Schlagwort: Kriminalroman

Tom Hillenbrand: Teufelsfrucht (Xavier Kieffer 1)

Ich muss gestehen, dass ich an einem Kriminalroman wie „Teufelsfrucht“ von Tom Hillenbrand normalerweise vermutlich allein schon wegen des Titels (den ich ohne den inhaltlichen Zusammenhang schrecklich platt fände) vorbeigelaufen wäre. Nachdem Hermia aber recht angetan von dem Roman war, habe ich den Titel zum Antesten in der Bibliothek ausgeliehen. Hauptfigur in diesem (großteils) gemütlichen kulinarischen Krimi ist Xavier Kieffer, ein luxemburgischer Koch, der in seinem relativ kleinem Restaurant vor allem auf hochqualitative regionale Küche setzt. Xaviers Küche ist zwar sehr gut, aber zu unbedeutend, um für einen Kritiker beachtenswert zu sein. Umso erstaunlicher ist es, dass eines Abends ein Mann, der mit großer Wahrscheinlichkeit für einen der beiden größten französischen Restaurantführer arbeitet, bei Xavier speist – und dummerweise direkt nach der Vorspeise verstirbt.

Während die Polizei noch in alle Richtungen ermittelt, wobei Xavier ihnen besonders verdächtig erscheint, findet der luxemburgische Koch heraus, dass der ermordete Kritiker am Tag zuvor noch bei Xaviers früherem Lehrmeister Paul Boudier gegessen hatte. Als dann auch noch dieser berühmte französische Koch verschwindet, versucht Xavier mehr über die letzten Monate seines ehemaligen Ausbilders und die Verbindung zu dem ermordeten Kritiker herauszufinden. Dabei kommt Xavier zugute, dass er sich nicht nur in den unterschiedlichsten Küchen Europas auskennt, sondern auch immer noch viele Verbindungen in die Welt der Sterne- und Fernsehköche besitzt. So dreht sich „Teufelsfrucht“ weniger um die Ermittlungen (denn dafür ist Xavier trotz all seine Neugier nicht professionell genug), als um einen Blick hinter die Kulissen der hochpreisigen Gastronomie, das Geschäft mit dem Kochen und nicht zuletzt um den großen Unterschied der zwischen „natürlichem“ Essen und dem, was die Lebensmitteltechnologie an Ersatzprodukten herstellen kann.

Lustigerweise hatte ich gerade erst vor ein paar Wochen durch Zufall einen Reisebericht rund um Luxemburg gesehen, so dass ich mir die Stadt beim Lesen ziemlich gut vorstellen konnte. Die Stadt und das Essen gehören nämlich zu den Schwerpunkten der Geschichte. Stellenweise war es mir mit den ganzen Beschreibungen zum Thema Restaurantküche und Kochen schon etwas zu viel, was vielleicht auch daran liegt, dass ich schon eine Menge Sachbücher zu dem Thema gelesen habe und mir deshalb viel Bekanntes erklärt wurde. Trotzdem war es nett Xaviers Begeisterung für seinen Beruf und Lebensmittel mitzuerleben, was die Passagen rund um das Thema Lebensmittelindustrie nur um so unbekömmlicher werden ließ.

Insgesamt fand ich die Geschichte unterhaltsam und Xavier war ein sympathischer Protagonist. Allerdings war das Ende etwas unrund und gab mir das Gefühl, als ob Tom Hillenbrand nicht so recht gewusst hätte, wie er seinen eher gemütlichen Xavier eine Auseinandersetzung mit recht skrupellosen Menschen gewinnen lassen könnte. Außerdem hätte ich gern bei der allerletzten Wendung (mit dem Fernsehkoch) das Gespräch zwischen Xavier und der betreffenden Person mitbekommen, statt nur das Ergebnis dieses Informationsaustausch aus dritter Hand erleben zu können. Aber da ich keinen dieser Kritikpunkte als besonders gravierend empfinde, werde ich wohl demnächst schauen müssen, ob meine Bibliothek noch weitere Bände dieser Reihe im Angebot hat.

Patricia Wentwort: Der Stoß von der Klippe (Miss Silver 3)

Mit dem dritten Miss-Silver-Roman, „Der Stoß von der Klippe“, habe ich endlich einen Titel erwischt, in dem Miss Silver eine größere und nachvollziehbarere Rolle spielt als in „Grey Mask“ und „Ein abgeschlossener Fall“. Dieses Mal wird die Geschichte vor allem aus der Perspektive von Rachel Treherne erzählt, die vor vielen Jahren ein großes Vermögen von ihrem Vater geerbt hat. Dabei hat der Vater zwar kein unumstößlichen Regeln aufgestellt, aber bestimmte Wünsche geäußert, wie mit dem Geld nach seinem Tod zu verfahren sei – und Rachel hat seitdem versucht nach diesen Wünschen zu handeln. So wird sie seit zwanzig Jahren von diversen Familienangehörigen umkreist, die anscheinend nichts anderes im Kopf haben, als die Frage wie sie von Rachel Geld bekommen können.

Obwohl Rachel nur mit wenigen Familienmitgliedern wirklich liebevoll verbunden ist, schockiert es sie, als sie nach mehreren Vorfällen befürchten muss, dass jemand nach ihrem Leben trachtet. Hin und her gerissen zwischen Unglauben und Angst wendet sie sich an Miss Silver und bittet die Detektivin um Hilfe. Dies führt dazu, dass Miss Silver nicht nur schon auf den ersten Seiten einen Auftritt hat, sondern auch wenige Zeit später als Besucherin in dem große Familiensitz der Treherne aufläuft, um sich die verschiedenen Familienmitglieder genauer anzuschauen. Prompt kommt es am Abend von Miss Silvers Ankunft zu einem weiteren Anschlag auf Rachels Leben, der nur durch einen glücklichen Zufall nicht zum Erfolg führt.

