Schlagwort: Kriminalroman

Amanda Stevens: Totenlichter (Graveyard Queen 2)

Nachdem ich Ende Mai „Totenlichter“ von Amanda Stevens in meinem Buchpaket hatte, habe ich das Buch am Wochenende gelesen. Der Vorgänger „Totenhauch“ hatte mir gut gefallen und so war ich gespannt wie es mit Amelia Gray so weitergeht. Die Handlung in diesem Roman spielt dieses Mal nicht in Charleston, sondern in den Blue Ridge Mountains, genauer gesagt in dem kleinen Ort Asher Falls, wo Amelia den Thorngate Friedhof restaurieren soll.

Der Friedhof war früher der Familienfriedhof der Familie Asher, doch nachdem Pell Asher in den 80er Jahren ein großes Stück Land verkauft hat, damit dort ein Stausee angelegt werden konnte, wurde der Friedhof auch den restlichen Bürgern von Asher Falls zugänglich gemacht, da durch den Stausee der alte Friedhof (ebenso wie ein Teil der Wohnhäuser, die Zugangstraße zum Ort und andere wichtige Elemente) überflutet wurde. Ein Großteil der Bürger hat seit Entstehung des Stausees die Stadt verlassen und so findet sich Amelia an einem Ort wieder, der trostlos und oft genug unheimlich wirkt. Auch der Familie Asher hat das Geschäft mit dem Stausee anscheinend kein Glück gebracht, sie wirken ebenso heruntergekommen wie der gesamte Ort, allerdings übt Thane Asher auf Amelia eine unerklärliche Anziehung aus.

Ich muss gestehen, dass mich dieser Roman etwas zwiespältig zurück lässt. Auf der einen Seite hat es Amanda Stevens wieder geschafft einige sehr atmosphärische und unheimliche Szenen zu schreiben. Der verlassene Ort, die Familie Asher mit ihrem skrupellosen Familienoberhaupt Pell, der See mit seinen Geistern, der Friedhof mit den alten und vernachlässigten Familiengräbern und die überwältigende Natur rund um die Stadt Asher Falls bieten eine tolle Kulisse und tolle Figuren für so eine Geschichte. In der Stadt gibt es so einige Sonderlinge, aber auch die drei charismatischen Frauen Luna, Bryn und Catrice, die als einzige in der Gegend erfolgreich und zufrieden zu sein scheinen. Das alles fand ich wirklich schön zu lesen, an manchen Stellen vielleicht etwas klischeehaft, aber insgesamt sehr atmosphärisch.

Auf der anderen Seite fehlten mir Charleston und viele Charaktere, die man im ersten Roman kennengelernt hat. In „Totenlichter“ ist Amelia ganz auf sich allein gestellt und viele Dinge, die sie über die Stadt, die Ashers und die vor vielen Jahren bei einem rätselhaften Unfall umgekommene Freya erfährt, lassen sie an ihre Familie und ihre Kindheit denken. Auch ist ihr bewusst, dass sie – durch den Bruch der Regeln, die ihr Vater ihr von klein auf eingetrichtert hat – eine Grenze überschritten hatte und nun besonders auf der Hut vor den Geistern sein muss. So dreht sich ein Großteil der Handlung weniger um eine Ermittlung oder um den alten Friedhof und eventuell zu beachtende Dinge bei der Renovierung, sondern um Amelias Gefühls- und Privatleben.

Viele Dinge, die Amelia über ihre Familie und ihre Vergangenheit rausfindet, waren nicht besonders überraschend. Ebenso war der Krimianteil der Geschichte meiner Meinung nach recht vorhersehbar und dafür weniger spannend als bei „Totenhauch“. Auch Amelias Aufgabe bei der Friedhofsrestauration fällt in diesem Roman fast unter den Tisch, wirklich neue Aspekte erfährt man kaum, dabei fand ich diesen Part im Vorgänger sehr reizvoll. Und so nett ich Amelias neuen Hund Angus finde, der ihr zu Beginn ihres Aufenthalts in Asher Falls zuläuft, so habe ich das Gefühl, dass viele Szenen durch ihn zu einfach für die Protagonistin geworden sind.

Am Ende bleibt von „Totenlichter“ für mich nur eine nicht ganz so befriedigende Handlung und dafür eine tolle und atmosphärische Kulisse zurück. Wenn Bastei Lübbe noch einen weiteren Band der Autorin veröffentlichen sollte, werde ich den bestimmt auch noch ausprobieren, um zu gucken, ob Amanda Stevens nach der Klärung von Amelias persönlichen Rätseln wieder mehr auf den Kriminalgeschichtenanteil und Amelias ungewöhnlicher Tätigkeit als Restauratorin für historische Friedhöfe setzt.

Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Auch „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joël Dicker habe ich über Caroline entdeckt und dann überraschend schnell in der Bibliothek ausleihen können. Der Roman wird aus der Perspektive des Schriftstellers Marcus Goldman erzählt und beinhaltet mehrere miteinander verwobene Geschichten. Die Handlung dreht sich um die Frage, wer die junge Nola vor 33 Jahren ermordet hat, sie erzählt von der Freundschaft zwischen dem Autor Harry Quebert und Marcus Goldman, von all den Menschen, die durch Harrys Ankunft in dem kleinen Ort Aurora beeinflusst wurden und von denen, deren Leben durch Nolas Verschwinden sich veränderte. Außerdem erzählt der Roman von der Liebe zwischen Nola und Harry, von den kleinen Entscheidungen, die ein ganzes Leben beeinflussen können , von Verlust und von mehreren Büchern, die Marcus Goldman geschrieben hat.

Dabei beginnt für Marcus alles an dem Tag, an dem er von Harry einen Anruf erhält, in dem dieser ihm mitteilt, dass auf seinem Grundstück die Leiche der siebzehnjährigen Nola gefunden und er wegen Mordes verhaftet wurde. Für Marcus ist die Vorstellung absurd, dass Harry einen Mord begangen haben soll, auch wenn er wusste, dass sich der damals 34jährige Harry vor 33 Jahren in die junge Nola verliebt und eine Beziehung mit ihr geführt hatte. So macht sich der Schriftsteller auf in den kleinen Ort Aurora, um mehr über Nola herauszufinden und Harrys Unschuld zu beweisen.

