Kategorie: Rezension

Jennifer Adam: The Last Windwitch

„The Last Windwitch“ von Jennifer Adam hat ein Jahr auf meinem SuB geruht, bis ich den Titel dann im vergangenen Dezember endlich in die Hand genommen habe, weil ich beim Zusammenstellen meiner „Winter-Leseliste“ darüber gestolpert war. Ich weiß nicht, wieso ich dachte, dass die Geschichte „märchenhaft“ sein würde, aber das war sie nicht. Stattdessen bot sie mir die perfekte Mischung aus vertrauten fantastischen Kinderbuch-Elementen und kleinen Dingen, die dem Ganzen eine individuelle Note verliehen, was mir viel Freude bereitet hat. Außerdem habe ich die Protagonistin Brida und sehr viele der Personen, die sie im Laufe der Handlung kennenlernt, wirklich in mein Herz geschlossen. Und ich habe es genossen, von all den verschiedenen Verwendungen für „Alltagsmagie“ in dieser fantastischen Welt zu lesen.

Die Protagonistin Brida ist schon als Baby zu ihrer Pflegemutter „Mother Magdi“ gekommen und hat von ihr gelernt, mit der Magie einer Hedgewitch umzugehen. Doch obwohl Brida von klein auf den Umgang mit Magie gelernt hat, ist sie so schlecht darin, dass sie nicht hoffen kann, die Prüfung zu bestehen, die – wie es für Zwölfjährige in diesem Land üblich ist – das Ende ihrer Lehrzeit markieren würde. Die Tatsache, dass Brida ein Findelkind ist, und dass sie ständig versagt, wenn sie Hedgewitch-Magie anwenden will, sorgen dafür, dass sie sich in ihrem Leben ziemlich fehl am Platz fühlt. Dabei ist ihr bewusst, dass Mother Magdi sie wirklich liebt, immer für sie da ist und sie unterstützt. Ich persönlich fand es sehr schön, von dem Verhältnis dieser beiden Figuren zu lesen. Denn obwohl Brida nicht glücklich ist und das Gefühl hat, dass Mother Magdi ihre Probleme nicht nachvollziehen kann, so ist da doch die ganze Zeit eine sehr stabile Basis aus Zuneigung zwischen dem Mädchen und seiner Pflegemutter.

Neben diesen schönen Szenen zwischen Brida und Mother Magdi gibt es von Anfang an Anzeichen dafür, dass das Leben im Königinnenreich nicht einfach ist. Die Königin hat die alten Bräuche verboten, wie die Anwendung von großer Magie und das Erzählen der alten Geschichten, und mit jedem Jahr, das sie an der Macht ist, finden immer mehr Flüchtlinge ihren Weg in das kleine Tal, in dem Brida lebt. Das Wetter ist unberechenbar geworden, Hungersnöte gehören inzwischen zum Alltag und jeder Anwohner muss fürchten, dass er von einem Spion der Königin aus irgendeinem Grund in Gefangenschaft genommen wird. Wie schlimm die Situation im Land wirklich ist, erlebt Brida erst, als sie das Tal verlassen muss, weil sie vom Jäger der Königin gejagt wird. Und auch wenn für mich beim Lesen von Anfang an klar war, wieso sie die Aufmerksamkeit des Jägers auf sich gezogen hat, so fand ich es schön mitzuerleben, wie Brida erst nach und nach die Gründe dafür (und damit auch mehr über ihre Herkunft) herausfindet.

Spannend fand ich es auch, dass ich mich beim Lesen von „The Last Windwitch“ dabei ertappt habe, dass ich im ersten Drittel ständig darauf wartete, dass Brida ihr Dorf verlässt – einfach deshalb, weil es in ähnlichen fantastischen Kinderbüchern so üblich ist, dass die Autor*innen ihre Protagonist*innen nach einer kurzen Einführung ins Abenteuer schicken. Jennifer Adam lässt sich hingegen viel Zeit, um Brida und ihr Umfeld vorzustellen und um mit kleinen Ereignissen in Bridas Heimatort die großen Entwicklungen in dem Land anzudeuten. Mir hat das gut gefallen, weil es dafür sorgte, dass ich mir bei all den späteren Gefahren, denen Brida trotzen muss, immer sicher sein konnte, dass Mother Magdi und ihre Freund*innen aus der Ferne alles versuchen, um das Mädchen zu finden und sie zu unterstützen. Außerdem lernt Brida – natürlich – im Laufe ihrer Reise neue Personen kennen, die so für sie da sind wie Brida für sie.

Zusammengenommen ergaben all diese Dinge die – eingangs erwähnte – Mischung aus vertrauten und ungewöhnlichen Elemente in der Handlung, die dafür sorgte, dass ich „The Last Windwitch“ wirklich genossen habe. Es gibt so viele kleine Szenen rund um die Traditionen am „Tag der Erinnerung“ und die alltägliche (und die größere) Magie, die ich wunderbar fand. Dazu kommt noch die Entwicklung, die Brida im Laufe der Zeit durchmacht, und wie sie nicht nur mehr über sich und ihre Fähigkeiten herausfindet, sondern auch mehr über die Personen um sie herum. Brida ist eine wirklich liebenswerte Protagonistin, die von Jennifer Adam so geschrieben wurde, dass sie – in meinen Augen – eine stimmige Zwölfjährige ist und die trotzdem versucht, so „erwachsen“, wie es ihr möglich ist, mit den Herausforderungen umzugehen, die ihr begegnen. Ich werde definitiv die Augen nach weiteren Titeln von Jennifer Adam aufhalten! Der einzige Grund, wieso ich von ihr noch nicht „Lark and the Wild Hunt“ gekauft habe, ist, dass ich Hardcover nicht so gern lese und hoffe, dass es von dem Titel noch eine Taschenbuchausgabe geben wird.

