Kategorie: Rezension

Skyla Dawn Cameron: The Silent Places

Von Skyla Dawn Cameron wusste ich anfangs nur, dass sie Urban-Fantasy-Bücher – genau genommen die Livi-Talbot-Romane – schreibt. Erst seitdem ich im vergangenen Jahr über die Ankündigung für den ersten Waverly-Jones-Band gestolpert bin, schaue ich auch nach anderen Veröffentlichungen von der Autorin. An ihre Horror-Romane traue ich mich noch nicht ran, aber mit „The Silent Places“ habe ich in der vergangenen Woche wirklich spannende Stunden verbracht. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Imogen Sharp erzählt, deren Ehemann Nick vor einem Jahr während eines Schneesturms spurlos verschwand. Imogen blieb allein mit ihrer (aktuell) fünfjährigen Tochter in dem kleinen Ort Red Fox Lake zurück, und all ihre Nachbarn scheinen davon überzeugt zu sein, dass sie Nick damals umgebracht hat. Zum Jahrestag von Nicks Verschwinden kommt eine Journalistin nach Red Fox Lake, die sich auf die Suche nach vermissten Personen spezialisiert hat. So sehr Imogen hofft, dass sie irgendwann Informationen darüber bekommt, was mit Nick passiert ist, so sehr fürchtet sie auch, dass die Aufmerksamkeit der Medien dafür sorgen wird, dass ihre Vergangenheit sie einholt.

Zwischen den Kapiteln, die aus Imogens Perspektive die aktuellen Ereignisse erzählen, gibt es auch immer wieder Passagen, die aus der Sicht von Chloe geschrieben wurden. Chloe lebt mit ihrem gewalttätigen Ehemann zusammen und sucht verzweifelt eine Möglichkeit, aus ihrer Ehe zu fliehen, ohne dass er sie vorher umbringt – und ja, es ist von Anfang an ziemlich klar, welche Verbindung es zwischen Imogen und Chloe gibt. Aber die Tatsache, dass diese zwei Handlungsstränge parallel erzählt werden, sorgt dafür, dass sich – obwohl relativ wenig zu passieren scheint – überraschend viel Spannung aufbaut. Die Chloe-Passagen enthalten einige Elemente, die aufgrund der geschilderten (oder angedeuteten) Gewalt eigentlich mit CWs versehen werden sollten, während in Imogens Part bis zum Showdown am Ende nichts wirklich Schlimmes passiert.

Das machte Imogens Teil deutlich spannender zu lesen, weil ich ständig darauf wartete, dass aus der unterschwelligen Bedrohung etwas Greifbares wird, gegen das die Protagonistin vorgehen könnte. Imogen wohnt allein mit ihrer kleinen Tochter in einem Haus außerhalb des Ortes, und immer wieder zeigen Fußspuren im Schnee, dass fremde Personen auf dem Grundstück waren. Es kommt zu Vandalismus und es gibt Anzeichen dafür, dass jemand ins Haus eingedrungen ist. Wobei viele dieser Vorfälle theoretisch von Jugendlichen aus Red Fox Lake begangen worden sein könnten oder von der recherchierenden Journalistin … Oder vielleicht war es doch nur Imogens Einbildung, die sie glauben ließ, dass in ihrem Zuhause etwas nicht in Ordnung ist? Diese Unsicherheit sorgte dafür, dass ich beim Lesen die ganze Zeit aufmerksam auf jeden Hinweis, auf jedes verdächtige Verhalten und auf jede weitere Wendung lauerte.

Ich finde es immer auch wieder faszinierend, wie es Skyla Dawn Cameron gelingt, Charaktere zu erschaffen, deren Erfahrungen mir so fern sind und deren Verhalten ich trotzdem so nachvollziehbar finde. Imogen ist sich bewusst, dass sie häufig zu misstrauisch und zu harsch ist, aber sie ist wild entschlossen, nie wieder in eine Position zu geraten, in der sie hilflos ist oder von jemandem als schwach wahrgenommen wird. Ihre Paranoia ist stimmig, wenn ihre Vergangenheit mit in Betracht gezogen wird, ebenso wie ihr Verhalten am Ende der Geschichte, das zu einer – für mich – doch ziemlich unvorhersehbaren Wendung führte. Die Tatsache, dass die Autorin mich immer wieder überraschen kann, obwohl ich das Gefühl habe, dass Thriller so oft nach dem selben Schema aufgebaut sind – was dann zu einem vorhersagbaren Showdown führt – sorgt dafür, dass ich definitiv noch mehr Thriller von ihr lesen möchte. Und wer weiß, vielleicht traue ich mich irgendwann sogar an die Horrorgeschichten von Skyla Dawn Cameron heran.

K. O’Neill: The Moth Keeper (Comic)

„The Moth Keeper“ von K. O’Neill dreht sich um Anya, die in einer kleinen Gemeinschaft in einer Wüste lebt. Anya und ihre Nachbarn gehören zum Nightvillage, also zu den Personen, die nachts wach sind und deren Leben sich um den Night-Flower Tree und all die Produkte, die mit dieser Pflanze zusammenhängen, dreht. Genau genommen beginnt Anya auf den ersten Seiten der Geschichte ihre Ausbildung zum Moth Keeper und lernt unter der Anleitung des aktuellen Moth Keepers Yeolen, sich um die Motten des Moon-Spirits zu kümmern und diesem in der Nacht Gesellschaft zu leisten.

Doch das Leben als Moth Keeper ist einsam und die Tatsache, dass Anya Angst vor der Dunkelheit hat und sich nach der Sonne sehnt, macht ihre Aufgabe nicht einfacher. Dabei hat Anya sich bewusst dafür entschieden als Moth Keeper ihrer Gemeinschaft zu Diensten zu sein. Sie weiß genau, wie wichtig die Motten nicht nur für das Nightvillage, sondern auch für all die Pflanzen und Tiere in der Wüste sind. Das ändert aber nichts daran, dass sie sich allein und ängstlich fühlt, wenn sie in der Nacht die Motten hütet und dafür sorgt, dass diese vor Sonnenaufgang wieder sicher in ihre Behausung zurückgekehrt sind. Ich mochte es sehr, wie K. O’Neill Anyas Zwiespalt zwischen ihrer selbstgewählten Aufgabe und ihrer Sehnsucht nach Gesellschaft und Anerkennung dargestellt hat. Immer wieder wird deutlich, wie jung Anya ist und wie schwer es ihr fällt, um Hilfe zu bitten, obwohl sie welche benötigt.

