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Patricia Wentworth: Ein abgeschlossener Fall (Miss Silver 2)

„Ein abgeschlossener Fall“ ist der zweite Miss-Silver-Roman von Patricia Wentworth und die Geschichte hat mich noch besser unterhalten als der Reihenauftakt „Grey Mask“. Erzählt wird die Handlung zum Großteil aus der Perspektive von Hilary Carew, deren impulsives Handeln auch die ganze Geschichte ins Rollen bringt. Da Hilary auf einem Bahnsteig ihren ehemaligen Verlobten Henry Cunningham sieht und ein Zusammentreffen mit ihm vermeiden will, springt sie in den nächstbesten Zug. Doch statt im Abteil in Ruhe über ihr Pech und den Streit, der zur Auflösung der Verlobung geführt hatte, nachdenken zu können, wird sie von einer Mitreisenden angesprochen, die sichtbar erregt und verängstigt ist.

So recht kann sich Hilary keinen Reim auf die unzusammenhängenden Aussagen, die über Mrs. Mercers Lippen kommen, machen. Sie kann nur vermuten, dass die Erregung der Frau mit dem Prozess zusammenhängt, der vor einem Jahr gegen den Mann von Hilarys Cousine Marion geführt wurde. Marions Mann Geoffrey Grey wurde damals für schuldig gesprochen seinen Onkel James Everton ermordet zu haben. Dabei wurde der Aussage von Mrs. Mercer, die gemeinsam mit ihrem Mann bei Mr. Everton angestellt war, großes Gewicht beigemessen, so dass sie in erster Linie dafür verantwortlich war, dass Geoffrey verurteilt wurde.

Doch das Verhalten der Frau im Zug und die Tatsache, dass ihr Mann Alfred Mercer am nächsten Tag ein zufälliges Zusammentreffen mit Hilary arrangiert, um diese davon zu überzeugen, dass seine Frau den Verstand verloren hat, sorgt dafür, dass die junge Frau auf eigene Faust Ermittlungen anstellt. Je mehr Hilary dabei auf Ungereimtheiten stößt, desto mehr ist sie davon überzeugt, dass sie bei der ganzen Sache Unterstützung benötigen könnte. Und da sie sowieso einen Vorwand suchte, um wieder Kontakt zu Henry aufnehmen zu können, wendet sie sich an ihn. Obwohl Henry der Meinung ist, dass Hilarys Fantasie mit ihr durchgeht und dass Geoffrey zu Recht verurteilt wurde, engagiert er Miss Silver, um mehr über das Ehepaar Mercer herauszufinden.

Wie schon gesagt, mir hat „Ein abgeschlossener Fall“ gut gefallen. Hilary und Henry sind sympathische Protagonisten mit Ecken und Kanten und ich mochte Hilarys Entschlossenheit. Obwohl sie immer wieder in unangenehme Situationen gerät, ist es ihr wichtig die ungeklärten Punkte aufzulösen und mehr über den Mord zu erfahren. Wobei auch die erschreckende Entwicklung, die ihre Cousine Marion – mit der sie seit Geoffreys Verurteilung zusammenlebt – im letzten Jahr durchgemacht hat, eine große Motivation für Hilary darstellt.

Miss Silver wiederum spielt in diesem Roman eine ebenso kleine Rolle wie in „Grey Mask“. Wenn ich ehrlich bin, dann ist ihre Rolle nicht kleiner als z.B. die von Miss Marple in „Die Schattenhand“. Aber da mir Miss Silver nicht so vertraut ist und man als Leser während der Ermittlungen so gar nichts von ihren Überlegungen und Aktionen mitbekommt, wünsche ich mir wirklich, dass sie mal eine größere Rolle in einem Roman bekommen würde. Bislang kenne ich Miss Silver nur in zwei Varianten: Einmal als gelassene, etwas tantenhafte ältere Dame mit Strickzeug in ihrem Büro und dann als „verdeckte“ Ermittlerin, bei der man sich fragt, wo sie denn jetzt auf einmal herkommt. Bei Miss Marple finde ich das Verhalten schlüssiger. Wenn sie jemanden auf die richtige Spur setzt oder um konkrete Aktionen bittet, dann weil sie selber dazu – aus zeitlichen Gründen oder aufgrund ihres Alters – nicht in der Lage ist.

Bei Miss Silver gibt es hingegen Momente, wo sie aktiv ist, so dass ihre Gesundheit nicht der Grund sein kann, warum sie bestimmte Sachen delegiert. Außerdem hat sie anscheinend Angestellte (wenn ich nach einer Szene in „Grey Mask“ gehen kann), so dass ich mich frage, warum diese nicht rumlaufen und Zimmermädchen befragen oder Garagen abklappern. So ganz schlüssig finde ich Miss Silver als Figur also noch nicht, trotzdem hat mir die Geschichte Spaß gemacht. Der Fall war solide konstruiert und nicht so offensichtlich, dass man nicht mehr „mitermitteln“ konnte, die Protagonisten sympathisch und die Handlung deutlich ausgewogener als z.B. bei „The Black Cabinet“. Ich denke, ich werde auch mit den weiteren vier Miss-Silver-Romanen, die in der Bibliothek vorhanden waren, noch ein paar nette Lesestunden verbringen – und hoffe, dass in den Büchern die ungewöhnliche Privatdetektivin eine etwas größere Rolle einnehmen wird.

Alex Grecian: The Harvest Man (Scotland Yard’s Murder Squad Series 4)

Da ich gerade definitiv ein Händchen bei der Auswahl neuer „Testromane“ habe, habe ich auch bei der „Scotland Yard’s Murder Squad“-Serie von Alex Grecian den vierten Band erwischt. Das Buch war ein Wühltischfund und da mich der Klappentext sehr neugierig gemacht hatte, bin ich das Risiko eingegangen, auch wenn ich die vorhergehenden drei Teile nicht kenne. Die Geschichte spielt im Frühling 1890 und die Handlung wird rund um die Ermittlungen gegen einen Serienmörder gesponnen. „The Harvest Man“ – benannt nach der englischen Bezeichnung für Weberknecht – schleicht sich tagsüber in die Häuser seiner Opfer und versteckt sich auf dem Dachboden, bis sie abends eingeschlafen sind. Dann betäubt er sie mit Äther, verstümmelt und tötet sie. Dabei fällt auf, dass seine Opfer immer Ehepaare sind, und obwohl er auch alle weiteren Bewohner des jeweiligen Haushaltes tötet, scheinen ihm diese anderen Toten nicht wichtig zu sein.

