald Schneider spielt in seiner Geschichte nicht mit Klischees, sondern arbeitet anscheinend eine Liste mit „witzigen“ Vorurteilen ab. Witze über VegetarierInnen/VeganerInnen? Erledigt! Witze über Frauen, die Handarbeiten? Erledigt! Witze über geldgierige Ärzte? Erledigt! Witze über Vorgesetzte? Erledigt! – und so könnte man endlos fortfahren. Das Ganze ist dabei so platt und billig dargestellt, dass es einfach nicht amüsant ist. Dazu wird jede „humorvolle“ Bemerkung so lange erklärt, dass selbst eine Amöbe irgendwann den „Witz“ dahinter verstanden haben sollte – was es wirklich nicht lustiger macht.

Außerdem ist die ganze Geschichte sehr dialoglastig, was kein Problem wäre, wenn die diversen Figuren eine eigene Stimme hätten. Aber alle Personen klingen gleich, verwenden die gleichen Satzstrukturen, die gleichen Redewendungen und haben die gleiche Art sich auszudrücken. Dazu kommt noch eine unerträgliche Belanglosigkeit der Gespräche, die häufig überhaupt erst deshalb entstehen, weil Palzki quer durch die Gegend fährt, um dann vier Sätze mit einem Zeugen oder Verdächtigen auszutauschen, und dann wieder wegzugehen, weil er keine Lust mehr hat zu arbeiten. Das Ganze ist definitiv nicht meine Art von Humor – und wenn man den Humor nicht mag, dann gibt es wirklich nichts Erträgliches an „Tote Beete“.

Auch wenn mir das Hörbuch so gar nicht gefallen hat, muss ich zugeben, dass Manfred Callsen seine Arbeit – im Rahmen dessen, was die Geschichte nun mal hergibt – gut gemacht hat. Die ganze Zeit hatte der Sprecher einen angemessenen amüsierten Unterton, während er die Geschichte gelesen hat und seine Stimme habe ich als angenehm klar empfunden. Achja, das Hörbuch beinhaltet neben dem Krimi noch drei „Bonus“-Kapitel (übrigens als Extra-Bonus bezeichnet – was ja wohl ein bisschen doppelgemoppelt ist), die eine kurze „Mitrategeschichte“, eine Kurzgeschichte und einen Vortrag des Autors zu seinen Krimis beinhalten. Alles miteinander hält das „Niveau“ des Krimis und ist ebenso „lustig“ anzuhören.

Sina Trinkwalder: Wunder muss man selber machen

Ich habe das Gefühl, dass man an Sina Trinkwalder in den letzten Monaten nicht vorbeikommen konnte – und das nicht nur, weil sie immer wieder in Talkshows zum Thema sozialwirtschaftlich und ökologisch hergestellte Mode zu Wort kommen durfte. Als also ihr Buch „Wunder muss man selber machen – Wie ich die Wirtschaft auf den Kopf stellte“ angekündigt wurde, in dem sie über den Aufbau einer industriell-sozial-ökologischen Modemarke in Augsburg schreibt, war ich neugierig. (Lustigerweise hat das dazu geführt, dass ich nun sagen kann, dass bei meiner Bibliothek nach einem Anschaffungsvorschlag im Oktober zwar schnell die Anschaffungsbestätigung bekommt, es aber bis Anfang März dauert, bis das Buch gekauft, eingearbeitet, foliert usw. ist und in die Ausleihe gelangt.)

Die Autorin beginnt das Buch mit einer Szene in einem Bahnhof, bei der ein Obdachloser ihre weggeworfene Zeitschrift aufsammelt, um Weihnachtsschmuck daraus zu basteln. In diesem Moment wird ihr bewusst, dass sie in ihrem Beruf unzufrieden ist. So erfolgreich das mit ihrem Mann gegründete Werbeunternehmen auch ist: Ihr Job befriedigt sie nicht mehr. Stattdessen beschließt sie, eine neue Firma zu gründen, eine Firma, in der von der Gesellschaft benachteiligte Menschen einen Job finden können. Es dauert einer Weile, bis sie sich entschließt, in die Textilproduktion einzusteigen, aber dann fällt sie ihre Entscheidungen recht schnell – was wohl vor allem deshalb möglich ist, weil ihr das eigentlich für so einen Schritt vorausgesetzte Hintergrundwissen fehlt und sie deshalb viele Hindernisse nicht im Vorhinein absehen kann.

Sie investiert viel Energie, Zeit und Geld in diesen Traum von einem Textilunternehmen, in dem industriell Mode hergestellt wird – von Angestellten, die nicht nur eine gute Bezahlung erhalten, sondern auch die Sicherheit eines unbegrenzten Vertrags, eine respektvolle Behandlung und das Gefühl, dass sie ein gewisses Mitspracherecht haben. Das alles finde ich überaus anerkennenswert, vor allem, da Sina Trinkwalder sich auch auf die Fahne geschrieben hat, dass ihre Produkte aus Materialien hergestellt werden, die in Deutschland mit Bioqualität produziert wurden. Oh, und wer einen Blick in den Onlineshop von „manomama“ wirft, der sieht auch, dass die Sachen sogar zu sehr moderaten Preisen angeboten werden.

