Kategorie: Rezension

Rebecca Burgess: Speak Up! (Comic)

„Speak Up!“ wird aus der Sicht der zwölfjährigen Mia erzählt, die von ihren Klassenkamerad*innen gemobbt wird. Ihre (alleinerziehende) Mutter ist ihr dabei keine Hilfe, denn auf der einen Seite will ihrer Mutter sie vor allem beschützen, und auf der anderen Seite sagt sie Mia immer, dass sie sich nur anders verhalten muss, um nicht mehr gemobbt zu werden. Mia selbst kann nicht verstehen, dass so viele Personen ein Problem mit ihr haben, weil sie autistisch ist. Für sie ist es eben ihre Normalität, dass sie zum Beispiel von zu viel Lärm überwältigt wird und deshalb Kopfhörer trägt, um damit fertigzuwerden, und dass sie bestimmte Verhaltensweisen anwenden muss, um im Alltag zurechtzukommen.

Einzig Charlie hat keinerlei Schwierigkeiten damit, dass Mia autistisch ist. Charlie und Mia sind schon lange Zeit miteinander befreundet und kennen einander sehr gut. Sie unterstützen sich gegenseitig und verbringen den Großteil ihrer Freizeit miteinander. Außerdem haben sie in den letzten Monaten unter dem Pseudonym „Elle-Q“ mit ihren gemeinsamen Youtube-Videos so einige Follower gefunden. Zusammen machen die beiden Musik, wobei Mia verkleidet vor der Kamera steht und singt, während Charlie die Songs komponiert und für das Filmen zuständig ist. Als Charlie aber mit Mia an einem Talentwettbewerb teilnehmen will, kriselt die Freundschaft der beiden, da Mia sich nicht zutraut, auf der Bühne zu stehen, während das für Charlie die Erfüllung eines wirklich großen Traums wäre.

Ich mochte den Comic sehr gern und fand es sehr berührend, von Mias Alltag, ihren Problemen und ihren Träumen zu lesen. Viele Figuren – gerade unter Mias Klassenkameradinnen – waren etwas sehr klischeehaft dargestellt. Aber da es Rebecca Burgess vor allem darum ging, den Alltag einer autistischen Person zu zeigen, fand ich das nicht schlimm. Außerdem vermute ich, dass sich die eigentliche Altersgruppe (Leser*innen zwischen 8 und 12 Jahren) daran deutlich weniger stören wird als ich. Innerhalb der Geschichte lässt Rebecca Burgess von Mia immer wieder bestimmte Aspekte zum Thema Autismus kindgerecht erklären, ohne dass diese Erklärungen von der Handlung ablenken würden. Da diese Dinge zu Mias Leben gehören und sie genau dafür gemobbt wird, ist es umso wichtiger, dass diese kleinen Einschübe in den Comic eingebaut wurden.

Die Handlung selbst fand ich wirklich sehr süß, und ich habe mich über jeden kleinen Fortschritt, den Mia machte, gefreut und gehofft, dass sie irgendwann einen für sie passenden Weg findet, um mit ihren Klassenkamerad*innen umzugehen. Es gibt immer wieder amüsante Szenen, wenn Mia und Charlie zusammen etwas machen, und es war so großartig, in der Geschichte über Szenen mit Charakteren zu stolpern, die sich ernsthaft Mühe geben, auf Mias Bedürfnisse einzugehen und respektvoll mit ihr umzugehen. Der Zeichenstil von Rebecca Burgess ist nett und gefällig, aber auch relativ beliebig. Hier macht es sich bemerkbar, dass der Comic weniger für eine erwachsene Comicleserin wie mich gedacht ist als für jüngere Leser*innen, die auf unterhaltsame Weise mit Informationen rund um Autismus versorgt werden sollen. Was die Zeichnungen nicht schlecht macht – sie haben bei mir nur keinerlei anhaltenden Eindruck hinterlassen. Insgesamt ist „Speak Up!“ ein wirklich süßer und informativer Comic, der mich während des Lesens gut unterhalten hat.

A. G. Slatter: The Path of Thorns

Nachdem mir „All the Murmuring Bones“ schon so gut gefallen hatte, hat sich A. G. Slatter (Angela Slatter) mit „The Path of Thorns“ auf meine Auto-buy-Liste gesetzt. „The Path of Thorns“ wird aus der Sicht von Asher Todd erzählt, die als Gouvernante von der Familie Morwood engagiert wird. Von Anfang an steht fest, dass Asher in dem Herrenhaus der Morwoods ihre eigenen Ziele verfolgt und dass diese Ziele unter anderem mit ihrer verstorbenen Mutter zu tun haben. Doch um ihre Vorhaben umzusetzen, muss Asher erst einmal Beziehungen zu den verschiedenen Familienmitgliedern aufbauen und Informationen zu den Morwoods und früheren Ereignisse rund um die Familie sammeln. Wie schon bei „All the Murmuring Bones“ geht es in diesem Roman weniger darum, voller Spannung der Handlung zu folgen, sondern um all die kleinen (und häufig düsteren) Details, die die Autorin in ihre Geschichte eingebaut hat.

Asher lernt so viel über die Vergangenheit der Morwoods und die Geschichte des von ihnen verwalteten Gebiets, indem sie den Märchen lauscht, die ihr die Kinder der Familie erzählen. Auch mit der Großmutter der Kinder liest Asher immer wieder fantastische Sagen, die viel über die Magie des Landes verraten oder in denen die Gouvernante Informationen zu Personen oder Zaubern findet. Dabei ist der gesamte Roman von einer düster-märchenhaften Atmosphäre durchdrungen, die dafür gesorgt hat, dass ich viele Passagen bewusst langsam genossen habe. Es gibt so viele fürchterliche Aspekte in dieser Geschichte, die von den Figuren als Teil ihres Lebens hingenommen werden. Und die Personen, die versuchen, sich zu wehren oder ihr Leben zum Besseren zu wenden, verlieren dabei in der Regel einen Teil ihrer Menschlichkeit. Auch Asher ist eine ziemlich skrupellose Person, die von ihrer Vergangenheit gezeichnet wurde, ohne dass sie dabei unsympathisch wäre.

Ich finde es wirklich faszinierend, dass ich beim Lesen so oft den Kopf geschüttelt und mir gedacht habe, dass Asher etwas auf gar keinen Fall machen sollte, ohne dass ich dabei die Geduld mit ihr (oder der Geschichte) verloren habe. Angela Slatter hat es geschafft, dass ich selbst die Handlungen von Asher, die ich von Anfang an verurteilte, im Rahmen ihres Charakters verstehen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass Asher aufgrund ihrer Vergangenheit nicht anders handeln konnte, und das finde ich wirklich beeindruckend von der Autorin. Angesichts all der vielen Elemente, die mich wirklich begeistern konnten, konnte ich auch gut damit leben, dass die eine oder andere „überraschende“ Entdeckung etwas vorhersehbar war. Ich habe die Atmosphäre zu sehr genossen, um mich davon enttäuschen zu lassen – vor allem, da die Art und Weise, in der diese Dinge enthüllt wurden, dann wieder mit stimmigen Szenen für die beteiligten Figuren einherging. Für mich bieten die Romane von Angela Slatter eine perfekte Mischung aus menschlichen Abgründen, toxischen Familien, düsteren Märchen und (keltischer) Folklore, faszinierenden Charakteren und liebevollen kleinen (Alltags-)Details. Nur gut, dass ich neben dem Roman „The Briar Book of the Dead“ auch noch ein paar Kurzgeschichten-Sammlungen von der Autorin zu entdecken habe.

Rosalie Oaks: Lady Avely’s Guide to Truth and Magic (Matronly Misadventures 1)

Den ersten Band der „Matrony Misadventures“ hatte ich vorbestellt, weil ich die Inhaltsangabe so nett fand und so gern historical fantasy mit schon etwas älteren Protagonistinnen lese. Dabei habe ich von Rosalie Oaks noch „The Lady Jewel Diviner“ ungelesen auf dem eReader (und erst nach dem Lesen von „Lady Avely’s Guide to Truth and Magic“ habe ich festgestellt, dass das der erste Band der Vorgängerreihe war, die sich um Lady Avelys Tochter drehte). In Rosalie Oaks‘ Roman wird die Handlung von Lady Judith Avely erzählt. Judith ist seit neun Jahren Witwe und hat gerade erst eine Londoner Saison hinter sich gebracht, die dazu führte, dass ihre Tochter sich verlobt hat. Nachdem ihre beiden Kinder erwachsen genug sind, um sie nicht mehr zu brauchen, und sie – aufgrund einer nachträglichen Ehrung ihres verstorbenen Ehemanns Nicholas – Besitzerin eines vernachslässigten Schlosses in Cornwall geworden ist, beschließt Judith, von London nach Cornwall zu reisen. Auf dem Weg macht sie einen Abstecher in ihren Geburtsort, um sich um eine Angelegenheit zu kümmern, die sie seit Längerem vor sich hergeschoben hat.