Ich mochte die Erzählweise von Alex Grecian und die Art und Weise, wie das Leben um 1890 in London beschrieben wurde (auch wenn ich mich stellenweise fragte, ob zum Beispiel die Größe der Häuser wirklich realistisch ist), aber ich muss zugeben, dass ich bei diesem Roman große Anfangsschwierigkeiten hatte. Es gibt häufige Änderungen in der Perspektive und eine Menge „Personal“, das ich nicht richtig einordnen konnte, weil ich die ersten drei Bände nicht kannte. Zwar erklärt der Autor viel zu den jeweiligen Figuren (und ich fürchte, dass ich einige Aspekte der vorhergehenden Bücher deshalb vielleicht nicht genießen können werde, weil ich schon gespoilert wurde), aber das reicht natürlich nicht, um ein wirkliches Gefühl für komplexere zwischenmenschliche Verhältnisse zu bekommen.

Trotzdem sind mir die Charaktere im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen. Inspektor Walter Day und sein ehemaliger Kollege Nevil Hammersmith haben in der Vergangenheit einiges durchgemacht und sind nun körperlich und seelisch versehrt. Trotzdem versuchen sie beide, weiter Polizeiarbeit zu leisten, unabhängig davon, ob ihnen das körperlich oder rechtlich überhaupt noch möglich ist. Inspektor Day konzentriert sich dabei auf seine „Beratertätigkeit“ bei der Suche nach dem Harvest Man, während Hammersmith mit „unredlicher“ Unterstützung nach Jack the Ripper fahndet, der für den schlechten Zustand der beiden Polizisten verantwortlich ist. Ich muss gestehen, dass ich es inzwischen etwas ermüdend finde, wenn ein Autor schon wieder Jack the Ripper aufgreift. Aber da Alex Grecian das Jack-the-Ripper-Motiv zwar als roten Faden benutzt, aber sich die Ermittlungen in diesem Band auf den neuen Serienmörder konzentrieren, konnte ich hier damit ganz gut leben.

Je sympathischer ich die Figuren fand, je besser mein Gefühl für ihre jeweiligen Persönlichkeiten wurde, desto mehr Luft hatte ich auch, mich auf die verschiedenen Ermittlungen und Erzählebenen zu konzentrieren. So wurde die Geschichte nach dem (für mich) etwas anstrengenden Anfang wirklich spannend und mitreißend. Außerdem macht mich der Cliffhanger am Ende des Romans ganz kirre, weil ich nun entscheiden muss, ob ich die Serie irgendwann von vorn anfange und mich dann bis zu diesem Punkt lese oder ob ich einfach mit Band 5 weitermache, um herauszufinden, wie es mit Inspektor Day und all den anderen Personen weitergeht. Denn dass ich die Serie weiterlese, steht für mich fest. Ich habe mich nach langer Zeit endlich mal wieder mit einem historischen Kriminalroman richtig gut unterhalten gefühlt und freue mich deshalb sehr über meine Zufallsentdeckung.

Noch eine Anmerkung: Ein bisschen erinnert mich die Serie an die „Charlotte und Thomas Pitt“-Bücher von Anne Perry. Aber die Reihe hatte ich nach ein paar Jahren abgebrochen, weil ich das Gefühl hatte, die Autorin würde immer die gleiche Geschichte schreiben, ihre Morde immer in der gleichen Gesellschaft verankern und das Ganze zu steril angehen. Bei „The Harvest Man“ gibt es eine gute Mischung aus „gehobener Gesellschaft“ und „weniger ehrbaren Bürgern“, und ich mochte die stellenweise schon fast an Dickens erinnernde Atmosphäre in den weniger schönen Ecken Londons ebenso wie die Heimeligkeit eines gepflegten Hauses oder die aufkommende Bürokratie bei Scotland Yard.

Patrica Wentworth: The Black Cabinet

Nachdem ich „Grey Mask“ von Patricia Wentworth recht unterhaltsam fand, habe ich mit „The Black Cabinet“ einen weiteren Versuch mit der Autorin gewagt. Dieser Roman wird aus der Perspektive von Chloe Dane erzählt, die ursprünglich der höheren Gesellschaft entstammt, aber seit dem Tod ihres Vaters gezwungen ist, ihren Lebensunterhalt als Näherin bei einer Schneiderin zu verdienen. Eigentlich ist Chloe ganz zufrieden mit ihrem Leben, allerdings träumt sie regelmäßig von dem Herrensitz Danesborough, auf dem sie aufgewachsen ist und der inzwischen an einen entfernten Verwandten verkauft wurde. Auch ist sie nicht glücklich darüber, dass ihre Kollegin und Mitbewohnerin demnächst heiraten wird und sie dann allein mit ihrer anspruchsvollen Chefin zurückbleibt.

Doch kurz nach Beginn der Geschichte ändert sich Chloes Leben radikal, als ihr Verwandter Mitchell Dane ihr Danesborough und sein Vermögen hinterlässt und damit den Zugang zu seinem Safe, in dem er eine Menge entlarvende Briefe aufbewahrt, die als Grundlage für diverse Erpressungen dienten. Während Chloe fest entschlossen ist, die Briefe zu vernichten und spätestens nach ihrem 21. Geburtstag, der in zwei Monaten sein wird, auf das Erbe zu verzichten, versuchen die Komplizen des verstorbenen Erpressers alles, um Chloe und den Safe-Inhalt in ihre Hände zu bekommen. Doch nicht nur Chloes Sicherheit ist in Gefahr, sondern auch ihr Herz, denn es gibt gleich zwei Männer, an denen sie Gefallen findet und denen sie im Laufe der Geschichte immer wieder über den Weg läuft.

Ich mochte den Anfang von „The Black Cabinet“ (hinter dem titelgebenden „Cabinet“ ist übrigens der Safe verborgen) sehr. Chloe schien eine sympathische junge Frau zu sein, die das Beste aus ihrer Situation macht und deren Humor sie immer wieder optimistisch in die Zukunft schauen lässt. Patricia Wentworth lässt sich viel Zeit, um die Protagonistin und ihr Umfeld vorzustellen, und ehrlich gesagt habe ich nach einem Drittel der Geschichte den Roman aus der Hand gelegt, um nachzuschauen, ob ich da wirklich einen Krimi erwischt habe oder doch eher eine Liebesgeschichte. Denn anfangs gibt es – abgesehen von dem mysteriösen Verwandten, der Chloe beobachtet, – keinen Hinweis darauf, dass das Ganze etwas anderes sei als eine ganz gewöhnliche Dreiecksgeschichte, die sich rund um die verarmte Schönheit, den charmanten Martin Fossetter und den zurückhaltenden Michael Foster dreht.