In Aurora ist Marcus aufgrund seiner langen Freundschaft mit Harry kein Unbekannter, doch immer wieder lassen ihn die Einwohner spüren, dass er auch keiner von ihnen ist. Je mehr er in der Vergangenheit gräbt, je mehr er über Nola – und ihre Beziehungen zu ihrer Familie, ihren Nachbarn, ihren Mitschülern und ihrer Arbeitgeberin – herausfindet, desto mehr wird Marcus angefeindet. Immer wieder macht Marcus überraschende Entdeckungen und auch wenn nicht jede Wendung für mich ebenso überraschend war, so gelingt es Joël Dicker so viel Spannung und so viel Sympathie mit den Figuren aufzubauen, dass es mir keinen Moment lang beim Lesen langweilig wurde.

Der Autor hat eine sehr liebevolle Art mit seinen Charakteren umzugehen. Selbst Figuren, die auf den ersten Blick klischeehaft oder unsympathisch aufgebaut wurden, haben Facetten an sich, die dazu führen, dass man sie nicht verurteilt und dass man eigentlich gern von ihnen liest. Marcus Goldman zum Beispiel beschreibt sich selber als jemanden, der sich in seiner Jugend immer so durchlaviert hat, als jemanden, der immer den leichtesten Weg wählte, um sich im bestmöglichen Licht dazustellen, und auch sein Verhalten nach dem Erfolg seines ersten Romans zeigt deutlich, dass er immer noch jemand ist, der Schwierigkeiten damit hat einen „erwachsenen“ Umgang mit Situationen zu finden. Auf der anderen Seite ist da sein Glaube an seinen Freund und Mentor Harry, seine Hartnäckigkeit bei der Suche nach der Wahrheit und letztendlich auch Bedürfnis das „Richtige“ zu tun, so dass man ihn nur schwer für seine Fehler verurteilen kann.

Ebenso ergeht es einem mit Harry Quebert, dessen Beziehung zu einem gerade mal siebzehnjährigen Mädchen weder aus rechtlicher, noch aus moralischer Sicht akzeptable ist – und doch gelingt es Joël Dicker für den Leser nachvollziehbar zu machen, warum sich Harry in dieses Mädchen verliebt hat. Die ganze Vielfalt der Charaktere, mit all ihren Stärken und Schwächen, hat mich wirklich fasziniert. Ich habe mir Gedanken über die gealterte Schönheitskönigin und ihre unerfüllten Träume gemacht, ich hatte Mitleid mit einem jungen und überaus schüchternem Polizisten, ich habe um das zerstörte Leben eines jungen Malers geweint und mich gefragt, welche dieser vielen kleinen Enthüllungen in einem Gespräch nun Marcus auf seiner Suche nach der Wahrheit weiter bringt.

Wirklich neu ist die Geschichte nicht und die Überfrachtung mit so vielen Themen wäre bei einer weniger ruhigen Erzählweise vermutlich viel zu viel geworden, ebenso wie die eher belanglosen Schreibtipps, die Harry Marcus im Laufe der Zeit gibt, aber dank der eher gemächlichen und immer wieder abschweifenden Erzählweise habe ich „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ sehr genossen. Ich habe mich in all den kleinen Dramen verloren, habe die Beschreibungen der Stadt, des Strands und der vielen kleinen zwischenmenschlichen Momente gemocht und mich auch immer wieder von dem Roman an andere Bücher (oder Filme) erinnern lassen.

Jim Butcher: Sturmnacht (Hörbuch)

Nachdem es schon über drei Jahre her ist, dass ich den ersten Harry-Dresden-Band gelesen haben, habe ich die Gelegenheit genutzt als die Hörbuch-Version mit David Nathan veröffentlicht wurde. Ich mag den Sprecher, ich mag die Geschichten rund um Harry Dresden, dieses Hörbuch konnte einfach kein Fehlgriff sein – und ich habe mich wirklich sehr gut damit unterhalten gefühlt.

In klassischer Privatdetektiv-Tradition beginnt auch diese Geschichte mit einer attraktiven Frau, die Harry Dresden beauftragt, um ihren verschwundenen Mann zu suchen. Während Harry noch darauf hinweist, dass es doch andere Detektive gäbe, die für diese Aufgabe geeignet seien, erzählt ihm seine Kundin, dass ihr Mann in letzter Zeit mit (schwarzer) Magie experimentiert hätte und dass sie deshalb auf sein besonderes Wissen setzen würde, um ihn zu finden. Denn schließlich ist Harry Dresden der einzige Magier, der seine Dienste im Chicagoer Telefonbuch anbietet …

Dass die Geschichte nicht so einfach ist, wie es scheint, und dass es eine Verbindung zwischen Harrys Klientin und seiner Tätigkeit für das Chicagoer Police-Department gibt, liegt für den Hörer schnell auf der Hand. Aber wie genau alles zusammenhängt und wie Harry mit all den Schwierigkeiten, die seine Ermittlungen mit sich bringen fertig wird, fand ich auch beim zweiten Entdecken der Geschichte wieder sehr reizvoll und unterhaltsam. Ich hatte fast vergessen wie sehr der Anfang von Harrys Abenteuern an die klassischen Detektivgeschichten angelehnt ist. Seit diesen ersten gemeinsamen Schritten mit Harry in der übernatürlichen und kriminellen Welt von Chicago ist doch einiges passiert.