Trotz aller Sorgen, die Anya sich macht, und trotz aller Einsamkeit, die sie fühlt, ist „The Moth Keeper“ alles andere als eine traurige Geschichte. Es gibt so viele kleine Szenen, die deutlich machen, dass Anya in einer liebevollen Gemeinschaft lebt, in der die Bewohner des Nightvillage füreinander da sind. Auch wenn nicht allen von Anfang an bewusst ist, dass Anya Hilfe benötigt, so ist es unübersehbar, wie viele Personen bereit sind, ihr zur Seite zu stehen, sobald sie es zulässt. Ich mochte all die kleinen und großen Szenen zwischen den verschiedenen Charakteren, sei es mit Anya, die zum Beispiel verzweifelt versucht, ihrer besten Freundin Estell keine Sorgen zu machen, oder mit Anyas Nachbarn, die sich darüber unterhalten, wie sie sich gemeinsam um Anya kümmern können.

K. O’Neills Zeichenstil ist in „The Moth Keeper“ häufig skizzenhafter als in „The Tea Dragon Society“, aber das passt sehr gut zu dieser nächtlichen Welt, in der sich Anya bewegt. Ich mag die Figuren, die auch in dieser Geschichte neben ihrer menschlich anmutenden Gestalt kleine tierische Elemente (wie Ohren, Schnäbel oder Flügel) aufweisen. Und ich finde es großartig, wie K. O’Neill immer wieder in der Geschichte kleine Details zu den Pflanzen in der Wüste aufgreift – hier wird deutlich, wie sehr „The Moth Keeper“ (wie im Nachwort erwähnt) von der neuseeländischen Natur im Tongariro Nationalpark und Kā Tiritiri o te Moana beeinflusst wurde. Auch die Farben, die K. O’Neill für diesen Comic verwendet, sind etwas gedämpfter und dunkler als bei den Teedrachen, aber das passt ganz wunderbar zu der traumartigen Atmosphäre in der Geschichte.

Ann Aguirre: The Only Purple House in Town

Über „The Only Purple House in Town“ von Ann Aguirre bin ich vor ein paar Tagen zufällig gestolpert, und ich fand die Inhaltsangabe nett genug, um die Leseprobe zu lesen. Danach habe ich mir dann das eBook gekauft und ein paar nette Abende mit der Geschichte verbracht. Erzählt wird die Handlung aus den Perspektiven von Iris Collins und Eli Reese, die sich vor fünfzehn Jahre (Eli war zehn und Iris war zwölf Jahre alt) kurz begegneten, als Iris Eli vor einem Mitschüler beschützte. Seitdem hat sich das Leben der beiden Figuren sehr unterschiedlich entwickelt: Iris ist hoch verschuldet, steht kurz vor der Obdachlosigkeit und hat das Gefühl, dass alles, was sie in die Hand nimmt, schief läuft. Eli hat hingegen als App-Entwickler so viel Erfolg, dass er sich problemlos ein paar Wochen Urlaub gönnen kann, um seiner Großmutter bei einem Start in ein neues Leben zu helfen.

Erst als Iris das Haus „Violet Gables“ in dem kleinen Ort St. Claire (und etwas Bargeld) von ihrer Großtante Gertie erbt, scheint sich ihr Glück zu wenden. Nach und nach vermietet sie immer mehr Zimmer in ihrem Haus an die unterschiedlichsten Personen, und so versammelt sich unter Iris‘ Dach im Laufe der Zeit eine ungewöhnliche found family. Auch Eli gehört zu den Personen, die von Iris ein Zimmer mieten – was ihm nicht nur die Möglichkeit bietet, mehr Zeit mit der Frau zu verbringen, an die er fünfzehn Jahre lang immer wieder gedacht hat, sondern ihn auch zum ersten Mal in seinem Leben engere Freundschaften knüpfen lässt. Ich fand es sehr wohltuend, von all den Personen zu lesen, die sich in „Violet Gables“ zusammengefunden haben, und zu sehen, wie sie alle in einem Umfeld aufblühen, in dem rücksicht- und respektvoll mit ihnen umgegangen wird. Dabei ist das Leben für Iris und ihre Mitbewohner nicht ohne Probleme, aber egal ob es sich dabei um die fürchterliche Nachbarin, Reparaturen am Haus oder Dramen mit den Familienmitgliedern der jeweiligen Personen handelt, als Leserin hatte ich nie das Gefühl, dass irgendwas davon nicht gut ausgehen würde.

Was mich zu dem größten Kritikpunkt an der Geschichte bringt: „Elis Geheimnis“! Eli zieht aufgrund eines Missverständnisses in Iris‘ Haus ein (sie denkt, er spricht sie an, weil er sich für ein Zimmer bewerben will, und er ist zu schüchtern und zu glücklich über das Wiedersehen, um das aufzuklären). Statt das Ganze nach den ersten Tagen, als sich alle besser kennenlernen, anzusprechen, macht Eli daraus ein großes Geheimnis – ebenso wie aus der Tatsache, dass er mehr Geld hat als alle anderen zusammen. Was natürlich dazu führt, dass es gegen Ende des Romans erst einmal ein großes Drama geben muss, als Iris herausfindet, was Eli alles verschwiegen hatte. Das war vollkommen unnötig (es gibt noch andere Punkte, die zum dramatischen Höhepunkt der Handlung beitragen und die vollkommen ausgereicht hätten), es war von Anfang an abzusehen und es passte nicht zu dem Charakter, den Ann Aguirre mit Eli geschaffen hatte.