Das ändert aber nichts daran, dass ich mich nach dem Lesen des Buches fragte, was mir das nun gebracht hat. Letztendlich stand in dem Buch – von den persönlichen Anekdoten und Details zu enttäuschenden Terminen mit Politikern und Behörden mal abgesehen – kaum mehr als auf der Infoseite des Onlineshops. Wer sich also für das Thema interessiert, wird in „Wunder muss man selber machen“ keine neuen Anregungen finden, und wer sich damit nicht auseinandersetzt, der wird eh nicht zu so einem Buch greifen. Es gibt keine tiefergehenden Hintergründe zur aktuellen ökologischen Produktion von Fasern und Stoffen in Deutschland – was ich wirklich sehr spannend gefunden hätte, gerade weil man als „normaler Verbraucher“ da eigentlich keine belegbaren Informationen findet – oder handfeste Beispiele von Dingen, die man vielleicht beachten sollte, wenn man selbst gern ein ähnliches Projekt auf die Beine stellen würde. Stattdessen bleibt das Gefühl, dass Sina Trinkwalder sich sehr blauäugig, aber dafür mit viel Glück und vielen tollen Menschen, die ihre Fehler ausbügelten und ihre Ziele und Träume wahr werden ließen, auf den Weg gemacht hat.

Christine Drews: Schattenfreundin

„Schattenfreundin“ von Christine Drews habe ich vor einer Weile gelesen, weil ich immer ganz gerne einen Versuch mit Debütromanen von deutschen Autoren wagen – vor allem wenn die Geschichten in Gegenden spielen, die ich ein wenig kenne. Wenn ich die Verlagsangaben richtig interpretiert habe, dann soll dieser Kriminalroman der Auftakt einer Reihe rund um die Polizisten Charlotte Scheidmann und Peter Käfer werden, umso mehr hatte es mich erstaunt, dass die beiden Ermittler erst einmal gar keine Rolle in der Handlung gespielt haben.

Stattdessen lernt man Katrin Ortrup kennen, die gerade erst wieder mit Mann und Kind nach Münster gezogen ist, wo auch ihre Mutter lebt. Schnell bekommt der Leser mit, dass Katrins Ehe mit Thomas nicht gerade die beste ist. Während er sich auf die Karriere konzentriert, darf sie sich um ihren eigenen Job als Physiotherapeutin, das Renovieren und Einrichten des neuen Hauses und natürlich um ihren Sohn Leo kümmern. (Ich fand es übrigens beim Lesen etwas überzogen, dass Thomas von Anfang an so unsympathisch dargestellt wurde und somit schon als potentieller „Tatgrund“ präsentiert wurde, bevor noch irgendetwas passiert war.)

Da Katrin so unzufrieden mit ihre Leben ist, freut sie sich umso mehr, als sie über Leos Kindergarten Tanja Weiler trifft. Die hat einen ebenfalls dreijährigen Sohn, der häufig mit Leo spielt. So bietet es sich natürlich an, dass die beiden Frauen etwas Zeit miteinander verbringen, während die beiden Kinder miteinander beschäftigt sind. Und als Katrin wegen eines Notfalls einen Babysitter für Leo benötigt, steht Tanja selbstverständlich zur Verfügung – und nutzt die Gelegenheit, um den kleinen Jungen zu entführen.

Da man aufgrund des Klappentextes von Anfang an weiß, dass dies passieren wird, fand ich den Beginn der Geschichte wirklich spannend. Obwohl die sich anbahnende Freundschaft zwischen den beiden Frauen ganz realistisch beschrieben wurde, war mir – als misstrauischer Leser mit Vorwissen – die ganze Zeit bewusst, dass Katrin eigentlich so gut wie gar nichts über Tanja weiß. Gleichzeitig habe ich natürlich jeden einzelnen Satz dieser neuen „Freundin“ unter die Lupe genommen und überlegt, ob die zukünftige Täterin nicht vielleicht doch mit irgendeinem Wort oder Nebensatz etwas über ihr Motiv verrät.

Als die Entführung dann wirklich passiert war und Charlotte Scheidmann (ihr Kollege bleibt so profillos, dass er für mich in dem Buch keine Rolle spielte) die Ermittlungen aufnimmt, gibt es so gut wie keine Anhaltspunkte für die Suche nach Leo. Das führt dazu, dass die Handlung etwas zäh voranschreitet, während man sich als Leser nun mit Charlotte, ihren Kindheitserinnerungen und ihrer Beziehungsunfähigkeit beschäftigen darf. Das verleiht der Polizistin zwar etwas mehr Charakter, lässt die Spannung aber noch weiter abflauen.

Letztendlich war es mir fast egal, was mit Leo passierte. Ich habe weder um den Jungen, noch um seine Familie gebangt, emotional hat mich die ganze Geschichte wirklich gleichgültig gelassen. Auf der anderen Seite fand ich es schon unterhaltsam, dass ich mir Gedanken um die Hintergründe der Tat machen und jede noch so nebensächliche Aussage auf Hinweise überprüfen konnte. Die Frage nach der Motivation der Täterin war es dann auch, die mich das Buch bis zum Ende hat lesen lassen – was mir zur Belohnung sogar noch einen etwas rasanteren Schluss eingebracht hat. 😉

Aufgefallen ist mir auch noch, dass Christine Drews sich sehr auf die Frauenfiguren in ihrem Roman konzentriert. Katrin und Charlotte bekommen einen etwas ausgearbeiteten und interessanteren Hintergrund, während die weibliche Nebencharaktere zwar recht klischeehaft beschrieben sind, aber man auch gerade deshalb sofort ein recht konkretes Bild von ihnen vor Augen hat. Bei den Männern hingegen fehlt mir jegliche Kontur. Peter Käfer ist total farblos und nebensächlich und Thomas Ortrup wird kurz als egoistischer Mistkerl präsentiert und verschwindet dann im Hintergrund. Das Schlimmste ist aber für mich, dass die beiden männlichen Figuren, die letztendlich eine entscheidenden Rolle in der Geschichte einnehmen, eigentlich gar keinen Raum in der Handlung bekommen.