Ich muss zugeben, dass „Der Stoß von der Klippe“ bislang mein liebster Miss-Silver-Roman ist, da das Tempo der Handlung und die Besetzung mich hier am meisten überzeugen konnten. Auch habe ich so lange darauf gewartet, dass Miss Silver endlich eine größere Rolle in den Geschichten spielt, dass ich mich allein schon über die diversen Szenen gefreut habe, in denen sie ganz harmlose Gespräche führt und dabei das eine oder andere schmutzige kleine Geheimnis herausfindet. Agatha Christies Erzählweise finde ich immer noch etwas stimmiger, aber mit „Der Stoß von der Klippe“ hat Patricia Wentworth meine Erwartungen an einen britischen Cozy voll erfüllt.

Durch die Konzentration der Handlung auf ein großes Haus, in dem ein Haufen Menschen aufeinandersitzen, die sich teilweise zu gut kennen, um wirklich höflich miteinander umzugehen, kommt deutlich mehr Spannung auf als in den anderen Geschichten der Autorin, die ich bislang gelesen habe. Außerdem gibt es regelmäßige Treffen zwischen Miss Silver und Rachel, die dem Leser immer wieder die Möglichkeit geben seinen Wissensstand zu überprüfen und zu überlege, welche Auswirkungen die neuen Entdeckungen haben könnten. Ganz unvorhersehbar war die Auflösung so nicht, aber die Konfrontation mit der verdächtigen Person wurde von Patricia Wentworth sehr atmosphärisch und spannend geschrieben. Es hat mir wirklich Spaß gemacht das zu lesen.

Am Ende habe ich nur noch einen Kritikpunkt (den ich genaugenommen bei so gut wie jedem anderem Kriminalroman – nicht nur aus den 20er- und 30er-Jahren – anwenden könnte): Es wäre schön, wenn nicht immer die Protagonistinnen im Laufe der Geschichte darauf angewiesen wären, dass ein starker Mann ihnen Halt und Unterstützung gibt. So wie man Rachel am Anfang des Romans kennenlernt, ist sie eine vernünftige und intelligente Frau mit einiger Lebenserfahrung. Und doch sorgt die Angst – mehr darum, dass der Täter jemand sein könnte, der ihr am Herzen liegt, und weniger um ihr eigenes Leben – dafür, dass sie am Ende kaum noch klar denken kann und einen männlichen Begleiter benötigt, der all ihre Entscheidungen und Gedanken absegnet. Das ärgert mich, hält mich aber trotzdem nicht davon ab weiter „ältere“ Kriminalromane zu genießen. 🙂

Patricia Wentworth: Ein abgeschlossener Fall (Miss Silver 2)

„Ein abgeschlossener Fall“ ist der zweite Miss-Silver-Roman von Patricia Wentworth und die Geschichte hat mich noch besser unterhalten als der Reihenauftakt „Grey Mask“. Erzählt wird die Handlung zum Großteil aus der Perspektive von Hilary Carew, deren impulsives Handeln auch die ganze Geschichte ins Rollen bringt. Da Hilary auf einem Bahnsteig ihren ehemaligen Verlobten Henry Cunningham sieht und ein Zusammentreffen mit ihm vermeiden will, springt sie in den nächstbesten Zug. Doch statt im Abteil in Ruhe über ihr Pech und den Streit, der zur Auflösung der Verlobung geführt hatte, nachdenken zu können, wird sie von einer Mitreisenden angesprochen, die sichtbar erregt und verängstigt ist.

So recht kann sich Hilary keinen Reim auf die unzusammenhängenden Aussagen, die über Mrs. Mercers Lippen kommen, machen. Sie kann nur vermuten, dass die Erregung der Frau mit dem Prozess zusammenhängt, der vor einem Jahr gegen den Mann von Hilarys Cousine Marion geführt wurde. Marions Mann Geoffrey Grey wurde damals für schuldig gesprochen seinen Onkel James Everton ermordet zu haben. Dabei wurde der Aussage von Mrs. Mercer, die gemeinsam mit ihrem Mann bei Mr. Everton angestellt war, großes Gewicht beigemessen, so dass sie in erster Linie dafür verantwortlich war, dass Geoffrey verurteilt wurde.

Doch das Verhalten der Frau im Zug und die Tatsache, dass ihr Mann Alfred Mercer am nächsten Tag ein zufälliges Zusammentreffen mit Hilary arrangiert, um diese davon zu überzeugen, dass seine Frau den Verstand verloren hat, sorgt dafür, dass die junge Frau auf eigene Faust Ermittlungen anstellt. Je mehr Hilary dabei auf Ungereimtheiten stößt, desto mehr ist sie davon überzeugt, dass sie bei der ganzen Sache Unterstützung benötigen könnte. Und da sie sowieso einen Vorwand suchte, um wieder Kontakt zu Henry aufnehmen zu können, wendet sie sich an ihn. Obwohl Henry der Meinung ist, dass Hilarys Fantasie mit ihr durchgeht und dass Geoffrey zu Recht verurteilt wurde, engagiert er Miss Silver, um mehr über das Ehepaar Mercer herauszufinden.

Wie schon gesagt, mir hat „Ein abgeschlossener Fall“ gut gefallen. Hilary und Henry sind sympathische Protagonisten mit Ecken und Kanten und ich mochte Hilarys Entschlossenheit. Obwohl sie immer wieder in unangenehme Situationen gerät, ist es ihr wichtig die ungeklärten Punkte aufzulösen und mehr über den Mord zu erfahren. Wobei auch die erschreckende Entwicklung, die ihre Cousine Marion – mit der sie seit Geoffreys Verurteilung zusammenlebt – im letzten Jahr durchgemacht hat, eine große Motivation für Hilary darstellt.