Auch hatte ich den Gangsterboss ganz vergessen, mit dem er sich in „Sturmnacht“ anlegt und ich habe mich darüber gefreut sein erstes „Date“ mit der Journalistin Susan noch einmal miterleben zu können. Wie auch bei den folgenden Bänden mag ich die recht actionreiche Erzählweise, Harrys grundsätzliche Haltung gegenüber Gefahren und Herausforderungen und den Humor, den Jim Butcher in seine Geschichten einbaut. Allerdings ist mir aufgefallen wie sehr ich mich inzwischen an die englischen Romane gewöhnt habe (ich hatte nur den ersten Band auf Deutsch gelesen und dann zu den englischen Ausgaben gewechselt) und wie seltsam einige Begriffe in der Übersetzung klingen.

Auch der Luftgeist Bob, der in einem Schädel in Harrys Keller lebt und diesem als eine Art magisches Nachschlagewerk dient, hat mich sehr irritiert. Ich hatte vollkommen verdrängt, dass dieser in der deutschen Ausgabe mit einem Berliner Dialekt (Warum werden eventuell vorhandene englischsprachige Dialekte immer mit dem Berliner Dialekt übersetzt? Gibt es eigentlich keine Alternativen? Oder würde es nicht einfach reichen zu erwähnen, dass die Figur einen Dialekt hat, statt ihr einen unpassenden deutschen Dialekt aufzudrücken?) übersetzt wurde. Zum Glück hat Bob nicht sehr viele Szenen im ersten Band, aber der Teil hat mir dann doch nicht gefallen.

Zum Sprecher David Nathan muss ich wohl nicht mehr viel sagen, oder? Ich mag ihn als Hörbuchsprecher, das ist meinen Bloglesern inzwischen ja auch bekannt. Auch „Sturmnacht“ hat er wieder stimmungsvoll und professionell gelesen (für den Berliner Dialekt kann er ja nichts), ohne bei den Frauenfiguren die Stimme unpassend zu verstellen oder die Charaktere so zu interpretieren, dass sie mit meiner ganz persönlichen – und nach acht Romanen recht festgelegten – Vorstellung nicht mehr zusammenpassen. Auch finde ich, dass seine Stimme sehr gut zu einem Mann wie Harry Dresden passt, der groß und schlank ist und schon einiges vom Leben gesehen hat. Trotzdem überlege ich noch, ob ich die Serie auf Deutsch weiterhören möchte oder vielleicht doch mal einen Versuch mit der englischen Variante (gelesen von Spike James Marsters) wagen sollte, obwohl ich befürchte, dass ich zu wenig verstehen würde.

Jim Butcher: Proven Guilty (Harry Dresden 8)

Lange ist es her, dass ich den letzten Harry-Dresden-Roman gelesen habe, aber in den letzten Tagen war es endlich wieder soweit. Am Anfang von „Proven Guilty“ musste ich mich erst einmal wieder in Harry Dresdens Welt zurechtfinden und mich erinnern, auf welche der vorhergehenden Ereignisse angespielt wird, aber das klappte – trotz der 2,5 Jahre, die seit dem Lesen von „Dead Beat“ vergangen sind – überraschend gut. Seit den Ereignissen während des Halloweenfests im Vorjahr scheint nicht so viel passiert zu sein. Harry geht seinen Aufgaben als Wächter des Weißen Zirkels nach – und ist oft genug mit der offiziellen Politik der Magier nicht einverstanden – und arbeitet ansonsten an einem privatem Projekt, das ihm in Zukunft vieles einfacher machen sollte.

Aber es fällt auf, dass Harry erstaunlich viele Kommunikationsprobleme mit seinen Freunden hat. Während sein Verhältnis zu Karrin Murphy ungetrübt ist, hat er seit inzwischen zwei Jahren nicht mehr mit Michael Carpenter, dem „Ritter des Kreuzes“ (ich habe immer noch nicht herausgefunden, wie er im Deutschen bezeichnet wird) gesprochen, obwohl dieser ihm immer ein guter Freund war. Aber auch sein Verhältnis zu seinem Bruder Thomas und seinem ehemaligen Mentor Ebenezar war in den letzten Monaten nicht sehr eng und man spürt deutlich, dass Harry es vermisst offen mit diesen Männern reden zu können.

Als dann Molly Carpenter, Michaels älteste Tochter, bei Harry anruft und ihn wegen eines Freundes um Hilfe bittet, ist dieser erst einmal vor allem irritiert. Doch schnell stellt sich heraus, dass es in Mollys Umfeld dringende Arbeit für Chicagos magischen Privatdetektiv und Mitglied des Weißen Zirkels gibt. Bei einem Horrorfilm-Festival, bei dem Molly arbeitet, kommt es zu unheimlichen Vorfällen, bei denen übernatürliche Wesen Menschen verletzten und töten. Aber nicht nur diese Vorkommnisse beschäftigen Harry, sondern auch die Auswirkungen des Krieges zwischen den Magiern und den Vampiren des roten Hofes, das unerklärliche Stillschweigen des Sommerhofes der Sidhe und die Frage, wie er sich von dem Einfluss des gefallenen Engels befreien kann.

In „Proven Guilty“ nimmt Jim Butcher so einige Handlungsstränge aus den vorhergehenden Romanen auf , ohne sie wirklich weiterzuführen. Vor allem dreht sich die Geschichte um Harrys Verhältnis zur Familie Carpenter und um Molly und die Ereignisse, die mit der jungen Frau zusammenhängen. Mir kam es so vor, als ob dieser Roman – trotz aller Actionszenen, Kämpfe und neuen Informationen zu verschiedenen Bereichen – das Innehalten vor der großen Schlacht sei. Wobei ich nicht abschätzen kann, ob sich diese „Schlacht“ nicht wieder über mehrere Bände hinziehen wird. Auf jeden Fall spitzen sich die Ereignisse so langsam zu und es wird meiner Meinung nach Zeit, dass einige Handlungsstränge zu einem (vorläufigen?) Ende kommen.