Erst als Chloe schon eine Weile wieder in Danesborough lebt, gibt es seltsame Vorfälle mit dem Sekretär des verstorbenen Mitchell Dane, und es wird immer deutlicher, dass Chloe in Gefahr schweben könnte. Obwohl Patricia Wentworth deutlich macht, dass Chloe ganz allein in einem Haus mit einem Haufen Verbrecher ist, kam für mich keine rechte Spannung bei diesem Roman auf. Chloe macht eine Entdeckung, dann krabbelt sie nachts im Dunkeln rum, dann überlegt sie, wie sie ihr Leben wieder selber in die Hand nehmen könnte, und dann läuft sie weg und läuft weg und läuft weg, während die Bösen hinterherrennen. Dabei schwankt Chloe ständig zwischen Misstrauen (hatte Mitchell ihr doch gesagt, sie dürfe niemandem vertrauen) und dem Bedürfnis, jedem mitfühlenden Zuhörer alles anzuvertrauen. Und wenn sie dann wirklich mal jemandem etwas mitteilt, dann gerade genug, dass es einfach nicht hilfreich ist. So zog sich die Geschichte ganz schön hin und die ganze Bedrohung scheint am Ende einfach so zu verpuffen, ebenso wie sämtliche Missverständnisse, die sich im Laufe der Handlung ergeben haben. Das fand ich wirklich unbefriedigend.

Ich werde trotzdem noch einen Versuch mit den Miss-Silver-Romanen wagen, die ich in der Bibliothek vorgemerkt habe. Denn „Grey Mask“ fand ich ja wirklich nett und unterhaltsam, aber „The Black Cabinet“ ist in meinen Augen keine Empfehlung für die Autorin, und hätte ich dieses Buch als erstes gelesen, würde ich Patricia Wentwort keine weitere Chance zugestehen.

Patricia Wentworth: Grey Mask (Miss Silver 1)

Im letzten Jahr hatte ich „Mit Miss Marple aufs Land“ von Louise Berg-Ehlers gelesen und mir im Anschluss zwei Autorinnen (Patrica Wentworth und Margery Allingham) von klassischen britischen Kriminalromanen aufgeschrieben, die ich noch ausprobieren wollte. Dieser Beschluss war schon wieder etwas in Vergessenheit geraten, als mich Natira vor kurzem darauf aufmerksam gemacht hat, dass die eBook-Ausgabe von „Grey Mask“ von Patricia Wentworth gerade im Angebot zu bekommen war. „Grey Mask“ ist der erste Teil der Miss-Silver-Romane und wurde 1928 von der Autorin geschrieben. Ich muss gestehen, dass mich die Geschichte stellenweise an Edgar-Wallace-Romane erinnert, auch wenn das Ganze qualitativer und weniger reißerisch geschrieben wurde. Aber es gibt so viele Handlungselemente, die mir als erstes in den Wallace-Romanen begegnet sind, die ich als Kind gelesen habe. Als weiterer Vergleich kommen mir noch die Kriminalromane von Georgette Heyer in den Sinn, auch da besteht eine gewisse Ähnlichkeit …

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt, doch vor allem kann man die Ereignisse durch die Augen von Charles verfolgen, der nach einer vierjährigen Abwesenheit gerade erst zurück nach England gekommen ist. Vor vier Jahren hatte er das Land verlassen, um darüber hinwegzukommen, dass seine Kindheitsfreundin und Verlobte Margaret ihn kurz vor der Hochzeit verlassen hatte. Kaum wieder daheim, stolpert er über ein mysteriöses Treffen in seinem Elternhaus, bei dem eine Gruppe von maskierten Männern über den Tod eines Millionärs und über das weitere Schicksal seiner Tochter diskutieren. Zu Charles‘ großem Schrecken scheint auch Margaret in die Machenschaften dieser Männer involviert zu sein, und so beschließt er, dass er erst mehr über die Pläne dieser Bande herausfinden muss, bevor er mit seinem Wissen zur Polizei geht. Doch je mehr Charles in die ganze Geschichte verwickelt wird, desto überforderter ist er mit all den neuen Erkenntnissen – und so engagiert er Miss Silver, deren Dienste als Detektivin ihm von einem guten Freund empfohlen wurden.

Ich war ziemlich überrascht, dass Miss Silver in der Geschichte nur eine Nebenrolle spielt. Aber in dieser Rolle habe ich sie sehr gemocht. Sie ist eine kluge Frau, die in der Lage zu sein scheint, sich alle möglichen Informationen zu beschaffen. Ihr Auftreten ist dezent, und häufig bekommt man als Leser nicht erzählt, wie Miss Silver überhaupt an ihre Informationen gekommen ist. Aber mit diesen Informationslücken konnte ich gut leben, während ich verfolgte, wie Charles alles tut, um die junge Margot vor der Verbrecherbande zu beschützen, die sie um ihr Erbe – und im Zweifelsfall um die Ecke – bringen will. Auch Margaret spielt natürlich eine Rolle, und während Charles zwischen Beschützerinstinkt und Misstrauen schwankt, versucht sie, einfach nur ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Natürlich empfinden die beiden immer noch etwas füreinander und ebenso natürlich sorgt dies für ein paar Missverständnisse, Anschuldigungen und Momente von gegenseitiger Aufopferung. Aber das Ganze dauert nie so lange an, dass ich davon genervt wurde.

Zu Beginn fand ich die Geschichte etwas wirr, ich weiß aber nicht, ob es daran lag, dass die Autorin erst einmal den richtigen Ton für diese Kriminalgeschichte finden musste, oder daran, dass ich einfach erwartete, dass irgendwann Miss Silver eine Rolle spielen würde. Insgesamt habe ich mich aber gut unterhalten gefühlt und werde bei Gelegenheit bestimmt noch einmal zu einem Miss-Silver-Roman greifen (leider sind die regulären Preise für die eBooks relativ hoch für so dünne Bücher, aber immerhin gibt es ein paar deutsche Ausgaben in der Bibliothek). Ich mochte die verschiedenen Charaktere – sogar die schrecklich naive Margot -, ich mochte die klassische Grundidee mit der gefährdeten Erbin und dass es die eine oder andere Wendung in der Handlung gab, die mich überraschte, obwohl die Identität von Grey Mask relativ früh zu erraten war, und ich habe bekannterweise einfach eine Schwäche für Bücher, die in den 20er und 30er Jahren spielen.