Genau genommen will sie Robert, der der illegitime Sohn ihres verstorbenen Mannes ist, einen Platz in ihrer Familie anbieten. Von Roberts Existenz hat Judith erst vor einigen Monaten erfahren, und sie brauchte etwas Zeit, um mit diesem Wissen umzugehen. Zusätzlich erschwert wird ihr Vorhaben dadurch, dass Robert als Diener auf dem Anwesen des Duke of Sargen arbeitet und Judith und der Duke eine gemeinsame Vergangenheit haben, die ihr einen höflichen Umgang mit ihm erschwert. Doch als Judith vor Ort eintrifft, muss sie feststellen, dass es einen Mord im Herrenhaus gegeben hat, bei dem ein Diener von einem Buch erschlagen wurde. Es gehen Gerüchte um, dass eine geisterhafte Erscheinung für den Tod verantwortlich sein soll – und der Duke benötigt Judiths magische Fähigkeit zu hören, wenn eine Person lügt, um herauszufinden, wer für die Tat verantwortlich ist.

Jedes Kapitel in „Lady Avely’s Guide to Truth and Magic“ wird eingeleitet mit einer Lektion rund um Judiths besondere Fähigkeit, außerdem gibt es immer wieder Passagen, die erzählen, wie sich Judith und der Duke kennengelernt haben und welche Verbindung es sowohl zwischen den beiden als auch zwischen dem Duke und Judiths verstorbenen Ehemann Nicholas gab. Mir persönlich hätten diese Elemente vollkommen gereicht, um das Verhältnis zwischen den beiden Figuren zu erklären. Aber Rosalie Oaks wendet zusätzlich noch einige Zeit dafür auf, um Judith darüber nachsinnen zu lassen, wie sehr der Duke sie vor alle den Jahren gekränkt hat und wie wenig vertrauenswürdig ein Mann seines Rufes sei – und das war mir dann doch etwas zu viel. Wenn es nicht immer und immer wieder diese Gedankenspiralen von Judith gegeben hätte (die angeblich so eine gute Beobachterin ist, aber trotzdem nicht über das hinwegkommt, was der Duke ihr vor über zwanzig Jahres gesagt hat, statt aus ihren eigenen Beobachtungen Schlüsse zu ziehen), hätte ich den Roman so amüsant gefunden, dass ich den zweiten Band gleich vorbestellt hätte.

Denn es gibt wirklich viele nette Elemente in „Lady Avely’s Guide to Truth and Magic“. Da wäre einmal die Magie, über die einige Familien verfügen und die sich in sehr spezialisierten Begabungen wie Illusion, Stärke oder eben die Fähigkeit zu hören, ob jemand lügt, zeigen. Das fand ich überraschend interessant gemacht, vor allem, da der Einsatz dieser Magie ziemlich anstrengend für die Personen ist und einen ähnlich ermüdenden und enthemmenden Effekt wie Alkohol haben kann. Dann gab es da noch die vampiric, die diesen Effekt mildern und die magiewirkenden Personen unterstützen können – und sowohl der Duke als auch Judith haben da zwei sehr individuelle Unterstützer an ihrer Seite, die ich unterhaltsam fand. Auch die Suche nach dem Mörder und den Hintergründen der Tat habe ich gern verfolgt, und ich fand es spannend, mehr über die Geheimnisse all der Anwesenden im Herrenhaus zu erfahren.

Mein Hauptkritikpunkt an „Lady Avely’s Guide to Truth and Magic“ ist also dieses endlose Festhalten von Judith an früheren Erlebnissen, während ich alles andere wirklich unterhaltsam fand und mich immer wieder über kleine Szenen zwischen den verschiedenen Charakteren amüsieren konnte. Aber da es am Ende des Romans eine Aussprache zwischen ihr und dem Duke gibt, hoffe ich darauf, dass das in weiteren Bänden kein Problem sein sollte. Trotzdem werde ich wohl erst einmal „The Lady Jewel Diviner“ lesen, um zu schauen, ob ich auch da über etwas stolpere, was mich stört. Außerdem kann es nicht schaden, die Vorgeschichte zu kennen, wenn ich mich doch noch dazu durchringen sollte, den nächsten Band der „Matronly Misadventures“ vorzubestellen, bevor er im Dezember erscheint.

Jacqueline Benson: The Fire in the Glass (The London Charismatics 1)

„The Fire in the Glass“ ist eins von zwei Büchern von Jacqueline Benson, die bei einer Werbeaktion für verschiedene Fantasy-Untergenres auf meinem eReader gelandet sind. Ich habe mich eigentlich gut von der Geschichte unterhalten gefühlt, aber so recht weiß ich noch nicht, ob ich die Reihe weiter verfolgen will. Die Protagonistin Lilith (Lily) Albright lebt im Jahr 1914 in London und verfügt über die Gabe, Katastrophen vorhersehen zu können. Allerdings hat sie in ihrem gesamten bisherigen Leben nichts mit dieser Gabe anfangen können, und die Tatsache, dass sie die Ermordung ihrer Mutter vorhersehen, aber nicht verhindern konnte, plagt sie bis heute. Außerdem hat Lily ein Problem damit, dass sie die illegitime Tochter eines einflussreichen Lords ist und sie zwar die Erziehung einer höheren Tochter genossen hat, aber niemals als potenzielle Ehefrau für einen Mann von Rang angesehen werden kann.

Zu Beginn der Geschichte sieht Lily voraus, dass ihre Nachbarin Estelle ermordet wird, während vor den Fenstern Schnee fällt. Da gerade Februar ist, kann sie sich nicht sicher sein, ob der Mord in den nächsten Tagen oder erst in einigen Monaten stattfinden wird, außerdem geht sie sowieso davon aus, dass sie die Tat nicht verhindern kann. Estelle hingegen, die als Medium ihr Geld verdient, merkt, dass Lily etwas vor ihr verheimlichtm und bringt sie zu einer Gesellschaft von „Charismatics“ (Personen mit ungewöhnlichen/übernatürlichen Begabungen). Obwohl Lily sich weiterhin sicher ist, dass sie nichts an Estelles Ermorung ändern kann, ist sie fasziniert von den Informationen, die sie dort über ihre Begabung und die der anderen erhält. Außerdem erfährt sie, dass in den letzten Wochen so einige Personen, die ihren Lebensunterhalt mit (angeblichen oder wirklich vorhandenen) übernatürlichen Fähigkeiten verdienten, umgebracht wurden.

Um mehr über den Mörder herauszufinden, müsste Lily die anderen Charismatics um Hilfe bitten – vor allem die besondere Begabung von Lord Strangford könnte ihr entscheidende Hinweise bieten – doch Lily fällt es schwer, sich anderen Personen anzuvertrauen und nicht alles allein in Angriff zu nehmen. Und damit wären wir dann schon bei den zwei Problemen, die ich mit der Geschichte hatte: 1. Lily ist sich sicher, dass die Tatsache, dass sie (bekannterweise) die Tochter eines Lords und seiner Schauspielerinnen-Geliebten ist, dafür sorgt, dass niemand sie jemals als potenzielle Partnerin sehen kann, und 2. ist Lily besessen davon, sich auf niemanden zu verlassen, weil sie in ihrem Leben ja schon soooo oft enttäuscht wurde. Ich bin mir sicher, dass der Roman locker 100 (von 500) Seiten kürzer hätte sein können, wenn diese Handlungselemente nicht immer wieder wiederholt worden wären, ohne dass ich irgendein wichtiges Element in der Geschichte verpasst hätte.

