Schlagwort: Kriminalroman

Celia L. Grace: Die Heilerin von Canterbury und das Buch des Hexers (Hörbuch)

Vor einigen Jahren habe ich gern historische Kriminalromane gelesen, darunter auch Bücher aus der Reihe „Die Heilerin von Canterbury“ von Celia L. Grace. Hinter dem Autorennamen „Celia L. Grace“ verbirgt sich der Historiker Paul Doherty, der unter weiteren Pseudonymen noch viele andere historische Romane geschrieben hat – ich muss aber zugeben, dass ich die weiteren Reihen nicht kenne. Die Hörbuchversion von „Die Heilerin von Canterbury und das Buch des Hexers“ wurde vom Eichborn Verlag deutlich gekürzt, was aber nicht dafür gesorgt hat, dass man der Handlung nicht mehr folgen kann. Alle Passagen rund um die Ermittlungen fügen sich gut zusammen, und wenn man nicht wüsste, dass der Autor gern kleine Alltagsszenen in die Geschichte einbaut, würde man vermutlich gar nichts vermissen.

In diesem Band der Reihe rund um die Heilerin von Canterbury muss sich Kathryn Swinbrooke mit der Ermordung des Magiers Tenebrae auseinandersetzen. Die verwitwete Ärztin wird inzwischen regelmäßig von der Ratsversammlung von Canterbury herangezogen, um gemeinsam mit Culumn, dem Sonderbeauftragten von König Edward IV., in Todesfällen zu ermitteln, die die Mächtigen des Landes in Unruhe versetzen. Der Rosenkrieg ist gerade mal ein Jahr her, und noch immer versucht England, mit den neuen – und noch unsicheren – Machtverhältnissen zurechtzukommen.

Der Tod Tenebraes und das Verschwinden seines magischen Buches alarmieren nicht nur die diversen Pilger, die den Magier aufsuchen wollten, sondern auch die Königin, die sich immer wieder ratsuchend an den Magier gewandt hatte. Denn Tenebrae war nicht nur für seine Magie berühmt, sondern auch für all die Geheimnisse, die er seinen Klienten entlockt und zu seinen Gunsten verwendet hatte. Dieses Wissen über die Schwachstellen und Verfehlungen seiner Kunden sammelte der unangenehme Mann in seinem schwarzen Buch und erpresste so Geld und Gefälligkeiten. Auch die Pilgergruppe, die den Mager am Vormittag seines Todes aufgesucht hatte, musste Tenebraes Wissen fürchten – und so steht für Kathryn und Culumn schnell fest, dass sich der Mörder unter ihnen befindet.

Was den Krimianteil angeht, so ist diese Geschichte jetzt nicht so wahnsinnig spannend. Aber ich fand es interessant, die verschiedenen Verhöre und Gespräch zu verfolgen und mir meine eigenen Gedanken zum Ablauf des Mordes zu machen. Noch reizvoller waren die vielen Szenen, in denen der Alltag in einer Stadt wie Canterbury rund um 1470 dargestellt wird. Auch wenn es davon in diesem Hörbuch deutlich weniger Momente gab als in den Romanen, hatte ich doch das Gefühl, dass mir hier auf beiläufige und wenig plakative Weise das ganz normale Leben nähergebracht wurde – und das nicht nur aus Kathryns Sicht, die als relativ gebildete Frau ein recht privilegiertes Leben führt.

Die Sprecherin Renate Kohn war mir vor diesem Hörbuch – wenn ich mich richtig erinnere – noch nicht untergekommen, aber sie hat mir gut gefallen. Ich mochte ihre Stimme, sie hat die verschiedenen Szenen lebendig, aber nie übertrieben gelesen und den verschiedenen Charakteren dezent Individualität verliehen. So hat ihre Leistung dazu geführt, dass ich mir die Geschichte sehr gern vorlesen ließ und mich schon auf das zweite Hörbuch rund um die Heilerin von Canterbury freue.

Deon Meyer: Weißer Schatten

Nachdem ich die „Benny Griessel“-Romane von Deon Meyer so mag und mal wieder Lust auf einen etwas härteren Krimi hatte, dachte ich mir, dass es an der Zeit sei die anderen Romane des Autors anzutesten. Auf „Weißer Schatten“ fiel meine Wahl aus dem einfachen Grund, dass das Buch in der Bibliothek vorzumerken war, aber die Inhaltsbeschreibung fand ich auch ganz reizvoll. Die Handlung dreht sich um Lemmer, der als Bodyguard für eine Agentur arbeitet. Sein neuer Job beinhaltet den Schutz von Emma le Roux, die gerade erst von drei Männern mit Sturmhauben und Handschuhen in ihrem Haus überfallen wurde.

Emma ist der Meinung, dass dieser Überfall mit einem Anruf zusammenhängt, denn sie zwei Tage zuvor erst gemacht hat. Bei diesem Anruf hat sie Kontakt mit einer Polizeidienststelle in der Nähe des Kruger Nationalparks gesucht, da diese eine Suchmeldung nach einem mutmaßlichen Mörder veröffentlicht hat, in dem Emma ihren vor vielen Jahren verstorbenen Bruder zu erkennen glaubte. Auf der Suche nach weiteren Informationen reist Emma mit Lemmer zu dem Wildpark, in dem der Mann bis vor kurzem noch gearbeitet hat. Während die beiden bei ihrer Recherche immer wieder auf eine unerklärliche Mauer des Schweigens stoßen, werden sie ihrerseits von (vermutlich) verschiedenen Parteien verfolgt und bedroht.

Für mich war „Weißer Schatten“ aus mehreren Gründen wirklich spannend. Erst einmal fand ich das Geheimnis um den verschwundenen Mann und die Frage, ob er nun Emmas Bruder ist oder nicht, sehr reizvoll. Verwoben mit der Frage nach der Identität des geheimnisvollen Mannes war auch das Thema Naturschutz, Tierschutz und Wilderei – was mich ebenfalls ansprach. Dann hat Deon Meyer seinem Protagonisten Lemmer so einige interessante Ansichten zugeschrieben. Und nicht zuletzt gab es mit diesem Roman mal einen Blick auf die Gesellschaft außerhalb von Kapstadt, auf die Probleme, die zwischen den Naturschützern, den Geschäftsleuten und den Landbesitzern herrschen. Außerdem geht der Autor auf die Schwierigkeiten ein, die entstehen, wenn ein Land auf der einen Seite von dem Tourismus und der Schönheit der Natur lebt und auf der anderen Seite einen radikalen gesellschaftlichen Umbruch zu verarbeiten hat, der dafür sorgt, dass es viele Parteien gibt, die nach all den Jahren der Unterdrückung ihr Recht verlangen.

Lemmer selbst fand ich recht sympathisch, auch wenn seine Handlungen vor allem gegen Ende moralisch zweifelhaft waren. Das ist für mich auch einer der großen Unterschiede zwischen den Benny-Griessel-Geschichten und diesem Buch, denn Benny ist bei allem Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten in der Welt doch davon überzeugt, dass man das Gesetz einhalten sollte. Für ihn ist es zwar nachvollziehbar, wenn jemand die Regeln übertritt und das Recht in die eigene Hand nimmt, aber trotzdem kann ein gleichberechtigtes Zusammenleben langfristig nur funktionieren, wenn sich alle an die gleichen Regeln halten. Lemmer hingegen lebt in einer Welt, in der ganz klar ist, dass bestimmte Personen sich nie an Gesetze halten werden, und die Folge ist, dass er sich ebenfalls seinen eigenen Weg sucht und seine Art der Gerechtigkeit verfolgt.