Außerdem finde ich es lustig, dass ich bislang die fantastischen Elemente in „The Only Purple House in Town“ gar nicht erwähnt habe, obwohl ich sie wirklich nett fand. Aber wenn ich genau bin, dann spielen sie eigentlich keine wichtige Rolle in der Handlung. Es ist egal, dass Iris‘ Eltern Vampire sind und sich von negativen Gefühlen ernähren, denn das ist nicht der Grund, wieso Iris in der Gesellschaft ihrer Mutter und ihrer Schwestern unglücklich ist. Es hilft bei der Renovierung, dass später eine Person ins Haus zieht, die mit Magie Materialien auffrischen kann, aber einer der anderen Mitbewohner hatte vorher schon mit seinen handwerklichen Kenntnissen alles Wichtige repariert. Vor allem sind die fantastischen Elemente in dem Roman also vorhanden, um Gespräche anzustoßen, Probleme mit der konservativen Nachbarin zu verursachen oder für amüsante Momente zu sorgen – all das wäre auch ohne Gestaltwandler*innen, Vampir*innen oder Hexen möglich, aber vermutlich nicht ebenso unterhaltsam gewesen.

Alles in allem habe ich mich mit der Geschichte wirklich wohlgefühlt, auch wenn das Ende von „The Only Purple House in Town“ etwas arg kitschig war und ich eine weniger magische Lösung für das größte Problem der Hausgemeinschaft schöner gefunden hätte. Es gibt in dem Roman so viele zauberhafte Momente, in denen Iris und all die anderen Charaktere aufmerksam miteinander umgehen, in denen deutlich wird, dass sie auf die Eigenheiten der anderen Rücksicht nehmen, damit alle gut und sicher zusammen leben können. Ich mochte die verschiedenen Figuren mit all ihren Eigenarten wirklich gern, ich habe über diverse Szenen geschmunzelt und regelmäßig „nur noch ein weiteres Kapitel“ gelesen. Überhaupt hätte ich nichts dagegen, weitere solche Geschichten von der Autorin zu lesen. Es gibt von ihr auch noch die Fix-It-Witches-Trilogie, die in dem gleichen Ort spielt wie dieser Roman, aber die Tatsache, dass das eBook des ersten Bands („Witch Please“) aktuell über 13 Euro kostet, hält mich davon ab, ein paar weitere entspannte Stunden in St. Claire zu verbringen.

Jennifer Adam: The Last Windwitch

„The Last Windwitch“ von Jennifer Adam hat ein Jahr auf meinem SuB geruht, bis ich den Titel dann im vergangenen Dezember endlich in die Hand genommen habe, weil ich beim Zusammenstellen meiner „Winter-Leseliste“ darüber gestolpert war. Ich weiß nicht, wieso ich dachte, dass die Geschichte „märchenhaft“ sein würde, aber das war sie nicht. Stattdessen bot sie mir die perfekte Mischung aus vertrauten fantastischen Kinderbuch-Elementen und kleinen Dingen, die dem Ganzen eine individuelle Note verliehen, was mir viel Freude bereitet hat. Außerdem habe ich die Protagonistin Brida und sehr viele der Personen, die sie im Laufe der Handlung kennenlernt, wirklich in mein Herz geschlossen. Und ich habe es genossen, von all den verschiedenen Verwendungen für „Alltagsmagie“ in dieser fantastischen Welt zu lesen.

Die Protagonistin Brida ist schon als Baby zu ihrer Pflegemutter „Mother Magdi“ gekommen und hat von ihr gelernt, mit der Magie einer Hedgewitch umzugehen. Doch obwohl Brida von klein auf den Umgang mit Magie gelernt hat, ist sie so schlecht darin, dass sie nicht hoffen kann, die Prüfung zu bestehen, die – wie es für Zwölfjährige in diesem Land üblich ist – das Ende ihrer Lehrzeit markieren würde. Die Tatsache, dass Brida ein Findelkind ist, und dass sie ständig versagt, wenn sie Hedgewitch-Magie anwenden will, sorgen dafür, dass sie sich in ihrem Leben ziemlich fehl am Platz fühlt. Dabei ist ihr bewusst, dass Mother Magdi sie wirklich liebt, immer für sie da ist und sie unterstützt. Ich persönlich fand es sehr schön, von dem Verhältnis dieser beiden Figuren zu lesen. Denn obwohl Brida nicht glücklich ist und das Gefühl hat, dass Mother Magdi ihre Probleme nicht nachvollziehen kann, so ist da doch die ganze Zeit eine sehr stabile Basis aus Zuneigung zwischen dem Mädchen und seiner Pflegemutter.

Neben diesen schönen Szenen zwischen Brida und Mother Magdi gibt es von Anfang an Anzeichen dafür, dass das Leben im Königinnenreich nicht einfach ist. Die Königin hat die alten Bräuche verboten, wie die Anwendung von großer Magie und das Erzählen der alten Geschichten, und mit jedem Jahr, das sie an der Macht ist, finden immer mehr Flüchtlinge ihren Weg in das kleine Tal, in dem Brida lebt. Das Wetter ist unberechenbar geworden, Hungersnöte gehören inzwischen zum Alltag und jeder Anwohner muss fürchten, dass er von einem Spion der Königin aus irgendeinem Grund in Gefangenschaft genommen wird. Wie schlimm die Situation im Land wirklich ist, erlebt Brida erst, als sie das Tal verlassen muss, weil sie vom Jäger der Königin gejagt wird. Und auch wenn für mich beim Lesen von Anfang an klar war, wieso sie die Aufmerksamkeit des Jägers auf sich gezogen hat, so fand ich es schön mitzuerleben, wie Brida erst nach und nach die Gründe dafür (und damit auch mehr über ihre Herkunft) herausfindet.

Spannend fand ich es auch, dass ich mich beim Lesen von „The Last Windwitch“ dabei ertappt habe, dass ich im ersten Drittel ständig darauf wartete, dass Brida ihr Dorf verlässt – einfach deshalb, weil es in ähnlichen fantastischen Kinderbüchern so üblich ist, dass die Autor*innen ihre Protagonist*innen nach einer kurzen Einführung ins Abenteuer schicken. Jennifer Adam lässt sich hingegen viel Zeit, um Brida und ihr Umfeld vorzustellen und um mit kleinen Ereignissen in Bridas Heimatort die großen Entwicklungen in dem Land anzudeuten. Mir hat das gut gefallen, weil es dafür sorgte, dass ich mir bei all den späteren Gefahren, denen Brida trotzen muss, immer sicher sein konnte, dass Mother Magdi und ihre Freund*innen aus der Ferne alles versuchen, um das Mädchen zu finden und sie zu unterstützen. Außerdem lernt Brida – natürlich – im Laufe ihrer Reise neue Personen kennen, die so für sie da sind wie Brida für sie.