Wenn ich also diesen Teil von Lilys Persönlichkeit in Betracht ziehe, dann kann ich definitiv sagen, dass ich die Serie nicht weiterlesen möchte. Auf der anderen Seite mochte ich, wie Jacqueline Benson das Leben in London darstellte und sich dabei quer durch alle Schichten bewegte. Es gibt eine ziemlich coole Szene, in der Lily und ein paar andere Personen illegal ein Grab öffnen, es gibt Beschreibungen von Krankenhäusern, die ziemlich erschütternd sind, und dann als großer Gegensatz eine Ausstellungseröffnung in einer Galerie, bei der sich die crème de la crème tummelt. Außerdem fand ich die diversen unterschiedlichen Begabungen der „Charismatics“ sehr spannend und würde gern mehr über diese Charaktere lesen. Es ist von Anfang an offensichtlich, wer hinter den Morden steckt (und welches Motiv die Person dafür hat). Aber ich finde es anerkennenswert, dass es Jacqueline Benson trotzdem gelang, Lilys Bemühungen, Beweise gegen den Täter zu finden, so fesselnd zu schreiben, dass ich trotz meiner beiden großen Kritikpunkte immer weiter gelesen habe. Das Ende gab mir dann sogar die Hoffnung, dass Lily ihre Lektion gelernt hat und bereit ist, in Zukunft mit anderen zusammenzuarbeiten (und sich sogar auf eine Beziehung einzulassen) – ich weiß nur nicht, ob ich dieser Hoffnung genug vertraue, um mir den zweiten Band zu besorgen …

Lawrence Block (Hrsg.): In Sunlight or in Shadow – Stories Inspired by the Paintings of Edward Hopper (Anthologie)

Für diese Anthologie hatte Lawrence Block, der ein großer Fan von Edward Hoppers Gemälden ist, bekannte bzw. mit ihm befreundete Autor*innen gefragt, ob diese Kurzgeschichten schreiben würden, die auf Gemälden des Künstlers basieren.

1. Megan Abbott: Girlie Show

„Girlie Show“ von Edward Hopper zeigt eine nackte, rothaarige Frau auf einer leeren Bühne. Vor der Bühne sind die Köpfe von ein paar Männern zu sehen, deren Blicke auf die Frau gerichtet sind.

Ich muss zugeben, dass ich die davon inspirierte Kurzgeschichte von Megan Abbott nicht gern gelesen habe. Die Handlung dreht sich um Pauline, die seit fast fünfzehn Jahre verheiratet ist, und von Anfang an ist klar, dass ihr Mann ein Mistkerl ist. Mein Problem damit war, dass er so klischeehaft ein Mistkerl ist, dass ich das Gefühl hatte, dass all die Passagen, die seinen Charakter zeigen, überflüssig waren. Auf der anderen Seite konnte ich für Pauline ein gewisses Mitgefühl, aber kein Verständnis aufbringen. Das sorgte dafür, dass ich mich 18 Seiten lang fragte, wieso ich mich überhaupt mit diesen beiden Figuren beschäftigen und dafür durch so unschöne Szenen quälen sollte.

2. Jill D. Block: The Story of Caroline

Das Bild „Summer Evening“ von Edward Hopper zeigt einen Mann und eine Frau in sommerlicher Kleidung, die nachts auf einer Veranda stehen und miteinander zu reden scheinen. Die ganze Szene wird von einer Lampe über der Haustür hell erleuchtet.

Nachdem ich mit der ersten Geschichte in dieser Anthologie etwas Probleme hatte, war ich überrascht davon, wie gut mir „The Story of Caroline“ gefallen hat. Die Handlung wird aus der Sicht von zwei Frauen erzählt. Einmal ist da Grace, die darauf wartet, dass ihr schwerkranker Ehemann stirbt, und dann Hannah, die – kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag – beschlossen hat, dass sie einmal ihre leibliche Mutter treffen möchte. Ich mochte, dass das die Handlung irgendwie alltäglich und so wenig dramatisch war und dass die Protagonistinnen zwei Frauen waren, die recht pragmatisch mit den vor ihnen liegenden schwierigen Situationen umgegangen sind. Die Handlung bot wenig Überraschungen, aber ein paar nette, kleine, leise Momente.

3. Robert Olen Butler: Soir Bleu

Edward Hopper hat mit „Soir Bleu“ eine abendliche Szene in einem französischen (Hafen-)Café gemalt, die mehrere Personen zeigt. Im Zentrum des Bilds steht ein Pierrot, der – ganz in weiß gekleidet und mit vollständiger Maske – mit zwei weiteren Männern an einem Tisch sitzt, ohne dass das Gefühl entsteht, dass diese drei Personen irgendwie zusammengehören würden. Vor dem Tisch steht eine Frau, die einen der Männer anzuschauen scheint, aber auch sie wirkt, als ob sie dem Pierrot keine Beachtung schenken würde.

Zu Beginn der Kurzgeschichte fand ich es wirklich interessant, dass Robert Olen Butler die Figuren in „Soir Bleu“ so ganz anders interpretierte als ich. Sein Text erzählt von einem Künstler, seiner Muse und einem potenziellen Kunden für ein Bild – und auch wenn der Pierrot ein ungewöhnliches Element in die Handlung brachte, so endete die Geschichte für mich doch mit ziemlicher Frustration. Ich habe einfach keine Lust mehr, Geschichten von berühmten Autoren (Robert Olen Butler ist Pulitzer-Preisträger) zu lesen, die sich darum drehen, dass ein Mann eine Frau umbringt, weil er das Gefühl hat, dass sie sein Besitz sei.

4. Lee Child: The Truth About What Happend

Diese Kurzgeschichte wurde inspiriert von Hoppers Gemälde „Hotel Lobby“, das drei Personen in einer Hotel-Lobby zeigt: Eine blonde Frau in einem blauen Kleid, die auf der rechten Seite des Bilds vor der Rezeption sitzt und in einem Buch liest, und eine älter wirkende Frau mit Hut und Mantel, die in einem Sessel sitzt und mit einem älteren Herrn zu reden scheint, der neben ihr steht.

Ich muss zugeben, dass Lee Child mich damit überrascht hat, dass er aus diesem Gemälde eine Idee für eine FBI-/Manhattan-Project-Geschichte gezogen hat. Die Geschichte an sich ließ mich eher mit der Frage zurück, wieso mir gerade dieser Moment im Arbeitsalltag des Erzählers geschildert wurde (also abgesehen davon, dass es zum Hopper-Bild passte). Die Erzählstimme war aber immerhin sehr klassisch „noir“ (was ich normalerweise mag), aber auf die Bemerkung des Protagonisten zum Aussehen einer weiblichen Nebenfigur hätte ich verzichten können. Solche Anmerkungen kann ich noch einigermaßen akzeptieren, wenn es Text sind, die vor einigen Jahrzehnten geschrieben wurden, aber bei einem Text aus diesem Jahrzehnt erwarte ich weniger Sexismus (vor allem, wenn er nichts zur Handlung beiträgt).

5. Nicholas Christopher: Rooms by the Sea

„Rooms by the Sea“ zeigt im Zentrum des Gemäldes eine weiße Wand, die zu einem leeren Raum zu gehören scheint. Rechts ist eine große Fenstertür zu sehen, die direkt aufs Wasser zu führen scheint, links ist ein Durchgang in ein hinteres Zimmer zu sehen, durch den der Betrachter ein rotes Sofa, ein Gemälde und eine Holzkommode erahnen kann.

„Rooms by the Sea“ erzählte eine anfangs „normal“ wirkende Familiengeschichte, bei der dann nach und nach ein paar ungewöhnliche Elemente eingeflochten werden – wie ein Haus am Meer, in dem ohne greifbare Erklärung seit Jahren regelmäßig neue Räume auftauchen. Ich muss zugeben, dass ich nach einer ersten kleinen Verwirrtheit von den eher fantastischen Elementen in der Geschichte fasziniert war, weil sie meine Fantasie anregten. Aber gerade weil meine eigene Vorstellungskraft beim Lesen in so viele verschiedene Richtungen ging, war ich dann ziemlich enttäuscht von der Auflösung, die der Autor mir präsentierte. Ich glaube, dass ich diese Kurzgeschichte deutlich besser gefunden hätte, wenn Nicholas Christopher auf diese „Erklärung“ verzichtet und stattdessen ein offenes Ende gewählt hätte. Wobei ich auch zugeben muss, dass meine Irritation mit der Auflösung auch daran liegt, dass der Autor dafür auf einen Mythos zurückgriff, dessen ich inzwischen überdrüssig bin.

6. Michael Connelly: Nighthawks

„Nighthawks“ von 1942 ist vermutlich das berühmteste Bild von Edward Hopper und zeigt einen beleuchteten Diner bei Nacht, in dem durch die großen Fensterflächen drei Gäste und ein Angestellter beobachtet werden können.