Was mir noch aufgefallen ist an diesem Buch, sind viele Beobachtungen und Bemerkungen, die Lemmer macht. Er redet nicht viel, aber er lässt einen aber an seinen Gedanken zu vielen Themen teilhaben. Da Deon Meyer seine Bücher im Original auf Afrikaans veröffentlicht, obwohl die meisten südafrikanischen Autoren anscheinend für ihre Veröffentlichungen aufs Englische zurückgreifen, fand ich eine Bemerkung zum Thema Sprache sehr interessant. Da lässt der Autor Lemmer zu Emma sagen, dass seiner Meinung nach die Anrede auf Englisch durch eine Rezeptionistin der Versuch sei, sich von ihrer Herkunft zu lösen, um von Außenstehenden „neutral“ betrachtet zu werden. Obwohl alle drei eigentlich Afrikaans sprechen, scheuen sie sich davor diese Sprache zu benutzen, weil damit ebenso wie mit ihrer Identität als Buren bestimmte Vorurteile verknüpft seien. Dabei sei es seiner Meinung nach gerade deshalb wichtig Afrikaans zu reden, sich zu seiner Herkunft zu bekennen und dafür zu sorgen, dass sich langfristig dieses negative Bild verändert …

Ulrich Hefner: Blutinsel (Hörbuch)

Da meldet man sich im Januar zu einer Hörbuch-Challenge an, weil man ja doch noch ein paar ungehörte Hörbücher im Regal stehen hat und weil das so eine angenehme Unterhaltung beim Nähen ist und weil das so eine nette Challenge ist und überhaupt bekommt man ja auch so freundliche Leihangebote – und dann greift man prompt als erstes zu einem Hörbuch, das nicht gerade zum Weiterhören animiert. 😉 Und weil „man“ – also ich – so dämlich war und weil 16 Stunden und 39 Minuten viel Zeit lassen, um sich aufzuregen, zu langweilen und Notizen zu machen, gibt es jetzt einen etwas längeren Text zu „Blutinsel“ von Ulrich Hefner.

Über das Hörbuch bin ich gestolpert, als ich gerade in einer „ich würde gern mal wieder so was Thrillerartiges lesen“-Stimmung war. Der Klappentext klang zwar etwas ausgelutscht, aber ich hoffte, dass das Ganze recht unterhaltsam werden würde. Der Autor Ulrich Hefner ist übrigens Polizist und mit Autoren, die einen solchen Hintergrund haben, habe ich zumindest bei ein paar amerikanischen Krimireihen ganz gute Erfahrungen gemacht. Für eine erste Übersicht zitiere ich mal den Klappentext:

„Detective Cathy Ronsted und ihr Kollege Brian Stockwell werden auf die einsame Insel Hell’s Kitchen gerufen, um eine mysteriöse Mordserie aufzuklären. Abergläubisch und in eine schuldhafte Vergangenheit verstrickt, begegnen ihnen die Inselbewohner abweisend, ja feindlich. Während die Ermittlungen ins Stocken geraten, fliehen auf dem amerikanischen Festland, 300 Meilen entfernt, vier Schwerverbrecher aus einem Gefängnis. Sie hinterlassen eine Spur aus Blut und Gewalt, die schließlich nach Hell’s Kitchen Island führt. Dort verfolgen die Ausbrecher und der Killer einen grausamen Plan …“

Dass die Gefangenen nicht aus dem Gefängnis, sondern bei einem Transport zum Arzt fliehen, der „Ausbruch“ und der erste Mord parallel verlaufen, dass zwei der vier Verbrecher nichts mit der Insel zu tun haben, dass die vier Typen von US-Marshalls verfolgt werden, dass die Feindseligkeit der Inselbewohner eher damit zu tun haben, dass Cathy eine Frau und eine Farbige (und eine entsetzlich dumme Person) ist und dass „die Spur aus Blut und Gewalt“ sich in gerade mal einem angeschossenen Deputy, einem entführten Tierarzt und einer durch die US-Marshalls angefangenen Schießerei äußert, möchte ich gar nicht mal groß kommentieren. Vor allem den Teil rund um die vier wahnsinnig gefährlichen Ausbrecher, der einen ermüdend großen Teil der ersten zwei Drittel der Erzählung einnimmt, kann man komplett vergessen und hätte man meiner Meinung nach für dieses Hörbuch radikal wegkürzen können.

Dann wären von der Handlung noch folgende Aspekte übrig geblieben:

1. Der Prolog, in dem der Hörer verfolgen kann, wie 1971 ein Schiff bei der Fahrt vom Festland zur Hell’s Kitchen Island (nein, ich sage nichts zu dem Namen … gar nichts … auch nichts dazu, dass die örtliche Kneipe „Hell’s End“ heißt und der einzige Ort auf der Insel „(The) Village“ … boah!) untergeht und mit dem Schiff die vierköpfige Mannschaft und vierzig asiatische Passagiere, die in der Fischfabrik auf der Insel arbeiten sollten.

2. Die aktuelle Handlung, die 2007 spielt und die damit beginnt, dass einer der Schäfer auf der Insel einer geisterhaften und unheimlichen Figur begegnet, in der er einen Piratenkapitän zu erkennen glaubt, der vor dreihundert Jahren die Gegend unsicher machte. Besagte Sagengestalt wird dann auch für den bestialischen Mord an dem ehemaligen Leuchtturmwärter (und seiner Frau, aber die zählt nicht, die wurde ja nur die Klippen runtergestoßen und nicht gefoltert, gekreuzigt und mit einem Stauerhaken erschlagen) sowie für die Morde an diversen weiteren Herren (zum Teil ebenfalls inklusive Ehefrau, aber die zählen ja – wie schon erwähnt – nicht) verantwortlich gemacht. Ermitteln darf Cathy Ronsted, die bislang bei der Drogenfahndung war und keinerlei Erfahrung mit Mordermittlungen hat, weshalb ihr der altgediente Brian Stockwell zur Seite gestellt wird. Sehr zuträglich für die Zusammenarbeit ist es, dass Cathy sich ständig verfolgt und angegriffen fühlt, weil sie farbig, weiblich und eine doofe Kuh mordermittlungsunerfahren ist, während Brian für ihren gemeinsamen Chef spionieren darf und Cathys sämtliche Fehler per Handy weiterleitet.

Immerhin macht Brian Cathy anfangs darauf aufmerksam, dass sämtliche Inselbewohner inklusive der vier Mönche/Priester im Kloster auf der Insel zu den Verdächtigen gehören – und das war es dann erst einmal mit sämtlicher Vernunft bei der Ermittlungsarbeit. Zumindest für die ersten fünf Tage (in denen es natürlich weitere Morde gibt, denn der Täter lässt sich von zwei so unfähigen Polizisten nicht in seinem Tun stören). Dann erst lässt sich Cathy von Brian erklären, wie man in einem Mordfall vorgeht, dass man nicht einer vorgefassten Meinung hinterherläuft, dass man sich alle potenziellen Verdächtigen anschauen muss, dass man Zeugenaussagen und Indizien anschauen sollte, dass Alibis zu überprüfen sind, dass … naja, eben die Dinge, die ein normaler Mensch (spätestens, wenn er mal einen einigermaßen vernünftigen Krimi gesehen oder gelesen hat) als Grundlagenwissen voraussetzen würde!