Loretta Chase: Lord of Scoundrels (The Scoundrels Series 3)

Vor ein paar Wochen habe ich einen Artikel gelesen, der sich damit beschäftigt hat, wie man einen „Bad Boy“ als glaubwürdigen Protagonisten eines Liebesromans darstellt. Da ich den Artikel über einen Link bei Twitter gefunden habe, finde ich nicht mehr heraus, wo es den gab oder wer den geschrieben hat. Auf jeden Fall waren in diesem Artikel auch sehr viele Bücher erwähnt worden, die als gute Beispiele herhalten mussten. Eines dieser Bücher war „Lord of Scoundrels“ von Loretta Chase und die Beschreibung hatte mich neugierig genug gemacht, um mir den Roman auszuleihen und zu lesen. (Nachtrag 10.04.2016: HIER ist der von mir erwähnte Artikel zu finden.) 

Die Autorin beginnt mit der Geschichte von Lord Dains Eltern, um zu verdeutlichen, welche Ereignisse dazu geführt haben, dass sich der Protagonist zu einem egozentrischen, rücksichtslosen, rumhurenden Mistkerl entwickelt hat. So kann man ihn als erwachsenen Menschen zwar nicht sympathisch finden, versteht aber wieso aus dem vernachlässigten und misshandelten kleinen Jungen so ein Mann geworden ist. Die Protagonistin, Jessica Trent, hingegen wurde davon beeinflusst, dass sie in einer Familie aufgewachsen ist, in der vor allem Jungen zur Welt gebracht wurden, so dass sie sich nicht nur ihr Leben lang gegen gleichaltrige oder ältere Brüder und Cousins durchsetzen musste, sondern auch als Tante (und unbezahltes Kindermädchen) viel Erfahrungen mit der Erziehung kleiner Jungen sammeln konnte. Auf der anderen Seite wurde sie nach dem Tod ihrer Eltern von ihrer Großmutter aufgezogen, die schon mehrere Ehemänner (und Geliebte) überlebt hat und ihr diesbezügliches Wissen großzügig mit ihrer Enkelin geteilt hat.

Jessicas größter Wunsch ist es eines Tages unabhängig von ihrer Familie zu sein und so arbeitet sie seit Jahren darauf hin, einen Antiquitätenladen für die gehobene Gesellschaft zu eröffnen. Ihr ist bewusst, dass sie so ein Geschäft nur führen kann, wenn sie über einen einwandfreien Ruf verfügt und keinen Ehemann hat, der ihr diesen Plan verbieten könnte. Da sie bislang jeden Heiratsantrag (und davon gab es nicht wenige, da sie sehr hübsch ist und aus guter Familie kommt) abgelehnt hat, sieht sie sich mit 27 Jahren kurz vor der Verwirklichung ihres Traums. Doch dann wird sie nach Paris gerufen, um ihren Bruder Bertie aus dem Einfluss von Lord Dain zu befreien. Bei Versucht mit dem skrupellosen Wüstling mitzuhalten, hat Bertie in den letzten Monaten nicht nur seine Gesundheit ruiniert, sondern auch einen viel zu großen Teil seines Vermögens verschleudert.

Die folgende Geschichte ist eigentlich recht vorhersehbar. Obwohl sich die beiden Protagonisten schnell zueinander hingezogen fühlen, machen sie sich gegenseitig erst einmal das Leben schwer. Während Dain sich auf der einen Seite nichts von einer Frau sagen lassen mag und sich andererseits von Jessica in eine Falle gelockt fühlt, könnte Jessica ganz gut damit leben, dass sie den Wüstling begehrt, wenn er nicht ihren Bruder in den Ruin treiben würde. Auch wenn sich diese Inhaltsbeschreibung kaum von denen anderer Historicals unterscheidet, mochte ich es doch wie Loretta Chase die beiden Protagonisten beschrieben hat. Beide sind selbstbewusst, intelligent und dickköpfig, was zu wunderbaren Dialogen führt. Auch gefiel es mir sehr, dass es zwar immer wieder zu Missverständnisse kommt (weil Dain grundsätzlich das Schlimmste annimmt, während sie anfangs keine Ahnung davon hat, wie gestört er ist), dass auf diesen Missverständnissen aber nicht endlos rumgeritten wird. Entweder kommen die beiden – wie vernünftige erwachsene Menschen – von selber zu dem Schluss, dass sie sich geirrt und etwas falsch verstanden haben, oder sie reden darüber was passiert ist und klären so die Sache. Das ist eine so angenehme Art und Weise mit diesem Handlungselement umzugehen, dass ich es immer wieder bedauerlich finde, dass andere Historical-Autorinnen nicht auf die Idee kommen.

So entsteht nach und nach aus der anfangs vorhandenen Lust zwischen den beiden Protagonisten eine wirklich süße Liebesgeschichte, bei der sich die beiden Beteiligten immer besser kennenlernen und weiterentwickeln. Naja, vor allem er entwickelt sich weiter, den sie ist von Anfang an so perfekt, dass da nicht mehr viel Entwicklung nötig ist. Was langweilig wäre, wenn sie dadurch nicht so einen hübschen Gegenpart zu ihm bieten würde, und wenn es da nicht die Momente gäbe, in denen sie auf ihn schießt oder mit Porzellan durch die Gegend wirft. Außerdem war der Roman ja als Beispiel für einen gelungenen „Bad Boy“-Protagonisten genannt worden und nicht als Beispiel für eine überzeugende Protagonistin. 😉 Alles in allem hat mir das Lesen wirklich Spaß gemacht – und nun bin ich neugierig, ob die anderen Bücher der Autorin auch so unterhaltsam sind.

Gail Carriger: Etiquette and Espionage (Finishing School 1)

„Etiquette and Espionage“ ist der Auftakt einer weiteren Reihe von Gail Carriger, deren „Parasol Protectorate“-Titel mir schon so gut gefallen hatte. Dieses Mal ist die Protagonistin deutlich jünger – ebenso wie die Zielgruppe -, ansonsten spielt die Handlung in der gleichen Welt wie „Soulless“ und die anderen Bände rund um Alexia Tarabotti. Die neue Protagonistin ist die vierzehnjährige Sophronia Angelina Temminnick, die ihre Mutter mit ihrem unberechenbaren Benehmen regelmäßig zur Verzweiflung bringt. Während all ihre Schwestern sich angemessen verhalten, klettert Sophronia auf Bäume, treibt sich mit den Stalljungen rum und nimmt ständig die neuen technischen Errungenschaften, die ins Haus einziehen, auseinander. In der Hoffnung, dass ein Aufenthalt in einem Mädcheninternat aus ihr eine Dame machen würde, schickt ihre Mutter sie auf „Mademoiselle Geraldine’s Finishing Academy for Young Ladies of Quality“.