Mir hat „Proven Guilty“ wieder viel Spaß gemacht – und mich prompt eine schlaflose Nacht gekostet. Diese verflixten Cliffhanger am Ende eines Kapitels lassen mich doch jedes Mal „nur noch ein weiteres Kapitel“ lesen, bevor ich dann endlich ins Bett gehen will und irgendwann stehe ich vor der Frage, ob ich jetzt doch noch vier Stunden Schlaf bekomme oder das Buch eben beende. Ich finde es schön, dass Harry langsam bewusst wird, dass eine Familie mehr sein kann als die Personen, mit denen man verwandt ist. Auf der anderen Seite finde ich die Entwicklungen im Weißen Zirkel besorgniserregend und dank eines blöden Spoilers warte ich da noch auf eine Eskalation (die es in diesem Band allerdings noch nicht gab).

Agatha Christie: 16 Uhr 50 ab Paddington (Hörbuch)

Auch wenn ihr es vermutlich nicht mehr sehen könnt: Ich habe mal wieder ein Hörbuch mit einer Agatha-Christie-Geschichte gehört und ja, ich schreibe eine Rezension dazu. 😀 „16 Uhr 50 ab Paddington“ gehört meinem Gefühl nach zu den bekanntesten Miss-Marple-Geschichten – vor allem aufgrund der Verfilmung mit Margaret Rutherford, die nicht so ganz werkgetreu erfolgte. Die Handlung beginnt in dieser Geschichte mit Mrs. McGillicuddy, einer älteren Dame, die in London ihre Weihnachtseinkäufe erledigt, um dann eine Freundin auf dem Land zu besuchen. Während der Zugfahrt beobachtet sie, während ihr Zug und eine zweite Eisenbahn ein Stückchen parallel fahren, einen Mord an einer jungen Dame. Da sie den Täter nur von hinten sieht, kann sie ihn nicht besonders gut beschreiben. Allerdings hat sie den Eindruck, dass es sich bei ihm um einen großen Mann um die 40 Jahre handeln müsste.

Als sie ihre Beobachtung dem Zugpersonal meldet, glaubt ihr der Schaffner ebensowenig wie der Bahnhofsvorsteher der nächsten Haltestelle. Einzig Miss Marple, zu der Mrs. McGillicuddy unterwegs war, ist davon überzeugt, dass ihre Freundin sich nichts eingebildet hat (und sei es nur, weil Elspeth McGillicuddy die Fantasie dafür fehlen würde). Und obwohl sie ihren Einfluss bei der örtlichen Polizei gelten macht, muss auch sie zugeben, dass die Ordnungshüter in einem Mord nur dann ermitteln können, wenn sie zumindest eine Leiche vorzuweisen haben. So rekonstruiert sie gemeinsam mit Mrs. McGillicuddy soweit wie möglich die Ereignisse, grenzt das Tatgebiet ein und engagiert Lucy Eyelesbarrow, um in dem fraglichen Gebiet nach einer Frauenleiche zu suchen.

Lucy Eyelesbarrow ist eine gehobene Haushälterin, die vor einiger Zeit von Miss Marples Neffen beauftragt worden war, die alte Dame zu pflegen, während sie sich von einer Krankheit erholt. Beide Frauen haben eine hohe Meinung voneinander und so verschiebt die 32jährige Lucy ihren geplanten Urlaub und sucht sich eine Stelle in dem Anwesen Rutherford Hall. Schnell steht fest, dass das Verbrechen mit dem Herrenhaus und seinen Bewohnern zu tun hat, zu denen der alte Luther Crackenthorpe, seine Tochter Emma und die – nicht mehr daheim lebenden – Söhne Harold, Cedric und Alfred gehören. Außerdem sieht man sehr oft den ehemaligen Piloten Bryan Eastley, der mit Emmas verstorbener Schwester verheiratet war, seinen Sohn Alexander und den hiesigen Arzt Dr. Quimper auf dem Anwesen.

Ich mag die Geschichte sehr gern, bietet sie Agatha Christie doch die Gelegenheit sehr viele verschiedene Charaktertypen und ihre Stellung innerhalb einer nicht ganz einfach Familienkonstellation zu präsentieren. Auch Lucy ist mir schon beim ersten Lesen des Romans ans Herz gewachsen und das hat sich in all der Zeit nicht geändert. Die Frau ist patent, energisch und weiß, was sie will. So hat sie nach einem erfolgreich abgeschlossenem Mathematikstudium die Tätigkeit der Haushälterin aufgenommen, weil sie so nicht nur mehr Geld verdienen kann als mit ihrem studierten Beruf, sondern auch tagtäglich mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun hat. Ich glaube, „16 Uhr 50 ab Paddington“ zeigt einfach besonders schön, wie es der Autorin gelingt mit nur wenigen Worten einen Menschen lebendig werden zu lassen. Mrs. McGillicuddy zum Beispiel spielt eigentlich nur eine kleine Rolle zu Beginn (und eine noch kürzere zum Ende) der Geschichte und doch hat man nach diesen wenigen Momenten schon das Gefühl, man könne sie genau einschätzen, wüsste genau wie ihr Leben bisher verlaufen ist und in Zukunft verlaufen wird. Dass der Krimianteil gut konstruiert ist, muss ich vermutlich gar nicht mehr erwähnen, aber ich finde, dass einen die Autorin schön auf falsche Fährten schickt und doch dafür sorgt, dass die Auflösung des Falls stimmig und gut fundiert ist.

Katharina Thalbach als Sprecherin dieses Hörbuchs … nun, ich hätte sie nicht gewählt, muss aber zugeben, dass sie ihre Sachen deutlich besser gemacht hat als in „Ruhe unsanft“. Zu Mrs. McGillicuddy passte ihre Geschichte sehr gut und sogar Alexanders Freund James fand ich mit ihrer Stimme überraschend überzeugend. Trotzdem finde ich ihre Stimme und ihre Art ein Hörbuch zu lesen nicht gerade für diese Geschichte geeignet. Lucy und die verschiedenen Männer klangen bei ihr nur selten überzeugend, ihre Aussprache der englischen Namen war zwar auch besser als in dem anderen Hörbuch, aber nicht immer ausreichend. So wunderte ich mich, dass der Hausherr keinen „Benny“ für den Erhalt des Anwesens investierte (und ja, ich stand auf dem Schlauch, denn es hat wirklich gedauert bis ich darauf kam, dass Penny gemeint war) und die verstorbene Edith wurde anfangs auch gern mal „Ääädith“ ausgesprochen. Auch gab es diverse Stellen, an denen der Text Reaktionen vorgibt wie „sagte sie energisch“ – während Katharina Thalbach die Figur in dem Moment eher panisch klingen ließ.