Trotz all meiner Kritikpunkte fand ich den Roman jetzt nicht schlecht, er hat mich nur nicht richtig fesseln können oder gar einen langanhaltenden Eindruck hinterlassen (oh je, das klingt auch vernichtender als es gemeint ist). Ich würde auf jeden Fall irgendwann noch einmal einen Roman der Autorin antesten, um zu gucken, ob sie das mit der Spannung mit etwas Übung noch besser hinbekommt.

Sabine Rennefanz: Eisenkinder – Die stille Wut der Wendegeneration

Auf „Eisenkinder“ bin ich über JED aufmerksam geworden, die mir das Gefühl gegeben hatte, dass dieses Buch einen ganz guten Eindruck in die Gedankenwelt derjenigen bietet, die in der DDR aufgewachsen sind und die beim Fall der Mauer noch am Anfang ihres beruflichen Lebens standen. Als jemand, der in einem kleinen Ort in NRW aufgewachsen ist, habe ich zwar damals die Berichterstattung im Fernsehen verfolgt, aber nicht sehr viel von der „Wiedervereinung“ mitbekommen. Ich habe mich über die Dinge aufgeregt, die man über die Treuhand erfahren hat, und in den ersten Jahren mit meinem Vater seine Verwandschaft in Leipzig besucht und wenig später während des Studiums Freundinnen gefunden, die aus Ostdeutschland kamen, aber Ost- oder Westherkunft war zwischen uns damals kein Thema. Es gab zu viele aktuellere Dinge, die uns damals beschäftigten – oder zumindest ging es mir so.

Nach dem Lesen von „Eisenkindern“ finde ich vieles befremdlich. Obwohl ich einige Sachen nachvollziehbar finde und in dem Alter zum Teil selbst das gleiche Gefühl von Hilflosigkeit und Verlorenheit verspürt habe, fallen mir vor allem die Unterschiede im Umgang mit diesen Gefühlen auf. Dabei sind es wieder einmal die – für die Autorin – Alltäglichkeiten, die mich irritiert haben, wie etwa die Selbstverständlichkeit, mit der Sabine Rennefanz als Schülerin die politisch erwünschten, aber unwahren Antworten bei einem wichtigen Gespräch mit einer Schuldirektorin gab. Diese … hm … Diplomatie hätte ich in dem Alter vermutlich nicht aufgebracht – vielleicht auch, weil es einfach in meinem Umfeld so nicht notwendig gewesen ist. So eine – recht nebensächlich geschilderte – Szene fand ich im Nachhinein deutlich beeindruckender als die lang und breit beschriebenen Entwicklungsphasen der Autorin.

Auf der anderen Seite sind es oft nicht die Ost-West-Unterschiede, die mich irritieren, sondern Charaktereigenschaften, die Sabine Rennefanz in dieser Biografie offenlegt. Das wiederum hat es mir sehr schwer gemacht, mich auf die Passagen zu konzentrieren, die mehr über den Wechsel von der DDR in einen – mit der Situation überforderten – deutschen Gesamtstaat erzählten. Trotzdem fand ich es ganz faszinierend, von der Verunsicherung der Autorin zu lesen. Mir war zwar bewusst, dass ein solch „kontrolliertes“ Leben wie in der DDR auch einiges an Sicherheit bietet – so betont Sabine Rennefanz immer wieder, dass ihr Leben allein schon durch die Aufnahme an einer Elite-Schule auf Jahre gesichert und festgelegt gewesen wäre. Dass daraus aber auch folgte, dass eine so chaotische und ungewisse Phase wie die Jahre der Wende Ängste und Überforderung hervorrufen kann, habe ich mir vorher nicht bewusst gemacht.

Dies wiederum hat wohl bei ihr (und anscheinend einer Menge anderer Jugendlicher) zu der Zeit dazu geführt, dass sie auf extreme Gruppierungen reingefallen ist. Bei Sabine Rennefanz war es die Religion, bei anderen – wie sie immer wieder einfließen lässt – rechtsradikale Gruppen. Aber ich fürchte, dass hier dann meine „West-Arroganz“ durchkommt, denn ich kann noch verstehen, dass man anfangs neugierig ist oder aus Protest mit radikalem Gedankengut kokettiert (und da ist es mir egal, ob religiös oder politisch oder sonst etwas) wird – ähnliches habe ich als Jugendliche genauso in meinem „Westumfeld“ erlebt. Aber mir fehlt das Verständnis für … hm … ein längeres Aufrechterhalten eines solchen Lebens. Letztendlich gibt es eben Erfahrungen, die ich nie werde nachvollziehen können, nicht nur weil sich eine Ost- und eine Westjugend doch in einigen gravierenden Dingen voneinander unterschieden haben.

Vielleicht liegt es an der persönlichen Perspektive der Autorin, vielleicht hätte mich das Buch mit weniger Fragen zurückgelassen, wenn „Eisenkinder“ ein neutrales Sachbuch und weniger ein biografischer Rückblick gewesen wäre oder wenn Sabine Rennefanz auch die Erfahrungen anderer Personen gesammelt und mit ihren eigenen verglichen hätte. Bei vielen Punkten frage ich mich, ob das ein „Ostjugendlicher“ genauso empfunden hat, der vielleicht in einem kritischeren Elternhaus oder in einer größeren Stadt aufgewachsen ist. Oder ob die Autorin vielleicht doch den Einfluss ihrer Eltern unterschätzt, denn am Ende erzählt sie von ihrem kleinen Bruder, der eine Zeitlang mit der rechten Szenen liebäugelte, weil die ihm damals so cool vorkam, und der von der Mutter anscheinend problemlos davon abgebracht werden konnte.