Doch schon bei der Anfahrt muss Sophronia feststellen, dass diese Schule vielleicht nicht ganz das ist, was sie sich bislang unter einer solchen Institution vorgestellt hat – und ganz gewiss hat auch ihre Mutter nicht mit der Ausbildung, die ihre Tochter dort erhalten wird, gerechnet. Denn neben dem richtigen Benehmen, Tanzen und anderen damenhaften Disziplinen lernt das Mädchen dort, wie man sich gegen einen Vampir oder Werwolf zur Wehr setzt, wie man die richtige Menge Zutaten berechnet, um eine bestimmte Anzahl Dinnergäste zu vergiften, wie man Informationen erlangt, Nachrichten in großen Menschenmengen unauffällig weiterreicht und Männer verführt (dieses Fach ist allerdings für die höheren Klassen reserviert).

So spannend Sophronia all diese neuen Wissensgebiete findet, so hat sie doch lange Zeit keine Ahnung, in welche Richtung ihre Ausbildung gehen soll. Um mehr darüber und das ungewöhnliche Schulgelände herauszufinden, treibt sie sich immer wieder in Bereichen herum, in denen Schülerinnen eigentlich nichts zu suchen haben – was sie regelmäßig in brenzlige Situationen bringt, aber auch für unverhoffte neue Bekanntschaften sorgt. Außerdem geht schon zu Beginn der Geschichte ein wertvoller Gegenstand, der der Schule überbracht werden sollte, verloren und wird nun von mehreren – zum Teil recht verbrecherischen – Parteien gesucht, und natürlich fragt sich auch Sophronia, wo sich diese Kostbarkeit befinden könnte.
Ich mochte all die fantastischen Einfälle, die Gail Carriger allein schon beim Aufbau der Schule angewandt hat (auch wenn ich lieber nicht darüber nachdenke, ob die beschriebenen Elemente technisch auch nur annähernd möglich sein könnten). Auch die vielen verschiedenen Figuren fand ich sehr toll (und sehr Carriger-typisch), doch vor allem liebe ich all die kleinen humorvollen Momente. „Etiquette and Espionage“ ist ein wirklich schöner Wohlfühlroman und ich weiß nicht, wie oft ich überrascht aufgelacht oder geschmunzelt habe.
Es war wirklich schön, wieder in dieses fantastische England zurückzukehren, aber in gewisser Weise ist das für mich auch der größte Kritikpunkt an diesem Roman. Denn „Etiquette and Espionage“ spielt 22 Jahre vor „Soulless“ und trotzdem scheint die Welt technisch in sehr vielen Punkten sehr viel weiter fortgeschritten zu sein. Außerdem gibt es Figuren, die mir schon aus den „Parasol Protecotrate“-Romanen bekannt waren und bei denen ich ein paar kleine Probleme hatte, mein „Wissen“ über die Figuren mit deren jüngeren Versionen in „Etiquette and Espionage“ zusammenzubringen. Trotzdem hat das Lesen so viel Spaß gemacht und ich freu mich jetzt schon, dass ich noch ein paar Folgebände mit Sophronia und ihren Freunden vor mir habe.

Luise Berg-Ehlers: England und die Detektive

„England und die Detektive“ von Luise Berg-Ehlers ist – wie es schon das im Juli gelesene „Mit Miss Marple aufs Land“ war – eine Leihgabe von Natira gewesen, allerdings entstand dieser Band deutlich früher als der Miss-Marple-Titel. Ergänzt werden die Texte von Luise Berg-Ehlers durch Rezepte aus der Feder von Jutta Schreiber und Fotos von Horst und Tina Herzig. Insgesamt bekommt man so einen Band, in dem man theoretisch immer wieder gemütlich stöbern und sich an den Bildern erfreuen kann. Eigentlich mag ich solche Bücher, weil sie mich an schon gelesene Kriminalromane und liebgewonnene Charaktere erinnern und mich neugierig auf die (zugegeben relativ wenigen) klassischen britischen Krimis machen, die ich noch nicht ausprobiert habe und die Fotos – vor allem die historischen – fand ich auch wirklich schön.

Aber ich hatte beim Lesen immer wieder Probleme mit den Formulierungen der Autorin. Ich bin mir eigentlich sicher, dass sie häufig das Richtige meint, aber ihre Ausdrucksweise führt dazu, dass ich irritiert oder sogar verärgert bin, weil entweder die Informationen nicht ganz korrekt wiedergegeben werden oder weil ich das Gefühl habe, dass ich für dumm gehalten werde. Gerade bei Autoren, deren Werke mir zur Zeit sehr präsent sind  (wie Arthur Conan Doyle, dessen Sherlock-Holmes-Geschichten ich in diesem Jahr vollständig gelesen habe), habe ich mich über die dementsprechenden Abschnitte in „England und die Detektive“ sehr geärgert. Es gibt eine Bildunterschrift, die aussagt, dass es Leute gibt, die dumm genug sind, zu glauben, dass Sherlock Holmes eine reale Person war (im Text wird das dann etwas relativiert, in dem erwähnt wird, dass wohl zur Zeit der Veröffentlichung der Holmes-Geschichten einige Leser diesem Irrglauben erlagen). Überhaupt wechselt die Autorin in ihren Texten immer wieder zwischen „haha, das ist doch alles nur erfunden“ und „hier findet ihr den Ort, an dem dieser oder jener Fall stattfand“ – es wäre schön gewesen, wenn sie sich entschieden hätte, ob sie die Fiktion nun als „Realität“ oder eben als Fiktion behandeln möchte.

Und immer wieder gibt es – anscheinend neckisch gemeinte – Nebenbemerkungen, die auf populäre Irrtümer hinweisen wie das berühmte Outfit Sherlock Holmes‘ mit dem Inverness-Mantel und der Deerstalker-Mütze, das für innerstädtische Ermittlungen völlig unangemessen ist. Dabei unterschlägt Luise Berg-Ehlers, dass Arthur Conan Doyle diese beiden Kleidungsstücke nur einmal in seinen Romanen erwähnte (und das bei einem Ausflug aufs Land). Auch gibt es Bildunterschriften, die zum Beispiel behaupten, dass die Scherenschnitte an der U-Bahn-Station „Baker Street“ den Weg zum Ausgang weisen, während auf dem Foto deutlich zu sehen ist, dass diese gestalterischen Elemente keinerlei wegweisende Funktion übernehmen, da sie in unterschiedliche Richtungen blicken. Ich weiß, dass das nur Kleinigkeiten sind, aber es sind Kleinigkeiten, die mich sehr ärgern und die in mir die Frage aufkommen lassen, was da noch alles nicht ganz korrekt ist in Bereichen, in denen ich es nicht beurteilen kann.