Miss Silver wiederum spielt in diesem Roman eine ebenso kleine Rolle wie in „Grey Mask“. Wenn ich ehrlich bin, dann ist ihre Rolle nicht kleiner als z.B. die von Miss Marple in „Die Schattenhand“. Aber da mir Miss Silver nicht so vertraut ist und man als Leser während der Ermittlungen so gar nichts von ihren Überlegungen und Aktionen mitbekommt, wünsche ich mir wirklich, dass sie mal eine größere Rolle in einem Roman bekommen würde. Bislang kenne ich Miss Silver nur in zwei Varianten: Einmal als gelassene, etwas tantenhafte ältere Dame mit Strickzeug in ihrem Büro und dann als „verdeckte“ Ermittlerin, bei der man sich fragt, wo sie denn jetzt auf einmal herkommt. Bei Miss Marple finde ich das Verhalten schlüssiger. Wenn sie jemanden auf die richtige Spur setzt oder um konkrete Aktionen bittet, dann weil sie selber dazu – aus zeitlichen Gründen oder aufgrund ihres Alters – nicht in der Lage ist.

Bei Miss Silver gibt es hingegen Momente, wo sie aktiv ist, so dass ihre Gesundheit nicht der Grund sein kann, warum sie bestimmte Sachen delegiert. Außerdem hat sie anscheinend Angestellte (wenn ich nach einer Szene in „Grey Mask“ gehen kann), so dass ich mich frage, warum diese nicht rumlaufen und Zimmermädchen befragen oder Garagen abklappern. So ganz schlüssig finde ich Miss Silver als Figur also noch nicht, trotzdem hat mir die Geschichte Spaß gemacht. Der Fall war solide konstruiert und nicht so offensichtlich, dass man nicht mehr „mitermitteln“ konnte, die Protagonisten sympathisch und die Handlung deutlich ausgewogener als z.B. bei „The Black Cabinet“. Ich denke, ich werde auch mit den weiteren vier Miss-Silver-Romanen, die in der Bibliothek vorhanden waren, noch ein paar nette Lesestunden verbringen – und hoffe, dass in den Büchern die ungewöhnliche Privatdetektivin eine etwas größere Rolle einnehmen wird.

Alex Grecian: The Harvest Man (Scotland Yard’s Murder Squad Series 4)

Da ich gerade definitiv ein Händchen bei der Auswahl neuer „Testromane“ habe, habe ich auch bei der „Scotland Yard’s Murder Squad“-Serie von Alex Grecian den vierten Band erwischt. Das Buch war ein Wühltischfund und da mich der Klappentext sehr neugierig gemacht hatte, bin ich das Risiko eingegangen, auch wenn ich die vorhergehenden drei Teile nicht kenne. Die Geschichte spielt im Frühling 1890 und die Handlung wird rund um die Ermittlungen gegen einen Serienmörder gesponnen. „The Harvest Man“ – benannt nach der englischen Bezeichnung für Weberknecht – schleicht sich tagsüber in die Häuser seiner Opfer und versteckt sich auf dem Dachboden, bis sie abends eingeschlafen sind. Dann betäubt er sie mit Äther, verstümmelt und tötet sie. Dabei fällt auf, dass seine Opfer immer Ehepaare sind, und obwohl er auch alle weiteren Bewohner des jeweiligen Haushaltes tötet, scheinen ihm diese anderen Toten nicht wichtig zu sein.

Ich mochte die Erzählweise von Alex Grecian und die Art und Weise, wie das Leben um 1890 in London beschrieben wurde (auch wenn ich mich stellenweise fragte, ob zum Beispiel die Größe der Häuser wirklich realistisch ist), aber ich muss zugeben, dass ich bei diesem Roman große Anfangsschwierigkeiten hatte. Es gibt häufige Änderungen in der Perspektive und eine Menge „Personal“, das ich nicht richtig einordnen konnte, weil ich die ersten drei Bände nicht kannte. Zwar erklärt der Autor viel zu den jeweiligen Figuren (und ich fürchte, dass ich einige Aspekte der vorhergehenden Bücher deshalb vielleicht nicht genießen können werde, weil ich schon gespoilert wurde), aber das reicht natürlich nicht, um ein wirkliches Gefühl für komplexere zwischenmenschliche Verhältnisse zu bekommen.

Trotzdem sind mir die Charaktere im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen. Inspektor Walter Day und sein ehemaliger Kollege Nevil Hammersmith haben in der Vergangenheit einiges durchgemacht und sind nun körperlich und seelisch versehrt. Trotzdem versuchen sie beide, weiter Polizeiarbeit zu leisten, unabhängig davon, ob ihnen das körperlich oder rechtlich überhaupt noch möglich ist. Inspektor Day konzentriert sich dabei auf seine „Beratertätigkeit“ bei der Suche nach dem Harvest Man, während Hammersmith mit „unredlicher“ Unterstützung nach Jack the Ripper fahndet, der für den schlechten Zustand der beiden Polizisten verantwortlich ist. Ich muss gestehen, dass ich es inzwischen etwas ermüdend finde, wenn ein Autor schon wieder Jack the Ripper aufgreift. Aber da Alex Grecian das Jack-the-Ripper-Motiv zwar als roten Faden benutzt, aber sich die Ermittlungen in diesem Band auf den neuen Serienmörder konzentrieren, konnte ich hier damit ganz gut leben.

Je sympathischer ich die Figuren fand, je besser mein Gefühl für ihre jeweiligen Persönlichkeiten wurde, desto mehr Luft hatte ich auch, mich auf die verschiedenen Ermittlungen und Erzählebenen zu konzentrieren. So wurde die Geschichte nach dem (für mich) etwas anstrengenden Anfang wirklich spannend und mitreißend. Außerdem macht mich der Cliffhanger am Ende des Romans ganz kirre, weil ich nun entscheiden muss, ob ich die Serie irgendwann von vorn anfange und mich dann bis zu diesem Punkt lese oder ob ich einfach mit Band 5 weitermache, um herauszufinden, wie es mit Inspektor Day und all den anderen Personen weitergeht. Denn dass ich die Serie weiterlese, steht für mich fest. Ich habe mich nach langer Zeit endlich mal wieder mit einem historischen Kriminalroman richtig gut unterhalten gefühlt und freue mich deshalb sehr über meine Zufallsentdeckung.