Oh, dieser Text hat mir richtig gut gefallen! Michael Connelly lässt in „Nighthawks“ seinen Romanhelden Harry Bosch als Privatdetektiv eine junge Frau beschatten, die in ihrer Mittagspause im Museum Edward Hoppers bekanntestes Gemälde betrachtet. Ich mochte diesen kurzen Moment, in dem die Frau Bosch auf das Bild ansprach, ebenso wie seine Gedanken zu dem Fall – und zu dem, was er aus den Fehlern, die er dabei gemacht hat, gelernt hat. Das war für mich ein nettes Kennenlernen von Harry Boschs Charakter und vermutlich ein ebenso nettes Wiedersehen für jemanden, der die Figur schon aus den Romanen des Autors kennt.

7. Jeffery Deaver: The Incident of 10 November

„The Incident of 10 November“ basiert auf dem Gemälde „Hotel by a Railroad“, das ein älteres Paar in einem Raum zeigt. Während sie in einem Stuhl sitzt und liest, schaut er aus dem Fenster und raucht.

Diese Geschichte hat mich sehr an all die Romane erinnert, die ich als Jugendliche aus dem Regal meines Vaters gezogen habe und die sich rund um den Kalten Krieg und Spionage drehten. Jeffery Deaver lässt in „The Incident of 10 November“ einen russischen Geheimdienst-Mitarbeiter in einem Brief erklären, was am 10. November 1954 während seines Einsatzes in Berlin passiert ist. Dabei gibt es erst einmal eine ausführliche Einführung zu seiner Person und zur Ausgangssituation – und ich muss zugeben, dass ich mich bei diesem Teil gefragt habe, was davon von Hoppers Gemälde inspiriert wurde. Als der Part dann deutlich wurde, war auch das Ende der Geschichte sehr vorhersehbar – trotzdem mochte ich den Text, was auch daran liegt, dass er so viele Erinnerungen an früher gelesene Romane weckte.

8. Craig Ferguson: Taking Care of Business

Der Ausgangspunkt für diese Geschichte war das Gemälde „South Truro Church“, das eine eher schlichte kleine Kirche an einem diesig wirkenden Sommertag zeigt.

Craig Ferguson erzählt in „Taking Care of Business“ von zwei Männern (Jefferson und Billy), die – obwohl beide ihr Leben lang in demselben kleinen Ort an der Küste gelebt haben – in ihren 70ern Freunde wurden. Diese Geschichte war sehr kurz und hatte ein paar sehr absurde Momente, und das Ende war für meinen Geschmack eine Wendung zu viel. Aber ich mochte die Szenen, die von der Freundschaft der beiden alten Männern zeugten, und mir gefiel die Vorstellung davon, wie Jefferson und Billy gemeinsam am Strand sitzen und sich bekifft über alles Mögliche unterhalten.

9. Stephen King: The Music Room

„Room in New York“ zeigt den Blick durch ein Fenster in einen Raum mit eher konservativ wirkenden Gemälden. An der linken Wand des Raums sitzt ein Mann auf einem Stuhl und liest eine Zeitung, während auf der rechten Seite eine Frau in einem auffallend roten Kleid sitzt, die sich von dem Mann abgewandt hat, um mit einem Finger auf der Tastatur eines Klaviers zu spielen. Zwischen den beiden Personen ist an der Wand eine massive Tür zu sehen.

„The Music Room“ von Stephen King ist einer der kürzeren Texte in der Anthologie. Ich mochte, dass er aus einer relativ geruhsam wirkenden Szene eine Geschichte gemacht hat, die damit spielt, dass eine betrachtende Person nicht hören kann, was in dem Raum vor sich geht. Eine Geschichte um ein Ehepaar, das einen ungewöhnlichen Weg gefunden hat, um in einer Zeit großer Arbeitslosigkeit ein gutes Leben zu führen. Aber ich muss auch zugeben, dass diese kleine Episode nicht lange in mir nachklang und ich ein paar Tage später schon Mühe hatte, mich an die Handlung zu erinnern.

10. Joe R. Lansdale: The Projectionist

„New York Movie“ von Edward Hopper zeigt auf der linken Seite des Bildes den Zuschauerraum eines recht leeren (Film-)Theaters, auf dessen Leinwand ein Film zu erahnen ist. Auf der rechten Seite steht eine blonde Platzanweiserin in einem Gang neben dem Zuschauerraum, angeleuchtet von einer Wandlampe und allem Anschein nach tief in Gedanken versunken.

Ich muss zugeben, dass mich die Anthologie mit dieser Geschichte für einige Tage verloren hatte, weil „The Projectionist“ zwar nett geschrieben war, aber so schrecklich abgedroschene Elemente aufgriff. Das hat dafür gesorgt, dass ich mitten im Text das Buch weglegte und erst einmal gar keine Kurzgeschichten gelesen habe. Der Erzähler arbeitet als Filmvorführer in einem Kino, das von einem älteren Ehepaar geführt wird, und schwärmt für die hübsche Kollegin, die als Platzanweiserin arbeitet. Als eines Tages ein paar Typen auftauchen und Schutzgeld erpressen wollen, hat der Protagonist das Gefühl, er müsse die Kollegin (und seinen Arbeitsplatz) vor den Gangstern beschützen. Das Einzige, was ich bei dieser Geschichte anzumerken habe, ist, dass ich es faszinierend finde, wie genervt ich auf bestimmte abgedroschene Handlungselemente reagiere.

11. Gail Levin: The Preacher Collects

„The Preacher Collects“ erwähnt das Gemälde „City Roofs“, das die Dächer eines Viertels in New York in den 1930er Jahren zeigt. Am rechten Rand des Bilds ist ein hohes Apartmentgebäude zu sehen und die gesamte Szenerie ist in warmes Sonnenlicht gehüllt, das allem einen gold-braunen Ton verleiht.

Auch wenn „City Roofs“ in der Geschichte erwähnt wird, so basiert die Handlung eher auf Vorfällen rund um Edward Hoppers Erbe. Genau genommen wird „The Preacher Collects“ aus der Perspektive von Arthayer Sanborn erzählt, der ein Nachbar von Edward Hoppers älteren Schwester Marion war. Mit dieser Geschichte bietet Gail Levins, die für einige Jahre als Kuratorin für die Edward-Hopper-Sammlung des Whitney Museums gearbeitet hat, eine Erklärung dafür, wie es sein konnte, dass sich nach dem Tod des Künstlers so viele Frühwerke von Edward Hopper im Besitz von Arthayer Sanborn befanden. Das war nicht uninteressant, hatte aber relativ wenig mit dem Gemälde „City Roofs“ zu tun.

12. Warren Moore: Office at Night

Das gleichnamige Gemälde von Edward Hopper zeigt ein kleines Büro, in dem ein Mann an einem Schreibtisch sitzt und in einem Dokument liest. Links von dem Mann steht eine Frau in einem engen blauen Kleid an einem Aktenschrank. Ihre linke Hand steckt in einer geöffneten Schublade, während sie gleichzeitig ihren Oberkörper so gedreht hat, dass sie den Mann am Schreibtisch anschauen kann.

Die Geschichte von Warren Moore dreht sich um eine junge Frau namens Margaret, die sich – entgegen dem Willen ihrer Eltern – aufmacht, um in New York City einen Job zu suchen. Ich fand es nett mitzuverfolgen, wie Margaret in der Stadt ankommt, eine Unterkunft findet und einen Job ergattert, aber am Ende stand ich ein bisschen da und habe mich gefragt, ob das nun alles gewesen ist. „Office at Night“ war gut genug, um mich während des Lesens zu unterhalten, aber leider auch so banal, dass ich am nächsten Tag zurückblättern musste, um mich daran zu erinnern, was ich da gestern gelesen hatte.

13. Joyce Carol Oates: The Woman in the Window

Das Bild „Eleven a.m.“ zeigt eine nackte Frau in einem blauen Sessel an einem Fenster sitzend. Die Frau scheint aus dem Fenster zu schauen, während gleichzeitig ihre langen dunklen Haare ihr Gesicht vor dem Betrachter des Gemäldes verbergen.

Puhh … die ganze Handlung dreht sich um die (negativen) Gefühle, die eine Sekretärin und ihr Geliebter füreinander empfinden, während sie beide überlegen, dass sie die andere Person doch wirklich gern umbringen würden. Unangenehme Charaktere, unangenehme Geschichte, unschön zu lesen – nicht mein Ding.