Aber selbst nach diesem Crashkurs für Polizei-Neulinge geht es mit den Ermittlungen nicht wirklich voran. Cathy nimmt ständig alles persönlich, startet Alleingänge und ist gekränkt, wenn sie nicht über jeden Mist informiert wird. Noch schlimmer wird es, wenn dank Sturm (die gesamte Geschichte über herrscht gaaaanz schrecklicher Sturm, zumindest dann, wenn der Autor die Spannung [also die, die beinah und ganz eventuell vorhanden wäre] erhöhen möchte, während das Wetter natürlich immer ganz wunderbar ist, wenn man mal wieder eine Schiffspassage oder einen Hubschrauberflug benötigt) erneut die Kommunikation lahmliegt. Das ist selbstverständlich wieder eine Kränkung, die sich ganz persönlich gegen Cathy richtet! Von den Fehlern bezüglich „sämtliche Verbindungen zum Festland inklusive Satellitenhandy sind zusammengebrochen, aber die Dame kann trotzdem Informationen per E-Mail empfangen“ möchte ich gar nicht anfangen.

Trotz dieser zum Teil sehr nervigen Charaktere (Cathy ist da nur das Extrembeispiel) hätte die Geschichte noch ganz unterhaltsam werden können, wenn nicht sämtliche Hinweise demonstrativ ignoriert würden. Statt – wie Brian anfangs so schön betonte – ALLE Verdächtigen in Betracht zu ziehen, konzentrieren sich die Ermittlungen auf eine kleine Gruppe. Mich hat das im Laufe der Zeit zur Weißglut getrieben, ebenso wie die ständige Betonung, dass der Täter Schuhgröße 9 trägt, während doch fast alle Männer auf der Insel Schuhgröße 12 tragen (und nein, natürlich konnte eine Frau unmöglich die Täterin sein). Ich bin jetzt mal so gemein und spoilere: Es gibt genau drei Männer mit Schuhgröße 9 auf der Insel und trotzdem dauert es viele, viele Tage, um den Täter zu finden – und das bei gerade mal 54 Einwohnern, von denen sich keiner versteckt, die Insel verlässt oder sonst irgendetwas tut, um sich den Ermittlungen zu entziehen!

Neben den Charakteren, die man der Reihe nach ohrfeigen möchte, und einem Fall, der eigentlich innerhalb von zwei Tagen – statt gefühlter Monate – hätte gelöst werden können, gibt es noch einen weiteren Aspekt, der mich auf Dauer ziemlich wahnsinnig machte: Der Stil des Autors. Ich kann mich ja durchaus an einem trashigen Erzählstil erfreuen, wenn er denn in einem für mich passenden Rahmen vorkommt. Ich stehe dazu, dass ich die John-Sinclair-Geschichten mit all ihren „messerscharfen Dolchen“ und ähnlichen Formulierungen lustig und unterhaltsam finde. Bei einem Krimi, der eigentlich spannend sein sollte, empfinde ich eine solche Erzählweise als – freundlich ausgedrückt – unpassend. Ein paar Beispiele gefällig?

Ein Mann, der gerade eine Leiche fand, „versprühte sein Frühstück im Unkraut“. Es blendet nicht nur die Sonne, sondern die „rötlich verfärbte Morgensonne“, eine Mail wird „mit einem harmonischen Dreiklang angekündigt“, und sehr schön ist auch: „Der Hund stob davon wie ein Jagdflugzeug, das all seine Munition verschossen hatte.“ – Was für ein Vergleich! All diese Beschreibungen wirken viel zu gewollt und blähen den Text unnötig auf. Ich muss zugeben, dass ich bei einem Buch über viele Sachen hätte hinweglesen können, aber bei einem Hörbuch bin ich nun mal gezwungen jede dieser gekünstelten Passagen bewusst wahrzunehmen.

Oft wird – dank all dieser Beschreibungen und unnötigen Details, die der Autor unbedingt auch noch erwähnen muss – das Warten auf ein Gespräch ausführlicher dargestellt als das Gespräch selbst. Außerdem fährt niemand einfach nur ein Auto, stattdessen wird jedes Gefährt mit Markenname, Farbe und Zustandsbeschreibung „vorgestellt“ – selbst wenn es nur ein einziges Mal vorkommt, um kurz darauf geschrottet zu werden. Oh, und es wird stets dafür gesorgt, dass man ja nicht vergisst, dass die Geschichte in Amerika spielt, denn ständig werden „amerikanische“ Begriffe verwendet, obwohl der deutsche Ausdruck an diesen Stellen ebenso passend wäre.

Dazu kommt noch, dass bestimmte Aspekte immer wieder wiederholt werden. So ist ein Mann namens Logan zum Beispiel „The Master Of The Island“ – was in jedem Gespräch betont wird, weil man es in den letzten zwei Minuten ja vergessen haben könnte – und in der ersten Hälfte der Geschichte erfährt man immer wieder, dass Cathys Ex-Mann hinter ihrem Rücken mit ihrer besten Freundin ins Bett gegangen ist (wäre es eigentlich besser gewesen, wenn er vor ihren Augen mit ihrer Freundin rumgemacht hätte?).

Dass die ständige Suche des Autors nach einem Ausdruck, den er nicht vor zwei Sätzen schon verwendet hat, dazu führt, dass die Polizei an der Ostküste der Staaten wohl ganz besondere Waffen, die sogenannten „Revolver-Pistolen“, besitzt, – oder wie muss ich mir das sonst vorstellen, wenn die Begriffe „Revolver“ und „Pistole“ synonym verwendet werden? 😉 – ignoriere ich einfach mal. Obwohl ich bei einem Polizisten als Autor gerade bei diesem Thema einen korrekteren Sprachgebrauch erwartet hätte.

Nach all diesem Gemecker über Inhalt und Form von „Blutinsel“ wird es Zeit, auch noch etwas zum Sprecher und zur Produktionsqualität dieses Hörbuchs zu sagen. Ich fange mal mit dem Leichteren von beiden an: Die Tonqualität war gut, auch wenn es nach der Hälfte leichte Lautstärkeschwankungen gab, die mich ab und an zur Fernbedienung haben greifen lassen. Mir gefiel die Track-Aufteilung, die im Schnitt bei um die 5 Minuten lag (der längste, den ich bewusst mitgestoppt habe, lag bei 6:40, der kürzeste Track bei 3 Minuten) und dafür sorgte, dass ich gut wieder einsteigen konnte, wenn ich eine Pause machte. Das Hörbuch gibt es vom Verlag (Radioropa) einmal als Version mit 14 CDs oder in der Variante mit 2 Daisy-MP3-CDs – Letztere ist die Ausgabe, die ich gehört habe. Die Geschichte ist übrigens ungekürzt, was ich normalerweise immer befürworte, auch wenn ich bei diesem Titel gut mit Kürzungen hätte leben können.