Noch eine Anmerkung: Ein bisschen erinnert mich die Serie an die „Charlotte und Thomas Pitt“-Bücher von Anne Perry. Aber die Reihe hatte ich nach ein paar Jahren abgebrochen, weil ich das Gefühl hatte, die Autorin würde immer die gleiche Geschichte schreiben, ihre Morde immer in der gleichen Gesellschaft verankern und das Ganze zu steril angehen. Bei „The Harvest Man“ gibt es eine gute Mischung aus „gehobener Gesellschaft“ und „weniger ehrbaren Bürgern“, und ich mochte die stellenweise schon fast an Dickens erinnernde Atmosphäre in den weniger schönen Ecken Londons ebenso wie die Heimeligkeit eines gepflegten Hauses oder die aufkommende Bürokratie bei Scotland Yard.

Keigo Higashino: Heilige Mörderin (Professor Yukawa 2)

Auch „Heilige Mörderin“ von Keigo Higashino war eine Leihgabe von Natira. Der Roman ist im Original der fünfte Band mit Professor Yukawa und der zweite, der ins Deutsche übersetzt wurde. Wie schon bei „Verdächtige Geliebte“ weiß man als Leser von Anfang an, wer den Mord an dem Geschäftsmann Yoshitaka Mashiba begangen hat. Die große Frage besteht darin, wie die Tat begangen wurde und ob man es der Mörderin nachweisen kann. Abgesehen von der ersten Szene, in der Ayane Mashiba von ihrem Mann erfährt, dass er sich scheiden lassen will, weil sie bislang nicht schwanger geworden ist, bekommt man keine Einsicht in die Gedanken der Mörderin.

So weiß man als Leser zwar, dass dieser Moment, in dem ihr Mann ihr seinen Entschluss mitteilt, sich von ihr trennen zu wollen, der Auslöser ist, aber weder die Vorgeschichte noch die genauen Hintergründe rund um das Verbrechen sind bekannt. So tappt man wie die Polizei im Dunkeln, wenn es um das wirkliche Motiv für die Tat und die genaue Durchführung des Mordes geht. Die einzigen bekannten Punkte sind die, dass sich Yoshitaka von seiner Frau scheiden lassen wollte, dass er ein Verhältnis mit ihrer Angestellten Hiromi Wakayama hatte und dass er mit Arsensäure vergiftet wurde, während Ayane verreist war.

Obwohl man keine Einsicht in Ayanes Gedanken bekommt, ist einem die Frau nicht unsympathisch. Sie hat anscheinend sehr viel Arbeit in ihre Ehe investiert und das vergangene Jahr über alles dafür getan, dass es ihrem Mann gutgeht. Sie ist die perfekte Gastgeberin, sie sorgt dafür, dass das gemeinsame Heim gemütlich und voll blühender Blumen ist, und sie hat ihren eigenen Beruf – das Führen einer Patchworkschule – so weit hintangestellt, dass nun Hiromi den Unterricht gibt, während Ayane nur noch in ihrem Wohnzimmer an ihren Patchworkarbeiten näht. Auch auf Inspektor Kusanagi macht die zurückhaltende Frau großen Eindruck, was seine Untergebene Kaoru Utsumi befürchten lässt, dass er nicht objektiv an die Ermittlungen herangeht.

Diese Befürchtung und die Tatsache, dass die Polizei absolut nicht in der Lage ist herauszufinden, wie dem Ermordeten das Gift verabreicht wurde, führt dazu, dass sich Kaoru Utsumi hinter Inspektor Kusanagis Rücken an Professor Yukawa wendet. Er hat der Polizei schon so oft bei ihren Fällen geholfen und sein wissenschaftlicher und analytischer Verstand lässt ihn eine ganz andere Perspektive bezüglich dieses kriminalistischen Problems einnehmen. Dabei weiht der Physiker die Polizisten selten detailliert in seine Überlegungen ein, sondern prüft lieber vor Ort (oder mit der Unterstützung von Speziallabors) seine Hypothesen.

So ensteht die Spannung in „Heilige Mörderin“ vor allem aus den zwischenmenschlichen Momenten. Egal, ob es dabei um das Verhältnis zwischen Inspektor Kusanagi und der Verdächtigen geht, um die Zusammenarbeit zwischen dem Inspektor und seiner Untergebenen oder um die Momente, in denen sich Ayane und Hiromi über ihre gemeinsame Arbeit oder den verstorbenen Yoshitaka austauschen. Bei jedem Gespräch, bei jedem Aufeinandertreffen fragt man sich, ob es einen neuen Hinweis geben könnte, der Licht in die ganze Angelegenheit bringen könnte. Dazu kommen noch all die kleinen Momente, die – gerade, weil sie so alltäglich sind – viel über Japan und das Leben der Menschen dort aufzeigen, was ich immer wieder faszinierend finde.

Oh, und nachdem ich ja gerade vor kurzem erst „Böse Absichten“ gelesen habe, fand ich es interessant, dass Kaigo Higashino zwar immer sehr, sehr ähnlich an eine Kriminalgeschichte herangeht, dass es ihm aber trotzdem gelingt, jedes Mal eine ganz eigene Atmosphäre zu schaffen, die jedem Roman einen individuellen Touch verleiht. Das hängt nicht nur mit dem jeweiligen Mord zusammen, sondern auch mit den Charakteren, die gerade durch ihre Zurückhaltung und durch die wenigen Informationen, die man über sie erhält, einen großen Eindruck hinterlassen.

Patrica Wentworth: The Black Cabinet

Nachdem ich „Grey Mask“ von Patricia Wentworth recht unterhaltsam fand, habe ich mit „The Black Cabinet“ einen weiteren Versuch mit der Autorin gewagt. Dieser Roman wird aus der Perspektive von Chloe Dane erzählt, die ursprünglich der höheren Gesellschaft entstammt, aber seit dem Tod ihres Vaters gezwungen ist, ihren Lebensunterhalt als Näherin bei einer Schneiderin zu verdienen. Eigentlich ist Chloe ganz zufrieden mit ihrem Leben, allerdings träumt sie regelmäßig von dem Herrensitz Danesborough, auf dem sie aufgewachsen ist und der inzwischen an einen entfernten Verwandten verkauft wurde. Auch ist sie nicht glücklich darüber, dass ihre Kollegin und Mitbewohnerin demnächst heiraten wird und sie dann allein mit ihrer anspruchsvollen Chefin zurückbleibt.