Zusammengenommen ergaben all diese Dinge die – eingangs erwähnte – Mischung aus vertrauten und ungewöhnlichen Elemente in der Handlung, die dafür sorgte, dass ich „The Last Windwitch“ wirklich genossen habe. Es gibt so viele kleine Szenen rund um die Traditionen am „Tag der Erinnerung“ und die alltägliche (und die größere) Magie, die ich wunderbar fand. Dazu kommt noch die Entwicklung, die Brida im Laufe der Zeit durchmacht, und wie sie nicht nur mehr über sich und ihre Fähigkeiten herausfindet, sondern auch mehr über die Personen um sie herum. Brida ist eine wirklich liebenswerte Protagonistin, die von Jennifer Adam so geschrieben wurde, dass sie – in meinen Augen – eine stimmige Zwölfjährige ist und die trotzdem versucht, so „erwachsen“, wie es ihr möglich ist, mit den Herausforderungen umzugehen, die ihr begegnen. Ich werde definitiv die Augen nach weiteren Titeln von Jennifer Adam aufhalten! Der einzige Grund, wieso ich von ihr noch nicht „Lark and the Wild Hunt“ gekauft habe, ist, dass ich Hardcover nicht so gern lese und hoffe, dass es von dem Titel noch eine Taschenbuchausgabe geben wird.

Harmony Becker: Himawari House (Comic)

Nachdem „Himawari House“ von Harmony Becker fast ein Jahr auf dem Stapel mit ungelesenen Comics lag, wurde es Anfang November endlich Zeit, den Titel zu lesen. Die Handlung von „Himawari House“ dreht sich um drei junge Frauen aus verschiedenen Ländern, die zusammen in einem Gemeinschaftshaus in Tokio leben. Nao – aus deren Sicht die Geschichte beginnt – wurde in Japan geboren, ist aber in den USA aufgewachsen und nimmt sich nach Abschluss der High School ein Jahr Zeit, um (erneut) Japanisch zu lernen und mehr über ihr Geburtsland herauszufinden. Naos Mitbewohnerin Hyejung stammt aus Korea, während Tina aus Singapur nach Japan gekommen ist. Neben diesen drei Frauen leben noch die beiden Brüder Shinichi und Masakun im Himawari House, und gemeinsam erleben diese fünf Figuren mehr oder weniger alltägliche Dinge, die davon erzählen, wie es ist, (als Ausländer*in) in Japan zu leben.

Fast alle Episoden, die Nao und die anderen erleben, drehen sich um Sprache und Kommunikation. Darum, wie schwierig es ist, eine fremde Sprache zu lernen, darum, wie sehr Sprache beeinflusst, wer wir sind und wie wir uns verhalten, wie Sprache beeinflusst, wie wir von unserer Umgebung wahrgenommen werden und wie wir unsere Umgebung wahrnehmen. Dabei ist es Harmony Becker – wie sie auch im Nachwort erwähnt – sehr wichtig gewesen, Akzente nicht als „Witz“ darzustellen, sondern aufzuzeigen wie beeindruckend es ist, wenn eine Person mehrere Sprache beherrscht, selbst wenn dies nicht fehlerfrei sein sollte. Ich muss zugeben, dass ich es manchmal etwas schwierig fand, einen Satz mit Akzent zu verstehen und mir dann das Geschriebene erst einmal gesprochen vorstellen musste. Aber insgesamt war es spannend zu sehen, wie in „Himawari House“ die verschiedenen Sprachen dargestellt werden und wie leicht anhand der Schriftzeichen zu sehen ist, ob eine Figur sich in Japanisch, Koreanisch, Chinesisch/Singlish oder Englisch unterhält. (Bei den Sätzen in einer der asiatischen Sprache steht der englische Text dann wie ein „Untertitel“ direkt unter den dementsprechenden Schriftzeichen.)

Aber auch wenn das Thema „Sprache“ immer sehr präsent in den verschiedenen Kapiteln ist, so habe ich den Comic doch vor allem wegen der wunderbaren Charaktere und ihrer unterschiedlichen Erlebnisse in Japan genossen. Jede der drei weiblichen Figur hat ihre ganz eigenen Gründe, wieso sie nun in Tokio lebt. Was dazu führt, dass nach und nach die Hintergrundgeschichten der drei Frauen erzählt werden und man miterleben kann, wie sie sich im Laufe eines Jahres weiterentwickeln. Ich fand es vor allem schön zu lesen, wie sich Nao, Hyejung und Tina miteinander anfreunden und gegenseitig unterstützen, obwohl sie so unterschiedlich sind. Die fünf Bewohner des Himawari House erleben so viele verschiedene Dinge, sie müssen sich mit ihrer Vergangenheit, ihren ganz persönlichen Eigenheiten und eben auch mit den Herausforderungen, die das Leben in einem fremden Land mit sich bringt, auseinandersetzen. Das führt zu so vielen kleinen amüsanten oder berührenden Szenen, dass ich die 380 Seiten überraschend schnell gelesen habe, weil ich nicht aufhören konnte, „nur mal eben zu schauen, wie es im nächsten Kapitel weitergeht“.

Harmony Becker wurde bekannt dafür, dass sie „They Called Us Enemy“, George Takais Erinnerungen an seine Kindheit in den US-Internierungslagern während des Zweiten Weltkriegs, gezeichnet hat. Für „Himawari House“ verwendet sie ein sehr klares und realtiv realistisches Charakterdesign, das – je nach Schwerpunkt einer Szene – auch mal mit etwas vereinfachteren oder überzogeneren Elementen variiert wird. Das sorgt nicht nur dafür, dass die Figuren selbst auf einen flüchtigen Blick wiedererkennbar sind, sondern auch dafür, dass selbst kleine Gefühlsregungen an Gestik und Mimik erkennbar sind. Detailliert ausgearbeitete Hintergründe gibt es nur selten, aber wenn sie zu sehen sind, bringen sie sehr viel Atmosphäre mit sich, weil sie „typisch“ japanische Elemente und Architektur zeigen. Mir persönlich hat Harmony Beckers Zeichenstil im diesem Comic – ebenso wie die Handlung – sehr gut gefallen, und ich bin neugierig, was die Zeichnerin in Zukunft noch so veröffentlichen wird.