Gelesen wird „Blutinsel“ von Jürgen Holdorf, von dem ich bis zu diesem Titel noch nichts gehört hatte. Grundsätzlich macht er seine Arbeit als Sprecher gut, wenn auch nicht herausragend. Aber er bringt eine solide Leistung, hat im Prinzip eine angenehme Stimme und grundsätzlich hat es nicht an ihm gelegen, wenn ich mal wieder frustriert aufgeben wollte. Allerdings gibt es zwei Punkte, die ich dann doch kritisieren muss. Der erste Punkt betrifft fast jeden männlichen Sprecher, der weibliche Rollen übernehmen muss: Es klingt einfach bescheuert! Ich muss Jürgen Holdorf zugute halten, dass er seine Stimme nicht fistelig verzerrt, was ich so richtig schrecklich finde. Aber allein schon das leichte Anheben der Stimme, um „weiblicher“ zu klingen, sorgt dafür, dass diesen Passagen Tiefe und Ausdruckskraft fehlt. Da Cathy keinen kleinen Part in der Geschichte hat, kann ich über das Problem dann leider doch nicht hinweghören, da man der Figur ihre – in allen negativen Facetten vorhandenen – Emotionen bei so viel fehlendem Stimmvolumen einfach nicht abnimmt.

Zweitens hat Jürgen Holdorf – vor allem zu Beginn der Geschichte – ein großes Problem mit der Aussprache amerikanischer Wörter und Namen. Dabei darf ich noch einmal daran erinnern, dass der Autor seine Geschichte gern mit „amerikanischen“ Begriffen spickt und dass die Handlung auf einer Insel spielt, auf der alle Beteiligten englische Namen tragen. So wird der „Officer“ zum „Offizier“, der „Coroner“ zum „Korona“, und bei den Namen der diversen Figuren habe ich anfangs anhand der verschiedenen Aussprachevarianten nur raten können, dass die gleiche Person gemeint war und nicht ein weiterer Charakter, der nur einen ähnlichen Namen trägt. Nach ein paar Stunden gibt sich das Problem zumindest bei den häufiger vorkommenden Begriffen und über die einzelnen falsch ausgesprochenen Automarken oder Ähnliches konnte ich dann auch hinwegsehen.

Ich muss gestehen, dass in den nächsten Wochen noch weitere Hörbücher des Verlags bei mir eintreffen – gebt mir kein Verlagsprogramm in die Hände, wenn ich auf der Suche nach unterhaltsamen und „netten“ Hörbüchern bin – und ich bin jetzt schon gespannt, ob ich zu den weiteren Titeln auch so viel zu schreiben finde. 😉

Michael Robotham: Sag, es tut dir leid

„Sag, es tut dir leid“ von Michael Robotham habe ich mir aufgrund einer Rezension bei „Katze mit Buch“ aus der Bibliothek ausgeliehen. Ich hatte mal wieder Lust auf einen Kriminalroman, der kein Cozy ist, und die Begeisterung der Rezensentin hat mich hoffen lassen, dass ich da vielleicht eine neue Reihe für mich entdecken könnte. „Sag, es tut dir leid“ ist der sechste Band rund um den Psychologen Joe O’Loughlin, kann aber ohne Probleme seperat gelesen werden – ich hatte zumindest nicht das Gefühl, ich würde groß etwas verpassen. Allerdings könnte es sein, dass die ersten 200 Seiten für jemanden, der sich mit Joe schon angefreundet hat, deutlich interessanter zu lesen sind, als sie es für mich waren.

Da ich das Buch am Mittwoch wieder zurückbringen muss und am Sonntag nicht in der Stimmung war, für einen der Romane, auf die ich mich sehr freue, habe ich trotz eines Mangels an Interesse weitergelesen. Die Grundgeschichte ist schnell erzählt: Tash und Piper sind zwei fünfzehnjährige Schülerinnen, als sie eines Tages spurlos verschwinden. Drei Jahre später findet die Polizei ein ermordetes Ehepaar in einem Bauernhaus und die Leiche einer erfrorenen jungen Frau in einem See. Von diesem Moment an steht fest, dass die beiden Mädchen in den drei Jahren gefangen gehalten wurden – doch an welchem Ort und von welcher Person muss die Polizei noch herausfinden. Dabei bekommt man als Leser stetig Einschübe präsentiert, in denen Piper von ihrer Gefangenschaft und Ereignissen, die zuvor stattfanden, berichtet.

Diese Einschübe sind es auch, die mich bei der Stange gehalten haben. Mich hat es erschreckend wenig berührt, was mit den Mädchen passiert ist. Trotz Schilderungen (oder Andeutungen) von Missbrauch und Misshandlungen fühlte sich das Alles für mich immer nach einer fiktiven Geschichte an und nicht nach etwas, wo ich mitfiebern und mitleiden konnte. Emotional hat mich der Autor leider in keiner Weise berühren können, so dass es mir auch recht egal war, wie sich die Geschichte für die Mädchen entwickelt und ob sie gerettet werden können oder nicht. Stattdessen hat er mich letztendlich durch die Beschreibungen der beiden Mädchen doch noch zum Beenden des Buches bringen können.

Dass Piper und Tash von den zurückbleibenden Freunden und Familienmitglieder in rosigen Farben geschildert werden, ist ja recht selbstverständlich. Ein Mädchen, das vermutlich Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, wird in der Regel idealisiert und eventuelle unangenehme Eigenschaften werden da gern unter den Teppich gekehrt. Hier aber kamen Pipers Passagen zu den Beschreibungen der anderen Personen hinzu. Ihre Sicht der Dinge ist genauso gefiltert wie die der Außenstehenden und auch sie beschreibt sich netter und unschuldiger, als sie vermutlich ist. Vor allem aber hat mich ihre Sicht auf ihre Eltern und die später dazukommende Sicht des Psychologen auf ihre Familie interessiert. Alles in allem ist das zwar kein Grund, um das Buch zu lesen, aber es reichte aus, um mich auf weitere Enthüllungen zu diesem Teil der Handlung neugierig zu machen. Das Ende war dann okay und es kam auf den letzten Seiten noch etwas Spannung auf, aber weitere Kriminalromane von Michael Robotham werde ich wohl nicht lesen.

Amanda Stevens: Totenhauch (Graveyard Queen 1)

Irgendwie habe ich gerade eine „geisterhafte“ Phase beim meiner Romanwahl. 😉 So habe ich vor ein paar Tagen auch „Totenhauch“ von Amanda Stevens gelesen. Hauptfigur dieser Geschichte ist die Friedhofsrestauratorin Amelia Gray. Die junge Frau kann seit ihrem neunten Lebensjahr Geister sehen und hat deshalb ein sehr reglementiertes Leben geführt. Ihr Vater – der ebenfalls diese zweifelhafte Fähigkeit besitzt – hat ihr beigebracht, dass Geister sich wie Parasiten an Menschen heften und von der Lebensenergie ihrer Wirte zehren. Deshalb darf sie einem Geist nie zeigen, dass sie ihn sehen kann, sollte sich so oft wie möglich in der Nähe von geweihtem Boden aufhalten und Personen meiden, die von Geistern heimgesucht werden.

Da ihr Vater als Friedhofsgärtner arbeitet und Amelia sich auf dort auf geweihtem Boden sicher fühlt, werden die Friedhöfe für das Mädchen zur Zuflucht. Da scheint es eine logische Entwicklung zu sein, dass Amelia sich als Erwachsene darauf spezialisiert historische und vergessene Friedhöfe zu restaurieren. Nebenbei betreibt sie einen Blog, auf dem sie Fotos von besonders schönen Grabstätten und Gedenksteinen präsentiert, über ihren Beruf redet und Kontakt zu anderen Liebhabern alter Friedhöfe pflegt.