Doch kurz nach Beginn der Geschichte ändert sich Chloes Leben radikal, als ihr Verwandter Mitchell Dane ihr Danesborough und sein Vermögen hinterlässt und damit den Zugang zu seinem Safe, in dem er eine Menge entlarvende Briefe aufbewahrt, die als Grundlage für diverse Erpressungen dienten. Während Chloe fest entschlossen ist, die Briefe zu vernichten und spätestens nach ihrem 21. Geburtstag, der in zwei Monaten sein wird, auf das Erbe zu verzichten, versuchen die Komplizen des verstorbenen Erpressers alles, um Chloe und den Safe-Inhalt in ihre Hände zu bekommen. Doch nicht nur Chloes Sicherheit ist in Gefahr, sondern auch ihr Herz, denn es gibt gleich zwei Männer, an denen sie Gefallen findet und denen sie im Laufe der Geschichte immer wieder über den Weg läuft.

Ich mochte den Anfang von „The Black Cabinet“ (hinter dem titelgebenden „Cabinet“ ist übrigens der Safe verborgen) sehr. Chloe schien eine sympathische junge Frau zu sein, die das Beste aus ihrer Situation macht und deren Humor sie immer wieder optimistisch in die Zukunft schauen lässt. Patricia Wentworth lässt sich viel Zeit, um die Protagonistin und ihr Umfeld vorzustellen, und ehrlich gesagt habe ich nach einem Drittel der Geschichte den Roman aus der Hand gelegt, um nachzuschauen, ob ich da wirklich einen Krimi erwischt habe oder doch eher eine Liebesgeschichte. Denn anfangs gibt es – abgesehen von dem mysteriösen Verwandten, der Chloe beobachtet, – keinen Hinweis darauf, dass das Ganze etwas anderes sei als eine ganz gewöhnliche Dreiecksgeschichte, die sich rund um die verarmte Schönheit, den charmanten Martin Fossetter und den zurückhaltenden Michael Foster dreht.

Erst als Chloe schon eine Weile wieder in Danesborough lebt, gibt es seltsame Vorfälle mit dem Sekretär des verstorbenen Mitchell Dane, und es wird immer deutlicher, dass Chloe in Gefahr schweben könnte. Obwohl Patricia Wentworth deutlich macht, dass Chloe ganz allein in einem Haus mit einem Haufen Verbrecher ist, kam für mich keine rechte Spannung bei diesem Roman auf. Chloe macht eine Entdeckung, dann krabbelt sie nachts im Dunkeln rum, dann überlegt sie, wie sie ihr Leben wieder selber in die Hand nehmen könnte, und dann läuft sie weg und läuft weg und läuft weg, während die Bösen hinterherrennen. Dabei schwankt Chloe ständig zwischen Misstrauen (hatte Mitchell ihr doch gesagt, sie dürfe niemandem vertrauen) und dem Bedürfnis, jedem mitfühlenden Zuhörer alles anzuvertrauen. Und wenn sie dann wirklich mal jemandem etwas mitteilt, dann gerade genug, dass es einfach nicht hilfreich ist. So zog sich die Geschichte ganz schön hin und die ganze Bedrohung scheint am Ende einfach so zu verpuffen, ebenso wie sämtliche Missverständnisse, die sich im Laufe der Handlung ergeben haben. Das fand ich wirklich unbefriedigend.

Ich werde trotzdem noch einen Versuch mit den Miss-Silver-Romanen wagen, die ich in der Bibliothek vorgemerkt habe. Denn „Grey Mask“ fand ich ja wirklich nett und unterhaltsam, aber „The Black Cabinet“ ist in meinen Augen keine Empfehlung für die Autorin, und hätte ich dieses Buch als erstes gelesen, würde ich Patricia Wentwort keine weitere Chance zugestehen.

Keigo Higashino: Böse Absichten (Inspektor Kaga 1)

„Böse Absichten“ von Keigo Higashino ist eine Leihgabe von Natira, die mir im vergangenen Jahr auch schon „Verdächtige Geliebte“ von dem Autor geliehen hatte. Vom deutschen Verlag wird „Böse Absichten“ als erster Band der „Inspektor Kaga“-Reihe bezeichnet, laut Wikipedia ist es nur der erste ins Deutsche übersetzte Teil der Reihe und die vierte Veröffentlichung rund um diesen Inspektor. Auch „Verdächtige Geliebte“ war nicht der erste Band rund um den Physikprofessor Yukawa, sondern schon der dritte Roman mit diesem Protagonisten. So etwas finde ich immer wieder sehr nervig, aber ohne besondere Fremdsprachenkenntnisse bin ich nun mal auf die Veröffentlichungspolitik der deutschen Verlage angewiesen – immerhin muss ich zugeben, dass „Verdächtige Geliebte“ ebenso wie „Böse Absichten“ auch ohne Vorwissen gut zu lesen waren.

Ich bin etwas verhalten an den Roman herangegangen, weil ich „Verdächtige Geliebte“ zwar sehr gern gelesen hatte, aber nach den ersten Seiten von „Böse Absichten“ befürchtete, dass der Autor sich bei seiner Herangehensweise an die Geschichte zu sehr wiederholen würde. Denn ebenso wie bei „Verdächtige Geliebte“ bekommt man bei „Böse Absichten“ einen Teil der Handlung von einem Verdächtigen erzählt und erlebt so als Leser die Geschichte gefiltert durch die Sicht eines Beteiligten. Aber es ist Keigo Higashino zum Glück gelungen die Ereignisse rund um den Mord an dem Schriftsteller Kunihiko Hidaka so zu gestalten, dass es für den Leser immer wieder überraschende Wendungen und unerwartete Ereignisse gab.