Harmony Becker: Himawari House (Comic)

Nachdem „Himawari House“ von Harmony Becker fast ein Jahr auf dem Stapel mit ungelesenen Comics lag, wurde es Anfang November endlich Zeit, den Titel zu lesen. Die Handlung von „Himawari House“ dreht sich um drei junge Frauen aus verschiedenen Ländern, die zusammen in einem Gemeinschaftshaus in Tokio leben. Nao – aus deren Sicht die Geschichte beginnt – wurde in Japan geboren, ist aber in den USA aufgewachsen und nimmt sich nach Abschluss der High School ein Jahr Zeit, um (erneut) Japanisch zu lernen und mehr über ihr Geburtsland herauszufinden. Naos Mitbewohnerin Hyejung stammt aus Korea, während Tina aus Singapur nach Japan gekommen ist. Neben diesen drei Frauen leben noch die beiden Brüder Shinichi und Masakun im Himawari House, und gemeinsam erleben diese fünf Figuren mehr oder weniger alltägliche Dinge, die davon erzählen, wie es ist, (als Ausländer*in) in Japan zu leben.

Fast alle Episoden, die Nao und die anderen erleben, drehen sich um Sprache und Kommunikation. Darum, wie schwierig es ist, eine fremde Sprache zu lernen, darum, wie sehr Sprache beeinflusst, wer wir sind und wie wir uns verhalten, wie Sprache beeinflusst, wie wir von unserer Umgebung wahrgenommen werden und wie wir unsere Umgebung wahrnehmen. Dabei ist es Harmony Becker – wie sie auch im Nachwort erwähnt – sehr wichtig gewesen, Akzente nicht als „Witz“ darzustellen, sondern aufzuzeigen wie beeindruckend es ist, wenn eine Person mehrere Sprache beherrscht, selbst wenn dies nicht fehlerfrei sein sollte. Ich muss zugeben, dass ich es manchmal etwas schwierig fand, einen Satz mit Akzent zu verstehen und mir dann das Geschriebene erst einmal gesprochen vorstellen musste. Aber insgesamt war es spannend zu sehen, wie in „Himawari House“ die verschiedenen Sprachen dargestellt werden und wie leicht anhand der Schriftzeichen zu sehen ist, ob eine Figur sich in Japanisch, Koreanisch, Chinesisch/Singlish oder Englisch unterhält. (Bei den Sätzen in einer der asiatischen Sprache steht der englische Text dann wie ein „Untertitel“ direkt unter den dementsprechenden Schriftzeichen.)

Aber auch wenn das Thema „Sprache“ immer sehr präsent in den verschiedenen Kapiteln ist, so habe ich den Comic doch vor allem wegen der wunderbaren Charaktere und ihrer unterschiedlichen Erlebnisse in Japan genossen. Jede der drei weiblichen Figur hat ihre ganz eigenen Gründe, wieso sie nun in Tokio lebt. Was dazu führt, dass nach und nach die Hintergrundgeschichten der drei Frauen erzählt werden und man miterleben kann, wie sie sich im Laufe eines Jahres weiterentwickeln. Ich fand es vor allem schön zu lesen, wie sich Nao, Hyejung und Tina miteinander anfreunden und gegenseitig unterstützen, obwohl sie so unterschiedlich sind. Die fünf Bewohner des Himawari House erleben so viele verschiedene Dinge, sie müssen sich mit ihrer Vergangenheit, ihren ganz persönlichen Eigenheiten und eben auch mit den Herausforderungen, die das Leben in einem fremden Land mit sich bringt, auseinandersetzen. Das führt zu so vielen kleinen amüsanten oder berührenden Szenen, dass ich die 380 Seiten überraschend schnell gelesen habe, weil ich nicht aufhören konnte, „nur mal eben zu schauen, wie es im nächsten Kapitel weitergeht“.

Harmony Becker wurde bekannt dafür, dass sie „They Called Us Enemy“, George Takais Erinnerungen an seine Kindheit in den US-Internierungslagern während des Zweiten Weltkriegs, gezeichnet hat. Für „Himawari House“ verwendet sie ein sehr klares und realtiv realistisches Charakterdesign, das – je nach Schwerpunkt einer Szene – auch mal mit etwas vereinfachteren oder überzogeneren Elementen variiert wird. Das sorgt nicht nur dafür, dass die Figuren selbst auf einen flüchtigen Blick wiedererkennbar sind, sondern auch dafür, dass selbst kleine Gefühlsregungen an Gestik und Mimik erkennbar sind. Detailliert ausgearbeitete Hintergründe gibt es nur selten, aber wenn sie zu sehen sind, bringen sie sehr viel Atmosphäre mit sich, weil sie „typisch“ japanische Elemente und Architektur zeigen. Mir persönlich hat Harmony Beckers Zeichenstil im diesem Comic – ebenso wie die Handlung – sehr gut gefallen, und ich bin neugierig, was die Zeichnerin in Zukunft noch so veröffentlichen wird.

Patricia C. Wrede: The Dark Lord’s Daughter

Patricia C. Wrede gehört schon seit vielen Jahren zu den Autor*innen, deren Bücher ich auf jeden Fall kaufe, wenn sie veröffentlicht werden. So war es auch mit „The Dark Lord’s Daughter“, und erst als ich den Roman im Haus hatte, fiel mir auf, dass ich gar nicht so recht wusste, worum es überhaupt ging. Was vielleicht auch ganz gut war, denn die Grundidee hinter dieser Geschichte gehört zu denen, auf die ich inzwischen keine rechte Lust mehr habe, weil ich von dieser Art von Romanen in den 1990er Jahre so viele gelesen habe. Aber natürlich hat Patricia C. Wrede etwas ganz Eigenes aus dieser Idee gemacht, so dass ich „The Dark Lord’s Daughter“ am Ende sehr genossen habe. Allerdings musste ich mich dafür ein bisschen durch die erste Hälfte kämpfen, wo die Autorin erst einmal eine fantastische Welt einführte, die mir mit ihren Traditionen ziemlich auf die Nerven ging.