Als Amelia von der Emerson University engagiert wird, um den seit Jahrzehnten vernachlässigten Oak-Grove-Friedhof wieder in Ordnung zu bringen, wird kurz darauf die Leiche einer unbekannten jungen Frau auf eben diesem Friedhof gefunden. Die Polizei engagiert daraufhin (eher aus PR-Gründen) Amelia als Beraterin, was dazu führt, dass sie immer wieder mit Detective John Devlin zusammenarbeiten muss. Blöderweise sorgt diese Nähe zu dem Polizisten dafür, dass Amelia eine der wichtigsten Regeln ihres Lebens über Bord werfen muss – da der Detective von zwei Geistern heimgesucht wird. Oh, und natürlich fühlt sich die junge Frau von Anfang an zu dem Mann hingezogen. 😉

Ich fand Amelia als Protagonistin sehr interessant. Sie ist eine sehr beherrschte Person, was nicht nur zu einem sachlichen Erzählstil führt, obwohl die Geschichte in der ersten Person erzählt wird, sondern auch zu einer überraschenden Distanz zu der Hauptfigur. Das gibt dem Roman aber einen ganz besonderen Reiz, vor allem durch den Kontrast zu all den Geistererscheinungen, die teils spannend, teils gruselig und schön atmosphärisch geschrieben waren. Diese Spuk-Elemente haben mich wirklich gefesselt (und in der Nacht nach dem Lesen zu lebhaften Träumen geführt :D) – da gab es einige spannende Momente und interessanten Verknüpfungen zwischen bekannteren Geschichten über Geister und Dingen, bei denen ich nicht sicher sagen kann, was vielleicht aus einem mir nicht so bekannten Kulturkreis oder aus der Fantasie der Autorin stammt.

Der „Thrilleranteil“ ist daneben deutlich weniger relevant (obwohl der Verlag den Roman als Thriller bezeichnet), aber nicht uninteressant. Ich fand zwar die eine oder andere Entwicklung etwas vorhersehbar, aber grundsätzlich kann man mich mit mysteriösen Geheimorganisationen, eine Stadt voller Menschen, die ihre eigenen Prioritäten und Verpflichtungen haben, und einem gewissen „Südstaaten“-Filz immer gut unterhalten.Und die Frage, wie viele Opfer es letztendlich gibt und ob man vielleicht jemanden noch retten kann, führt auch zu einer gewissen Spannung beim Lesen.

Was für mich nicht hätte sein müssen, ist die Anziehung auf den ersten Blick zwischen John Devlin und Amelia. Aber da sich diese Sache nicht Hals über Kopf entwickelt und es in Johns Vergangenheit einige ungelöste Fragen gibt – und Amelia mit ihrer eigenen Gabe ringt, wenn sie in Johns Gesellschaft seinen Geistern ausgesetzt ist – konnte ich mit dieser „Beziehung“ gut leben. Ein zweiter Band ist vom Verlag schon angekündigt und ich denke, dass ich mir den auch gönnen werde, um eine weitere Nacht mit gruseligen Geistererscheinungen, tragischen Schicksalsschlägen aus der Vergangenheit und faszinierenden Details zu historischen Friedhöfen zu verbringen.

Christine Drews: Schattenfreundin

„Schattenfreundin“ von Christine Drews habe ich vor einer Weile gelesen, weil ich immer ganz gerne einen Versuch mit Debütromanen von deutschen Autoren wagen – vor allem wenn die Geschichten in Gegenden spielen, die ich ein wenig kenne. Wenn ich die Verlagsangaben richtig interpretiert habe, dann soll dieser Kriminalroman der Auftakt einer Reihe rund um die Polizisten Charlotte Scheidmann und Peter Käfer werden, umso mehr hatte es mich erstaunt, dass die beiden Ermittler erst einmal gar keine Rolle in der Handlung gespielt haben.

Stattdessen lernt man Katrin Ortrup kennen, die gerade erst wieder mit Mann und Kind nach Münster gezogen ist, wo auch ihre Mutter lebt. Schnell bekommt der Leser mit, dass Katrins Ehe mit Thomas nicht gerade die beste ist. Während er sich auf die Karriere konzentriert, darf sie sich um ihren eigenen Job als Physiotherapeutin, das Renovieren und Einrichten des neuen Hauses und natürlich um ihren Sohn Leo kümmern. (Ich fand es übrigens beim Lesen etwas überzogen, dass Thomas von Anfang an so unsympathisch dargestellt wurde und somit schon als potentieller „Tatgrund“ präsentiert wurde, bevor noch irgendetwas passiert war.)

Da Katrin so unzufrieden mit ihre Leben ist, freut sie sich umso mehr, als sie über Leos Kindergarten Tanja Weiler trifft. Die hat einen ebenfalls dreijährigen Sohn, der häufig mit Leo spielt. So bietet es sich natürlich an, dass die beiden Frauen etwas Zeit miteinander verbringen, während die beiden Kinder miteinander beschäftigt sind. Und als Katrin wegen eines Notfalls einen Babysitter für Leo benötigt, steht Tanja selbstverständlich zur Verfügung – und nutzt die Gelegenheit, um den kleinen Jungen zu entführen.

Da man aufgrund des Klappentextes von Anfang an weiß, dass dies passieren wird, fand ich den Beginn der Geschichte wirklich spannend. Obwohl die sich anbahnende Freundschaft zwischen den beiden Frauen ganz realistisch beschrieben wurde, war mir – als misstrauischer Leser mit Vorwissen – die ganze Zeit bewusst, dass Katrin eigentlich so gut wie gar nichts über Tanja weiß. Gleichzeitig habe ich natürlich jeden einzelnen Satz dieser neuen „Freundin“ unter die Lupe genommen und überlegt, ob die zukünftige Täterin nicht vielleicht doch mit irgendeinem Wort oder Nebensatz etwas über ihr Motiv verrät.

Als die Entführung dann wirklich passiert war und Charlotte Scheidmann (ihr Kollege bleibt so profillos, dass er für mich in dem Buch keine Rolle spielte) die Ermittlungen aufnimmt, gibt es so gut wie keine Anhaltspunkte für die Suche nach Leo. Das führt dazu, dass die Handlung etwas zäh voranschreitet, während man sich als Leser nun mit Charlotte, ihren Kindheitserinnerungen und ihrer Beziehungsunfähigkeit beschäftigen darf. Das verleiht der Polizistin zwar etwas mehr Charakter, lässt die Spannung aber noch weiter abflauen.

Letztendlich war es mir fast egal, was mit Leo passierte. Ich habe weder um den Jungen, noch um seine Familie gebangt, emotional hat mich die ganze Geschichte wirklich gleichgültig gelassen. Auf der anderen Seite fand ich es schon unterhaltsam, dass ich mir Gedanken um die Hintergründe der Tat machen und jede noch so nebensächliche Aussage auf Hinweise überprüfen konnte. Die Frage nach der Motivation der Täterin war es dann auch, die mich das Buch bis zum Ende hat lesen lassen – was mir zur Belohnung sogar noch einen etwas rasanteren Schluss eingebracht hat. 😉

Aufgefallen ist mir auch noch, dass Christine Drews sich sehr auf die Frauenfiguren in ihrem Roman konzentriert. Katrin und Charlotte bekommen einen etwas ausgearbeiteten und interessanteren Hintergrund, während die weibliche Nebencharaktere zwar recht klischeehaft beschrieben sind, aber man auch gerade deshalb sofort ein recht konkretes Bild von ihnen vor Augen hat. Bei den Männern hingegen fehlt mir jegliche Kontur. Peter Käfer ist total farblos und nebensächlich und Thomas Ortrup wird kurz als egoistischer Mistkerl präsentiert und verschwindet dann im Hintergrund. Das Schlimmste ist aber für mich, dass die beiden männlichen Figuren, die letztendlich eine entscheidenden Rolle in der Geschichte einnehmen, eigentlich gar keinen Raum in der Handlung bekommen.