Ich hätte gern mehr darüber erfahren, gerade weil Sabine Rennefanz in ihrem Buch immer wieder auf die Zwickauer Terrorzelle zurückkommt. Auch fehlte mir bei vielen Passagen eine „objektivere“ Sichtweise auf das Geschehen: Die von Sabine Rennefanz geschilderten Vorkommnisse sind lange genug her, um auch mal kritischer mit den eigenen Gedanken und Gefühlen umgehen zu können. Immer scheint sie von sich auf andere zu schließen, andere Erlebnisse und Reaktionen auf die Wende als ihre eigenen scheint es nicht gegeben zu haben. Ebenso fehlt mir zumindest ein Absatz zum Thema Stasi/Bespitzelung oder ähnliches. Für Sabine Rennefanz scheint das nie ein Thema gewesen zu sein, aber selbst sie als „unbelastete“ Jugendliche oder später als eher „verstörte“ Studentin nach dem Mauerfall muss sich doch irgendwann einmal Gedanken darüber gemacht haben. In ihrem Buch gibt es keine Auseinandersetzung mit den negativen Seiten der DDR.

Doch auch wenn ich nach dem Lesen von „Eisenkindern“ unbefriedigt zurückbleibe, so hat das Buch doch dafür gesorgt, dass ich mich mit einer Freundin über diese Zeit (und das Buch) ausgetauscht habe, was ich sehr interessant fand.

Wer jetzt gerne einmal eine „Ostmeinung“ zu dem Buch lesen würde, der findet HIER JEDs Meinung zu dem Titel.

Susanne Goga: Die Tote von Charlottenburg

Über Hanne bin ich über das Buch „Die Tote von Charlottenburg“ gestolpert und hat mir dann aus lauter Neugier den Roman in der Bibliothek vorbestellt. Der Titel ist schon der dritte Roman rund um den Kommissar Leo Wechsler, aber ich hatte beim Lesen nicht das Gefühl, dass ich relevante Dinge verpasst hätte oder der Geschichte nicht folgen könnte, weil ich die ersten Teile nicht kannte.

Die Handlung setzt im Juli 1923 bei einem Urlaub in Hiddensee ein, den Kommissar Leo Wechsler gemeinsam mit seiner Freundin Clara Bleibtreu verbringt. Eines Morgens lernt Clara am Strand eine ungewöhnliche Frau kennen, die Ärztin Henriette Strauss. Obwohl sich die beiden Frauen nur kurz unterhalten, hinterlässt die Medizinerin einen nachhaltigen Eindruck bei Clara und so erzählt sie auch Leo von dieser Begegnung. Nur wenige Wochen später wird Leo gebeten in einem dubiosen Todesfall zu ermitteln, da sowohl der Hausarzt, als auch der Neffe der Toten befürchten, dass nicht eine einfache Lungenentzündung, sondern eine unnatürliche Einwirkung von Außen zum Tod der engagierten Ärztin Henriette Strauss geführt haben.

Ich muss zugeben, dass ich den Kriminalfall nur so ganz nett fand. Obwohl es so einige Verdächtige gibt, die alle ihren Grund gehabt hätten,  um der Ärztin Übles zu wollen, fand ich diesen Aspekt des Roman etwas zu sehr vorhersehbar. Sowohl die Hintergründe des Mordes, als auch die Ausgangssituation, die dazu geführt hat, lagen für mich viel zu schnell auf der Hand. Trotzdem habe ich „Die Tote von Charlottenburg“ sehr gern gelesen und mich gut unterhalten gefühlt. Susanne Goga hat für ihren Roman nicht nur realistische Figuren geschaffen, die mit ihren Stärken und Schwächen stimmig wirken und zum Teil schnell meine Sympathie hatten, sondern sie hat sich auch mit einem sehr interessanten Teil der deutschen Geschichte befasst.

Während man als Leser Leos Ermittlungen verfolgt, wird man mitten ins Berlin der 20er-Jahre geworfen. Hier herrscht durch die extreme Inflation, die Arbeitslosigkeit und politische Instabilität eine explosive Stimmung. Es gehört inzwischen zum erschreckenden Alltag, dass Kinder verhungern, weil sich die Eltern kein Essen mehr leisten können. Die Menschen verhökern ihr letztes Hab und Gut, um noch etwas Geld für Lebensmittel zu bekommen und für einen einzigen Brotkauf muss man mit einer ganzen Tasche voll Papiergeld zahlen.

Unter diesen Umständen ist es auch nicht verwunderlich, dass immer mehr Frauen heimlich einen Weg suchen, um eine verbotene Abtreibung durchführen zu lassen. Was wiederum zu der Ärztin Henriette Strauss führt, die in einer Beratungsstelle für schwangere Frauen gearbeitet hat. Über diese Figur gelingt es der Autorin nicht nur einen kleinen Einblick in den umstrittenen Forschungsbereich in Krankenhäusern zu bieten, sondern auch eindringlich zu zeigen wie die Stellung der Frau zu dieser Zeit in der Gesellschaft war. Und auch der immer wieder aufflackernde Hass gegen Juden in der Bevölkerung, der durch den aufkommenden Nationalsozialismus noch angefacht wird, wird durch einen jüdischen Mitarbeiter von Leo gut in die Geschichte eingebunden.