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive der vierzehnjährigen Kayla Jones. Kayla ist zu Beginn der Geschichte mit ihrer Adoptivmutter Riki(ta) und ihrem jüngeren Bruder Del(mar) auf einem Jahrmarkt unterwegs. Diese Familientradition versuchen die drei weiter aufrecht zu erhalten, obwohl es finanziell in den letzten Jahren eng war, nachdem Kaylas Adoptivvater Michael gestorben war. Ich mochte es sehr zu lesen, wie nahe sich die drei stehen, auch wenn Rikis Besorgnis aus Kaylas Sicht häufig übertrieben und etwas nervig ist. Dieses „aufeinander Aufpassen“ führt dann auch dazu, dass alle drei gemeinsam in das fantastische Land Zaradwin transportiert werden, als ein maskierter Mann in Rüstung Kayla auf dem Jahrmarkt mit einem Zauber belegt. Dort erfährt Kayla, dass sie eigentlich Lady Xavrielina und die Erbin des verstorbenen Dark Lord of Zaradwin ist. Was bedeutet, dass sie nun alles daran setzen muss, um die Position der Dark Lady of Zaradwin einzunehmen – und sei es nur, um zu verhindern, dass sie oder ihre Familie von den diversen Feinden, die eine potenzielle Dark Lady hat, getötet werden.

Ich muss zugeben, dass ich (gemeinsam mit Kayla) zu Beginn der Geschichte wirklich frustriert darüber war, wie wenig Informationen die Protagonistin bekam, um mit ihrer Rolle als zukünftige Dark Lady fertigzuwerden. Es wird von Anfang an deutlich, dass das Land Zaradwin in den zehn Jahren, die seit dem Tod von Kaylas leiblichem Vater vergangen sind, ziemlich verfallen ist. Und während Kayla jemand ist, für den Probleme etwas sind, was gelöst werden muss, besteht ihr Umfeld aus Personen, die sie als Kind behandeln (okay, das ist eigentlich nur Riki) oder die sich auf „Traditionen“ berufen, um nichts tun oder gar Änderungen hinnehmen zu müssen. Umso mehr habe ich es dann genossen, als Kayla endlich die ersten Antworten auf all ihre Fragen herausfand und anfing – entgegen aller Traditionen – vernünftige Entscheidungen zu treffen, um ihre Position als Dark Lady einnehmen zu können. Sehr amüsant war es dabei, die Tipps, die zu Beginn eines jeden Kapitels aus dem „Handbuch für angehende Dark Lords und Ladys“ (natürlich mit dem Titel „The Dark Traditions“) zitiert wurden, dann mit Kaylas eigentlichen Aktionen zu vergleichen.

Aber vor allem habe ich es genossen zu sehen, wie sich Kayla immer wieder mit den unterschiedlichsten Personen austauschte, um dann die beste Lösung für ein Problem zu finden. Dabei hat Patricia C. Wrede wirklich wunderbare Charaktere für ihren Roman geschaffen, die weder zu gut noch zu böse waren, sondern realistisch wirkende Figuren mit Stärken und Schwächen. Das führte dazu, dass es immer wieder amüsante Szenen gab, wenn diese Personen entgegen aller Traditionen handelten und mal eine Facette ihrer wahren Persönlichkeit zeigten. Das Ende – mit all den überraschenden Lösungen, die die Autorin für Kaylas Herausforderungen gefunden hat – habe ich deshalb wirklich genossen. So wenig ich zu Beginn des Romans das fantastische Land Zaradwin mochte, so wenig wollte ich am Ende diese Welt verlassen. Stattdessen habe ich mir gewünscht, ich könnte noch weiter verfolgen, welche Änderungen Kayla und ihre Familie noch so für diese Welt mit sich bringen (und welche unterhaltsamen Situationen das für mich als Leserin bereithalten würde). Normalerweise vergleiche ich nicht so gern ein Buch mit einem anderen Titel, aber „The Dark Lord’s Daughter“ hat mich in so einigen Aspekten sehr an „The Dark Lord of Derkholm“ von Diana Wynne Jones erinnert.

Anne Ursu: The Lost Girl

Nachdem ich „The Troubled Girls of Dragomir Academy“ gelesen hatte, habe ich nach weiteren Büchern von Anne Ursu gesucht und mir dann spontan „The Lost Girl“ bestellt. Die Geschichte dreht sich um die beiden elfjährigen Zwillingsschwestern Lark und Iris Mcguire, die bislang immer alles gemeinsam gemacht haben. Doch in diesem Schuljahr sollen sie zum ersten Mal in getrennte Klassen gehen, weil ihre Eltern und Lehrer*innen meinen, dass es ihnen guttun würde, wenn sie unabhängiger voneinander würden. Die beiden Schwestern sind sehr unglücklich mit dieser Situation. Die verträumte und kreative Lark muss prompt mit dem Schul-Bully in eine Klasse gehen, während Iris zwar in einer netten Klassengemeinschaft landet, aber darunter leidet, dass sie Lark nicht mehr während des Schultags beschützen kann.

Erzählt wird die Geschichte vor allem aus Iris‘ Perspektive, während es immer wieder von einer weiteren – nicht benannten – Person ergänzende Anmerkungen zur Handlung gibt. Diese unbekannte Person ist anfangs auch der einzige Hinweis darauf, dass hinter einigen der kleinen ungewöhnlichen Vorfälle, die immer wieder rund um Iris und Lark passieren, Magie stecken könnte. Ich mochte es sehr, dass sich der Großteil der Geschichte darum drehte, wie Iris und Lark damit fertig werden, dass sie nun nicht mehr den ganzen Tag zusammen sind, obwohl es dieses fantastische Element in der Handlung gibt. Die Tatsache, dass die beiden Schwestern bis zu diesem Zeitpunkt alle Erfahrungen gemeinsam gemacht haben und das dazu geführt hat, dass sie genau wissen, wie die jeweils andere auf eine Person oder Situation reagieren würde, ist eigentlich wunderschön zu lesen. Und dass dieses selbstverständliche gegenseitige Verstehen nun in Gefahr ist, sorgt dafür, dass nicht nur die beiden Mädchen, sondern auch ich als Leserin sehr um diese Verbundenheit trauerten.