„Böse Absichten“ ist kein klassischer Krimi. Man bekommt als Leser von dem Verdächtigen Osamu Nonoguchi erzählt, wie er eines Abends seinen Freund Kunihiko Hidaka besuchen wollte und das Haus scheinbar leer vorfand. Kurz darauf entdeckt er mit der herbeigerufenen Ehefrau des Schriftstellers den Toten. Da auch Osamu Nonoguchi Schriftsteller ist, ist es ihm ein Bedürfnis dieses erschütternde Erlebnis festzuhalten und so beginnt er detaillierte Aufzeichnungen über den Tag, an dem er den Ermordeten zum letzten Mal gesehen hat, über die nicht eingehaltene Verabredung und die folgenden Begegnungen mit potenziellen Verdächtigen, Betroffenen und der Polizei.

Nonoguchis Aufzeichnungen werden ergänzt durch die Berichte und Notizen des Kommissars. Dabei muss sich Kommissar Kaga während der Ermittlungen nicht nur in die Person des Mörders versetzen und intensive Nachforschungen anstellen, um überhaupt erst einmal ein mögliches Motiv zu entdecken, sondern er muss im Laufe der Zeit auch alles, was er als gegebenes Wissen über die verschiedenen Beteiligten gespeichert hatte, verdrängen und noch einmal ganz von vorne anfangen.

Ich mochte die ruhige und unaufgeregte Erzählweise bei diesem Kriminalroman und die ungewöhnliche Herangehensweise des Autors. Obwohl er sich der gleichen Erzählperspektive bedient wie bei „Verdächtige Geliebte“ gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen den beiden Büchern. In „Böse Absichten“ steht relativ schnell fest wie der Mord begangen wurde (und eigentlich kann man sich als Leser auch von Anfang an sicher sein, wer die Tat verübt hat), aber es scheint einfach kein Motiv für die Ermordung von Kunihiko Hidaka zu geben. So dreht sich die Handlung weniger darum den Mörder zu finden als um die Suche nach den Hintergründen der Tat. Diese Suche führt den Kommissar in die Vergangenheit des Ermordeten bis hin zu seiner Grundschulzeit und bietet für den Leser immer wieder neue und überraschende Wendungen, die man so nicht erwarten konnte.

So eine Herangehensweise sorgt nicht gerade für eine rasante oder spannende Krimihandlung, aber für kleine und feine Szenen, die viel über die beteiligten Charaktere und die japanische Kultur aussagen, und das ist perfekt für Leser, die gern versuchen aus all den kleinen Informationen ein Gesamtbild zusammenzusetzen. Ich fand es spannend, mir meine eigenen Gedanken über das Motiv machen zu können, es hat mir Spaß gemacht, dass mich Keigo Higashino an mindestens einer Stelle aufs Glatteis geführt hat, weil ich erwartete, dass er einen Hinweis auf die „übliche Weise“ in seinen Fall einbauen würde und ich mochte das gemächliche Tempo, das mir Zeit gab über die kleinen Dinge in der Geschichte nachzudenken.

Patricia Wentworth: Grey Mask (Miss Silver 1)

Im letzten Jahr hatte ich „Mit Miss Marple aufs Land“ von Louise Berg-Ehlers gelesen und mir im Anschluss zwei Autorinnen (Patrica Wentworth und Margery Allingham) von klassischen britischen Kriminalromanen aufgeschrieben, die ich noch ausprobieren wollte. Dieser Beschluss war schon wieder etwas in Vergessenheit geraten, als mich Natira vor kurzem darauf aufmerksam gemacht hat, dass die eBook-Ausgabe von „Grey Mask“ von Patricia Wentworth gerade im Angebot zu bekommen war. „Grey Mask“ ist der erste Teil der Miss-Silver-Romane und wurde 1928 von der Autorin geschrieben. Ich muss gestehen, dass mich die Geschichte stellenweise an Edgar-Wallace-Romane erinnert, auch wenn das Ganze qualitativer und weniger reißerisch geschrieben wurde. Aber es gibt so viele Handlungselemente, die mir als erstes in den Wallace-Romanen begegnet sind, die ich als Kind gelesen habe. Als weiterer Vergleich kommen mir noch die Kriminalromane von Georgette Heyer in den Sinn, auch da besteht eine gewisse Ähnlichkeit …

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt, doch vor allem kann man die Ereignisse durch die Augen von Charles verfolgen, der nach einer vierjährigen Abwesenheit gerade erst zurück nach England gekommen ist. Vor vier Jahren hatte er das Land verlassen, um darüber hinwegzukommen, dass seine Kindheitsfreundin und Verlobte Margaret ihn kurz vor der Hochzeit verlassen hatte. Kaum wieder daheim, stolpert er über ein mysteriöses Treffen in seinem Elternhaus, bei dem eine Gruppe von maskierten Männern über den Tod eines Millionärs und über das weitere Schicksal seiner Tochter diskutieren. Zu Charles‘ großem Schrecken scheint auch Margaret in die Machenschaften dieser Männer involviert zu sein, und so beschließt er, dass er erst mehr über die Pläne dieser Bande herausfinden muss, bevor er mit seinem Wissen zur Polizei geht. Doch je mehr Charles in die ganze Geschichte verwickelt wird, desto überforderter ist er mit all den neuen Erkenntnissen – und so engagiert er Miss Silver, deren Dienste als Detektivin ihm von einem guten Freund empfohlen wurden.

Ich war ziemlich überrascht, dass Miss Silver in der Geschichte nur eine Nebenrolle spielt. Aber in dieser Rolle habe ich sie sehr gemocht. Sie ist eine kluge Frau, die in der Lage zu sein scheint, sich alle möglichen Informationen zu beschaffen. Ihr Auftreten ist dezent, und häufig bekommt man als Leser nicht erzählt, wie Miss Silver überhaupt an ihre Informationen gekommen ist. Aber mit diesen Informationslücken konnte ich gut leben, während ich verfolgte, wie Charles alles tut, um die junge Margot vor der Verbrecherbande zu beschützen, die sie um ihr Erbe – und im Zweifelsfall um die Ecke – bringen will. Auch Margaret spielt natürlich eine Rolle, und während Charles zwischen Beschützerinstinkt und Misstrauen schwankt, versucht sie, einfach nur ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Natürlich empfinden die beiden immer noch etwas füreinander und ebenso natürlich sorgt dies für ein paar Missverständnisse, Anschuldigungen und Momente von gegenseitiger Aufopferung. Aber das Ganze dauert nie so lange an, dass ich davon genervt wurde.