Ich muss wohl zugeben, dass ich besonders kritisch beim Lesen war, aber es gab so viele Dinge, die mich geärgert haben. Die schon erwähnten unklaren Formulierungen, die Diskrepanzen zwischen einigen Fotos und den dazugehörigen Bildunterschriften, die ebenfalls etwas „frei“ formulierten Kapitelüberschriften (wenn da „Pater Brown und seine Glaubensbrüder“ oder „Miss Marple und ihre Kolleginnen“ steht, erwarte ich, dass da auch mehr als eine weitere Person in dem dementsprechenden Kapitel auftauchen) und die erschreckend unstrukturierte Präsentation des Ganzen haben mich durchgehend irritiert. Oft habe ich auch die Gewichtung der Texte nicht nachvollziehen können und … vielleicht liegt es daran, dass zwischen den beiden von mir gelesenen Büchern der Autorin anscheinend zehn Jahre liegen, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich bei „Mit Miss Marple aufs Land“ so sehr geärgert habe.

Und da ich schon im Mecker-Modus bin, gibt es auch noch eine Anmerkung zu den Rezepten, bei denen etwas vorkommt, was ich auch in „richtigen“ Kochbüchern schon ärgerlich finde. Wenn zum Beispiel eine Suppe über geröstete Toastecken serviert werden soll, dann werden diese Toastecken nicht in der Zutatenliste erwähnt. Sowas finde ich unübersichtlich, lästig und kritisierenswert, aber es macht es nun nicht unmöglich, das Rezept nachzukochen. 😉

Alles in allem war ich mit „England und die Detektive“ wirklich nicht glücklich, auch wenn mich das Buch darauf gebracht hat, dass ich dem einen oder anderen britischen Ermittler noch eine (zweite) Chance geben wollte.

Patricia C. Wrede: Snow White and Rose Red

Am vergangenen Sonntag habe ich „Snow White and Rose Red“ von Patricia C. Wrede angefangen und es hat bis Mittwoch gedauert, bis ich den Roman beendet hatte, was vor allem an der Sprache lag, die die Autorin verwendet hat. Im Nachwort sagt sie, dass sie versucht hat einen zeitgemäßen Ton zu finden und trotzdem noch für moderne Leser verständlich zu bleiben – und verständlich war es, aber für mich auch sehr gewöhnungsbedürftig und gerade am Anfang überraschend anstrengend. Außerdem habe ich hin und wieder den Humor vermisst, denn ich aus den „Zauberwald“-Geschichten der Autorin so sehr mag. Wobei ich zugeben muss, dass sich die Handlung in „Snow White and Rose Red“ nicht gerade für humorvolle Szenen eignet.

Im Nachwort erwähnt Patricia C. Wrede, dass „Schneeweißchen und Rosenrot“ schon immer ihr Lieblingsmärchen gewesen ist, dass sie aber beim erneuten Lesen für diesen Roman überrascht davon war, wie episodenhaft die Handlung aufgebaut ist. Umso schöner fand ich es, wie sie es geschafft hat, diese episodenhafte Erzählweise aufzugreifen und in eine deutlich stimmigere Form zu pressen. Die Handlung von „Snow White and Rose Red“ zieht sich über viele Monate hinweg und beginnt an einem Halloween-Abend. Zeitlich ist die Geschichte im elisabethanischem England einzuordnen und Patricia C. Wrede hat sowohl auf den damals lebenden Hofastrologen John Dee zurückgegriffen, als auch reale Gegebenheiten um diese Figur in ihre Handlung eingebunden.

An dem Halloween-Abend, an dem die Geschichte beginnt, sprechen John Dee und sein jüngerer Kollege Edward Kelly im Wald einen Zauber aus, der die beiden Männer in Besitz von Feenmagie bringen soll. Denn es ist allseits bekannt, dass in dem Wald, der an das Örtchen Mortlak angrenzt, ein Übergang zur Feenwelt zu finden ist. Beobachtet werden die beiden Männer in ihrem Tun von Blanche und Rosamund, den Töchter der Witwe Arden, die für ihre Mutter im Wald Kräuter suchten. Doch da allgemein bekannt ist, dass John Dee ein Zauberer ist, der – auch aufgrund der Protektion der Königin – schon zwei Anklagen wegen Hexerei überstanden hat, und die Mutter der beiden Mädchen große Angst davor hat, das jemals jemand sie und ihr Töchter der Hexerei beschuldigen würde, erzählen die drei Frauen niemandem von dem, was die Mädchen gesehen haben.

Parallel dazu lernt der Leser die beiden Brüder John (eigentlich Thomas) und Hugh kennen, deren Mutter die Königin der Feen ist. Während der jüngere Prinz sehr zufrieden mit seinem Leben im Feenreich ist, wandert John regelmäßig in der Welt der Menschen umher. Beide Männer werden von einigen Feen misstrauisch beäugt, da ihr Vater ein Mensch ist und John und Hugh somit keine reinrassigen Feen sind. So versucht eine kleine Gruppe von Verschwörern das Wissen um den Zauber, der von John Dee und Edward Kelly gesprochen wird, zu nutzen, um sich der beiden Halbfeen zu entledigen. Doch der Zauber beeinflusst nur Hugh und nimmt dem jungen Mann innerhalb weniger Tage seine Gestalt, so dass er am Ende – in der Form eines Bären – aus dem Feenland verbannt wird.

Im Laufe der folgenden Monate treffen Hugh und die beiden Mädchen natürlich aufeinander, ebenso wie John irgendwann herausfindet, dass es da eine Verbindung zwischen seinem Bruder und der Familie Arden gibt. Während diese fünf Personen nun alles versuchen, um den Zauber aufzuheben, der Hugh so sehr verändert hat, experimentieren Dee und Kelly mit der Macht, die sie durch ihr Tun gewonnen haben. Aber auch die Verschwörer auf der Feenseite bleiben nicht untätig, haben sie doch gerade mal einen Teilerfolg errungen. Gleichzeitig kommen im Ort Mortlak aus mehreren Gründen immer wieder Gerüchte über Hexerei und Zauberei auf, was die Anwohner immer nervöser und misstrauischer werden lässt.

Ich fand es spannend, was für eine komplexe Welt Patricia C. Wrede für die Neuerzählung dieses Märchen gewählt hat und wie viele Personen in dieser Geschichte vorkommen, wenn man überlegt, dass es im Märchen gerade mal sechs Figuren sind, die eine Rolle spielen. Man bekommt eigentlich von allen Parteien mit, was sie gerade planen und denken und wie sie in den nächsten Wochen vorgehen wollen, aber gerade das machte es für mich auch so fesselnd. Während die einen sich auf eine Aufgabe konzentrieren und gerade mal befürchten müssen, dass sie dabei von jemandem beobachtet werden, weiß man schon, dass weitere Parteien auf den selben Zeitpunkt hinarbeiten, aber vollkommen anderen Ziele verfolgen – und natürlich sorgt das dafür, dass irgendetwas schief läuft. Aber was genau schief laufen wird und wer zu diesem Zeitpunkt davon profitiert, muss man natürlich erst noch herausfinden.