14. Kris Nelscott: Still Life 1931

Das Gemälde „Hotel Room“ zeigt eine müde wirkende Frau in Unterwäsche auf einem Bett sitzend. Sie hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und neben dem Bett stehen zwei unausgepackte Gepäckstücke, dahinter ist ein Sessel zu sehen, auf dessen Sitzfläche ein gemustertes Kleid liegt.

„Kris Nelscott“ ist das Krimi-Pseudonym von Kristine Kathryn Rusch und ihre Geschichte dreht sich um Lurleen, die sich nach dem Tod ihres Mannes auf den Weg nach New York gemacht hat. Ich fand es sehr spannend, nach und nach mehr über Lurleen und ihr Leben zu erfahren, während die Autorin es gleichzeitig schafft, einen Einblick in das Leben in den USA in den 1930er Jahren zu zeichnen. Lurleen ist keine besonders mutige Person oder gar strahlende Heldin. Aber gerade weil sie so viele Schwächen hat, fand ich es schön zu verfolgen, wie sie versucht, einen Weg zu finden, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Das war eine wirklich gute Geschichte!

15. Jonathan Santlofer: Night Windows

Das titelgebende Gemälde von Edward Hopper zeigt drei hell erleuchtete Fenster in der Nacht, die Einblick in einen Raum gewähren. In diesem Raum lässt sich – halb verdeckt von der Wand zwischen zwei Fenstern – eine Frau erahnen, die nur dürftig bekleidet und leicht vorgebeugt mit dem Rücken zum Betrachter steht. Womit sie gerade beschäftigt ist, lässt sich nicht sehen.

Diese Geschichte wird vor allem aus der Sicht eines Mannes erzählt, der in der Vergangenheit schon häufiger Frauen missbraucht und getötet hat. Auch wenn – zumindest für mich – von Anfang an offensichtlich ist, dass sich dieses Mal für ihn das Blatt wenden wird, habe ich wirklich keine Lust mehr auf dieses Thema. Nichts an dieser Geschichte hat mir als Leserin irgendwas Neues gebracht, weder die Art der Erzählung noch das Thema noch die „überraschende“ Wendung am Ende. Ich finde es frustrierend, dass mir diese Art von Geschichten seit so vielen Jahrzehnten immer wieder erzählt werden, ohne dass sich daran etwas ändert.

16. Justin Scott: A Woman in the Sun

In dem Gemälde mit dem Titel „A Woman in the Sun“ steht eine nackte Frau, die durch ein nicht sichtbares Fenster von der Sonne angestrahlt wird, in einem Zimmer. Hinter ihr ist ein zerwühltes Bett zu sehen, unter dem sich zwei hochhackige Schuhe befinden. Die Frau hält eine brennende Zigarrete in der Hand und scheint in Gedanken versunken zu sein.

Ich habe das Gefühl, dass die Beschreibung des Gemäldes mehr Text aus mir rauskitzelt als diese Kurzgeschichte. Justin Scott erzählt von einer Frau, die eine Nacht mit einem Mann verbracht hat, den sie am Abend vorher in einer Bar kennengelernt hat. Er sagte ihr, dass er sich am nächsten Tag umbringen würde und vorher noch einmal Sex haben möchte. Dabei gelingt es dem Autor nicht, mir auch nur annähernd deutlich zu machen, welche Motivation die beiden Figuren antreibt. Außerdem wurde die weibliche Person auf eine Art und Weise geschrieben, die meiner Meinung nach so nur von einem Mann kommen konnte …

17. Lawrence Block: Autumn at the Automat

Das Gemälde „Automat“ zeigt eine Frau an einem Tisch in einem automat (eine Art Selbstbedienungsrestaurant). In der Hand hält die Frau eine Kaffeetasse, vor ihr auf dem Tisch steht ein leerer Teller und hinter ihr spiegeln sich eine Reihe von Deckenlampen in einem Fenster. Die Frau ist in einen grünen Mantel mit Fellbesatz gekleidet und trägt einen gelben Hut und nur einen Handschuh. Sie wirkt nachdenklich, während ihr Blick auf ihre Tasse gerichtet ist.

Die Geschichte hat mir überraschend viel Spaß gemacht. Lawrence Block erzählt die Handlung aus der Perspektive einer nicht mehr so jungen Frau, die bewusst den Eindruck von „verarmter Frau aus gutem Hause“ erweckt, und die ihr Essen in dem automat als Gelegenheit nutzt, um ihre Zimmermiete zu „verdienen“. Dabei denkt sie beim Essen an die Person, die ihr vor Jahren beigebracht hat, so einen Coup durchzuführen, und beobachtet die anderen Gäste in dem Restaurant. Das war unterhaltsam und ein schöner Abschluss für die Anthologie.

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Auch nach dem Lesen der Anthologie finde ich die Grundidee hinter dieser Sammlung von Geschichten immer noch spannend. Ich mag Edward Hoppers Gemälde sehr, gerade weil sie solch melancholisch und intim wirkenden Momentaufnahmen sind. Es war faszinierend, beim Lesen der einzelnen Beiträge mehr Details zu den Gemälden zu recherchieren und dabei Informationen zu finden, auf die ich ohne die Anthologie nicht gestoßen wäre. Auf der anderen Seite gab es in diesem Band so einige Geschichten, die mir den Gedanken aufkommen ließen, dass ich wirklich keine Lust mehr habe, immer wieder dieselbe Art von Handlung von derselben Sorte Autor (hier habe ich bewusst nicht gegendert) erzählt zu bekommen.

Am Ende glaube ich nicht, dass ich diese Anthologie noch einmal aus dem Regal ziehen und lesen werde, während ich gleichzeitig Lust habe, mich intensiver mit Edward Hoppers Bildern zu beschäftigen. Ich denke, ich werde „In Sunlight or in Shadow“ aus meinem Bestand aussortieren und stattdessen einen Bildband auf meinen Wunschzettel setzen. Als nächstes greife ich dann lieber wieder zu einer Anthologie mit Kurzgeschichten von marginalisierten Autor*innen, weil da die Wahrscheinlichkeit, über ungewöhnlichere – und für mich interessantere – Geschichten zu stolpern, einfach größer ist.

Lese-Eindrücke Februar 2024

Ich habe im vergangenen Monat definitiv zu viele (kostenlose/günstige) eBooks gelesen und deshalb viel zu wenig SuB-Abbau betrieben. 😉 Damit diese eBooks nicht einfach aus meiner Erinnerung schwinden, gibt es hier ein paar Lese-Eindrücke dazu (plus eine Anmerkung zum aktuellen Band einer seit Längerem laufenden Reihe).

Leslie Gail: The Magic of Death (Dead End Witches 1)

Das war ein sehr netter cozy mystery rund um eine Frau Ende Dreißig mit dem Namen Star Bell, in deren Familie (fast) alle Personen übernatürliche Fähigkeiten haben. Stars Fähigkeit besteht darin, die Geister von Verstorbenen zu sehen, was für sie okay wäre, wenn sich nicht ausgerechnet der Geist ihrer jüngeren Schwester vor ihr zu verstecken scheinen würde. Als ihre Nichte, die von Star nach dem Tod ihrer Schwester aufgezogen worden war, in einen Mordfall verwickelt wird, nutzt sie ihre Fähigkeit, um mehr über die ermordete Person und ihr Umfeld herauszufinden. Ich mochte die Charaktere (auch wenn manche Eigenheit der älteren Generation etwas arg überzogen war), ich mochte den Mordfall und die Ermittlungen, und mir gefiel der kleine Ort, der seinen Namen „Dead End“ nutzt, um Touristen anzuziehen. Einzig die Tatsache, dass Leslie Gail noch keinen weiteren Roman veröffentlicht hat, hält mich davon ab, weitere Bände rund um die Dead-End-Witches zu lesen.