Patricia C. Wrede: The Dark Lord’s Daughter

Patricia C. Wrede gehört schon seit vielen Jahren zu den Autor*innen, deren Bücher ich auf jeden Fall kaufe, wenn sie veröffentlicht werden. So war es auch mit „The Dark Lord’s Daughter“, und erst als ich den Roman im Haus hatte, fiel mir auf, dass ich gar nicht so recht wusste, worum es überhaupt ging. Was vielleicht auch ganz gut war, denn die Grundidee hinter dieser Geschichte gehört zu denen, auf die ich inzwischen keine rechte Lust mehr habe, weil ich von dieser Art von Romanen in den 1990er Jahre so viele gelesen habe. Aber natürlich hat Patricia C. Wrede etwas ganz Eigenes aus dieser Idee gemacht, so dass ich „The Dark Lord’s Daughter“ am Ende sehr genossen habe. Allerdings musste ich mich dafür ein bisschen durch die erste Hälfte kämpfen, wo die Autorin erst einmal eine fantastische Welt einführte, die mir mit ihren Traditionen ziemlich auf die Nerven ging.

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive der vierzehnjährigen Kayla Jones. Kayla ist zu Beginn der Geschichte mit ihrer Adoptivmutter Riki(ta) und ihrem jüngeren Bruder Del(mar) auf einem Jahrmarkt unterwegs. Diese Familientradition versuchen die drei weiter aufrecht zu erhalten, obwohl es finanziell in den letzten Jahren eng war, nachdem Kaylas Adoptivvater Michael gestorben war. Ich mochte es sehr zu lesen, wie nahe sich die drei stehen, auch wenn Rikis Besorgnis aus Kaylas Sicht häufig übertrieben und etwas nervig ist. Dieses „aufeinander Aufpassen“ führt dann auch dazu, dass alle drei gemeinsam in das fantastische Land Zaradwin transportiert werden, als ein maskierter Mann in Rüstung Kayla auf dem Jahrmarkt mit einem Zauber belegt. Dort erfährt Kayla, dass sie eigentlich Lady Xavrielina und die Erbin des verstorbenen Dark Lord of Zaradwin ist. Was bedeutet, dass sie nun alles daran setzen muss, um die Position der Dark Lady of Zaradwin einzunehmen – und sei es nur, um zu verhindern, dass sie oder ihre Familie von den diversen Feinden, die eine potenzielle Dark Lady hat, getötet werden.

Ich muss zugeben, dass ich (gemeinsam mit Kayla) zu Beginn der Geschichte wirklich frustriert darüber war, wie wenig Informationen die Protagonistin bekam, um mit ihrer Rolle als zukünftige Dark Lady fertigzuwerden. Es wird von Anfang an deutlich, dass das Land Zaradwin in den zehn Jahren, die seit dem Tod von Kaylas leiblichem Vater vergangen sind, ziemlich verfallen ist. Und während Kayla jemand ist, für den Probleme etwas sind, was gelöst werden muss, besteht ihr Umfeld aus Personen, die sie als Kind behandeln (okay, das ist eigentlich nur Riki) oder die sich auf „Traditionen“ berufen, um nichts tun oder gar Änderungen hinnehmen zu müssen. Umso mehr habe ich es dann genossen, als Kayla endlich die ersten Antworten auf all ihre Fragen herausfand und anfing – entgegen aller Traditionen – vernünftige Entscheidungen zu treffen, um ihre Position als Dark Lady einnehmen zu können. Sehr amüsant war es dabei, die Tipps, die zu Beginn eines jeden Kapitels aus dem „Handbuch für angehende Dark Lords und Ladys“ (natürlich mit dem Titel „The Dark Traditions“) zitiert wurden, dann mit Kaylas eigentlichen Aktionen zu vergleichen.

Aber vor allem habe ich es genossen zu sehen, wie sich Kayla immer wieder mit den unterschiedlichsten Personen austauschte, um dann die beste Lösung für ein Problem zu finden. Dabei hat Patricia C. Wrede wirklich wunderbare Charaktere für ihren Roman geschaffen, die weder zu gut noch zu böse waren, sondern realistisch wirkende Figuren mit Stärken und Schwächen. Das führte dazu, dass es immer wieder amüsante Szenen gab, wenn diese Personen entgegen aller Traditionen handelten und mal eine Facette ihrer wahren Persönlichkeit zeigten. Das Ende – mit all den überraschenden Lösungen, die die Autorin für Kaylas Herausforderungen gefunden hat – habe ich deshalb wirklich genossen. So wenig ich zu Beginn des Romans das fantastische Land Zaradwin mochte, so wenig wollte ich am Ende diese Welt verlassen. Stattdessen habe ich mir gewünscht, ich könnte noch weiter verfolgen, welche Änderungen Kayla und ihre Familie noch so für diese Welt mit sich bringen (und welche unterhaltsamen Situationen das für mich als Leserin bereithalten würde). Normalerweise vergleiche ich nicht so gern ein Buch mit einem anderen Titel, aber „The Dark Lord’s Daughter“ hat mich in so einigen Aspekten sehr an „The Dark Lord of Derkholm“ von Diana Wynne Jones erinnert.

Anne Ursu: The Lost Girl

Nachdem ich „The Troubled Girls of Dragomir Academy“ gelesen hatte, habe ich nach weiteren Büchern von Anne Ursu gesucht und mir dann spontan „The Lost Girl“ bestellt. Die Geschichte dreht sich um die beiden elfjährigen Zwillingsschwestern Lark und Iris Mcguire, die bislang immer alles gemeinsam gemacht haben. Doch in diesem Schuljahr sollen sie zum ersten Mal in getrennte Klassen gehen, weil ihre Eltern und Lehrer*innen meinen, dass es ihnen guttun würde, wenn sie unabhängiger voneinander würden. Die beiden Schwestern sind sehr unglücklich mit dieser Situation. Die verträumte und kreative Lark muss prompt mit dem Schul-Bully in eine Klasse gehen, während Iris zwar in einer netten Klassengemeinschaft landet, aber darunter leidet, dass sie Lark nicht mehr während des Schultags beschützen kann.