Auch der Teil mit der Hexenverfolgung war gut gemacht. Während die Witwe, die nun mal lebenserfahrener ist, immer befürchtete, dass irgendwann einmal sie und ihre Töchter der Vorwurf trifft, sind Blanche und Rosamund verhältnismäßig sorglos. Sie machen schließlich nichts Böses und vertrauen auf Gott und gehen regelmäßig in die Kirche. Allein ihre Zuneigung zu ihrer Mutter sorgt dafür, dass sie trotzdem immer wieder Vorsicht walten und sich von dem einen oder anderen riskanteren Plan wieder abbringen lassen. Trotzdem kommen all diese Gerüchte über Zauberei irgendwann den falschen Leuten zu Ohren, so dass Ermittler in Mortlak auftauchen, die die ganze Angelegenheit verkomplizieren.

Emotional hat mich „Snow White and Rose Red“ weniger angesprochen, auch weil man den Figuren nicht so nahe kommt wie bei manch anderer Geschichte. Aber es hat mich nicht gestört, weil ich so fasziniert davon war, was Patricia C. Wrede aus dem Märchen gemacht hat. Schön fand ich es auch, dass vor jedem Kapitel eine Passage des Märchens vorgestellt war, so dass man sich das Original noch einmal in Erinnerung rufen und dann beim Lesen mit der neuen Version vergleichen konnte. Ich weiß allerdings auch nach ein paar Tagen noch nicht, ob ich mit der letzten Wendung am Ende wirklich zufrieden bin. Es entspricht zwar dem Märchen, aber ich hätte mir eine „grenzübergreifendere“ Lösung gewünscht. Insgesamt hatte ich aber wirklich viel Spaß mit dem Roman und habe es geliebt herauszufinden, was die Autorin aus den jeweiligen Märchenpassagen gemacht hat und zu sehen wie sie die Geschichte mit keltischen Sagenelementen verwoben hat.

Laura Amy Schlitz: Clara und die Magie des Puppenmeisters

„Clara und die Magie des Puppenmeisters“ von Laura Amy Schlitz war eine Spontanausleihe in der Bibliothek und hat mir beim Lesen großes Vergnügen bereitet. Die Geschichte spielt zum Großteil im November und Dezember 1860 in London und beginnt mit dem zwölften Geburtstag von Clara Wintermute. Das Mädchen ist die einzige Tochter eines wohlhabenden Arztes und seiner Frau – und die einzige Überlebende von insgesamt fünf Geschwistern. So ist Claras Leben vor allem vom Gedenken an ihre verstorbenen Brüder und Schwestern geprägt, was sie sehr belastet. Umso mehr freut sie sich, als ihr Vater zugestimmt hat, dass der Puppenspieler zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen wird, den sie vor einigen Tagen bei einem Spaziergang mit ihrer Gouvernante im Park gesehen hat.

Natürlich kann Clara zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass „Professor“ Grisini, der gemeinsam mit seinen beiden jungen Helfern Parsefall (der ein Künstler mit den Marionetten und auch sonst sehr geschickt mit seinen Fingern ist) und Lizzie Rose (die unter anderem für die musikalische Untermalung zuständig ist) die transportable Puppenbühne betreibt, ein skrupelloser und gefährlicher Mann mit übernatürlichen Fähigkeiten ist. So liegt der Verdacht nahe, dass der Puppenmeister seine Hände im Spiel hat, als Clara kurz nach ihrem Geburtstag verschwindet. Auch Lizzie Rose und Parsefall gehen davon aus, dass ihr Vormund etwas mit dem Verbrechen zu tun hat. Doch solange sie von Grisini abhängig sind und ihr Alltag so beschwerlich und von Entbehrungen geprägt ist, sind Claras Schwierigkeiten nicht ihre oberste Priorität.

Im Laufe der Handlung findet der Leser – ebenso wie auch Lizzie Rose und Parsefall – mehr über Grisini, über Claras Verbleib, über die Magie und über die Hexe Cassandra, die letztendlich der Auslöser für all die Ereignisse ist, heraus. So sind Lizzie Rose und Parsefall für mich die eigentlichen Hauptfiguren in der Geschichte, da sie es sind, die die Handlung vorantreiben und um deren Schicksal es immer wieder geht – was mit ein Grund dafür ist, warum ich den Originaltitel, „Splendors and Glooms“, deutlich passender finde als den deutschen. Auch beschreibt der Originaltitel die wundervolle Atmosphäre der Geschichte viel besser. Das ganze Buch ist bestimmt von einer Mischung aus Trauer und Bedrücktheit, aber auch Freundschaft und der Fähigkeit, für kleine Dinge dankbar zu sein und sie zu genießen. Dabei gibt es auch immer wieder sehr hübsche amüsante Momente, die mich zum Schmunzeln gebracht haben.

Laura Amy Schlitz ist es gelungen, sowohl Claras Leben als „armes reiches Mädchen“ im materiellen Überfluss als auch Lizzie Roses und Parsefalls Alltag in Armut und Angst, aber dafür mit der Magie des Puppenspiels und dem – zumindest ab und an aufkommenden – Zusammenhalt der beiden überzeugend zu beschreiben. Abgesehen von Grisini wird keine Figur rein schwarz oder weiß beschrieben und selbst der Puppenmeister bekommt eine sympathische Seite, wenn man bedenkt, welche Bedeutung das Marionettentheater für ihn hat. Jeder Charakter hat seine Stärken und Schwächen und selbst wenn man jemanden nicht unbedingt sympathisch findet, so kann man doch die Beweggründe der betreffenden Person verstehen und nachvollziehen, wie es dazu kam, dass sich derjenige so entwickelt hat.

Die Magie zieht sich durch den gesamten Roman, ohne dabei im Vordergrund zu stehen. Dabei dreht es sich nicht nur um die Zauber, die Grisini und die Hexe Cassandra beherrschen, sondern auch um die Magie, die das (Puppen-)Theater ausüben kann oder die durch Gefühle und Träume entsteht. Die Magie ist durchgehend da, und gerade gegen Ende wird den Protagonisten immer bewusster, worum es eigentlich geht. Das führt zu sehr emotionalen Momenten. Dennoch haben mir vor allem die ganzen kleinen Alltagsszenen rund um Lizzie Rose und Parsefall gefallen sowie die Szenen, in denen Clara die Gelegenheit bekommt, in ganz andere Lebensumstände hineinzuschnuppern.