Seanan McGuire: Mislaid in Parts Half-Known (Wayward Children)

Schon der neunte „Wayward Children“-Band, und so langsam fühlt es sich für mich an, als ob Seanan McGuire sich auf das Ende der Serie vorbereiten würde. „Mislaid in Parts Half-Known“ ist eine der Geschichten, die in „Eleanor West’s Home For Wayward Children“ starten und eine Gruppe von Schüler*innen in verschiedene Welten führt. Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass es erstmals durchdachtere und ausführlichere Erklärungen zu den Türen, die in die magischen Welten führen, gibt, ebenso wie zu den „Auswahlkriterien“ für Kinder, die ihren Weg in diese Welten finden. Außerdem bringt dieser Band erstaunlich viele Personen nach Hause und gibt mir zum ersten Mal das Gefühl, dass Seanan McGuire so langsam die Geschichte von Kade einleitet. Am Schluss bin ich etwas zwiegespalten, weil ich diese Welt(en) noch lange nicht verlassen will, es aber auch immer sehr befriedigend finde, wenn eine Reihe, die ich so sehr mag, ein gutes Ende findet. Mal schauen, wie viele Bände hier noch veröffentlicht werden …

Sarah Painter: The Night Raven (Crow Investigations 1)

„The Night Raven“ von Sarah Painter habe ich schon ziemlich lange auf meinem eReader und bin irgendwie nie dazu gekommen, das Buch zu lesen, obwohl ich immer wieder auf der Suche nach Urban-Fantasy-Geschichten „für zwischendurch“ bin. Als ich im Februar dann feststellte, dass es die Reihe für Audible-Abonnenten umsonst zu hören gibt, habe ich mir dann doch mal den Roman vorgenommen und mich überraschend gut damit unterhalten gefühlt. Die Protagonistin Lydia Crow gehört zu einer von fünf Familie, die eine Art „magische Mafia“ bilden, die früher London beherrschte. Lydia selbst hat mit dem Familiengeschäft nichts zu tun und die letzten Jahre als Privatdetektivin in Edinburgh gearbeitet. Doch nun ist ihre Cousine Maddie verschwunden, und Lydia versucht herauszufinden, was mit ihr passiert ist. Ich mochte diese Mischung aus klassischer Kriminalgeschichte plus Mafia-Familienmitgliedern und einem Hauch von Magie. Lydia hat nicht viel von den magischen Fähigkeiten ihrer Familie mitbekommen, aber es reicht, um mit ihrem geisterhaften Mitbewohner zu kommunizieren und den einen oder anderen extra Hinweis zu bekommen. Insgesamt habe ich mich von „The Night Raven“ gut unterhalten gefühlt und werde die Reihe wohl demnächst mit den Hörbüchern fortsetzen.

Hanna Sandvig: The Frost Gate (Faerie Tale Romances)

Hanna Sandvig habe ich im vergangenen Frühling für mich entdeckt und ihre Märchen-Neuerzählungen ziemlich zügig hintereinander verschlungen. „The Frost Gate“ ist der fünfte Band ihrer „Faerie Tale Romances“, und obwohl die Geschichte für sich stehend gelesen werden kann, gibt es so viele Verweise auf vorhergehende Ereignisse, dass ich das Lesen in der Veröffentlichungsreihenfolge empfehlen würde. Die Handlung ist dieses Mal an das Märchen „Schneewittchen“ angelehnt, und die Protagonistin Neve ist nicht gerade begeistert, als sie erfährt, dass sie die Thronprinzessin eines magischen Landes ist. Noch weniger gefällt es ihr, dass von ihr erwartet wird, eine böse Hexe zu besiegen, um ihre Untertanen zu retten, während sie doch eigentlich nur das Café ihrer Adoptiveltern betreiben möchte. Ich mag diese Mischung aus Charakteren, die sich – statt nach der Schule zum College zu gehen – in einem magischen Land wiederfinden und in der Regel recht pragmatisch damit umgehen, aus erster (und überraschend unkitschiger „ewiger“) Liebe und amüsantem Geplänkel. Dazu gefällt es mir, wie Hanna Sandvig die diversen Märchenelemente in ihre Geschichten einbaut und wie ihre Feenwelt mit jeder Veröffentlichung ein bisschen runder wirkt. Für mich sind diese Jugendbücher die perfekte Entspannungslektüre, wenn mein Kopf voll ist und ich Erholung suche!

Caroline O’Donoghue: All Our Hidden Gifts (The Gifts 1)

Um „All Our Hidden Gifts“ von Caroline O’Donoghue bin ich eine ganze Weile herumgeschlichen, weil ich zwar sporadisch Lust auf „Fantasy mit Tarot-Karten-Schwerpunkt“ habe (und nur selten darüber stolpere), aber normalerweise lieber Jugendbücher lese, die für ein jüngeres Publikum gedacht sind. Am Ende war ich überrascht, wie sehr ich die Perspektive der Protagonistin Maeve Chambers genossen habe, obwohl sie typische Teenager-Probleme hat und zu unüberlegten Handlungen neigt. Schon zu Beginn des Romans wird deutlich, dass Maeve ein gravierendes Problem damit hat, dass sie sich deutlich weniger intelligent, begabt und interessant findet als alle anderen, vor allem im Vergleich zu ihren Familienmitgliedern. Als kleines Kind hatte sie eine Leseschwäche und auch aktuell sind ihre Noten nicht gut genug, um dieselbe Schule zu besuchen, auf der ihre älteren Geschwister waren.

Erst als Maeve in einem Abstellraum ihrer Schule ein altes Set mit Tarot-Karten findet und sich anhand von Youtube-Videos den Umgang damit beibringt, hat sie das Gefühl, etwas „Besonderes“ zu beherrschen. Als dann auch noch ihre Mitschülerinnen sie bestürmen, ihnen die Karten zu legen, fühlt sich Maeve endlich so beliebt, wie sie es immer schon sein wollte. Doch ein Vorfall beim Kartenlegen für ihre ehemals beste Freundin Lily sorgt dafür, dass Maeve ihr Verhalten und ihre Prioritäten in Frage stellt – vor allem, da Lily zwei Tage später spurlos verschwindet. Voller Schuldgefühle versucht Maeve herauszufinden, was mit Lily geschehen ist, wobei ihr ihre neue Freundin Fiona und Lilys älterer Bruder Roe helfen. Gemeinsam mit diesen beiden findet Maeve nicht nur mehr über ihre Fähigkeiten und die Tarot-Karten heraus, sondern muss sich auch gegen die immer einflussreicher werdende Gruppierung der „Children of Brigid“ stellen.

Ich mochte es sehr, wie Caroline O’Donoghue in „All Our Hidden Gifts“ reale irische Geschichte, aktuelle „konservative Strömungen“ (und die damit einhergehenden verheerenden Folgen – nicht nur – für queere Personen) und einen Hauch von Magie zu einer stimmigen Handlung verband. Dabei war gerade der Teil, der sich rund um die „Children of Bridgid“ drehte, gar nicht so einfach zu lesen, weil diese unheimliche Mischung aus „christlicher Sekte“ und „konservativen politischen Ansichten“ sich (nicht nur mit Blick auf die USA) gerade viel zu real und nah anfühlte. Deshalb fand ich dann die Passagen in der Handlung, die sich um Maeves Suche nach Lily drehten, fast schon erholsam. Denn hier steht weniger die Magie im Mittelpunkt der Geschichte, obwohl die Tarot-Karten (und die damit verbundenen übernatürlichen Fähigkeiten von Maeve) der Auslöser für Lilys Verschwinden sind, als Maeves Zweifel an ihrem eigenen Wert und die Frage, was für ein Mensch sie eigentlich sein will.

Dabei fand ich es spannend, dass Maeve viele Dinge tat, die ich normalerweise wirklich ungern bei jugendlichen Protagonist*innen lese, die ich aber hier erstaunlich wenig störend fand. Das lag daran, dass Maeve oft durchaus bewusst war, dass sie da gerade Mist baute, ihr aber eben die Erfahrung (oder das Selbstbewusstsein) fehlte, um anders mit einer Situation umzugehen. Es gelingt der Autorin auch immer wieder aufzuzeigen, dass Maeve häufig ziemlich ignorant gegenüber der Lebensrealität anderer Personen ist, ohne dass Caroline O’Donoghue dies ihrer Protagonistin zum Vorwurf macht oder die Figur dadurch für den Leser unsympathisch wird. Ich mochte es im Gegenteil sogar sehr, dass ich so miterleben konnte, wie Maeve sich weiterentwickelte und – zumindest teilweise – ihren Tunnelblick ablegte. Überhaupt mochte ich die vielen verschiedenen Charaktere (von dem Antagonisten abgesehen) in dieser Geschichte wirklich sehr, weil sie sich so real anfühlten. Caroline O’Donoghues Figuren haben viele Facetten und kämpfen mit so vielen kleinen und großen Problemen, und doch versuchen sie immer wieder, im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Bestes zu geben.