Erzählt wird die Geschichte vor allem aus Iris‘ Perspektive, während es immer wieder von einer weiteren – nicht benannten – Person ergänzende Anmerkungen zur Handlung gibt. Diese unbekannte Person ist anfangs auch der einzige Hinweis darauf, dass hinter einigen der kleinen ungewöhnlichen Vorfälle, die immer wieder rund um Iris und Lark passieren, Magie stecken könnte. Ich mochte es sehr, dass sich der Großteil der Geschichte darum drehte, wie Iris und Lark damit fertig werden, dass sie nun nicht mehr den ganzen Tag zusammen sind, obwohl es dieses fantastische Element in der Handlung gibt. Die Tatsache, dass die beiden Schwestern bis zu diesem Zeitpunkt alle Erfahrungen gemeinsam gemacht haben und das dazu geführt hat, dass sie genau wissen, wie die jeweils andere auf eine Person oder Situation reagieren würde, ist eigentlich wunderschön zu lesen. Und dass dieses selbstverständliche gegenseitige Verstehen nun in Gefahr ist, sorgt dafür, dass nicht nur die beiden Mädchen, sondern auch ich als Leserin sehr um diese Verbundenheit trauerten.

Vor allem Iris ist geradezu panisch, weil sie Lark nun nicht mehr vor einer Welt beschützen kann, die nicht gerade verständnisvoll mit Personen umgeht, die einen etwas anderen und fantasievolleren Blick auf ihre Umgebung werfen. Dabei wird schnell deutlich, dass Iris‘ Rolle als Larks Beschützerin sie so gar nicht darauf vorbereitet hat, allein durchs Leben zu gehen. So sucht Iris bald in dem seltsamen kleinen Antiquitätenladen gegenüber der Stadtbibliothek eine Antwort auf die Frage, wer sie ist, wenn sie nicht Larks große Schwester sein kann. Ich fand es sehr berührend, wie Anne Ursu das Verhältnis der Zwillinge zueinander beschrieb, und dann mitzuerleben, wie verloren die beiden waren, als sie gezwungen wurden, ohne ihre Schwester durch den Tag zu gehen, hat mich überraschend traurig gemacht. Und obwohl ich mir sicher war, dass die Autorin einen Weg finden wird, um Iris und Lark am Ende wieder zusammenfinden zu lassen, habe ich um die Beziehung der beiden Schwestern gebangt. Beide sind im Laufe der Geschichte so unglücklich und bemühen sich doch so sehr, einigermaßen mit der ganze Situation fertig zu werden.

Neben den beiden Schwestern hat Anne Ursu noch so einige Nebenfiguren in ihren Roman eingebaut, die ich schnell ins Herz geschlossen habe. Sowohl die Mitschüler*innen von Iris als auch die Mädchen, die sie in einem Nachmittagskurs in der Bibliothek kennenlernt, sind einfach großartig. Obwohl Iris es ihnen allen nicht einfach macht, ist es schön zu sehen, wie all diese Personen bereit sind, für Iris da zu sein, wenn sie sie braucht. Selbst bei den Eltern und Lehrer*innen wird deutlich, dass sie alle für die beiden Mädchen nur das Beste wollen – auch wenn dieses Beste für Lark und Iris erst einmal ziemlich fürchterlich ist. Das alles führt zu einer überraschend wohltuenden, wenn auch etwas melancholischen Geschichte, die mit einem Hauch Magie abgerundet wird. Es gibt in dem Roman so viele berührende und traurige Momente, aber immer wieder etwas zu Schmunzeln und natürlich das Rätsel rund um den Antiquitätenladen und all die kleinen und größeren magischen Dinge, mit denen Iris und Lark in Kontakt kommen. Am Ende kann ich sagen, dass ich „The Lost Girl“ sogar noch mehr genossen habe als „The Troubled Girls of Dragomir Academy“, und ich bin gespannt auf die weiteren Titel von Anne Ursus Backlist.

Courtney Smyth: The Undetectables

Ich hatte „The Undetectables“ von Courtney Smyth bestellt, weil ich das Cover großartig und die Inhaltsangabe sehr ansprechend fand. Aber ich ging auch davon aus, dass die Protagonistinnen der Geschichte einige Jahre älter sein würden, als sie es in diesem Roman sind – und das hat mich von Anfang an etwas aus dem Tritt gebracht. Ich weiß gar nicht, wieso ich das dachte, aber es hat dazu geführt, dass ich erwachsenere und lebenserfahrenere Charaktere mit etwas weniger Gefühlschaos und mehr Professionalität erwartet hatte. Die Differenz zwischen meinen Erwartungen und dem, was der Roman stattdessen lieferte, hat es mir nicht ganz so einfach gemacht, mich auf das Buch einzulassen. Als ich zusätzlich im Laufe der Handlungen immer wieder über Punkte stolperte, die ich zu offensichtlich (wie die Identität des Mörders!) oder nicht in Ordnung fand, war ich dann endgültig enttäuscht – und habe den Roman nur beendet, weil ich hoffte, dass es doch noch eine Wendung geben könnte, die ihn für mich retten würde. (Ich hätte das Cover wirklich gern im Bücherregal behalten, aber das Bleiberecht erhalten nur Titel, die ich noch einmal lesen mag …)

Dabei mochte ich die Anfangsszene in „The Undetectables“ wirklich gern, in der erzählt wird, wie Theodore bei einer Samhain-Party in dem Herrenhaus der Familie Broadwick ums Leben kam und wie die drei vierzehnjährigen Mädchen Mallory Hawthorne, Diana Cheung-Merriweather und Cornelia Broadwick seine Leiche (und seinen Geist) fanden. Sechs Jahre später beginnt dann die eigentliche Handlung aus der Perspektive von Mallory, die in den vergangenen Jahren wegen einer chronischen Krankheit viel Zeit zu Hause verbrachte, während ihre beiden Freundinnen aus der okkulten Stadt Wrackton wegzogen, um zu studieren. Doch dann kommen Diana und Cornelia zurück nach Wrackton, und die drei jungen Frauen werden damit beauftragt, einen Mord in einem verschlossenen Raum aufzuklären, der eindeutig mit Magie begangen wurde. Alle drei haben Fähigkeiten und Wissensgebiete, die ihnen bei ihrer Detektivarbeit helfen, wobei Mallory mit all den Dingen, die sie in den vergangenen Jahren rund um Forensik gelernt hat, die Ermittlungen leitet.