[Kurz und knapp] Harald Schneider: Tote Beete (Hörbuch)

„Tote Beete“ von Harald Schneider ist – wie ich im Nachhinein erfahren habe – der zehnte Teil einer Krimiserie rund um den Polizisten Reiner Palzki. Die Romanvorlage ist im Gmeiner Verlag erschienen, die Hörbuchumsetzung bei Radioropa und gelesen wurde das Ganze von Manfred Callsen. Für die Inhaltsangabe bemühe ich mal den Klappentext des Hörbuchs:

„Hauptkommissar Reiner Palzki besucht mit seiner Familie nicht ganz freiwillig die Landesgartenschau in Landau, als plötzlich eine gewaltige Explosion das Gelände erschüttert. Ein Besucher ist tot, ein Gärtnermeister verletzt. Bei seinen Ermittlungen stößt Palski auf dubiose Vorgänge, in die der Gärtner verwickelt war. Aber auch der bekannte Salathersteller, bei dem der Tote als Prokurist arbeitete, hat mehr als ein finsteres Geheimnis …“

Regionalkrimis sind ja immer so eine Sache. Manche finde ich wunderbar (z.B. „Frau Maier fischt im Trüben“), andere zumindest ganz nett und dann gibt es die, bei denen ich mir ernsthaft vornehme nie wieder einen Regionalkrimi anzufassen. Leider gehört „Tote Beete“ zur letzteren Kategorie – was nicht nur meinen Blutdruck in den letzten Tagen regelmäßig in die Höhe getrieben hat, sondern auch dafür sorgte, dass mein Mann sich nach den ersten Minuten weigerte auch noch ein weiteres Kapitel dieses Machwerks zu ertragen.

Sollte unter euch jemand sein, der diese Geschichte (oder die Vorgängerromane) mochte, den bitte ich mir zu erklären, was daran unterhaltsam sein soll! Dass der Kriminalfall unlogisch und banal gestaltet wurde, ist kein Problem für mich, ist dieser Teil der Handlung doch eh in diesem Fall nebensächlich. Was ich aber wirklich schlimm fand, war die Charaktergestaltung. Palzki ist ein aufgeblasender Idiot, der für seine Umwelt nur Verachtung übrig hat, und der Rest der Figuren besteht entweder aus farblosen Randerscheinungen (z.B. seine Kollegen, die im Gegensatz zu ihm wenigstens ab und an arbeiten) und vollkommen abgedrehten Personen, die so extrem „überzogen“ dargestellt werden, dass es einfach nicht mehr witzig ist.

Harald Schneider spielt in seiner Geschichte nicht mit Klischees, sondern arbeitet anscheinend eine Liste mit „witzigen“ Vorurteilen ab. Witze über VegetarierInnen/VeganerInnen? Erledigt! Witze über Frauen, die Handarbeiten? Erledigt! Witze über geldgierige Ärzte? Erledigt! Witze über Vorgesetzte? Erledigt! – und so könnte man endlos fortfahren. Das Ganze ist dabei so platt und billig dargestellt, dass es einfach nicht amüsant ist. Dazu wird jede „humorvolle“ Bemerkung so lange erklärt, dass selbst eine Amöbe irgendwann den „Witz“ dahinter verstanden haben sollte – was es wirklich nicht lustiger macht.

Außerdem ist die ganze Geschichte sehr dialoglastig, was kein Problem wäre, wenn die diversen Figuren eine eigene Stimme hätten. Aber alle Personen klingen gleich, verwenden die gleichen Satzstrukturen, die gleichen Redewendungen und haben die gleiche Art sich auszudrücken. Dazu kommt noch eine unerträgliche Belanglosigkeit der Gespräche, die häufig überhaupt erst deshalb entstehen, weil Palzki quer durch die Gegend fährt, um dann vier Sätze mit einem Zeugen oder Verdächtigen auszutauschen, und dann wieder wegzugehen, weil er keine Lust mehr hat zu arbeiten. Das Ganze ist definitiv nicht meine Art von Humor – und wenn man den Humor nicht mag, dann gibt es wirklich nichts Erträgliches an „Tote Beete“.

Auch wenn mir das Hörbuch so gar nicht gefallen hat, muss ich zugeben, dass Manfred Callsen seine Arbeit – im Rahmen dessen, was die Geschichte nun mal hergibt – gut gemacht hat. Die ganze Zeit hatte der Sprecher einen angemessenen amüsierten Unterton, während er die Geschichte gelesen hat und seine Stimme habe ich als angenehm klar empfunden. Achja, das Hörbuch beinhaltet neben dem Krimi noch drei „Bonus“-Kapitel (übrigens als Extra-Bonus bezeichnet – was ja wohl ein bisschen doppelgemoppelt ist), die eine kurze „Mitrategeschichte“, eine Kurzgeschichte und einen Vortrag des Autors zu seinen Krimis beinhalten. Alles miteinander hält das „Niveau“ des Krimis und ist ebenso „lustig“ anzuhören.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt: Der Mann, der kein Mörder war

„Der Mann, der kein Mörder war“ von Michael Hjorth und Hans Rosenfeld war eine Empfehlung von Tine, die sehr begeistert von dem Roman war und ihn sehr spannend fand. Da ich ja immer auf der Suche nach neuen Autoren bin und regelmäßig versuche, meine Vorurteile gegenüber skandinavischen Krimis abzubauen, hatte ich mir das Buch in der Bibliothek vormerken lassen. Hauptfigur der Geschichte ist der Psychologe Sebastian Bergman und leider muss ich sagen, dass mir der Roman ohne diesen Charakter deutlich besser gefallen hätte – keine gute Voraussetzung, um eine Geschichte zu genießen.