Vor allem Iris ist geradezu panisch, weil sie Lark nun nicht mehr vor einer Welt beschützen kann, die nicht gerade verständnisvoll mit Personen umgeht, die einen etwas anderen und fantasievolleren Blick auf ihre Umgebung werfen. Dabei wird schnell deutlich, dass Iris‘ Rolle als Larks Beschützerin sie so gar nicht darauf vorbereitet hat, allein durchs Leben zu gehen. So sucht Iris bald in dem seltsamen kleinen Antiquitätenladen gegenüber der Stadtbibliothek eine Antwort auf die Frage, wer sie ist, wenn sie nicht Larks große Schwester sein kann. Ich fand es sehr berührend, wie Anne Ursu das Verhältnis der Zwillinge zueinander beschrieb, und dann mitzuerleben, wie verloren die beiden waren, als sie gezwungen wurden, ohne ihre Schwester durch den Tag zu gehen, hat mich überraschend traurig gemacht. Und obwohl ich mir sicher war, dass die Autorin einen Weg finden wird, um Iris und Lark am Ende wieder zusammenfinden zu lassen, habe ich um die Beziehung der beiden Schwestern gebangt. Beide sind im Laufe der Geschichte so unglücklich und bemühen sich doch so sehr, einigermaßen mit der ganze Situation fertig zu werden.

Neben den beiden Schwestern hat Anne Ursu noch so einige Nebenfiguren in ihren Roman eingebaut, die ich schnell ins Herz geschlossen habe. Sowohl die Mitschüler*innen von Iris als auch die Mädchen, die sie in einem Nachmittagskurs in der Bibliothek kennenlernt, sind einfach großartig. Obwohl Iris es ihnen allen nicht einfach macht, ist es schön zu sehen, wie all diese Personen bereit sind, für Iris da zu sein, wenn sie sie braucht. Selbst bei den Eltern und Lehrer*innen wird deutlich, dass sie alle für die beiden Mädchen nur das Beste wollen – auch wenn dieses Beste für Lark und Iris erst einmal ziemlich fürchterlich ist. Das alles führt zu einer überraschend wohltuenden, wenn auch etwas melancholischen Geschichte, die mit einem Hauch Magie abgerundet wird. Es gibt in dem Roman so viele berührende und traurige Momente, aber immer wieder etwas zu Schmunzeln und natürlich das Rätsel rund um den Antiquitätenladen und all die kleinen und größeren magischen Dinge, mit denen Iris und Lark in Kontakt kommen. Am Ende kann ich sagen, dass ich „The Lost Girl“ sogar noch mehr genossen habe als „The Troubled Girls of Dragomir Academy“, und ich bin gespannt auf die weiteren Titel von Anne Ursus Backlist.

Courtney Smyth: The Undetectables

Ich hatte „The Undetectables“ von Courtney Smyth bestellt, weil ich das Cover großartig und die Inhaltsangabe sehr ansprechend fand. Aber ich ging auch davon aus, dass die Protagonistinnen der Geschichte einige Jahre älter sein würden, als sie es in diesem Roman sind – und das hat mich von Anfang an etwas aus dem Tritt gebracht. Ich weiß gar nicht, wieso ich das dachte, aber es hat dazu geführt, dass ich erwachsenere und lebenserfahrenere Charaktere mit etwas weniger Gefühlschaos und mehr Professionalität erwartet hatte. Die Differenz zwischen meinen Erwartungen und dem, was der Roman stattdessen lieferte, hat es mir nicht ganz so einfach gemacht, mich auf das Buch einzulassen. Als ich zusätzlich im Laufe der Handlungen immer wieder über Punkte stolperte, die ich zu offensichtlich (wie die Identität des Mörders!) oder nicht in Ordnung fand, war ich dann endgültig enttäuscht – und habe den Roman nur beendet, weil ich hoffte, dass es doch noch eine Wendung geben könnte, die ihn für mich retten würde. (Ich hätte das Cover wirklich gern im Bücherregal behalten, aber das Bleiberecht erhalten nur Titel, die ich noch einmal lesen mag …)

Dabei mochte ich die Anfangsszene in „The Undetectables“ wirklich gern, in der erzählt wird, wie Theodore bei einer Samhain-Party in dem Herrenhaus der Familie Broadwick ums Leben kam und wie die drei vierzehnjährigen Mädchen Mallory Hawthorne, Diana Cheung-Merriweather und Cornelia Broadwick seine Leiche (und seinen Geist) fanden. Sechs Jahre später beginnt dann die eigentliche Handlung aus der Perspektive von Mallory, die in den vergangenen Jahren wegen einer chronischen Krankheit viel Zeit zu Hause verbrachte, während ihre beiden Freundinnen aus der okkulten Stadt Wrackton wegzogen, um zu studieren. Doch dann kommen Diana und Cornelia zurück nach Wrackton, und die drei jungen Frauen werden damit beauftragt, einen Mord in einem verschlossenen Raum aufzuklären, der eindeutig mit Magie begangen wurde. Alle drei haben Fähigkeiten und Wissensgebiete, die ihnen bei ihrer Detektivarbeit helfen, wobei Mallory mit all den Dingen, die sie in den vergangenen Jahren rund um Forensik gelernt hat, die Ermittlungen leitet.

Es gibt so einige Aspekte, die ich an „The Undetectables“ mochte, zum Beispiel dass Magie in Wrackton alltäglich ist und wie selbstverständlich – wenn auch nicht ganz reibungslos – die verschiedenen magischen Wesen dort zusammenleben. Mir gefiel es auch sehr, wie Mallory und ihre Freundinnen immer wieder magische und nicht-magische Dinge kombinierten, um (für ihre Welt) ungewöhnliche Ermittlungswege gehen zu können. So setzt Mallory z. B. einen Gaschromatographen ein, um verschiedene Varianten von magischen Rückständen an Indizien identifizieren zu können. Außerdem habe ich online so einige lobende Stimmen von Personen mit chronischen Krankheiten gelesen, die betonten, dass Courtney Smyths Darstellung von Mallorys Leben mit Fybromyalgie sehr stimmig und realistisch ist. Dazu gab es noch so einige Szenen zwischen den drei Freundinnen, die ich genossen habe, weil sie von der langen Verbundenheit und der damit einhergehenden Vertrautheit zwischen Mallory, Diana und Cornelia zeugten.