Es gibt so einige Aspekte, die ich an „The Undetectables“ mochte, zum Beispiel dass Magie in Wrackton alltäglich ist und wie selbstverständlich – wenn auch nicht ganz reibungslos – die verschiedenen magischen Wesen dort zusammenleben. Mir gefiel es auch sehr, wie Mallory und ihre Freundinnen immer wieder magische und nicht-magische Dinge kombinierten, um (für ihre Welt) ungewöhnliche Ermittlungswege gehen zu können. So setzt Mallory z. B. einen Gaschromatographen ein, um verschiedene Varianten von magischen Rückständen an Indizien identifizieren zu können. Außerdem habe ich online so einige lobende Stimmen von Personen mit chronischen Krankheiten gelesen, die betonten, dass Courtney Smyths Darstellung von Mallorys Leben mit Fybromyalgie sehr stimmig und realistisch ist. Dazu gab es noch so einige Szenen zwischen den drei Freundinnen, die ich genossen habe, weil sie von der langen Verbundenheit und der damit einhergehenden Vertrautheit zwischen Mallory, Diana und Cornelia zeugten.

Dummerweise kamen dazu noch so einige Dinge, die mir so gar keine Freude beim Lesen dieses Romans gemacht haben. Dass die Protagonistinnen deutlich jünger waren, als ich erwartet hatte, kann ich Courtney Smyth nicht vorwerfen. Aber ich fand es schwierig, immer wieder Szenen zu lesen, in denen Mallory, Diana und Cornelia sehr aufmerksam und respektvoll miteinander umgingen, nur um kurz darauf einen Moment zu haben, in dem sie Grenzen verletzen und sich nicht nur respektlos, sondern regelrecht unethisch verhalten. Diese Sachen hätte ich akzeptieren können, wenn es jemals Thema gewesen wäre, dass ihr Verhalten nicht okay ist, aber dies war nicht ein einziges Mal der Fall. Ein Beispiel ist das Sammeln von Proben von magischen Personen, um eine Datenbasis für Mallorys Gaschromatographen anzulegen, wo sie – ohne um Erlaubnis zu fragen – von drei Freunden DNS-Proben verwendeten. Das hätte ich noch bei Verdächtigen hinnehmen können, bei denen das Sammeln von Proben riskant gewesen wäre. Aber bei Freunden, die selbst ein großes Interesse an der Aufklärung der Morde haben, nicht mal eben nachzufragen, bevor ihre DNS verwendet wird, sorgte (neben weiteren ähnlichen Vorfällen) dafür, dass ich die Protagonistinnen nicht gerade sympathisch und ihre „Ermittlungsmethoden“ insgesamt zweifelhaft fand.

Ein weiteres Problem war für mich der Aufbau des Kriminalfalls, denn die Hinweise auf die Person hinter den Morden wurden von Courtney Smyth so offensichtlich in die Handlung eingestreut, dass spätestens beim zweiten Mord die Identität dieser Person auf der Hand lag. Zumindest für mich – während Mallory und ihre beiden Freundinnen weiterhin verzweifelt versuchten, irgendein greifbares Indiz in die Finger zu bekommen, um mehr über Mordmethode, Motiv und Täter*in herauszufinden. Ich gebe zu, es ist etwas einfacher „mitzuermitteln“, wenn ich eine Beschreibung des Mords zu lesen bekomme, während er in der Handlung passiert – wobei ich betonen möche, dass diese Passagen so ziemlich spoilerfrei waren und weniger Hinweise lieferten als die spätere Betrachtung des Tatorts durch die Protagonistinnen.

Bis zum Ende des Romans hatte ich gehofft, dass mein Anfangsverdacht falsch war und dass deutlich mehr hinter diesen Morden stecken würde, als ich dachte. Denn wenn mehr hinter diesen Morden gesteckt hätte, als ich als Leserin sehen konnte, dann wäre es für mich einfacher gewesen, der Autorin zu glauben, dass ihre drei Protagonistinnen kluge und aufmerksame Ermittlerinnen sind … Stattdessen habe ich die zweite Hälfte des Romans ständig vor mich hingeschimpft, weil offensichtliche Aussagen übersehen wurden und Schlussfolgerungen ausblieben. Am Ende bleibt mir nur zuzugeben, dass „The Undetectables“ leider nicht das richtige Buch für mich war, obwohl ich den Roman so gern gemocht hätte.

Emily Randall-Jones: The Witchstone Ghosts

Als ich die Inhaltsbeschreibung von „The Witchstone Ghosts“ las, hatte ich das Gefühl, dass diese Geschichte von Emily Randall-Jones perfekt zu einem verregneten, dunklen Herbstabend passen würde, und so habe ich mir das Buch spontan bestellt. Die Handlung wird aus der Perspektive von Autumn Albert erzählt, die in London lebt und die ungewöhnliche und ziemlich lästige Fähigkeit hat, Geister zu sehen. Doch als ihr Vater bei einem Unfall stirbt, gibt es keine Möglichkeit für sie, mit seinem Geist Kontakt aufzunehmen. Stattdessen zieht sie von einem Moment auf den anderen mit ihrer Mutter und ihrem Hund auf eine kleine Insel, auf der ihr Vater ihnen ein Haus vererbt hat. Die Insel Imber liegt vor der Küste Cornwalls, und so herzlich die Bewohner Autumn und ihre kleine Familie auch aufnehmen, so gibt es doch einige seltsame (und sogar etwas unheimliche) Bräuche, über die das Mädchen im Laufe der Zeit stolpert. Doch vor allem ist Autumn damit beschäftigt, die Trauer um ihren Vater zu verarbeiten und eine neue Freundin zu gewinnen, vor der sie auf jeden Fall verbergen will, dass sie Geister sehen kann.