Trotz all meiner Kritikpunkte fand ich den Roman jetzt nicht schlecht, er hat mich nur nicht richtig fesseln können oder gar einen langanhaltenden Eindruck hinterlassen (oh je, das klingt auch vernichtender als es gemeint ist). Ich würde auf jeden Fall irgendwann noch einmal einen Roman der Autorin antesten, um zu gucken, ob sie das mit der Spannung mit etwas Übung noch besser hinbekommt.

Andrew F. Gulli, Lamia J. Gulli (Herausgeber): Letzte Ruhe

Bei meinem Neuzugangspost vor ein paar Tagen hatte ich „Letzte Ruhe“ kommentiert mit „Ein Teil von mir fürchtet, dass das keine gute Geschichte ist. …“ und leider hat sich diese Befürchtung auch bewahrheitet. „Letzte Ruhe“ zeigt eindeutig, dass es nicht reicht, einen Haufen Autoren* zu einem gemeinsamen Projekt zu bewegen, wenn die Basis nicht stimmt. Dabei finde ich die Grundidee für den Roman gar nicht mal uninteressant.

Christopher Thomas, Kurator des McFall Art Museums in San Francisco, verschwindet nach einem – vor diversen Zeugen geführten – Streit mit seiner Frau Rosemary spurlos. Einige Wochen später wird seine Leiche in Deutschland in einer Eisernen Jungfrau gefunden, die Rosemary Thomas von einem Berliner Museum für eine Ausstellung ausgeliehen hatte. Obwohl der ermittelnde Polizist nicht vollkommen davon überzeugt ist, dass der Kurator von seiner Ehefrau getötet wurde, sprechen alle Indizien für ihre Schuld. Rosemary wird angeklagt, wegen Mordes verurteilt und zwei Jahre später hingerichtet. Zehn Jahre später wird an Rosemarys Todestag eine Gedenkfeier abgehalten, zu der alle eingeladen werden, die von Christophers Tod (und letztendlich auch Rosemarys Hinrichtung) betroffen waren. Für Jon Nunn ist dies die perfekte Gelegenheit, um vielleicht doch noch den wahren Mörder zu stellen …

Die Handlung wird in „Letzte Ruhe“ aus verschiedenen Perspektiven erzählt. So kommen nicht nur Rosemary und Jon Nunn zu Wort, sondern auch diverse Personen, die persönlich oder geschäftlich mit Christopher und Rosemary zu tun hatten. Dabei werden die Passagen mal aus der ersten, mal aus der dritten Person erzählt – ein Wechsel, der auch bei den Kapiteln vorkommt, die sich um Jon drehen, da auch sein „Tagebuch“ (er scheint mir kein Typ zu sein, der Tagebuch führt …) zitiert wird. Das Ganze sorgt dafür, dass man als Leser ständig springen und sich umstellen muss. Man verfolgt Ereignisse, die 1998 (der Mord und die Ermittlungen), 2000 (die Hinrichtung von Rosemary) und 2010 (die Gedenkfeier für Rosemary) passieren. Zu den zeitlichen Sprüngen in der Handlung kommen noch die verschiedenen Charaktere – die zum Teil gerade mal 1,5 Seiten lang zu Wort kommen – und die unterschiedlichen Erzählstile der Autoren.

Das alles führt dazu, dass einem keine einzige Person irgendwie am Herzen liegt. Auch führen all die Absätze, in denen die Figuren, ihre Motivation und ihre aktuelle Situation vorgestellt werden, dazu, dass die Informationen in viel zu viel Füllmaterial verpackt wurden. Wenn es fraglich gewesen wäre, ob Rosemary noch vor ihrer Hinrichtung hätte bewahrt werden können, hätte das vielleicht noch für Spannung gesorgt, aber da sie eh schon hingerichtet worden war, gab es auch da kein Gefühl von Dringlichkeit beim Lesen. Auch einige Details haben mich gestört, bei denen ich mir gewünscht hätte, die Übersetzerin Andrea Brandl hätte recherchiert und das Original bei ihrer Überarbeitung so verändert, dass es stimmig ist. Es sind nur Kleinigkeiten, aber über so etwas stolpere ich beim Lesen eben. Dass die Auflösung mich am Ende auch nicht überzeugen konnte, ist dann nur noch ein relativ unbedeutender Kritikpunkt. Auch wenn es sich vielleicht fies anhört, aber das Positivste waren für mich die kurzen Kapitel, denn so habe ich das Buch trotz mangelnder Motivation recht schnell gelesen, weil ein Kapitel so schnell geschafft war.

* Hier noch die an diesem Roman beteiligten Autoren: Jeff Abbott, Lori Armstrong, Sandra Brown, Thomas Cook, Jeffery Deaver, Diana Gabaldon, Tess Gerritsen, Andrew F. Gulli, Peter James, J.A. Jance, Faye Kellerman, Raymond Khoury, John Lescroart, Jeff Lindsay, Gayle Lynds, Phillip Margolin, Alexander McCall Smith, Michael Palmer, T. Jefferson Parker, Matthew Pearl, Kathy Reichs, Marcus Sakey, Jonathan Santlofer, Lisa Scott, R.L. Stine, Marcia Talley.

[Kurz und knapp] Liz Brady: Tod in Toronto

Manchmal stehe ich in der Bibliothek, halte meine Vormerkungen in der Hand und habe das Gefühl, dass ich nicht mit so wenigen Büchern wieder gehen kann. Das sind die Momente, in denen ich – ohne groß nachzudenken oder gar den Klappentext zu lesen – zu Romanen greife und sie mir probeweise ausleihe. „Tod in Toronto“ war genau so eine spontane Ausleihe. Im Hinterkopf hatte ich dabei, dass ich das Buch ja in der nächsten Woche ungelesen zurückgeben kann, wenn es mir nicht gefällt.

Inzwischen habe ich rausgefunden, dass „Tod in Toronto“ (mindestens) der zweite Titel von Liz Brady rund um die Autorin Jane Yeats ist. Das führt dazu, dass man im Roman immer wieder Verweise auf frühere Ereignisse findest, was aber beim Lesen nicht das Gefühl hinterlässt, man hätte etwas verpasst. Die Handlung des Kriminalromans ist recht simpel: Janes Nachbarin, eine drogenabhängige Prostituierte, wird ermordet, und da Jane ein schlechtes Gewissen hat, weil sie ständig über die Tote gelästert hatte, will sie unbedingt, dass der Mörder gefasst wird. Das alles ist zwar nicht so spannend, aber unterhaltsam geschrieben, wenn auch die Auflösung der Verbrechen (ja, es gibt im Laufe des Romans mehrere) recht offensichtlich war.