Dummerweise kamen dazu noch so einige Dinge, die mir so gar keine Freude beim Lesen dieses Romans gemacht haben. Dass die Protagonistinnen deutlich jünger waren, als ich erwartet hatte, kann ich Courtney Smyth nicht vorwerfen. Aber ich fand es schwierig, immer wieder Szenen zu lesen, in denen Mallory, Diana und Cornelia sehr aufmerksam und respektvoll miteinander umgingen, nur um kurz darauf einen Moment zu haben, in dem sie Grenzen verletzen und sich nicht nur respektlos, sondern regelrecht unethisch verhalten. Diese Sachen hätte ich akzeptieren können, wenn es jemals Thema gewesen wäre, dass ihr Verhalten nicht okay ist, aber dies war nicht ein einziges Mal der Fall. Ein Beispiel ist das Sammeln von Proben von magischen Personen, um eine Datenbasis für Mallorys Gaschromatographen anzulegen, wo sie – ohne um Erlaubnis zu fragen – von drei Freunden DNS-Proben verwendeten. Das hätte ich noch bei Verdächtigen hinnehmen können, bei denen das Sammeln von Proben riskant gewesen wäre. Aber bei Freunden, die selbst ein großes Interesse an der Aufklärung der Morde haben, nicht mal eben nachzufragen, bevor ihre DNS verwendet wird, sorgte (neben weiteren ähnlichen Vorfällen) dafür, dass ich die Protagonistinnen nicht gerade sympathisch und ihre „Ermittlungsmethoden“ insgesamt zweifelhaft fand.

Ein weiteres Problem war für mich der Aufbau des Kriminalfalls, denn die Hinweise auf die Person hinter den Morden wurden von Courtney Smyth so offensichtlich in die Handlung eingestreut, dass spätestens beim zweiten Mord die Identität dieser Person auf der Hand lag. Zumindest für mich – während Mallory und ihre beiden Freundinnen weiterhin verzweifelt versuchten, irgendein greifbares Indiz in die Finger zu bekommen, um mehr über Mordmethode, Motiv und Täter*in herauszufinden. Ich gebe zu, es ist etwas einfacher „mitzuermitteln“, wenn ich eine Beschreibung des Mords zu lesen bekomme, während er in der Handlung passiert – wobei ich betonen möche, dass diese Passagen so ziemlich spoilerfrei waren und weniger Hinweise lieferten als die spätere Betrachtung des Tatorts durch die Protagonistinnen.

Bis zum Ende des Romans hatte ich gehofft, dass mein Anfangsverdacht falsch war und dass deutlich mehr hinter diesen Morden stecken würde, als ich dachte. Denn wenn mehr hinter diesen Morden gesteckt hätte, als ich als Leserin sehen konnte, dann wäre es für mich einfacher gewesen, der Autorin zu glauben, dass ihre drei Protagonistinnen kluge und aufmerksame Ermittlerinnen sind … Stattdessen habe ich die zweite Hälfte des Romans ständig vor mich hingeschimpft, weil offensichtliche Aussagen übersehen wurden und Schlussfolgerungen ausblieben. Am Ende bleibt mir nur zuzugeben, dass „The Undetectables“ leider nicht das richtige Buch für mich war, obwohl ich den Roman so gern gemocht hätte.

Emily Randall-Jones: The Witchstone Ghosts

Als ich die Inhaltsbeschreibung von „The Witchstone Ghosts“ las, hatte ich das Gefühl, dass diese Geschichte von Emily Randall-Jones perfekt zu einem verregneten, dunklen Herbstabend passen würde, und so habe ich mir das Buch spontan bestellt. Die Handlung wird aus der Perspektive von Autumn Albert erzählt, die in London lebt und die ungewöhnliche und ziemlich lästige Fähigkeit hat, Geister zu sehen. Doch als ihr Vater bei einem Unfall stirbt, gibt es keine Möglichkeit für sie, mit seinem Geist Kontakt aufzunehmen. Stattdessen zieht sie von einem Moment auf den anderen mit ihrer Mutter und ihrem Hund auf eine kleine Insel, auf der ihr Vater ihnen ein Haus vererbt hat. Die Insel Imber liegt vor der Küste Cornwalls, und so herzlich die Bewohner Autumn und ihre kleine Familie auch aufnehmen, so gibt es doch einige seltsame (und sogar etwas unheimliche) Bräuche, über die das Mädchen im Laufe der Zeit stolpert. Doch vor allem ist Autumn damit beschäftigt, die Trauer um ihren Vater zu verarbeiten und eine neue Freundin zu gewinnen, vor der sie auf jeden Fall verbergen will, dass sie Geister sehen kann.

Ich muss zugeben, dass ich am Anfang nicht so ganz nachvollziehen konnte, wieso Autumn solch ein Problem mit ihrer Fähigkeit hat. Dabei macht Emily Randall-Jones deutlich, dass es für ihre Protagonistin eine große Herausforderung ist, ein einigermaßen normales Leben zu führen, wenn sie auf Schritt und Tritt über Geister stolpert, die ihre Aufmerksamkeit einfordern. Auf der anderen Seite ist Autumns bester Freund der Kaminkehrerjunge Jack, der schon vor langer Zeit verstorben ist, so dass ihre besondere Fähigkeit auch ihre guten Seiten hat. Trotzdem ist Autumn wild entschlossen, auf Imber ein ganz „normales“ Leben zu führen. Erleichtert wird ihr das dadurch, dass es auf der ganzen Insel keine Geister zu geben scheint. Stattdessen lernt das Mädchen einige freundliche Einheimische kennen – allen voran Lamorna, die nur wenig älter als Autumn ist und die ihr viel über das Leben auf Imber beibringt. Aber natürlich kann es auf einer Insel nicht mit rechten Dingen zugehen, auf der es so gar keine Geister gibt, und je mehr Autumn darüber rausfindet, desto gefährlicher wird das Leben auf Imber für sie.

Genau wie ich es erhofft hatte, ist „The Witchstone Ghosts“ die perfekte Geschichte für ungemütliche und regnerische Herbstabende gewesen. Es gibt so viele Szenen mit stürmischer See, Kälte, Regen und insgesamt bedrohlicher Natur, die von Emily Randall-Jones wunderbar atmosphärisch geschrieben wurden. Auch das kleine Häuschen, das Autumns Vater hinterlassen hat, wirkt anfangs nicht sehr heimelig, was nur noch mehr betont, welche Herausforderungen das Leben auf einer so kleinen Insel im Meer mit sich bringt. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder schöne und gemütliche Abschnitte, in denen Autumn eine überraschend herzliche Nachbarschaft kennenlernt oder liebevolle Momente mit ihrer Mutter verbringt, die ein passendes Gegengewicht zu den eher düsteren Passagen bilden.