Insgesamt war das einfach ein wirklich schöner und atmosphärisch geschriebener Roman mit tollen Charakteren, wunderbar unheimlichen Momenten und immer wieder überraschenden Entwicklungen.

Sarah Rees Brennan: Unspoken (The Lynburn Legacy 1)

Ich weiß gar nicht mehr, auf welchem Blog ich „Unspoken“ von Sarah Rees Brennan entdeckt habe, nur noch, dass es im Rahmen einer „7 Days – 7 Books“-Aktion war. Nachdem das schöne Hardcover (zu dem es natürlich keine optisch passenden Fortsetzungen gibt *seufz*) bei mir eingezogen war, lag es erst einmal eine Weile auf dem SuB, bis ich in den letzten Tagen endlich Lust auf eine „märchenhafte Jugend-Urban-Fantasygeschichte mit Schauerromanelementen“ hatte. Dafür habe ich dann das Lesen des Romans umso mehr genossen und mir bewusst Zeit damit gelassen, weil ich die Atmosphäre der Geschichte so gemocht habe.

Vorneweg schon mal zwei Kritikpunkte: Meiner Meinung nach handelt die 17jährige Protagonistin Kami häufig, als wäre sie jünger, auch wenn es immer wieder Szenen gibt, in denen sie sehr erwachsen und verantwortungsbewusst wirkt, und das fand ich stellenweise irritierend. Und ich bin mir nicht sicher, was ich von dem Ende halte. Es gibt kein Happy End, was gut ist, denn das hätte bei der Geschichte nicht gepasst – mit der Entwicklung der Handlung bin ich einverstanden, die ist stimmig. Es ist ein offenes Ende, was okay ist, denn es ist der erste Teil einer Trilogie und da kann ich mit Cliffhangern leben. Trotzdem fand ich die letzte Szene ein bisschen unbefriedigend und kann nicht genau den Finger drauflegen, warum das so ist. Von diesen zwei Punkten abgesehen habe ich die Geschichte, die Protagonistin Kami und ihre Ermittlungen bezüglich der geheimnisvollen Familie Lynburn sehr gemocht.

Kami Glass lebt schon ihr ganzes Leben lang in dem kleinen Ort Sorry-in-the-Vale und empfindet sich aus gleich zwei Gründen als Außenseiterin. Auf der einen Seite ist ihre Großmutter Japanerin gewesen (was man ihrem Vater und ihren Brüdern auch ansieht) und auf der anderen Seite tauscht sie sich von klein auf regelmäßig mit ihrem unsichtbaren Freund Jared über all ihre Gedanken und Gefühle aus. Genauer gesagt existiert dieser Freund nur als Stimme in ihrem Kopf, und auch wenn sie seine Existenz nicht an die große Glocke hängt, wird sie immer wieder von diesen Gesprächen in ihrem Kopf so sehr abgelenkt, dass sie ihrer Umgebung und den „realen Menschen“ in ihrem Umfeld nicht die angemessene Beachtung schenkt.

Kamis großer Traum ist es, einmal als Reporterin erfolgreich zu sein, und so überredet sie ihre einzige Freundin Angela, zusammen mit ihr eine Schülerzeitung zu starten. Großes Thema der ersten Ausgabe ist die Rückkehr der Familie Lynburn, der ein Großteil des Grundbesitzes in Sorry-in-the-Vale gehört und die auch in heutiger Zeit immer noch sehr nach Gutsherren-Art in der kleinen Stadt herrscht. Die beiden Lynburn-Schwestern Rosalind und Lillian hatten den Ort unabhängig voneinander vor langer Zeit verlassen – und wenn man den kleinen Nebenbemerkungen der Ortsansässigen glauben darf, dann war das ein großes Glück für alle Anwohner. Kami ist sich sicher, dass es ein Geheimnis um die Familie Lynburn gibt, und obwohl ihr von allen Seiten abgeraten wird, macht sie sich daran, dieses Geheimnis herauszufinden. Eine große Überraschung gibt es dabei für sie schon sehr früh: Ihr unsichtbarer Freund Jared ist nicht nur ein real existierender Junge, sondern auch noch der Sohn von Rosalind Lynburn.

Ich mochte es sehr, wie Kamis Freundschaft mit Jared anfangs beschrieben wird (wobei ich mich später schon fragte, wie die beiden ihre Freundschaft so führen konnten, wenn er doch all die Jahre in Amerika lebte und es da schon einen kleinen Zeitunterschied zu England gibt 😉 ) und wie sehr ihr Wohlbehagen über eine so vertraute Seele in Entsetzen umschlägt, als sie feststellen muss, dass es da einen realen Jungen gibt, der jedes ihrer Geheimnisse kennt. Sarah Rees Brennan hat es meiner Meinung nach sehr schön hinbekommen, diesen Zwiespalt zwischen „wir kennen uns so lange, wir sind die besten Freunde“ und „die andere Person kennt mich durch und durch, was sie in die Lage versetzt, mich tiefer zu verletzen als jeder andere“ zu beschreiben.

Dazu kommt noch die ungewöhnliche Stadt Sorry-in-the-Vale, die sich anfangs wie eine ganz normale Kleinstadt anfühlt, in der sich alle relativ gut kennen und ihrem ganz gewöhnlichen Leben nachgehen. Und wer mal für eine Zeit dem Kleinstadtmief entkommen will, fährt eben für ein paar Tage nach London, um etwas Großstadtluft und Kultur zu tanken. Erst nach und nach stellt sich heraus, dass sich mehr hinter der Kleinstadtfassade verbirgt und dass es einen Grund für die tiefsitzende Furcht vor der Familie Lynburn gibt. Auch hier hat es mir gefallen, wie die Autorin so nach und nach kleine Elemente in die Handlung eingeflochten hat, die auf etwas Übernatürliches hindeuten und die dafür sorgen, dass die Atmosphäre in der Geschichte immer beklemmender wird.

Überhaupt waren es diese kleinen Momente, die diesen Roman für mich – trotz aller unheimlichen und schrecklichen Ereignisse – zu einem Wohlfühlbuch gemacht haben. Ich mochte es, wie mich die Welt, die Sarah Rees Brennan da geschaffen hat, zum Tagträumen animiert hat, und mir gefiel Kamis Verhältnis zu ihrer Familie ebenso wie das zu ihren Freunden (denn natürlich ist Angela langfristig nicht die einzige Person, die von Kami in die Angelegenheit verwickelt wird). Da war es auch vollkommen in Ordnung, dass mich die Geschichte, trotz aller tragischen Momente, weniger emotional bewegt als meine Fantasie angeregt hat, während ich über die eine oder andere Situation und diverse Dialoge schallend gelacht habe.