Ein weiterer Kritikpunkt ist in meinen Augen die unrunde Erzählweise: Bei einigen Sätzen bin ich mir nicht sicher, ob dieses Gefühl von Unstimmigkeit durch die Übersetzung entstanden ist, bei anderen Wendungen hingegen gehe ich davon aus, dass die Autorin sie so gebastelt hat, und empfinde sie als unnatürlich im Zusammenhang mit dem restlichen Text bzw. der aktuellen Situation. Um euch ein Beispiel zu bieten, zitiere ich mal einen Teil über die rasante Motorradfahrt gegen Ende der Geschichte, bei der die Protagonistin so schnell wie möglich ihr Ziel erreichen muss, weil sie befürchtet, dass sich dort ihre Freundin seit einigen Stunden in der Gewalt eines Serienmörders befindet:

„Einmal geriet ich auf eine grasbewachsene, vom Frost spröde Böschung. Ich kitzelte aus meiner Lendenrakete die Vorstellung ihres Lebens heraus. Normalerweise treibt es mich zum Bike-Orgasmus, diese fünfhundert Pfund Metall mit der Gewandtheit eines Snowboarders zu lenken. Heute Nacht allerdings war ich mir bewusst, wie schnell ein Motorrad auf glitschiger Unterlage wegrutscht, und konzentrierte mich darauf, in einem Stück anzukommen.“ (Tod in Toronto, S. 296)

Lendenrakete?! Jupp, genau die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen würden, während ich um das Leben einer Freundin bange …

Was mich an dem Roman hingegen faszinierte, waren die Charaktere, die zum Teil wirklich liebevoll dargestellt wurden, und ein Gefühl von Nostalgie. Obwohl der Roman 2001 in Kanada erstveröffentlicht wurde und auch in der Geschichte immer wieder darauf verwiesen wird, dass die Handlung nach 2000 spielt, fühlte sich das Ganze für mich eher nach den 80er-Jahren an. Auf der einen Seite gibt es immer wieder feministische Gedanken und Diskussionen über Prostitution, die mir so vor allem in Büchern begegnet sind, die in den 80er-Jahren (in Großbritannien) spielten. Und auf der anderen Seite habe ich schon lange nicht mehr von einer Protagonistin gelesen, die so hemmungslos trinkt und raucht. Das ist mir eigentlich als Erstes ins Auge gesprungen: Jane Yeats raucht mit einer Selbstverständlichkeit, die mir in den letzten fünfzehn Jahren nicht mehr in Romanen begegnet ist. Ich gebe zu, dass ich als Nichtraucherin, die mit Übelkeit, Kopf- und Halsschmerzen auf Zigarettenrauch reagiert, sehr froh bin, dass immer weniger Menschen (öffentlich) rauchen, aber auf der anderen Seite habe ich bei diesem Buch wieder mal bemerkt, wie präsent Zigaretten früher in Romanen (und Filmen) waren. Schon seltsam, was einem manchmal so ins Auge springt, wenn man ein Buch liest …

Insgesamt war „Tod in Toronto“ also ganz nett zu lesen, aber das Einzige, was ich verpasst hätte, wenn ich es nicht ausgeliehen hätte, wäre eine Runde nostalgischer Gedanken gewesen. 😉

Wilkie Collins: The Woman in White

„The Woman in White“ von Wilkie Collins hat es mir anfangs nicht so leicht gemacht. Erst gefiel mir die deutsche Übersetzung nicht, dann wurde ich nicht so recht warm mit der Figur des Walter Hartright, und auf Englisch hat sich das Ganze auch noch etwas hingezogen. Trotzdem hat mir die Geschichte sehr gut gefallen, als ich erst einmal in der Handlung drin war (und mich an die etwas langatmige Schreibweise der verschiedenen Figuren gewöhnt hatte). Erzählt wird die Geschichte aus mehreren Perspektiven – von denen mir die des alten Familienanwalts Gilmore und die der älteren Schwester der „verfolgten Heldin“ am liebsten waren.

Der Beginn von „The Woman in White“ wird von Walter Hartright berichtet, der sein Auskommen als Zeichenlehrer in London hat und über die Sommermonate etwas knapp bei Kasse ist. So könnte es ihm gerade recht kommen, als ein Freund ihm ein Engagement als Zeichenlehrer im Limmeridge House in Cumberland vermitteln kann – doch der gute Walter ist anfangs etwas unmotiviert und unwillig, auf Reisen zu gehen. Trotzdem nimmt er natürlich den Job an und verabschiedet sich am Abend vor der Abfahrt von seiner Mutter und Schwester, die in einem Cottage vor den Toren Londons leben.

Auf dem Rückweg in die Stadt wird er von einer geheimnisvollen Frau in Weiß angesprochen, die sich zu fürchten scheint und ihn bittet, sie bis London zu begleiten. Nachdem sie sich von ihm getrennt hat, ohne ihm ihren Namen zu verraten – aber dafür weiß er nun, dass sie gute Erinnerungen an Limmeridge House hegt, das sie als Kind besucht hatte – bemerkt er zwei Männer, die auf der Suche nach einer entflohenen Patientin eines Irrenhauses, die vermutlich ganz in Weiß gekleidet ist, sind. Bei seiner Ankunft in Limmeridge House ist er noch ganz erfüllt von diesem Erlebnis und versucht mit der Hilfe von Marian Halcombe (einer seiner beiden Zeichenschülerinnen), mehr über die Unbekannte herauszubekommen.

Aus den alten Briefen ihrer verstorbenen Mutter (Mrs. Fairlie) schließt die junge Frau, dass es sich bei der Dame in Weiß um Anne Catherick handeln muss, die als Kind eine Zeit lang in der örtlichen Schule unterrichtet wurde und die – aufgrund ihres zurückgebliebenen Gemüts und ihrer äußerlichen Ähnlichkeit mit Marians Halbschwester Laura Fairlie – von Mrs. Fairlie unter ihre Fittiche genommen wurde. Nach dieser Entdeckung scheinen aber alle Hinweise erst einmal ausgeschöpft zu sein und Walter und Marian erwarten nicht, dass sie noch mehr über die geheimnisvolle Anne Catherick rausfinden.

Währenddessen verliebt sich Walter in die schöne, sanfte und künstlerisch begabte Laura, die ebenfalls tiefe Gefühle für den Zeichenlehrer empfindet. Doch da er nicht standesgemäß ist und sie vor Jahren auf dem väterlichen Totenbett mit Baron Glyde verlobt wurde, kann aus der Sache natürlich nichts werden. So ist Walter gezwungen, einen persönlichen Notfall vorzuschieben, um von seinem Arbeitgeber (Lauras Onkel Sir Fairlie) vorzeitig aus seinem Engagement entlassen zu werden. Damit wäre die ganze Angelegenheit vermutlich erledigt gewesen, wenn nicht Anne Catherick unvermutet im Dorf aufgetaucht wäre und einen (eigentlich anonymen) kryptischen Brief an Laura geschrieben hätte, in dem sie die junge Frau vor der Heirat mit dem Baron warnt.

Doch da Anne nicht bereit ist, eine klare Aussage zu machen, und wieder verschwindet, bevor Walter und Marian mehr aus ihr herausholen können, und auch nichts Nachteiliges über den Baron herauszufinden ist, heiratet Laura den älteren Edelmann und geht für ein paar Monate auf Hochzeitsreise, während Walter sich von einer Expedition anheuern lässt, um die schöne Laura zu vergessen. Zwischen den beiden unglücklich Liebenden hängt Marian und versucht, für alle das Richtige zu arrangieren, zu trösten, zu schützen und ihrer Schwester so viel Sicherheit wie möglich zu geben. Natürlich stellt sich nach der Hochzeitsreise heraus, dass Baron Glyde ein Schuft ist – ebenso wie sein bester Freund, der italienische Conte Fosco, der ganz zufällig mit Lauras Tante verheiratet ist (die übrigens wegen der Wahl ihres Ehemannes von ihrer Familie verstoßen wurde).