Für eine erwachsene Leserin sind einige Entwicklungen in der Handlung relativ vorhersehbar, was ich aber in keiner Weise schlimm fand. Es gibt in der Geschichte immer noch genügend Überraschungen, wenn es darum geht, wie Autumn selbst diese Dinge herausfindet oder auf welche Weise sie aufkommende Probleme löst, so dass ich im letzten Drittel gespannt dem Ende entgegengefiebert habe. Insgesamt war „The Witchstone Ghosts“ für mich ein wirklich befriedigendes Jugendbuch mit genau der richtigen Mischung aus unheimlichen/bedrohlichen und wohltuenden Momenten, um mein Bedürfnis nach einer gleichzeitig gemütlichen und düsteren Geschichte für die Herbstzeit zu befriedigen.

T. Kingfisher: Thornhedge

Da ich die märchenhaften Geschichten von T. Kingfisher (Ursula Vernon) so sehr mag, musste ich mir natürlich auch ihre neueste Veröffentlichung in diesem Bereich besorgen. „Thornhedge“ ist mit gerade mal 123 Seiten ein wirklich schmales Büchlein, aber die Geschichte ist so bezaubernd (und ich mag das dunkle Cover mit dem Turm so gern), dass ich froh bin, dass ich mir die Hardcover-Ausgabe gegönnt habe. „Thornhedge“ basiert auf „Dornröschen“, doch T. Kingfisher erzählt nicht die Geschichte einer verwunschenen Prinzessin, sondern konzentriert sich in ihrer Erzählung auf das Schicksal von Toadling.

Toadling ist eine Figur, die in einem klassischen Grimmschen Märchen die böse Fee wäre. Nur dass Toadling ganz und gar nicht böse ist, sondern eine liebenswerte Person, die zufälligerweise von Monstern aufgezogen wurde. Toadling wäre vollkommen zufrieden damit gewesen, den Rest ihres Lebens bei genau diesen Monstern zu bleiben, doch dann wurde sie von der hare goddess auserwählt, um Unrecht wiedergutzumachen. Doch trotz der Ausbildung, die Toadling für ihren Auftrag erhält, läuft etwas schief, und so sieht sie sich gezwungen, eine verfluchte Prinzessin zu bewachen, damit diese nicht aufgeweckt wird. Viel mehr möchte ich eigentlich gar nicht über den Inhalt verraten, weil es schöner ist, all die Hintergründe beim Lesen selbst zu entdecken. Aber natürlich kommt an einem Punkt der Handlung ein Ritter ins Spiel, der die verfluchte Prinzessin retten will, und den Toadling dann von seiner Mission abhalten muss.

Was ich wirklich auffällig fand, als die ersten Rezensionen zu „Thornhedge“ veröffentlicht wurden, war, dass wirklich alle betonten, was für eine süße Geschichte das sei. Und dann las ich das Nachwort der Autorin, in dem sie darüber schrieb, dass sie denkt, dass sie mit diesem Titel ein sweet book geschrieben hat, aber ihr von allen Seiten gesagt wurde, dass es nicht sweet ist, wenn in einer Geschichte kinderfressende Monster oder die Wiederbelebung von Toten vorkommen würde. Aber ich fürchte, dass T. Kingfisher recht hat: „Thornhedge“ ist trotz all dieser schrecklichen Dinge und trotz der traurigen Sachen, die Toadling widerfahren, eine wirklich süße Geschichte, und das liegt auf der einen Seite an der großartigen Protagonistin und auf der anderen Seite an den (wenigen) Personen, zu denen sie entgegen jeder Wahrscheinlichkeit Beziehungen aufbaut.

Toadling ist keine strahlende Heldin. Sie ist häufig unsicher, aber sie ist aufmerksam und hilfsbereit und versucht immer, alles richtig zu machen – was oft genug dazu führt, dass etwas erst recht schiefläuft. Außerdem ist Toadling über einen erschreckend langen Zeitraum in der Geschichte sehr einsam, was es umso schöner (und überraschend amüsant) macht, als sie dann jemanden findet, mit dem sie reden und dem sie von ihrem Leben erzählen kann. Es ist wirklich schwer zu beschreiben, was „Thornhedge“ für mich so wunderbar gemacht hat, wenn ich so wenig über den Inhalt verraten kann, aber ich kann sagen, dass dieses schmale Büchlein eine wunderbare Protagonistin, herzerwärmende Szenen und (wie so oft bei T. Kingfishers Geschichten) eine ungewöhnliche und recht düstere Sicht auf klassische Märchenelemente mit sich bringt.

Casey Blair: A Coup of Tea (Tea Princess Chronicles 1)

„A Coup of Tea“ ist genau die Art von Cozy Fantasy, die mir gerade so viel Freude bereitet. Die Geschichte wurde von Casey Blair schon im Jahr 2017 als web serial veröffentlicht und dreht sich um Miyara, die die vierte von fünf Prinzessinen von Istalam ist. Die Handlung beginnt an dem Tag, an dem die Protagonistin in einer großen offiziellen Zeremonie verkünden soll, in welcher Position sie zukünftig dem Land dienen wird. Dummerweise hat Miyara keine Ahnung, welche Aufgabe sie zufriedenstellend übernehmen könnte, da sie – im Gegensatz zu ihren Schwestern – keine besondere Begabung hat, die sie perfekt für eine bestimmte Position machen würde. Stattdessen ist Miyara pflichtbewusst, wenn es um ihre Position als Prinzessin geht, stets bemüht, am Hof nicht groß aufzufallen, und trotzdem fest entschlossen, ihrem Volk zu dienen. Das alles führt dazu, dass sie aus dem Palast flieht, ihren Rang als Prinzessin hinter sich lässt und in den erstbesten Zug springt, der die Stadt verlässt. Allein und ohne Gepäck landet Miyara am anderen Ende des Landes und muss nun ohne die Unterstützung der königlichen Familie ihren Weg finden.