Zu Beginn fand ich die Geschichte etwas wirr, ich weiß aber nicht, ob es daran lag, dass die Autorin erst einmal den richtigen Ton für diese Kriminalgeschichte finden musste, oder daran, dass ich einfach erwartete, dass irgendwann Miss Silver eine Rolle spielen würde. Insgesamt habe ich mich aber gut unterhalten gefühlt und werde bei Gelegenheit bestimmt noch einmal zu einem Miss-Silver-Roman greifen (leider sind die regulären Preise für die eBooks relativ hoch für so dünne Bücher, aber immerhin gibt es ein paar deutsche Ausgaben in der Bibliothek). Ich mochte die verschiedenen Charaktere – sogar die schrecklich naive Margot -, ich mochte die klassische Grundidee mit der gefährdeten Erbin und dass es die eine oder andere Wendung in der Handlung gab, die mich überraschte, obwohl die Identität von Grey Mask relativ früh zu erraten war, und ich habe bekannterweise einfach eine Schwäche für Bücher, die in den 20er und 30er Jahren spielen.

Liza Marklund: Prime Time (Annika Bengtzon 4)

Irgendwie schaffe ich es zur Zeit ständig, vierte Bände von Reihen in die Hände zu bekommen. „Prime Time“ von Liza Marklund war eine Spontanausleihe in der Bibliothek – es tut meinem Ausleihverhalten gar nicht gut, dass ich vom Vormerkregal aus immer an den Krimibeständen vorbeigehen muss, um zur Selbstverbuchung zu kommen -, weil ich das unbestimmte Gefühl hatte, ich könnte doch mal eine für mich neue Krimiautorin ausprobieren. Obwohl „Prime Time“ der vierte Roman rund um die Journalistin Annika Bengtzon ist, hat sich die Geschichte auch gut ohne Vorwissen aus den vorhergehenden Bänden lesen lassen. Allerdings hege ich die Befürchtung, dass ich nach dem Lesen dieses Romans die ersten drei Teile nicht so genießen könnte, weil ich schon zu viel über die privaten Entwicklungen der Protagonistin weiß, die darin beschrieben wurden.

Die Handlung beginnt am Mittsommertag in Stockholm, wo sich Annika gerade darauf vorbereitet, mit ihrem Lebensgefährten Thomas und den beiden gemeinsamen Kindern (und einem Haufen Gepäck) die Wohnung zu verlassen, um die nächsten Tage bei ihren Schwiegereltern auf einer Insel zu verbringen. Doch mitten in der Aufbruchsstimmung erreicht sie ein Anruf von ihrer Redaktion, in dem sie darüber informiert wird, dass eine bekannte Moderatorin in einem Schloss auf einer Insel vor Stockholm getötet wurde – und dass sie die Berichterstattung darüber übernehmen muss. Denn Annika kennt sich nicht nur gut in der Region aus, weil sie da aufgewachsen ist, sondern sie hat auch Verbindungen zur Umgebung der Ermordeten, da ihre beste Freundin Anne (die zu den Leuten gehört, die die Tote gefunden haben) mit der verstorbenen Michelle Carlsson zusammengearbeitet hat.

Während die Grundvoraussetzung mit dem Schloss auf der Insel, in dem eine kleine Gruppe von Menschen während der Tatnacht anwesend war, die alle ein Motiv für einen Mord gehabt hätten, an einen klassischen Whodunnit erinnert, lässt Liza Marklund den Leser durch die Augen der Journalistin Annika die Geschichte erleben, was für einen gewissen Abstand zu den verschiedenen Verdächtigen und eine „modernere“ Erzählweise sorgt. Zwar wechselt die Autorin immer wieder die Perspektive, so dass man eigentlich von fast allen Beteiligten einen Eindruck bekommt, aber nie erfährt man so viel, dass man eine Person wirklich einschätzen kann. So versucht Annika, so viel wie möglich über die Verstorbene und die zwölf Verdächtigen herauszufinden, und macht sich gleichzeitig Sorgen um ihre Freundin Anne, die ein starkes Motiv für den Mord gehabt hätte. Aber nicht nur die Frage, ob Anne schuldig ist, beschäftigt die Journalistin, sondern auch ihre Beziehung zu Thomas und welchen Stellenwert das gemeinsame Leben und die Kinder für ihn haben.

Ich glaube, dieser private Teil der Geschichte hätte mich bei einer anderen Autorin mehr gestört – was auch daran liegen kann, dass ich Thomas so unsympathisch fand -, aber es gelingt Liza Marklund, eine Verbindung zwischen Annikas Privatleben und ihrer Arbeit herzustellen, die ich stimmig fand. Je mehr Gedanken sich die Journalistin über die einzelnen Personen macht, je mehr sie darüber nachdenkt, wie das Verhältnis zwischen den Verdächtigen und der Ermordeten war, desto mehr erfährt sie auch über sich und ihr Verhalten gegenüber anderen Menschen und ihrer Arbeit. Bei dem Fall selbst war es mir ehrlich gesagt relativ egal, wer denn nun der Mörder ist, während ich es spannend fand, mehr über die verschiedenen Beteiligten herauszufinden. Obwohl – oder vielleicht gerade weil? – viele Figuren sehr klischeehaft dargestellt wurden, wollte ich mehr über sie herausfinden, wollte wissen, ob nicht noch mehr hinter ihrer Fassade steckt oder ob sie sich wirklich so schnell in eine „Schublade“ stecken lassen, wie es auf den ersten Blick wirkte. Außerdem mochte ich es, dass ich das Gefühl hatte, dass die Arbeit als Journalistin realistisch dargestellt wurde – was vielleicht aber auch daran liegt, dass der Klappentext den Leser darüber informiert, dass Liza Marklund selbst lange Zeit als Journalistin gearbeitet hat.