Diese historischen Aspekte sind es dann auch, die „Die Tote von Charlottenburg“ so spannend machen. Susanne Goga erzählt in ihrem Roman eigentlich nichts Neues, aber ihr gelingt es die kleinen bekannten Details so zu verknüpfen, dass sie für den Leser realer werden. Man spürt die Frustration der Menschen, kann sogar ein wenig verstehen, wie es zu Ausschreitungen kommen kann und ist verzweifelt, weil man als Leser schon weiß, dass es nicht besser wird für die Menschen. Und es ist einfach ein Unterschied, ob man in einem Sachbuch über den Wertverlust des Geldes liest oder ob man in einem Roman den Alltag der Figuren unter diesen Umständen miterleben kann.

Auch hat es mir gefallen wie die Autorin die Charaktere angelegt hat. Obwohl Leo und Clara und Henriette Strauss (über die man im Laufe der Geschichte sehr viel erfährt) sehr intelligente und aufgeschlossene Menschen sind, sind sie doch Figuren ihrer Zeit. Sie haben – bei aller Offenheit für andere Meinungen – ihr Vorurteile, ihre auch mal beschränkten Vorstellungen vom Leben und ihre Ängste und Befürchtungen. Ein ganz einfaches Beispiel dafür ist Leos Unverständnis gegenüber Clara, als er sie bittet seine Frau zu werden. Ihm ist nicht bewusst, dass eine „normale Ehe“ für Clara eine Art Rückschritt wäre, nachdem sie sich von ihrem ersten Mann hatte scheiden (und somit die gesellschaftliche Ächtung über sich hatte ergehen) lassen und sich ein selbstständiges Leben aufgebaut hat.

Alles in allem hat mich „Die Tote von Charlottenburg“ als Kriminalroman zwar nicht so packen können, aber dafür hat mich das Buch als historischen Roman so weit überzeugt, dass ich die Augen nach weiteren Titeln von der Autorin aufhalten werde.

P.S.: Ich zähle den Roman für den Punkt „Feindschaft/Rivalität“ für die Themen-Challenge, da Rivalität ein Grund für den Mord war. Leider kann ich in diesem Text nicht direkt darauf eingehen, weil ich sonst die eh schon etwas arg offensichtige Lösung für diesen Mord bestätigen würde.

Jessica Kremser: Frau Maier fischt im Trüben

In letzter Zeit bin ich an Romanen, die nach deutschem Regionalkrimi klangen, eher vorbeigegangen. Irgendwie hatte ich davon ein paar zu viel und so langsam kam das Gefühl auf, dass immer mehr auf „Humor“ gesetzt wird statt auf Regionalität oder gar eine stimmige Kriminalgeschichte. Trotzdem hat mich die Inhaltsbeschreibung von „Frau Maier fischt im Trüben“ nicht so recht losgelassen, obwohl das Buch vom Verlag als „Chiemgau-Krimi“ bezeichnet wird. Und ich bin ehrlich froh, dass ich meine Vorurteile lange genug überwunden habe, um mit Frau Maier auf Mörderjagd zu gehen.

„Frau Maier fischt im Trüben“ von Jessica Kremser ist ein wunderbar leiser Krimi, bei dem es mir beim Lesen weniger um die Identität des Täters ging als um die Protagonistin. Frau Maier lebt seit ihrer Kindheit in dem kleinen Ort Kauzing am Chiemsee. Obwohl sie auch mit über sechzig Jahren immer noch die „Zugezogene“ ist und kaum Kontakte im Ort hat, ist sie dort fest verwurzelt. Als Putzfrau hat sie ein sehr bescheidenes Auskommen und wenn sie nicht eine Hütte am Seeufer von ihren Eltern geerbt hätte, so würde sie trotz ihres wenig anspruchsvollen Lebensstils nicht zurechtkommen.

Es gibt eigentlich nur vier Dinge, an denen ihr Herz hängt: Elvis, gutes Essen, ihre Katze und der Chiemsee. Den See beobachtet sie nun schon seit vielen Jahrzehnten, so auch an dem Morgen, an dem sie und ihre Katze am Ufer einer Leiche finden. Da Frau Maier kein Telefon in ihrem abgelegenen Häuschen hat, läuft sie in den Ort, um die Polizei zu rufen – und in der Zwischenzeit verschwindet die Tote. Für die Behörden steht so schnell fest, dass sie es mit einer verwirrten alten Frau zu tun haben, die ihnen Ärger macht, um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen.

So sieht sich Frau Maier gezwungen zu beweisen, dass sie wirklich eine Leiche gefunden hat – vor allem, da sie die Tote auch erkannt hatte und sich nun fragt, warum jemand die Frau ermordet haben könnte. Um den Mörder, der ihr Nacht für Nacht mit boshaften Streichen Angst einflößen will, zu finden, nutzt Frau Maier nicht nur die Quellen, die ihr als Putzfrau zur Verfügung stehen. Sie erkennt auch wie nützlich es nun ist, dass sie ihr Leben lang eine Beobachterin am Rande der Ortsgemeinschaft war und wie viel Wissen sie auf diese Weise über ihre Nachbarn gesammelt hat.