Ich mochte es sehr, dass es Casey Blair gelingt, Miyara als eine Person darzustellen, die über sehr viel Wissen in vielen verschiedenen Bereichen verfügt, weil sie als Prinzessin eben eine umfassende Ausbildung bekommen hat. Aber auf der anderen Seite ist sie häufig von kleinen alltäglichen Dingen überfordert ist, weil sie damit einfach noch keine Erfahrung gesammelt hat. Es hat mir viel Freude bereitet, all die kleinen Entwicklungen zu verfolgen, die Miyara durchmacht, und mitzuerleben, wie sie neue praktische Sachen lernt und wie sie zum ersten Mal in ihrem Leben Freund*innen findet. Umso schöner fand ich all das, weil die Autorin es Miyara nicht immer einfach macht, auch wenn sie schon in ihrer ersten Nacht in der neuen Stadt jemanden kennenlernt, der ihr eine Unterkunft und einen Job vermittelt. Aber nicht alle Personen in ihrer neuen Umgebung sind freundlich oder hilfsbereit, außerdem werden Rassismus, Standesdünkel und viele anderen schrecklichen Dinge, zu denen Menschen fähig sind, in dieser Geschichte angeschnitten. Aber da Miyara nicht sehr gut darin ist, keine Prinzessin mehr zu sein, versucht sie sich für die Personen in ihrer neuen Stadt zu engagieren und einen Weg zu finden, damit alle dort gemeinsam und gleichberechtigt ein Zuhause finden können.

Neben all den kleinen und größeren dramatischen Entwicklungen in der Handlung gibt es sehr, sehr viele freundschaftliche und ruhige Szenen, die dafür sorgen, dass ich mir die ganze Zeit vollkommen sicher war, dass am Ende alles gut ausgehen wird. Das macht „A Coup of Tea“ nicht gerade spannend, aber ich habe diese gemütlichen Passagen besonders genossen. Auch die Tatsache, dass Miyara einen Arbeitsplatz in einem Teehaus findet, führt zu sehr vielen schönen Szenen rund ums Teetrinken, Teezeremonien oder einfach den Alltag hinter den Kulissen eines solchen Geschäfts. Außerdem lässt Casey Blair im Laufe der Geschichte immer mehr fantastische Elemente in den Roman einfließen, die mich neugierig auf weitere Einblicke in diese Welt gemacht haben. Dass es Magie in dieser Welt gibt, ist von Anfang an klar, aber welchen Regeln diese Magie folgt, welche unterschiedlichen Varianten es gibt und welchen Einfluss das zum Beispiel auf den Alltag hat, fand ich spannend zu entdecken. Alles in allem hat die Geschichte für mich die perfekte Mischung aus sympathischen Charakteren, heimeligen Szenen und einer Handlung, die mich wirklich neugierig auf die nächsten Entwicklungen gemacht hat.

W. R. Gingell: Spindle (The Two Monarchies Sequence 1)

Ich habe noch nicht so viel von W. R. Gingell gelesen, aber was ich gelesen habe („Gothel and the Maiden Prince“, „Twelve Days of Faery“ sowie die anderen beiden Bänder der „Shards of a Broken Sword“-Trilogie  und eine Kurzgeschichte), hat mir so gut gefallen, dass ich noch ein paar eBooks von der Autorin auf dem Reader schlummern habe. „Spindle“ war eines dieser ungelesenen eBooks, bis ich Anfang des Monats Lust auf eine etwas märchenhaftere Geschichte hatte. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von Polyhymnia (Poly), die zu Beginn der Geschichte aus einem magischen Schlaf erwacht. Genau genommen wacht Poly aus einem jahrhundertelangen Schlaf auf, nachdem sie von dem Zauberer Luck geküsst wurde. Schnell steht für die Leser*innen fest, dass Poly keinerlei Erinnerungen daran hat, wie es dazu kam, dass sie verzaubert wurde, dass sie keine Prinzessin (sondern die Hofdame einer Prinzessin) ist und dass sie im Besitz einer magischen Spindel ist und sich ihre Haare sehr ungewöhnlich verhalten. Gemeinsam mit Luck macht sich Poly auf den Weg zur Hauptstadt des Landes, wobei mehrere Zwischenfälle die Reise der beiden deutlich verlängern.

Ich muss zugeben, dass es für mich einen großen Kritikpunkt an „Spindle“ gab, und das war, dass Poly und Luck nicht ein einziges Mal richtig miteinander reden. Während ich bei älteren Romanen eher damit leben kann, wenn sich Figuren so verhalten, finde ich das bei aktuellen Geschichten wirklich nervig. Vor allem, wenn noch dazukommt, dass Luck immer wieder damit droht, dass er Poly wohl noch einmal küssen müsse (um die Nebeneffekte ihrer Verzauberung zu mildern), während Poly Luck immer wieder tritt oder schlägt, weil er ihr mit seinem Verhalten/Mangel an Kommunikation auf die Nerven geht. Die Geschichte hätte ebenso gut funktionieren können, wenn die Charaktere respektvoller miteinander umgegangen und miteinander geredet hätten, auch wenn dann einige „lustige“ Szenen anders hätten geschrieben werden müssen. Besonders frustrierend finde ich daran, dass mich W. R. Gingell in ihren anderen Geschichten eben auch deshalb überzeugt hat, weil die Figuren so gut darin waren, miteinander zu kommunizieren und die Grenzen des anderen zu respektieren.