Obwohl dieses Buch der erste Teil einer Trilogie ist, kann „All Our Hidden Gifts“ meiner Meinung nach als Roman durchaus für sich alleine stehen. Es gibt zwar noch ein paar wenige offene Fäden, aber das Ende ist für sich genommen stimmig und befriedigend. Allerdings bin ich wirklich neugierig darauf, wie es mit den Charakteren sowie mit der magischen Seite von Maeve und den anderen weitergeht. Und ich muss zugeben, dass ich die an Tarot-Karten-Designs angelehnten Cover hübsch genug finde, um sie in meinem Regal haben zu wollen … weshalb ich mir direkt nach dem Lesen von „All Hour Hidden Gifts“ auch noch „The Gifts That Bind Us“ und „Every Gift a Curse“ bestellt habe und nun hoffe, dass mir diese beiden Bände ebenso gut gefallen wie der Auftakt der Trilogie.

Tansy Rayner Roberts: Die Teacup-Magic-Reihe

Nachdem ich in den vergangenen Tagen die fünf Teacup-Magic-Titel von Tansy Rayner Roberts gelesen und dann festgestellt habe, dass ich hier noch gar nichts dazu geschrieben hatte, gibt es hier eine (kleine) Vorstellung der Reihe. Bislang hat die Autorin fünf Titel in dieser Reihe veröffentlicht (im August erscheint der sechste Teil). Die ersten drei Bände („Tea and Sympathetic Magic“, „The Frost Fair Affaire“ und „Spellcrackers Honeymoon“) werden aus der Perspektive von Mnemosyne Seabourne erzählt, die zu Beginn von „Tea and Sympathetic Magic“ die Nase voll hat von der Saison und der Suche nach einem passenden Ehemann. Doch dann kommt es während einer Hausparty, die von ihrem Cousin Henry (dem Duke of Storm) veranstaltet wird, zu einer Entführung. Gemeinsam mit Henrys Spellcracker Thornbury (und diversen jungen Damen der Gesellschaft) macht sich Mneme zur Rettung des Entführungsopfers auf und beweist dabei eine Menge Einfallsreichtum.

Das Land, in dem Tansy Rayner Roberts ihre Teacup-Magic-Geschichten spielen lässt, besteht aus einem Haufen Inseln, die in vielen Aspekten sehr an die Regency-Zeit erinnern und auf denen die Anwendung von Magie zum Alltag gehört. So reisen die Herren der Gesellschaft per magischem Portal von einem Ort zum anderen (während die Damen für ihre Reisen auf Schwanenboote und Kutschen angewiesen sind), beim Versuch, einen potenziellen Ehemann für sich zu gewinnen, werden Zauber eingesetzt, die größere Sympathie erzeugen sollen, und natürlich wird mit Magie dafür gesorgt, dass der Tee immer die richtige Temperatur hat. Während die Geschichten sich anfangs noch um relativ „übliche“ Themen drehen wie die Suche einer Dame der Gesellschaft nach einem Ehemann, wird die Reihe im Laufe der Zeit immer absurder (und somit auch amüsanter). Mnemosyne versucht im zweiten Band etwas für die Rechte der Frauen zu erreichen und bekommt es dabei mit dem Geheimdienst der Königin zu tun, und im dritten Band ist sie an der Aufklärung eines magischen Mords – auf einer angeblich magiefreien Insel – beteiligt.

Bei den folgenden Bänden wechseln dann die Protagonistinnen. Der vierte Band („Lady Liesl’s Seaside Surprise“) wird aus der Sicht von Lady Liesl erzählt, die in vorherigen Geschichten schon als Nebenfigur auftauchte. Lady Liesl versucht darin einen Diamantendiebstahl zu klären, um die zweite Ehe ihres Vaters zu retten. Dabei begibt sich Liesl in die Gesellschaft von freigeistigen Künstlern und ungewöhnlichen Dienstboten, sie schreibt Unmengen von Briefen an diverse Freunde und Verwandte (lebende und tote! – was ich sehr amüsant fand) und findet nebenbei noch heraus, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen will. Mit dem bislang aktuellsten Titel („Have Spirit, Will Duchess“) gibt es überaus überraschende Informationen über das Vorleben der aktuellen Duchess of Storm, einen Haufen Geister (besonders beeindruckend ist dabei die verstorbene Duchess of Storm – und ja, das ist definitiv eine Herzogin zu viel!), einen Assassinen und ein Schiff voller Freibeuter. Außerdem brachte die fünfte Geschichte einige Andeutungen für den sechsten Band mit sich, so dass ich es kaum erwarten kann, dass „This Entchanted Island“ endlich im Spätsommer erscheint.

Ich gebe zu, dass keine dieser (zwischen 80 und 190 Seiten langen) Geschichten so sehr herausstechend ist, dass sie einen lang anhaltenden Eindruck bei mir hinterlässt, der über „das war so nett!“ hinausgeht. Aber auf der anderen Seite sind die Teacup-Magic-Titel so wunderbar absurd und amüsant, dass ich immer wieder darauf zurückkomme, wenn ich den Kopf abschalten und mich erholen will. Außerdem mag ich die Charaktere und ihre Erzählstimmen wirklich gern, und es macht mir Spaß, meine Zeit mit ihnen zu verbringen. Die ersten drei Teacup-Magic-Bände gibt es inzwischen auch als Bundle (und aktuell kostet das gerade mal 99 Cent), und im August, wenn der sechste Band erscheint, wird es auch noch ein zweites Bundle mit den restlichen drei Geschichten geben.

Lese-Eindrücke Januar 2024

Winter Tales from Cozy Vales (A Cozy Fantasty Collection 1)

Cozy Vales ist eine „shared world“, in der die Autor*innen L. A. Scott, Rebecca Buchanan, Selina J. Eckert, Deanna Stuart, Angela Stuart, Cassandra Stirling, K. M. Jackways, G. Glatworthy, Nathaniel Webb und Bonnie Axton schreiben. „Winter Tales from Cozy Vales“ ist eine (kostenlose) Sammlung von Geschichten, die diese Welt und ihre Bewohner vorstellen, und war für mich die perfekte Entspannung zum Jahresanfang. Nicht alle der neun Geschichten haben mir gleichermaßen gut gefallen, aber in allen davon habe ich Elemente gefunden, die mich erfreut haben, und bei überraschend vielen Texten gehe ich davon aus, dass ich weitere Cozy-Vales-Veröffentlichungen der Autor*innen lesen werde.

Alle Beiträge in dieser Collection drehen sich rund um die „Lantern Night“, die in dieser fantastischen Welt begangen wird (wobei die verschiedenen Regionen auch unterschiedliche Traditionen rund um diesen Feiertag haben), und ich mochte die winterliche Atmosphäre ebenso wie die vielen kleinen und großen magischen Elemente und Personen. Einige dieser Geschichten haben bei mir ein ähnliches Gefühl hervorgerufen wie „Legends & Lattes“, wobei es in dieser Welt grundsätzlich mehr Alltagsmagie und weniger Abenteuer zu geben scheint. Für mich die perfekte Lektüre, um abends entspannt ein bisschen zu lesen und mir dann beim Einschlafen auszumalen, wie es mit den Charakteren wohl weitergehen könnte. 😉

Lauren Gilley: Heart of Winter (Drake Chronicles 1)

„The Heart of Winter“ von Lauren Gilley ist schon vor längerer Zeit auf meinem eReader gelandet, und erst beim Erstellen meiner „Winter-Leseliste“ habe ich wieder an den Titel gedacht. Inzwischen habe ich nicht nur diesen ersten Band der „Drake Chronicles“, sondern auch den zweiten und dritten Teil gelesen, weil ich mich davon so gut unterhalten fühle. Am Anfang dreht sich die Handlung vor allem um Oliver Meacham (Bastardsohn eines Adeligen) und seine Cousine Tessa Drake, die von ihm in den Norden begleitet wird, wo sie den „barbarischen“ König Erik heiraten soll. Diese Heirat soll dafür sorgen, dass das Herzogtum Drakewell militärische Unterstützung gegen die einfallenden Sels erhält. Doch Erik ist nicht an einer Heirat interessiert und bietet Tessa stattdessen die Hand eines seiner Neffen (und Erben) an, während sich gleichzeitig eine Liebesgeschichte zwischen dem König und Oliver entwickelt.