Das war jetzt grob zusammengefasst (und ohne zu sehr zu spoilern) die Handlung des ersten Drittels von „The Woman in White“, die von Walter Hartright sowie dem Familienanwalt der Fairlies und Marian Halcombe erzählt wurde. Dabei gelingt es Wilkie Collins eigentlich sehr gut, im Leser (und in Walter und Marian) die Überzeugung zu wecken, dass Percival Glyde Böses im Schilde führt, aber auch aufzuzeigen, dass allen Beteiligten die Hände gebunden sind, solange sie keinen Beweis für den schlechten Charakter des zukünftigen Bräutigams haben. So kann man sich zwar die ganze Zeit denken, welche Richtung die Handlung jeweils einschlagen wird, aber die Frage, wie es genau dazu kommt, bringt einen dazu, sich intensiv mit der Geschichte zu beschäftigen und immer weiter zu lesen.

„The Woman in White“ war wirklich spannend zu lesen, dabei habe ich oft genug beim Lesen gedacht, dass da nur ein Haufen unfassbar schwafelnder Menschen zu Wort kommt – und so zappelte ich mit den Füßen vor Ungeduld, während jemand abschweift, weil er noch einschieben muss, dass er natürlich unter normalen Umständen niemals jemanden belauschen würde, aber das die einzige Chance zu sein schien, etwas über die Pläne des Barons, über die Beweggründe des Contes und über die Hintergründe dieses oder jenes Moments zu erfahren, obwohl man sich dafür in eine gefährliche und seinem Stand nicht angemessene Position bringen müsste, während das Wetter … *g*, weil ich doch unbedingt erfahren wollte, ob das Dienstmädchen vielleicht eine schlimme Begegnung hatte oder ob es in der Lage war, unbehelligt – aber dafür mit zwei brisanten Briefen in der Tasche – abzureisen. Und ja, das war jetzt ein einziger langer Satz, der hoffentlich verdeutlicht, wie es mir beim Lesen erging.

Aber nicht nur Spannung kommt durch diese ausufernde Erzählweise auf, man lernt auch die Charaktere sehr gut kennen. Bei denjenigen, die einem unsympathisch sind, fühlt sich jeder Absatz endlos an (und unterstreicht nur die unangenehmen Züge des jeweiligen Menschen), bei denjenigen hingegen, die einem sympathisch sind, sorgen diese kleinen Abschweifungen noch mehr dafür, dass sie einem ans Herz wachsen und dass sie mit ihren Stärken und Schwächen mit jedem Bericht ein bisschen realer wirken. Nur die Figur der armen Laura, die als Einzige nicht zu Wort kommt, erschien mir am Ende immer noch etwas farblos, aber damit konnte ich leben. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich durch die „100 Bücher“-Challenge auf das Buch aufmerksam geworden bin. Und wenn ich irgendwann mal etwas mehr Ruhe und Lust auf etwas ausführlichere Lektüre habe, dann lese ich bestimmt noch einen der anderen Titel von Wilkie Collins.

Deon Meyer: Der Atem des Jägers

Im Mai hatte ich „Dreizehn Stunden“ von Deon Meyer an einem Tag verschlungen und da mir der Roman so gut gefallen hatte, wollte ich auch die anderen beiden Kriminalromane rund um Benny Griessel lesen. „Der Atem des Jägers“ ist der erste Roman, den der Autor über den südafrikanischen Polizisten geschrieben hat, und ich muss zugeben, dass ich den Anfang nicht so mitreißend fand wie bei „Dreizehn Stunden“. Obwohl auch hier von Beginn an mit Perspektivwechseln gearbeitet wird, brauchte ich etwas, um mich an eine der drei zu Wort kommenden Personen zu gewöhnen. Aber als ich erst einmal in die Geschichte hineingefunden hatte, habe ich auch dieses Buch an einem Stück durchgelesen, weil ich es so fesselnd fand.

Erzählt wird die Handlung aus drei Perspektiven. Auf der einen Seite ist da eine junge Frau, die einem Priester ihre Geschichte erzählt, dann ein schwarzer Farmer, dessen achtjähriger Sohn vor kurzem erst bei einem Tankstellenüberfall getötet wurde, und zuletzt Benny Griessel, der gerade am absoluten Tiefpunkt seines Lebens angekommen ist. Benny ist seit Jahren Alkoholiker, doch nun ist der Moment erreicht, an dem seine Frau Anna ihn vor die Tür setzt. So kämpft Benny auf der einen Seite (wieder einmal) damit trocken zu werden und auf der anderen Seite versucht er einen Serienmörder dingfest zu machen, der es auf Kinderschänder abgesehen hat.

Der Roman ist, obwohl man durch die verschiedenen Handlungsstränge sehr viele Dinge weiß, die der Polizist noch lange nicht herausfinden kann, wirklich spannend geschrieben. Es gibt immer wieder überraschende Wendungen, aber selbst vorhersehbare Szenen können einen fesseln. Deon Meyer hat ein Händchen für Charaktere, wenige Szenen genügen in der Regel, damit man das Gefühl hat, man kennt die Figur – und trotzdem sind die Personen nicht langweilig oder klischeeüberfrachtet dargestellt.

Ich muss zugeben, dass es mir normalerweise schwer fällt mit Charakteren, die Alkoholiker sind, Sympathie zu empfinden. Aber bei Benny ist das anders. Ihn mag ich wirklich – mit all seine Selbstzweifeln, seinen Kämpfen gegen die Sucht, seiner vorurteilsfreien Sichtweise, seiner Mischung aus Menschenfeindlichkeit und Geduld. Ihm kann ich sogar die aggressiven Ausbrüche verzeihen, da es auch die Zuneigung zu seinen Kindern gibt, seine Liebe zur Musik und seiner Freude an manchen kleinen Dingen im Leben.

Abgesehen von der spannenden Handlung und den gelungenen Figuren reizt mich auch der Schauplatz der Benny-Griessel-Romane. Südafrika gehört zu den Ländern, bei denen ich große geschichtliche Lücken habe. Umso faszinierender finde ich es einen Einblick in das heutige Südafrika zu bekommen, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie weit Deon Meyers Beschreibungen die Realität wiederspiegeln. Aber es fühlt sich real an, wenn er darüber schreibt wie die verschiedenen südafrikanischen Völker sich aneinander reiben, wie sich der Rassismus (und zwar nicht nur den der Weißen gegenüber den Schwarzen) äußert, wie die Weißen Probleme haben sich an die geänderten Machtverhältnisse zu gewöhnen und wie schwierig es bei ständig wechselnden politischen Vorgaben ist, eine Behörde am Laufen zu halten.

Eigentlich gibt es sehr viele deprimierende Elemente in Deon Meyers Romanen, aber während ich mich bei vielen anderen Autoren schnell abgestoßen fühle, wenn es an allen Ecken und Enden von Bestechlichkeit, Korruption, Kriminalität in allen Schattierungen und anderen schlimmen Dingen wimmelt, finde ich bei den Benny-Griessel-Romanen genügend ausgleichende Szenen, um die Bücher trotzdem genießen zu können. Man spürt einfach, dass da ganz viel im Umbruch ist (und zwar nicht nur im Land, sondern auch bei den Personen selber) und dass es noch Hoffnung für die Zukunft gibt.