Theoretisch dreht sich die Handlung um den Mord an einem Schüler, der – Tage, nachdem er von seiner Mutter als vermisst gemeldet wurde – mit 22 Stichen im Rücken und fehlendem Herzen in einem Waldstück bei Västerås gefunden wird. Da die örtliche Polizei schon Mist gebaut hatte, weil die Vermisstenmeldung erst verschleppt und dann nicht ernst genommen wurde, und zusätzlich der verantwortliche Polizist auch noch seinen Suchtrupp verlassen hat, so dass die – unangebrachterweise von ihm rekrutierten – jugendlichen Pfadfinder die Leiche fanden, wird das Team von Kommissar Höglund aus Stockholm gerufen, um die Ermittlungen zu übernehmen. 
Neben den Ereignissen rund um die Aufnahme der Ermittlungen bekommt man als Leser noch mit, wie der Psychologe Sebastian Bergman nach Västerås reist, um nach dem Tod seiner Mutter sein Elternhaus zu verkaufen. Dass sein Verhältnis zu seinen Eltern nicht gut war, steht von Anfang an fest, ebenso, dass er seit Jahrzehnten nicht mehr im Västerås war. Außerdem bekommt man schnell mit, dass Sebastian Frau und Kind bei einem tragischen Ereignis verloren hat und dass er grundsätzlich ein ziemlicher Mistkerl ist. Im Laufe der Zeit treffen Sebastian und Torkel Höglund aufeinander, und der Kommissar erklärt sich bereit, Sebastian an den Ermittlungen in dem Mordfall teilhaben zu lassen, da er früher mit dem Psychologen befreundet war, während dieser noch für die Polizei gearbeitet hatte. Sebastian hingegen hat ganz eigene Gründe, warum er wieder mit Torkel zusammenarbeiten möchte.
Erst einmal muss ich sagen, dass ich bei vielen skandinavischen Krimis den Eindruck habe, dass der Fall und sein Opfer nicht relevant sind. Es wird den Polizisten und ihren persönlichen Problemen so viel Raum zugesprochen, dass alles andere kaum noch Gewicht hat. Hier hätte mich das nicht so gestört, weil ich das Team rund um Torkel Hörlund eigentlich recht sympathisch und stimmig fand. Außerdem waren die Ermittlungen nicht einfach durchzuführen, da das Opfer kaum Außenkontakte hatte und durch die örtliche Polizei so einige Probleme verursacht wurden. Hätte der Roman also nur aus diesen Elementen bestanden, hätte ich mich ganz gut unterhalten gefühlt, ohne aber das Bedürfnis zu haben, die Reihe weiter zu verfolgen.
Die Figur des Sebastian Bergman hingegen hat dafür gesorgt, dass ich mich ständig beim Lesen geärgert habe. Ich kann mit unhöflichen und destruktiven Charakteren leben, wenn ich das Gefühl habe, dass es der Geschichte zuträglich ist und das Verhalten eine stimmige Ursache hat. Aber je mehr ich über Sebastian erfuhr, desto unerträglicher fand ich sein Arschloch-Verhalten. Dazu kamen dann noch die entsetzlich ausgelutschte Geschichte mit seiner Familientragödie und die vorhersehbare Wendung zu einer persönlichen Sache am Ende des Romans (okay, da hätte es zwei mögliche Auflösungen gegeben, aber überraschend war da nichts) und das führte dazu, dass ich mich nach der letzten Seite fragte, wieso diese Figur überhaupt so viele Fans gefunden hat. Ich habe nichts gegen kaputte Typen, die können wirklich reizvoll sein, aber wenn ein Charakter so konstruiert-kaputt gestaltet wird, dann empfinde ich ihn nur als Belastung für eine Geschichte.
Nachdem also Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt mich nicht überzeugen konnten, greife ich in den nächsten Tagen lieber wieder zu Lotte und Søren Hammer und hoffe, dass der zweite Teil um Kommissar Konrad Simonsen mich dafür gut unterhalten kann.

Elizabeth Peters: Im Schatten des Todes (Hörbuch)

Auch „Im Schatten des Todes“ von Elizabeth Peters (Pseudonym von Barbara Mertz) habe ich im Rahmen der Hörbuch-Challenge gehört und dabei das Wiedersehen mit langvertrauten Figuren genossen. Die Romane der Autorin rund um Amelia Peabody, ihre Familie und ihre Freunde haben ich vor lange Zeit für mich entdeckt und gerade die ersten Bände immer wieder gelesen, auch wenn ich die Reihe in den letzten Jahren etwas aus den Augen verloren habe. „Im Schatten des Todes“ ist der erste Band rund um Amelia Peabody und die Geschichte wurde für die Hörbuchumsetzung gekürzt, ohne dass ich das Gefühl hatte wirklich relevante Passagen zu verpassen.

Amelia (die ich übrigens auch schon länger als eine Kandidatin für mein Figurenkabinett im Hinterkopf habe) ist zu Beginn der Geschichte 32 Jahre alt. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts ist sie damit definitiv eine alte Jungfer und nachdem ihr Vater stirbt und ihr sein – überraschend großes – Vermögen vermacht, beschließt sie, dass sie auf Reisen gehen möchte. Ihr Vater hat sich als Wissenschaftler mit diversen fremden Kulturen beschäftigt und auch ihre eigene Neigung zum Lernen immer gefördert. Amelias erstes Ziel soll Ägypten sein, da sie sich sehr für Archäologie interessiert. Bei einem Zwischenstop in Rom sammelt Amelia – die inzwischen ihre Reisebegleiterin aufgrund gesundheitlicher Probleme verloren hat – die junge Evelyn Barton-Forbes auf, eine von ihrer Familie verstoßene Adelige, mit der sie sich schnell anfreundet.

