Kategorie: Rezension

Julie Abe: Alliana – Girl of Dragons

„Alliana – Girl of Dragons“ spielt in der gleichen Welt wie die „Eva Evergreen“-Bücher von Julie Abe. Genau genommen spielt Allianas Geschichte früher als die beiden Romane rund um Eva. Evas Eltern sind hier noch Teenager, die in diesem Buch als Nebenfiguren auftauchen, so dass sich die Bücher unabhängig voneinander genießen lassen. Wobei „genießen“ bei einer Aschenputtel-Geschichte vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist. Alliana lebt gemeinsam mit ihrer Stiefmutter, ihren beiden Stiefgeschwistern und Großmutter Mari (die die Schwiegermutter ihrer Stiefmutter ist) in einem Gasthaus in dem kleinen Ort Narashino am Rande des Abyss. Dieser Abyss war früher das Grenzgebiet zwischen Rivelle und dem benachbarten Constancia, doch ein Streit zwischen den beiden Ländern hat dazu geführt, dass dort ein unheimlicher Abgrund voller Monster entstanden ist.

Eine magische Barriere sorgt dafür, dass die Einwohner von Narashino sicher leben können, aber fast täglich steigen Abenteurergruppen in den Abyss hinab, um Monster zu jagen oder nach Schätzen zu suchen. Die Aufgabe der Elfjährigen im Gasthaus ist die Versorgung dieser Abenteurergruppen. Alliana fungiert als das einzige Dienstmädchen im Haus – und nur wenn sie ihren Aufgaben zur Zufriedenheit ihrer Stiefmutter nachkommt, kann sie die Schulden (die sie laut ihrer Stiefmutter hat) abarbeiten. Nur die wenigen gestohlenen Momente, die Alliana spät abends gemeinsam mit Großmutter Mari verbringt, sorgen für einen Lichtblick im Leben des Mädchens. An ihren Vater, der vor einigen Jahren im Abgrund verschwand, hat sie kaum noch Erinnerungen, aber Großmutter Mari und ihre Geschichten über die Abenteuer von Königin Natsumi geben ihr ein Gefühl von familiärer Geborgenheit. Als Alliana die junge Hexe Nela kennenlernt, die gemeinsam mit ihren ebenso unerfahrenen Kolleg*innen für die Stabilität der Barriere sorgen soll, kann das Mädchen zum ersten Mal zeigen, dass es über mehr Fähigkeiten als die eines Dienstmädchen verfügt.

Ich muss gestehen, dass ich ein bisschen zwiegespalten auf „Alliana – Girl of Dragons“ zurückblicke, obwohl es an der Erzählweise und der Geschichte eigentlich kaum etwas zu kritisieren gibt. Aber Allianas Aschenputtel-Dasein war so deprimierend zu lesen – und jedes Mal, wenn es einen Hauch Hoffnung für sie gab, kam wieder irgendwas dazwischen und es endete für das Mädchen schlimmer als vorher. Das war nicht schön mitzuverfolgen, auch wenn natürlich von Anfang an klar war, dass es ein glückliches Ende für Alliana geben würde. Dass ich so mit Alliana mitgelitten habe, ist vielleicht auch ein Lob für Julie Abes Schreibstil, der dafür gesorgt hat, dass mich die Situation der Protagonistin so frustiert und wütend gemacht hat. *g*

Aber natürlich ist nicht die gesamte Geschichte durchgehend deprimierend gewesen – wobei es das vermutlich nur noch schlimmer gemacht hat, weil eben der Kontrast zwischen den amüsanten oder wohltuenden Szenen und denen, in denen Alliana von ihrer Stieffamilie ausgenutzt und misshandelt wird, so groß war. Ich mag die fantastische Welt mit all ihren magischen Wesen, die Julie Abe für diese Romane geschaffen hat. Außerdem habe ich die heimeligen oder amüsanten Momente in der Handlung wirklich genossen. Allianas gemeinsame Stunden mit Großmutter Mari, in denen sie stickt und näht, während ihr fantastische und mutmachende Geschichten erzählt werden, sind ebenso schön zu verfolgen wie die Momente, in denen sie sich mit ihrem Freund Isao trifft und sein leckeres Backwerk probieren kann. Dazu kommen noch all die Szenen, in denen Alliana ihren Einfallsreichtum und ihr Wissen einsetzen kann, um Nela und all den anderen zu helfen und in denen ihr bewusst wird, dass eine Person keine große Magie benötigt, um etwas bewirken zu können.

All diese Momente sind wunderschön zu lesen – es sind lauter kleine magische Szene, die von der Autorin mit traditionellen japanischen Elementen durchsetzt wurden und die eine wirklich wunderbare Atmosphäre mit sich bringen. Und dieser deutliche japanische Einfluss sorgt auch dafür, dass sich diese Aschenputtel-Variante für mich deutlich von anderen Geschichten dieser Art unterschied. Aber am Ende frage ich mich ein bisschen, ob ich all diese schönen Szenen nicht mehr hätte genießen können, wenn nicht ein Teil von mir die ganze Zeit darauf gewartet hätte, dass Alliana endlich ihrer Stieffamilie hinter sich lassen kann. Was natürlich bedeutet, dass es vor allem an mir lag, dass ich mit „Alliana – Girl of Dragons“ nicht so glücklich war wie mit den Eva-Evergreen-Büchern. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es mir irgendwann bei einem erneuten Lesen des Romans ergehen wird, wenn ich mich noch mehr auf diese kleinen Momente einlassen kann, weil ich ja dann schon weiß, wie die Geschichte weitergeht.