Trotz dieses Kritikpunkts muss ich sagen, dass ich mich wirklich gut mit „Spindle“ amüsiert und mich regelmäßig an Diana Wynne Jones‘ Roman „Howl’s Moving Castle“ erinnert gefühlt habe. Vor allem das Verhältnis zwischen Poly und Luck hat mich immer wieder an die pragmatische Sophie und den eher egozentrischen Howl erinnert, aber auch sonst gab es immer wieder Elemente, die mir sehr vertraut vorkamen, ohne dass W. R. Gingell eine Nacherzählung geschrieben hätte. Mir hat diese Vertrautheit gut gefallen und mich immer wieder schmunzeln lassen, aber ich muss auch anmerken, dass das Ganze dazu geführt hat, dass die Figuren nicht gerade vielschichtig ausgearbeitet wurden und die „Liebesgeschichte“, die sich zwischen Poly und Luck entspinnt, jeglicher Romantik entbehrt. Alles in allem kann ich sagen, dass W. R. Gingell es wirklich hervorragend hinbekommen hat, den Stil einer Diana-Wynne-Jones-Geschichte aufzugreifen, auch wenn ich fürchte, dass einige der Erzählelemente so von Diana Wynne Jones heutzutage wohl nicht mehr verwendet würden. Aber ich bin mit dieser Art von Romanen aufgewachsen und ich lieber die vielen kleinen und großen fantastischen Elemente, ich mag den Humor und die Absurdität, die aus einem gewissen Pragmatismus der Figuren entsteht. So ist es kein Wunder, dass ich mich insgesamt mit „Spindle“ gut unterhalten gefühlt und all die ungewöhnlichen Elemente in dieser „Rapunzel“-Variante von W. R. Gingell genossen habe.

Angela Slatter: All the Murmuring Bones

„All the Murmuring Bones“ von Angela Slatter habe ich am Lese-Sonntag im August angefangen und dann in den folgenden Tagen relativ schnell beendet. Die Geschichte wird aus der Perspektive der siebzehnjährigen Miren O’Malley erzählt, die gemeinsam mit ihren Großeltern und zwei Dienstboten in dem verfallen(d)en Herrensitz Hob’s Hallow an einer unwirtlichen Küste aufwächst. Miren ist sich von klein auf bewusst, dass ihre Familie ein düsteres Geheimnis hütet. Trotzdem kann sie nicht so recht daran glauben, dass ihre Vorfahren wirklich einen Handel mit den Meermenschen abgeschlossen haben, damit diese den O’Malleys zu Ruhm und Reichtum verhelfen. Doch nach dem Tod ihres Großvaters Ósín wird immer deutlicher, dass Miren für ihre Großmutter Aoife nicht mehr ist als ein Pfand, das diese einsetzen kann, um die Familie zu früherem Einfluss und Wohlstand zurückzubringen. Miren hingegen hat vollkommen andere Vorstellungen davon, wie ihre Zukunft ausschauen soll, und ist dadurch gezwungen, Mittel und Wege zu finden, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Ich liebe die Art und Weise, in der Angela Slatter die Handlung in „All the Murmuring Bones“ erzählt, und war entzückt davon, dass der Roman deutlich mehr fantastische Elemente enthielt, als ich ursprünglich erwartet hatte. Auf der einen Seite verwendet die Autorin eine sehr klare Sprache, auf der anderen Seite ziehen sich sehr ungewöhnliche und häufig düstere Bilder durch die Geschichte. Dabei spielen immer wieder die „Märchen“, die Miren als kleines Mädchen von ihrer Großmutter vorgelesen bekommen hat, eine wichtige Rolle, wobei schnell deutlich wird, dass diese unheimlichen Märchen weniger erfunden sind, als Miren glaubt. Ich mochte es sehr, dass es für die junge Frau eigentlich selbstverständlich ist, dass die Personen in ihrer Umgebung manipulativ und egozentrisch sind, und dass sie ihre Verwandtschaft zwar nicht mochte, aber doch einige von ihnen geliebt hat. Es gibt ein paar „überraschende“ Wendungen in der Handlung, die leider nicht ganz so unvorhersehbar waren, aber das hat mich bei der insgesamt sehr atmosphärischen Erzählweise überhaupt nicht gestört.

Da ich vor allem die Passagen rund um das Meer so schön fand, hat es mich aber ziemlich überrascht (und etwas enttäuscht), dass Miren nach dem ersten Drittel der Handlung ihr Zuhause verlässt. Genau gesagt ist die Handlung in drei Teile aufgeteilt, der erste spielt in Hob’s Hallow, der zweite begleitet Miren auf einer Reise, die ihr Informationen über ihre Eltern und eine Zukunft fern von dem Fluch der O’Malleys bringen soll. Und der dritte Teil bringt die Geschichte – wenn auch nicht ohne einige weitere Wendungen und dramatische Ereignisse – zu einem glücklichen Ende für die Protagonistin und spielt in einer kleinen ländlichen Ansiedlung fern der Küste. Ich muss zugeben, dass dieser dritte Abschnitt für mich die schwächste Passage der Handlung war, kann aber nicht sagen, ob das daran liegt, dass ich diesen Schauplatz so nicht erwartet hatte, oder ob sich dieser Teil der Geschichte wirklich so sehr vom Rest unterscheidet, wie es sich für mich angefühlt hat. Doch auch wenn ich diese letzten Kapitel nicht ganz so gelungen fand wie die ersten beiden Drittel des Romans, gibt es doch immer noch sehr viele atmosphärische Momente, in denen verschiedene fantastische Elemente aus den keltischen und slawischen Mythologien verwendet wurden.

Mirens Welt ist voller Gefahren, voller Geister und Ungeheuer – und nicht alle diese Monster sind übernatürliche Wesen. Aber die Protagonistin findet auch immer wieder Personen, die ihr zur Seite stehen, selbst wenn das bedeutet, dass diese sich selbst in Gefahr bringen. Ich mochte dieses ständige Gefühl von Bedrohung beim Lesen und habe es genossen mitzuerleben, wie Miren immer wieder Lösungen für die verschiedenen Herausforderungen gefunden hat. Überhaupt hat es mir Freude bereitet, diesen Charakter zu begleiten, weil Miren sich nicht selbst belügt, wenn es um ihre eigenen Motive geht, weil sie immer wieder Schwächen zugibt und weil sie trotzdem immer weitermacht. Sie ist nicht immer nett und sie handelt an manchen Stellen ziemlich skrupellos, aber es hat sich beim Lesen stimmig angefühlt, dass eine Person, die so aufgewachsen ist wie Miren, sich eben genau so verhalten würde. Ebenso rund fand ich Mirens Entwicklung im Laufe des Romans, und so kann ich sagen, dass mir „All the Murmuring Bones“ mit all seinen düsteren Elementen und skrupellosen Charakteren insgesamt sehr viel Spaß gemacht. Ich bin wirklich neugierig, was Angela Slatter sonst noch so für Geschichten geschrieben hat, und werde definitiv noch weitere Titel der Autorin lesen!