Mir persönlich hat das Eintauchen in Frau Maiers Welt richtig gut getan und ich hatte die einsame Frau schon nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen. Frau Maier ist durch und durch bodenständig, hat ihre täglichen Rituale, liebt die Natur (vor allem den See vor ihrer Tür) und geht jedes Problem wunderbar sachlich an. Einzig ihre Gefühle für den – schon lange mit einer anderen verheirateten – Fischer-Karli und ihre Leidenschaft für Elvis verrät, dass auch sie in ihrem Leben Träume und Wünsche hatte, die sie aber tief in ihrem Herzen verschließen musste.

Stück für Stück erfährt man als Leser mehr über Frau Maier und während sich die Situation zwischen ihr und dem Mörder immer weiter zuspitzt, verändert sich die alte Frau unmerklich. Hatte sie ihr ganzes Leben lang versucht keine Aufmerksamkeit zu erregen, so muss sie nun bewirken, dass man sie wahrnimmt und ihre Aussagen ernst nimmt. Die Suche nach dem Mörder und den Hintergründen der Tat sorgt dafür, dass auch ihre Sicht auf ihre Person ändert und dass sie Fähigkeiten an sich entdeckt, die sie sich nie zugetraut hätte.

Dabei wird Frau Maier – ebenso wie die Figuren in ihrer Umgebung – angenehm realistisch beschrieben. Sie ist eine alte Frau mit Zipperlein, leichten Gewichtsproblemen und Angewohnheiten, die nur schwer abzulegen sind. Mal musste ich beim Lesen an meine Großmutter denken, mal an eine alte Nachbarin und so gut wie nie kam mir eine Szene überzogen oder künstlich vor. Auch die Ortsgemeinschaft wird von der Autorin stimmig dargestellt. Anfangs kam es mir zwar etwas extrem vor, dass Frau Maier nach all den Jahren so wenig Kontakt gefunden hatte, aber durch ihre Persönlichkeit und die Zeit, in der sie und ihre Eltern an den Chiemsee gezogen waren, ließ sich auch das ganz gut erklären.

Einzig das Motiv des Täters hat mir nicht so gut gefallen (hach, jetzt würde ich wirklich gern mal spoilern), aber damit konnte ich leben, weil ich diese leise und unterhaltsame Geschichte rund um Frau Maier so genossen habe.

[Kurz und knapp] Ella Theiss: Neben der Spur

Ich muss gestehen, dass mich „Neben der Spur“ irgendwie auf dem falschen Fuß erwischt hat. Anders kann ich es mir zumindest nicht erklären, dass ich online nur lobende Äußerungen finde, während ich weder von der Geschichte noch von den Figuren begeistert bin. Dabei hatte ich schon bei „Die Spucke des Teufels“ von der selben Autorin ein paar Probleme mit den Charakteren, was aber nicht schlimm war, weil die restliche Handlung, die historische Atmosphäre und die Grundidee so toll waren, dass mich das Buch noch einige Zeit beschäftigt hat. Letztendlich war ein so positiver und interessanter Eindruck geblieben, dass ich mich wirklich auf den neuen Roman von Ella Theiss gefreut hatte. Und eine Biosuppen-Firma als Schauplatz klang in meinen Ohren auch reizvoll …

Um euch einen Eindruck von Inhalt zu vermitteln, gibt es hier einmal den Klappentext:

„Die junge Journalistin Karo Rosenkranz heuert bei der Biosuppenfirma Hepp in der PR-Abteilung an. Schon bald stößt sie auf Ungereimtheiten: Der hundertjährige Senior verschweigt etwas aus seiner Vergangenheit. Der designierte Firmenchef Valentin Hepp ist mit unbekanntem Ziel verreist, was kaum jemanden zu stören scheint. Zudem haben sich die Hepps erst kürzlich in eine Mega-Hühnerfarm eingekauft – wie passt das in das Konzept eines angeblich tierschutznahen Unternehmens? Karo ist überzeugt: Das gibt eine ganz dicke Story! Dabei befindet sie sich längst in tödlicher Gefahr …

Leider hatte ich von Beginn an ein Problem mit der Hauptfigur von „Neben der Spur“. Karo Rosenkranz ist relativ skrupellos, voller Vorurteile, besessen davon, keine Kalorien zu sich zu nehmen, und wenn sie sich nicht wirklich nett um die behinderte Tochter ihrer Nachbarin und den alten Firmengründer kümmern würde, dann würde ich so schnell keinen sympathischen Zug von ihr nennen können.

Auch mit den restlichen Figuren war ich nicht glücklich. Natürlich gibt es in dieser Biosuppenfirma die lästige, esoterisch angehauchte Frau, die jedem mit ihrer Hilfsbereitschaft auf den Leib rückt (und dementsprechend auf die Nerven geht). Dann den gutmütigen, betriebsblinden und etwas altmodischen treuen Mitarbeiter, die Firmenerbin, die lieber Konzertpianistin geworden wäre, ihr junge, naiver und idealistischer Neffe, der zu blöd ist, um sich über irgendetwas Gedanken zu machen, und viele andere Charaktere, denen ich am liebsten rechts und links etwas um die Ohren gehauen hätte.

Die Hintergrundgeschichte fand ich jetzt auch nicht so schwierig zu durchschauen und einige Ereignisse aus der Vergangenheit konnte man sich – wenn man sich die Persönlichkeit des alten Firmenchefs vor Augen führt – auch ganz gut zusammenreimen. Am Ende gab es noch ein paar überraschende Entwicklungen, aber die waren vor allem deshalb so unvorhersehbar, weil die handelnden Personen bis zu dem Zeitpunkt von der Autorin etwas stiefmütterlich behandelt worden waren.