Am Ende des Romans ist bei mir allerdings nicht viel von der Handlung und den Figuren hängen geblieben. Ich habe nette Stunden mit dem Buch verbracht, ich habe mich beim Lesen wenig geärgert (und das heißt bei modernen Krimis schon etwas) und auch wenn mir kein Charakter so richtig sympathisch fand, konnte ich gut mit ihnen leben. Liza Marklund ist nun keine Autorin, die ich mir unbedingt merken muss, aber wenn mir in der Bibliothek noch ein anderes Buch von ihr in die Finger kommt, würde ich es vermutlich ausleihen. „Nett“ ist schließlich nicht immer das Schlechteste für eine Geschichte, die mich einfach nur etwas unterhalten soll.

Dorothy Gilman: Mrs. Pollifax, Innocent Tourist (Hörbuch)

Nachdem ich im März mein letztes „Mrs. Pollifax“-Hörbuch gehört habe, wird es Zeit endlich etwas darüber zu schreiben und sei es nur, damit ich alle erhältlichen Hörbücher der Reihe auf meinem Blog besprochen habe. 😉 Bis zur Mitte der Geschichte von „Mrs. Pollifax, Innocent Tourist“ von Dorothy Gilman war ich fest überzeugt, ich würde diesen Teil noch nicht kennen – und dann tauchte ein junges Mädchen mit weißen Cowboystiefeln auf, an das ich mich überraschenderweise vage erinnern konnte. Ich weiß nicht, wann ich das Buch gelesen habe, aber ich muss es vor vielen Jahren irgendwo ausgeliehen haben, denn ich habe es nicht in meinem Besitz. Es fühlte sich aber beim Hören an, als ob ich eine ganz neue Geschichte entdecken würde, denn es gab nur wenige Momente, die mir vertraut vorkamen.

In „Mrs. Pollifax, Innocent Tourist“ bittet John Sebastian Farrell Mrs. Pollifax ihn bei einer Reise nach Jordanien zu begleiten. Es ist kein Auftrag für die CIA, die ganze Angelegenheit ist nicht mal gefährlich, es geht nur darum an einem vereinbarten Treffpunkt das letzte Manuskript eines in irakischer Gefangenschaft verstorbenen Schriftstellers in Empfang zu nehmen und in die USA zu bringen. Dass Farrell Mrs. Pollifax dabei haben möchte. hängt vor allem damit zusammen, dass ein alleinreisender Amerikaner definitiv mehr Aufmerksamkeit erregt als jemand, der gemeinsam mit einer harmlos aussehenden und sympathischen älteren Dame unterwegs ist.

Doch natürlich wäre das Ganze keine „Mrs. Pollifax“-Geschichte, wenn es so einfach laufen würde wie geplant. Schon auf dem Flug nach Jordanien macht Emily Pollifax die Bekanntschaft eines etwas ausdringlichen Herren, der ihr unbedingt ein Reisesouvenir verkaufen will. Im Hotel in Amman angekommen, muss Mrs. Pollifax feststellen, dass der unangenehme Sitznachbar ihr das betreffende Stück heimlich ins Handgepäck geschmuggelt hat – und kurz darauf wird ihr Hotelzimmer von Unbekannten durchsucht. Auch mit Farrells Vorhaben läuft nicht alles glatt. Vormittag für Vormittag wartet der ehemalige CIA-Agent auf seinen Kontaktmann in der alten Kreuzritterburg von Kerak. Doch obwohl regelmäßig Besucher die Sehenswürdigkeit besichtigen, kommt niemand auf ihn zu.

Auch wenn mir Dorothy Gilmans Art eine Geschichte aufzubauen inzwischen sehr vertraut ist, finde ich es immer wieder schön, wenn aus Emily Pollifax kleinen harmlosen Auftragen eine viel größere Angelegenheit wird, die die Profis – sowohl bei der CIA, als auch im jeweiligen Land – an ihre Grenzen bringt. Gerade Mrs. Pollifax‘ Unprofessionalität und ihre Neigung spontan Freundschaften zu schließen, bringen immer wieder erfrischende Wendungen in die Handlung. So kann man hier ganz wunderbar verfolgen, wie die beiden Amerikaner ihren jungen Reiseführer Youssef und seine Familie immer besser kennenlernen und – trotz ihres seltsamen Verhaltens – im Laufe der Zeit sein Vertrauen gewinnen.

Ich mag es auch immer wieder, wie Dorothy Gilman den Nahen Osten beschreibt, wie hingerissen Mrs. Pollifax von der Wüste ist, wie stolz die alte Dame ist, dass sie mit den Beduinen im Schneidersitz sitzen kann und wie tief sie ein Sonnenaufgang über dieser kargen Landschaft bewegt. Diese Momente bereiten mir mindestens ebenso viel Freude wie all die humorvollen kleinen Szenen, in denen die „Bösen“ in der Geschichte zum Beispiel entdecken müssen, dass die harmlose alte Touristin, die sie sich für ihre Schandtaten ausgesucht haben, eine große Herausforderung bietet als erwartet.

Fast zwei Jahre hat es gedauert, bis ich alle „Mrs. Pollifax“-Hörbücher gehört hatte und ich habe sehr viele schöne Stunden mit dieser ganz besonderen Agentin verbracht. Es ist sehr schade, dass ich nun kein weiteres Hörbuch mehr für mich entdecken kann, aber ich bin mir sicher, dass ich noch sehr oft Zeit mit Mrs. Pollifax verbringen werden. Diese Figur ist mir schon vor so vielen Jahren ans Herz gewachsen und die Sprecherin Barbara Rosenblat erweckt sie – und all die anderen Charaktere in den verschiedenen Geschichten – so wunderbar zum Leben, dass mich schon jetzt auf den Tag freue, an dem ich Mrs. Pollifax wiederbegegne, während sie an der Kante ihres Flachdachs steht und eine gravierende Entscheidung für ihr Leben trifft