Endlich in Kairo angekommen erkundet Amelia nicht nur jede erreichbare Pyramide, sondern erlebt auch die eine oder andere ungewöhnliche Begebenheit. Außerdem lernen sie und Evelyn die Brüder Emerson kennen, zwei britische Archäologen, die auf dem Weg zu einer Ausgrabung sind. Und da Evelyn auf den ersten Blick Interesse an Walter Emerson entwickelt hat, sieht es Amelia als ihre Pflicht an für ein Wiedersehen zwischen den beiden zu sorgen – vor allem, da es ihr die Möglichkeit geben wird, einmal ihre Nase in eine Ausgrabung zu stecken.

Wie es sich für einen gemütlichen Kriminalroman gehört, setzt Elizabeth Peters bei ihrer Amelia-Peabody-Reihe vor allem auf die Gestaltung und Entwicklung der Figuren und so ist es kein Wunder, dass man als Hörer recht schnell dahinter kommt, welche Person und welche Motive hinter den seltsamen Vorfällen in Kairo und später an der Ausgrabungsstätte stecken. Aber das schadet nichts, da die verschiedenen Charaktere so angenehm individuell und liebenswert gestaltet wurde. Amelia ist eine energische Frau mit entschiedenen Ansichten, die ganz zufrieden damit ist eine „finanziell unabhängige alte Jungfer“ zu sein. Wenn sie das Gefühl hat, sie hätte Recht, dann setzt sie ihren Kopf gegen alle Widerstände durch. Evelyn hingegen ist deutlich sanfter und diplomatischer – was auch ganz gut ist, denn sonst wäre sie nicht in der Lage Amelia immer wieder in ihrem Tun zu zügeln oder daran zu hindern sich mit dem älteren Emerson anzulegen.

Ich mag die Figuren einfach, ich mag den Humor der Serie und ich finde die Details über die Ausgrabungen zu dieser Zeit wirklich interessant (wenn auch zum Teil erschütternd, wenn man bedenkt wie viel bei diesen oft wenig wissenschaftlichen Aktionen zerstört wurde), und dass die Autorin selber Archäologin ist, gibt diesen Passagen eine Authentizität, die ich sehr reizvoll finde. So habe ich auch beim Hören des Hörbuchs zum wiederholten Mal die Handlung genießen können, während die Sprecherin Dagmar Heller durch ihre Stimme und Betonung der ganzen Geschichte eine ungewohnten Nuance zufügte.

Grundsätzlich muss ich sagen, dass die Sprecherin ihre Sache sehr gut gemacht hat. Sie hat jeder Figur eine individuelle Note verliehen, ohne dabei zu übertreiben, und ihre Lesung schön facettenreich gehalten. Auch fand ich ihre Stimme passend für Amelia, aus deren Perspektive das Ganze erzählt wird, und die mit ihren über 30 Jahren auch eine „erwachsene“ und manchmal etwas herrisch wirkende Stimme benötigte. Die Tonqualität war auch gut, auf die Länge der Tracks habe ich dieses Mal nicht geachtet, weil ich das Hörbuch immer gleich mehrere Stunden am Stück gehört habe. Insgesamt war es sehr schön auf diese Weise ein Wiedersehen mit Amelia und den anderen genießen zu können.

Ian Rankin: Der diskrete Mr. Flint (Hörbuch)

„Der diskrete Mr. Flint“ ist ein Frühwerk des Autors Ian Rankin und die Romanvorlage (die wohl auch nicht so umfangreich ist, zumindest wird mir für die englische Ausgabe eine Seitezahl von 254 angezeigt) wurde für die Hörbuchausgabe gekürzt. Wobei ich nach dem Lesen einer ausführlichen Buchrezension den Verdacht habe, dass vor allem „Actionszenen“ weggefallen sind – auf jeden Fall hatte ich beim Hören nicht das Gefühl, dass ich irgendetwas verpassen oder nicht verstehen würde. Man muss aber schon etwas aufpassen, um nicht durcheinander zu kommen, wenn auf einmal wieder eine Person eine Rolle spielt, die eher am Anfang der Geschichte Erwähnung fand.

Aber ich nehme schon wieder Sachen voraus, also erst einmal ein paar Worte zum Inhalt des Hörbuchs. Die Geschichte dreht sich um Miles Flint, der als „Aufpasser“ beim MI5 in London arbeitet, und spielt in den 80er Jahre, zu einer Zeit als die Bomben der IRA eine regelmäßige Bedrohung darstellten. Miles Arbeit ist weder aufregend, noch besonders gefährlich. Er ist nur einer von vielen Agenten, die Tag für Tag verdächtige Personen beobachten, ihren Bewegungen analysieren und ihre Gespräche abhören. Doch dann läuft bei einer simplen Beobachtung etwas schief und Miles muss für den misslungenen Auftrag die Verantwortung übernehmen. In den folgenden Tagen fragt er sich ständig, wie so etwas passieren konnte und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln …

Ian Rankin orientiert sich mit „Der diskrete Mr. Flint“ an den eher ruhigen Spionagegeschichten, die – meinem Gefühl nach – eher vor als während des Kalten Krieges entstanden. Der zurückhaltende Miles muss sich aber nicht mit russischen Spionen auseinandersetzen, sondern vor allem mit seinen eigenen Kollegen vom MI5 und der Befürchtung, dass einer von ihnen ein Doppel- oder gar Dreifachagent sein könnte. Die Handlung wird aus mehreren Perspektiven erzählt, so dass man als Hörer schon früh weiß, dass noch mehr Personen in die Angelegenheit verwickelt sind als Miles absehen kann und dass einer von Miles‘ Kollegen geheime Botschaften mit einer unbekannten Person austauscht.