Vielleicht hängt ein Teil der guten Meinungen auch damit zusammen, dass sich Ella Theiss in diesem Buch mit der Nazizeit auseinandersetzt oder weil die Autorin den Einsatz von behinderten Menschen als wissenschaftliche/medizinische Versuchsobjekte thematisiert. All das sind wichtige Punkte, mit denen man sich immer wieder auseinandersetzen sollte. Aber auf der anderen Seite habe ich genau diese Aspekte in anderen (Kriminal-)Romanen schon deutlich aufrüttelnder und berührender vorgefunden.

Ich muss gestehen, dass mich all die oben genannten Kritikpunkte besonders deshalb ärgern, weil ich mich auf das Buch wirklich gefreut hatte. Immerhin sorgt der Schreibstil dafür, dass die Geschichte flüssig zu lesen ist, und hier und da musste ich – trotz aller Nörgelei – auch schmunzeln. Aber auch die nette Erzählweise hat mich nicht so recht zum Weiterlesen motivieren können, so dass ich zwei Anläufe benötigte (und den Roman dann vor allem beendet habe, weil ich es mir dann ernsthaft für einen Nachmittag vorgenommen hatte). Immerhin könnte ich mir vorstellen, dass Ella Theiss in diesem Stil eine amüsanten Chick-Lit-Geschichte erzählt – nur die Klischees sollte sie da bitte nicht ebenso sehr ausreizen wie in „Neben der Spur“.

[Kurz und knapp] Melanie Lahmer: Knochenfinder

Klappentext: 

Ein Schüler verschwindet spurlos. Wenig später wird in einem Geocaching-Versteck im Rothaargebirge ein Finger gefunden, und an der Schule des Vermissten kursieren brutale Gewaltvideos. Kommissarin Natascha Krüger und ihre Kollegen suchen nach einem Täter – und ahnen nicht, welches grausame Spiel dieser mit ihnen spielt. Denn kurz darauf gibt es einen weiteren Geocaching-Fund …

Theoretisch könnte man fast jeden Krimi unter den Oberbegriff „Suche“ packen, da im Großteil dieser Romane die Suche nach dem Täter im Mittelpunkt steht. Aber ich habe „Knochenfinder“ nicht wegen des Krimianteils für diesen Punkt der Themen-Challenge ausgewählt, sondern wegen der Passagen rund ums Geocaching. Es gelingt Melanie Lahmer, diesen Teil ihrer Geschichte sehr reizvoll zu schildern, gerade in den Szenen, in denen es um Caches geht, bei denen der Suchende auch noch Rätsel zu lösen hat oder sich wie bei einer Schnitzeljagd von Hinweis zu Hinweis bewegt, um am Ende den Cache in die Finger zu bekommen, der die eigentliche „Beute“ darstellt.

Was die restliche Geschichte angeht, so habe ich mich ganz gut unterhalten gefühlt. Kein Roman, der mich mitreißen konnte, aber auch keine Enttäuschung. Die Hauptfigur Natascha Krüger wurde von der Autorin – ebenso wie ihre diversen Kollegen – recht sympathisch angelegt, die Handlung war nicht atemberaubend, hat mich aber immer wieder fesseln können, und ihre Heimat Siegen, wo der Roman spielt, hat Melanie Lahmer sehr liebevoll geschildert. Trotz diverser Details zur Stadt, ihrer Geschichte und ihrer Umgebung hatte ich nicht das Gefühl, dass ich hier einen Regionalkrimi in der Hand hätte – was jetzt vermutlich zu einer Diskussion über die Definition von Regionalkrimi führen könnte. 😉 Stattdessen hatte ich den angenehmen Eindruck, dass da jemand über etwas Vertrautes schreibt, ohne damit zu übertreiben.

Doch bei all den netten Charakteren und den persönlichen Szenen (zum Beispiel zwischen Natascha und ihrem dreibeinigen Kater Fritz oder die, in denen der Leser mehr über das Familienleben von Nataschas Vorgesetztem Winterberg erfährt), fehlte mir das richtige Mitratenkönnen bei diesem Krimi. Es gab eine Menge Personen, die nur kurze Auftritte hatten, und obwohl ich das Buch an einem Tag gelesen habe, gab es immer wieder Momente, in denen ich zurückblättern musste, weil ich mir nicht mehr sicher war, ob ich jetzt die richtige Figur dem richtigen Gespräch zuordnete – und das passiert mir sonst wirklich sehr selten. Bei all der Masse an Dialogen, Wiederholungen von Informationen, Figuren und mehr oder weniger relevanten Hinweisen und Überlegungen blieben bei mir zwar viele Eindrücke zurück, aber vieles davon war nicht greifbar genug, um den Charakteren genug Profil zu verleihen oder mir das Gefühl zu geben, ich könnte mitermitteln.

Und am Ende empfand ich den Täter und sein Motiv als unglaublich unbefriedigend. Ich muss als Leser nicht unbedingt die Gründe für ein Verbrechen nachvollziehen können, aber ich erwarte vom Autor, dass er mir glaubhaft vermittelt, dass der Täter aus einer bestimmten Motivation heraus handelt. Und egal, wie gestört, besessen, wütend, dumm oder was auch immer der Verbrecher ist, ich mag am Ende einer Geschichte nicht dasitzen und mich fragen, ob das wirklich alles gewesen sein soll. Selbst wenn es vielleicht realistischer ist, dass ein Motiv für einen Außenstehenden nicht stimmig zu sein scheint, so sollte es in einem Krimi, bei dem einige Passagen auch aus der Sicht des Täters geschrieben sind, für den Leser nachvollziehbar sein.