Ich muss zugeben, dass ich am Anfang nicht so ganz nachvollziehen konnte, wieso Autumn solch ein Problem mit ihrer Fähigkeit hat. Dabei macht Emily Randall-Jones deutlich, dass es für ihre Protagonistin eine große Herausforderung ist, ein einigermaßen normales Leben zu führen, wenn sie auf Schritt und Tritt über Geister stolpert, die ihre Aufmerksamkeit einfordern. Auf der anderen Seite ist Autumns bester Freund der Kaminkehrerjunge Jack, der schon vor langer Zeit verstorben ist, so dass ihre besondere Fähigkeit auch ihre guten Seiten hat. Trotzdem ist Autumn wild entschlossen, auf Imber ein ganz „normales“ Leben zu führen. Erleichtert wird ihr das dadurch, dass es auf der ganzen Insel keine Geister zu geben scheint. Stattdessen lernt das Mädchen einige freundliche Einheimische kennen – allen voran Lamorna, die nur wenig älter als Autumn ist und die ihr viel über das Leben auf Imber beibringt. Aber natürlich kann es auf einer Insel nicht mit rechten Dingen zugehen, auf der es so gar keine Geister gibt, und je mehr Autumn darüber rausfindet, desto gefährlicher wird das Leben auf Imber für sie.

Genau wie ich es erhofft hatte, ist „The Witchstone Ghosts“ die perfekte Geschichte für ungemütliche und regnerische Herbstabende gewesen. Es gibt so viele Szenen mit stürmischer See, Kälte, Regen und insgesamt bedrohlicher Natur, die von Emily Randall-Jones wunderbar atmosphärisch geschrieben wurden. Auch das kleine Häuschen, das Autumns Vater hinterlassen hat, wirkt anfangs nicht sehr heimelig, was nur noch mehr betont, welche Herausforderungen das Leben auf einer so kleinen Insel im Meer mit sich bringt. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder schöne und gemütliche Abschnitte, in denen Autumn eine überraschend herzliche Nachbarschaft kennenlernt oder liebevolle Momente mit ihrer Mutter verbringt, die ein passendes Gegengewicht zu den eher düsteren Passagen bilden.

Für eine erwachsene Leserin sind einige Entwicklungen in der Handlung relativ vorhersehbar, was ich aber in keiner Weise schlimm fand. Es gibt in der Geschichte immer noch genügend Überraschungen, wenn es darum geht, wie Autumn selbst diese Dinge herausfindet oder auf welche Weise sie aufkommende Probleme löst, so dass ich im letzten Drittel gespannt dem Ende entgegengefiebert habe. Insgesamt war „The Witchstone Ghosts“ für mich ein wirklich befriedigendes Jugendbuch mit genau der richtigen Mischung aus unheimlichen/bedrohlichen und wohltuenden Momenten, um mein Bedürfnis nach einer gleichzeitig gemütlichen und düsteren Geschichte für die Herbstzeit zu befriedigen.

T. Kingfisher: Thornhedge

Da ich die märchenhaften Geschichten von T. Kingfisher (Ursula Vernon) so sehr mag, musste ich mir natürlich auch ihre neueste Veröffentlichung in diesem Bereich besorgen. „Thornhedge“ ist mit gerade mal 123 Seiten ein wirklich schmales Büchlein, aber die Geschichte ist so bezaubernd (und ich mag das dunkle Cover mit dem Turm so gern), dass ich froh bin, dass ich mir die Hardcover-Ausgabe gegönnt habe. „Thornhedge“ basiert auf „Dornröschen“, doch T. Kingfisher erzählt nicht die Geschichte einer verwunschenen Prinzessin, sondern konzentriert sich in ihrer Erzählung auf das Schicksal von Toadling.

Toadling ist eine Figur, die in einem klassischen Grimmschen Märchen die böse Fee wäre. Nur dass Toadling ganz und gar nicht böse ist, sondern eine liebenswerte Person, die zufälligerweise von Monstern aufgezogen wurde. Toadling wäre vollkommen zufrieden damit gewesen, den Rest ihres Lebens bei genau diesen Monstern zu bleiben, doch dann wurde sie von der hare goddess auserwählt, um Unrecht wiedergutzumachen. Doch trotz der Ausbildung, die Toadling für ihren Auftrag erhält, läuft etwas schief, und so sieht sie sich gezwungen, eine verfluchte Prinzessin zu bewachen, damit diese nicht aufgeweckt wird. Viel mehr möchte ich eigentlich gar nicht über den Inhalt verraten, weil es schöner ist, all die Hintergründe beim Lesen selbst zu entdecken. Aber natürlich kommt an einem Punkt der Handlung ein Ritter ins Spiel, der die verfluchte Prinzessin retten will, und den Toadling dann von seiner Mission abhalten muss.

Was ich wirklich auffällig fand, als die ersten Rezensionen zu „Thornhedge“ veröffentlicht wurden, war, dass wirklich alle betonten, was für eine süße Geschichte das sei. Und dann las ich das Nachwort der Autorin, in dem sie darüber schrieb, dass sie denkt, dass sie mit diesem Titel ein sweet book geschrieben hat, aber ihr von allen Seiten gesagt wurde, dass es nicht sweet ist, wenn in einer Geschichte kinderfressende Monster oder die Wiederbelebung von Toten vorkommen würde. Aber ich fürchte, dass T. Kingfisher recht hat: „Thornhedge“ ist trotz all dieser schrecklichen Dinge und trotz der traurigen Sachen, die Toadling widerfahren, eine wirklich süße Geschichte, und das liegt auf der einen Seite an der großartigen Protagonistin und auf der anderen Seite an den (wenigen) Personen, zu denen sie entgegen jeder Wahrscheinlichkeit Beziehungen aufbaut.

Toadling ist keine strahlende Heldin. Sie ist häufig unsicher, aber sie ist aufmerksam und hilfsbereit und versucht immer, alles richtig zu machen – was oft genug dazu führt, dass etwas erst recht schiefläuft. Außerdem ist Toadling über einen erschreckend langen Zeitraum in der Geschichte sehr einsam, was es umso schöner (und überraschend amüsant) macht, als sie dann jemanden findet, mit dem sie reden und dem sie von ihrem Leben erzählen kann. Es ist wirklich schwer zu beschreiben, was „Thornhedge“ für mich so wunderbar gemacht hat, wenn ich so wenig über den Inhalt verraten kann, aber ich kann sagen, dass dieses schmale Büchlein eine wunderbare Protagonistin, herzerwärmende Szenen und (wie so oft bei T. Kingfishers Geschichten) eine ungewöhnliche und recht düstere Sicht auf klassische Märchenelemente mit sich bringt.