Mir hat die Geschichte sehr viel Spaß gemacht, ich fand sie kurzweilig und stellenweise von einem angenehm leisen Humor durchzogen. Ich habe eine Schwäche für eher ruhige und klassische Spionagegeschichte und Miles Flint ist mir als Protagonist wieder Willen schnell ans Herz gewachsen. Ein bisschen extrem fand ich seine Käfer-Hobby und nachdem die kriselnde Beziehung zu seiner Frau Sheila anfangs doch einigen Raum einnahm, hätte ich mir gewünscht, dass sie am Ende eine etwas entscheidendere Rolle gespielt hätte. Auch die Zeit, in der das Ganze spielt, hat Ian Rankin schön dargestellt. Auf der einen Seite gibt es da die Bomben und die Paranoia der Menschen (die natürlich bei den Agenten noch ausgeprägter ist als bei den normalen Bürgern) und auf der anderen Seite muss man sein Leben trotzdem weiterleben. Die Gesellschaftskritik – eigentlich vor allem eine Kritik an den beiden Seiten des Nordirland-Konflikt – wird von Ian Rankin nicht gerade dezent angebracht, aber passend innerhalb der Geschichte. Für diejenigen, die von Rankin die Rebus-Geschichten mögen, möchte ich noch anmerken, dass „Mr. Flint“ eigentlich nichts damit zu tun hat. Sowohl der Stil, als auch die Figurenzeichnungen sind vollkommen unterschiedlich – und sollte meiner Meinung nach auch nicht miteinander verglichen werden.

Gelesen wird das Hörbuch von Heikko Deutschmann, den ich als Sprecher sehr gerne mag. Auch bei „Der diskrete Mr. Flint“ hat er eine gute Arbeit abgeliefert, die einzelnen Figuren gut und individuell gesprochen (ich verkneife mir mal die übliche Anmerkung zum Thema Frauenstimmen :D), ohne dabei zu übertreiben. Über die Tonqualität kann ich mich auch nicht beschweren, sonstige Extras gab es nicht, allerdings waren die Tracks mit einer durchschnittlichen Länge um die 10 Minuten doch recht lang. Aufgefallen ist mir das aber erst, als ich nach drei Stunden Schmetterlingsflieder stutzen feststellte, dass ich keine 20 Tracks gehört hatte.

Celia L. Grace: Die Heilerin von Canterbury und die Bruderschaft des Todes (Hörbuch)

Da mich „Die Heilerin von Canterbury und das Buch des Hexers“ so gut unterhalten hatte und so schnell gehört war, habe ich den folgenden Teil, „Die Heilerin von Canterbury und die Bruderschaft des Todes“, gleich hinterhergeschoben. Dieses Mal dreht sich die Handlung um Spione und Intrigen, um Mönche und Königinnen – eine ganz nette Zusammenstellung, wie ich finde. Kathryn wird von dem Erzbischof von Canterbury mit einer ungewöhnlichen Aufgabe betraut, bei der sie sich intensiv mit den Vorgängen in einem Kloster auseinandersetzen muss. Dort verstarb vor einigen Tagen der älterer Mönch Bruder Adworth, was nicht weiter bemerkenswert gewesen wäre, wäre der alte Mann nicht der Beichtvater der Königinmutter Cecily von York gewesen.

Noch pikanter wird die Angelegenheit durch diverse „Wunder“, die der Verstorbene nach seinem Tod bewirkt haben soll. Um nun die Heiligsprechung von Roger Adworth in die Wege leiten zu können, müssen die Vorfälle genau untersucht werden – wobei Kathryn als „advocata diaboli“ fungiert. Sie findet nicht nur schnell heraus, dass der verstorbene Bruder getötet wurde, sondern auch, dass eine Verbindung zu der Ermordung eines Spions besteht, der sich mit Column, dem Beauftragten des Königs in Canterbury, hätte treffen sollen.

Auch für diese Hörbuchumsetzung wurde die Buchvorlage gekürzt wiedergegeben, und auch dieses Mal hatte ich nicht das Gefühl, dass ich für die Lösung des Kriminalfalls relevante Details verpassen würde. Deshalb vermutete ich anfangs, dass sich die Kürzungen vor allem auf die kleinen persönlichen Szenen beziehen, die dem Roman noch etwas mehr Atmosphäre verleihen und auf Details des Alltagslebens zu dieser Zeit eingehen. Allerdings habe ich in der Zwischenzeit herausbekommen, dass es in der Romanvorlage einen zweiten Handlungsstrang gibt, der sich um eine Rattenplage in Canterbury dreht. Das wäre bestimmt auch interessant gewesen, wenn man bedenkt, welche Risiken damit im 15. Jahrhundert verbunden waren.

Insgesamt fand ich das Hörbuch wieder sehr unterhaltsam, denn auch ohne die diversen Details und den zweiten Handlungsstrang bekommt man immer noch eine Menge Informationen über das Leben und den Alltag zu dieser Zeit in Canterbury, erhält einen Einblick in die internen Probleme der königlichen Familie und in die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn man als normaler Bürger in die Angelegenheiten der Herrschenden hineingezogen wird. Diese Mischung aus historischen Details und sympathischen fiktiven Figuren hatte mir schon bei den Romanen gefallen, außerdem fühlen sich die Kriminalfälle stimmig an. Motive, Täter und Durchführung der Tat wirken auf mich nicht totkonstruiert, sondern passend für die Zeit und die technischen Mittel.

Wie schon bei „Das Buch des Hexers“ wurde auch dieses Hörbuch von Renate Kohn gesprochen, die ihre Sache wieder sehr gut gemacht hat. Auch mit der Tonqualität und der Trackeinteilung war ich zufrieden (auf die genaue Tracklänge habe ich dieses Mal nicht geachtet, weil ich beim Hören mit Gewächsen aus der Hölle kämpfte). Ach, einen Punkt hatte ich bei der letzten Rezension ganz unterschlagen: Die Übergänge zwischen den Tracks werden von mittelalterlicher Musik (mal rein instrumental, mal mit Gesang) begleitet, die ich zwar ganz nett finde, auf die man meinetwegen aber auch hätte verzichten können.