Trotz dieses für mich frustrierenden Endes ist „Knochenfinder“ ein solides Debüt – und ich hoffe sehr, dass es irgendwann einen zweiten Roman von Melanie Lahmer geben wird, der zeigt, dass sie nicht nur realistische Ermittlungen, interessante Details über diverse Themengebiete und sympathische Charaktere präsentieren kann, sondern auch eine mitreißendere Handlung mit einem überzeugenderen Bösewicht.

Nachtrag: Beim Thema „Geocaching“ kommt mir zur Zeit übrigens als erstes „Fünf“ von Ursula Poznanski in den Sinn (welches ich hoffentlich auch bald lesen kann). Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, dass zwei Romane mit diesem Thema so zeitnah veröffentlicht wurden, finde es aber interessant, dass Melanie Lahmer am Ende ihres Buches einen recht deutlichen Verweis auf „Erebos“ eingebaut hat. 😉

Marina Heib: Puppenspiele

Beim Inhalt begnüge ich  mich ausnahmsweise mal wieder mit dem Klappentext des Romans:

Eine rote Narbe über dem Herzen und ein Spiegel in der Hand. Ein Serienkiller veranstaltet eine besonders grausame Inszenierung mit seinen jungen Opfern. Welche Botschaft steckt dahinter? Christian Beyer und sein Team decken ein skrupelloses Spiel um Geld und wissenschaftlichen Fortschritt auf, das seinen tödlichen Tribut fordert.

Ich habe mir den Krimi „Puppenspiele“ in der Bibliothek  mitgenommen, weil ich auf mehreren Seiten recht lobende Worte zu dem Titel gelesen hatte und neugierig war. Im Moment habe ich große Lust auf Kriminalromane und ebenso große Lust, mal wieder einen deutschen Autor für mich neu zu entdecken. Obwohl „Puppenspiele“ schon der vierte Band um Hauptkommissar Christian Beyer ist, hatte ich überhaupt keine Probleme mit der Handlung und kam gut mit dem eingespielten Team der „Soko Bund“ zurecht. Außerdem hat mir die klare und zum Teil schon fast zu direkte Sprache der Autorin gefallen.

Auch fand ich die kleinen Momente, in denen deutsche Städte beschreiben wurden, angenehm atmosphärisch und stimmig. Die vielen Perspektivwechsel fielen für mich unter „gewohntes Stilmittel“ und gaben nicht nur Einblick in die Arbeit der Ermittler, sondern auch in die Ansichten und Gedanken anderer Personen, die (mal mehr, mal weniger) in den Fall verwickelt waren, so dass sich die Geschichte aus vielen kleinen Puzzlestückchen zusammensetzte. Soweit alles schön und gut, aber trotz der positiven Punkte an diesem Krimi habe ich mich regelrecht durch diesen Roman gequält und mich dabei ertappt, dass ich lieber eine zufällig laufende Kirchendoku (normalerweise gar nicht mein Thema) im Fernsehen verfolgt habe als weiter zu lesen.

Das lag nicht nur daran, dass die Handlung für mich viel zu schnell schrecklich vorhersehbar war, sondern auch, dass ich mit dem Thema und seiner Umsetzung durch die Autorin inzwischen nichts mehr anfangen kann. Vermutlich liegt es wirklich an mir und ich habe einfach schon zu viele Kriminalromane gelesen, die sich um hochintelligente Serienmörder, skrupellose Geschäftsmenschen, Familiengeheimnisse aus der Vergangenheit und ähnliche Elemente drehen. Aber ich habe so die Nase voll von diesem – auch hier nicht konsequent durchgezogenen – Tätertypus, diesen konstruierten Geschichten und diesen an den Haaren herbeigezogenen Motiven, dass bei mir einfach keine Spannung aufkam.

Die diversen kleinen Hinweise waren für mich einfach viel zu offensichtlich gestreut, und so lag die Lösung auf der Hand, lange bevor einem die verschiedenen Nebenstränge offiziell die Antwort auf die ganzen Fragen gegeben haben. Und während ich über solche durchschaubaren Plots normalerweise hinwegsehen kann, wenn mir ein Autor zumindest die Charaktere nahebringen kann, so fehlte mir in „Puppenspiele“ genau das. Die verschiedenen Figuren waren mir nicht unsympathisch, stellenweise waren sie sogar interessant konzipiert, aber sie haben mich nicht berührt. Es war mir vollkommen egal, was aus ihnen wurde – sogar als es um das Schicksal eines zehnjährigen Mädchens ging …

Ich glaube, „Puppenspiele“ gehört zu den Kriminalromanen, die einen als erfahrener und kritischer Krimileser einfach nicht überzeugen können. Marina Heib schreibt wirklich nicht schlecht, aber der von ihr genutzte Handlungsaufbau und die verwendeten Stilmittel sind (für mich) inzwischen so ausgelutscht, dass einfach keine Spannung aufkommen wollte. Und wenn die Handlung einen schon nicht mitreißen kann, dann ist es umso bedauerlicher, dass einem die verschiedenen Charaktere nicht nahegebracht werden. Das Lesen dieses Romans war für mich wie das Angucken einer beliebigen amerikanischen Krimiserie – da braucht es auch nur einen bestimmten Kamerazoom, und schon kann ich meinen Mann erzählen, wer der Täter war und welche zwei möglichen Motive in Frage kommen … 😉