Es gibt in diesen Romanen so einige Elemente, bei denen ich nicht genauer über den Weltenbau nachdenken darf – vor allem, wenn es um die Tiere in den verschiedenen Regionen, die Logistik beim Reisen oder gar um das Thema Nahrungsmittelanbau, -import oder -export geht. Außerdem hätte es für mich die Menge an Sex- und Schmachtszenen (m/m und f/m) nicht unbedingt benötigt, aber ich kann damit leben, weil es dabei auch immer wieder – zum Teil wirklich wichtige – Dialoge gab. Vor allem aber habe ich diese Bücher mit so großem Vergnügen gelesen, weil ich die Figuren und die Art und Weise, wie sie mit ihren Familienmitgliedern und Freunden umgehen, mochte. Für Oliver führt die Reise in den Norden nicht nur dazu, dass er Gefühle für König Erik entwickelt, sondern auch dazu, dass er zum ersten Mal mehr als nur „der Bastard“ ist.

Er und Tessa finden eine überraschend herzliche neue Familie, und auch wenn es aufgrund von unterschiedlichen Temperamenten oder kulturellen Missverständnisse mal knirscht, so reden diese Figuren doch miteinander und versuchen gemeinsam ihre Probleme zu lösen. Das ist so wohltuend zu lesen, dass die (ab dem Ende des ersten Bands) auftauchenden dramatischen Elemente wie Krieg, Nekromanten, Clan-Politik und natürlich politische Schachzüge und Verrat den wohltuenden Teil für mich nicht überschatten. So haben die ersten drei Teile der „Drake Chronicles“ bei mir für überraschend entspannte Lesestunden gesorgt und ich musste beim abendlichen Lesen aufpassen, dass ich meine Schlafenszeit nicht zu sehr in die Nacht verschob. Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann auch noch die letzten beiden Teile der Reihe lesen werde.

Catie Murphy: Death by Irish Whiskey (The Dublin Driver 5)

„Death by Irish Whiskey“ ist der fünfte Band der „Dublin Driver Mysteries“ und ich mag die Reihe so sehr, dass ich den Krimi direkt nach Erscheinen (am 23. Januar) gelesen habe. Protagonistin der Bücher ist Megan Malone, eine Amerikanerin, die seit fünf Jahren in Dublin lebt und dort als Limousinen-Chauffeurin arbeitet. Im Rahmen ihrer Arbeit lernt sie nicht nur die ungewöhnlichsten Personen kennen, sondern stolpert auch immer wieder über Leichen. Dieses Mal ist sie allerdings privat unterwegs, als bei einem Wettbewerb, bei dem der vielversprechendste „Newcomer Whiskey“ des Jahres gekürt werden soll, einer der Teilnehmer ermordet wird. Obwohl Megan ihrer Freundin Jelena versprochen hatte, dass sie in Zukunft die Finger von den Mordermittlungen lässt, kann sie auch dieses Mal nicht einfach zuschauen, wie die Polizei ermittelt – schließlich gehört auch ihr Onkel Rabbie zu den Teilnehmern des Wettbewerbs und könnte deshalb in Gefahr schweben.

Nachdem ich den vierten Teil der Reihe etwas enttäuschend fand, weil es mich so genervt hat, dass Megans Liebste Jelena so extrem darauf reagierte, dass Megan immer wieder über Leichen stolperte, hat mich „Death by Irish Whiskey“ wieder rundum gut unterhalten. Jelena kommt zu dem Schluss, dass das Schicksal bestimmt hat, dass Megan Morde aufklärt, und Megan plaudert mit den diversen Personen und findet einen Hinweis nach dem anderen. Dabei finde ich es immer wieder spannend, wie Catie Murphy Megans Verhältnis zur Polizei darstellt: Auf der einen Seite besteht Megan auf ihre Rechte und lässt den Polizisten keinen (versuchten) Regelverstoß durchgehen. Auf der anderen Seite berichtet sie jede relevante Information, damit die Ermittler ihrer Arbeit in vollem Umfang nachgehen können. Vor allem aber mag ich Megan und ihren Freundeskreis und all die kleinen Beobachtungen der geborenen Amerikanerin rund um das Leben in Irland. Außerdem finde ich die vielen verschiedenen Charaktere, die sie im Laufe der Mordfälle kennenlernt, interessant und amüsiere mich immer wieder sehr über die Dialoge. Ich hoffe sehr, dass C. E. Murphy noch so einige Dublin-Driver-Krimis schreiben wird.

Faith Erin Hicks: Hockey Girl Loves Drama Boy (Comic)

Nachdem mir die „The Nameless City“-Comics von Faith Erin Hicks so gut gefallen hatten, hatte ich mir im vergangenen Jahr zu Weihnachten „Hockey Girl Loves Drama Boy“ gewünscht. Die Handlung dreht sich um Alix und Ezra, die beide auf dieselbe kanadische Highschool gehen. Während Ezra im Theaterclub aktiv ist, gehört Alix zum erfolgreichen Eishockey-Team der Schule. Zu Beginn der Geschichte gerät Alix in Schwierigkeiten, als sie Lindsay, die Kapitänin ihres Teams, angreift, nachdem diese sie zum wiederholten Male vor den Augen ihrer Mitspielerinnen verbal fertiggemacht hat. Als sie am nächsten Tag in der Schule mitbekommt, wie Ezra überraschend lässig und schlagfertig auf den homofeindlichen Mobbingversuch eines Mitschüler reagiert, hofft Alix, dass er ihr beibringen kann, weniger aggressiv mit Lindsays Lästereien umzugehen.

Ich mochte es sehr mitzuverfolgen, wie Alix und Ezra sich immer besser kennenlernen, wie sie sich über persönliche Dinge unterhalten und sich Mühe geben, füreinander da zu sein. Dabei spricht Faith Erin Hicks viele verschiedene Themen an, angefangen bei Ezras Aussage „I’m attracted to lots of different people, not just guys“ über Alix‘ Probleme mit ihren (geschiedenen) Eltern und ihrer Überzeugung, dass sie keinerlei Fähigkeiten außer Eishockey spielen hat, bis zu traumatischen Erlebnissen in Ezras Vergangenheit. Sowohl Alix als auch Ezra – der nur zu Beginn ein bisschen zu perfekt wirkt – sind Charaktere, die sich für mich wie realistische Teenager angefühlt haben. Gerade Alix mit all ihren Unsicherheiten, ihren Temperamentausbrüchen und den vielen unbeantworteten Fragen konnte mich überzeugen. Aber ich fand auch Ezra glaubwürdig in seinen Bemühungen, sich aufmerksam und respektvoll zu verhalten, nur um dann festzustellen, dass er trotzdem Menschen verletzt, die ihm am Herzen liegen.

Die Zeichnungen von Faith Erin Hicks sind auch in diesem Comic wieder geprägt von sehr harten Outlines und ebenso hart schraffierten Schatten, was ich normalerweise nicht so ansprechend finde, was aber bei dieser Künstlerin inzwischen für mich funktioniert. Wirklich beeindruckend fand ich die Dynamik in den Eishockey-Szenen, die einen wirklich hervorragenden Eindruck von der Schnelligkeit (und Härte) des Spiels vermittelten. Aber mir gefielen auch die vielen ruhigeren Zeichnungen, in denen sich Alix und Ezra miteinander oder mit anderen Personen unterhalten haben und in denen sehr viel über Gestik und Mimik erzählt wurde. Bei diesen Szenen fand ich es auch immer wieder beeindruckend, auf wie viele kleine Dinge Faith Erin Hicks bei ihren Zeichnungen achtet, so dass es selbst in den – auf den ersten Blick – eher übersichtlicheren Panels immer wieder liebevolle Details rund um die Charaktere zu entdecken gibt.

Noch ein Hinweis zu „Hockey Girl Loves Drama Boy“: Es gibt zwei verschiedene Taschenbuchausgaben des Comics! Einmal eine US-Ausgabe, die mit dem Verlagsnamen „St. Martin’s Press“ veröffentlicht wurde, und dann eine UK-Ausgabe, die unter „Macmillan“ veröffentlicht wurde (St. Martin’s Press gehört zur Macmillan Verlagsgruppe). Da mir nicht bewusst war, dass es Unterschiede zwischen den Ausgaben gibt, hatte ich die Ausgabe von Macmillan auf meinen Wunschzettel gesetzt. Aber bei diesem Taschenbuch sind die Zeichnungen nur schwarz-weiß(-grau) gehalten, während die Zeichnungen in der US-Version blaue Akzente aufweisen. Ich finde es nicht schlimm, dass ich die „farblosere“ Variante habe, aber wenn ich vorher von diesem Unterschied gewusst hätte, hätte ich mir die lebhafter wirkende US-Ausgabe gewünscht.