Michelle Manus: A Song to Wake a Thousand Sorrows (The Song Duology Book 1)

„A Song to Wake a Thousand Sorrows“ ist der erste High-Fantasy-Roman von Michelle Manus, den ich gelesen habe (nachdem ich die ersten drei Bände ihrer „Nyx Fortuna“-Reihe im vergangenen Jahr schon sehr mochte), und ich war wirklich überrascht davon, wie ungern ich nach über 700 Seiten die Protagonistin Clare verlassen habe. Die Geschichte spielt in einer anfangs nicht näher beschriebenen fantastischen Welt, in der Magie relativ verbreitet ist und die von einem einzigen König, dem Jackal King, regiert wird. Ich muss gestehen, dass ich es ursprünglich etwas seltsam fand, dass die gesamte Welt von einer Person beherrscht wird, aber wie das möglich ist, wird im Laufe des Romans erklärt. Überhaupt musste ich mich zu Beginn einfach erst einmal auf die Welt einlassen, ohne mir zu große Gedanken zu den Hintergründen zu machen. Aber das war in Ordnung, weil ich die Protagonistin und ihre Erlebnisse spannend genug fand, um eventuelle Fragen erst einmal im Raum stehen lassen zu können.

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von Clare Brighton, die in der Hauptstadt Veralna City zu Ruhm (und Geld) kommen will. Clare ist ein Songweaver, eine Sängerin, deren Magie es ihr erlaubt, ihr Publikum zu beeinflussen. Außerdem ist sie – nach all den Misshandlungen, die sie in der Vergangenheit durchleben musste – wild entschlossen, eine Position zu erlangen, die ihr Sicherheit und Reichtum verspricht. Dummerweise ist Clare nicht nur ein Songweaver, sondern sie verfügt über eine weitere Macht (oder verfügt diese Macht über sie?), die sie den „Song“ nennt und die dazu führen würde, dass der Jackal King sie töten würde, wenn er jemals davon erführe. Schnell lernt Clare, dass Ruhm und Geld allein nicht ausreichen, um sich sicher zu fühlen, und obwohl es so einige Personen gibt, die ihr helfen wollen, ist es für eine Frau mit ihrer Vergangenheit nicht so einfach, anderen genügend zu vertrauen, um ihre Unterstützung annehmen zu können.

Ich muss betonen, dass „A Song to Wake a Thousand Sorrows“ kein einfaches Buch ist und eine ganze Reihe an Content Warnings (Missbrauch, Misshandlungen, Völkermord, Mord und noch so einiges mehr) mit sich bringt. Aber für mich persönlich waren all diese Elemente trotzdem gut lesbar, weil sie zum Großteil in der Vergangenheit der Protagonistin lagen und nicht detailliert beschrieben wurden und Michelle Manus es zum anderen geschafft hat, dass ich bei den aktuelleren Ereignissen in der Geschichte daran glauben konnte, dass es irgendwann besser wird – auch wenn ich für dieses „besser werden“ wohl auf das Ende des zweiten Bands warten muss, da das Buch mit einem Cliffhanger endet. Aber den Hauptteil des Romans über habe ich mich – wenn man bedenkt, was für traumatische Themen angedeutet oder sogar gezeigt werden – überraschend gut unterhalten gefühlt. Clare ist natürlich von all der Ereignisse in ihrer Kindheit und Jugend geprägt, was dazu führt, dass dieser Charakter regelmäßig zwischen Wut und Panikattacken schwankt. Aber sie ist auch fest entschlossen, sich eine bessere Zukunft zu erkämpfen – und wenn das nicht immer zu den rationalsten Handlungen führte, so konnte ich ihre Gründe beim Lesen doch zumindest immer nachvollziehen.

Obwohl ich hier so viel über Traumata geschrieben habe, gibt es überraschend viele amüsante und wohltuende Szenen in dem Roman, die ich wirklich genossen habe. Es ist so schön zu verfolgen, wie Clare – obwohl sie sich eigentlich nur um sich selbst kümmern wollte – langsam Freundschaften aufbaut. Ich fand es unterhaltsam zu lesen, wie ihre Weigerung, sich unsinnigen Traditionen zu unterwerfen, im Laufe der Geschichte dazu führt, dass sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen für andere Personen deutlich verbessern. Und die Tatsache, dass ihre verborgene Magie eine Bedrohung für den Jackal King darstellen könnte, lässt anderen Figuren, die ich beim Lesen ebenfalls ins Herz geschlossen habe, auf eine bessere Zukunft hoffen. Es gibt so viele vielschichtige und sympathische Charaktere in der Geschichte, die alles andere als perfekt sind, aber gerade das sorgt dafür, dass mir ihr Wohlergehen am Herzen lag und ich mit ihrem Schicksal mitfieberte. „A Song to Wake a Thousand Sorrows“ war erstaunlich mitreißend zu lesen und – trotz der vielen belastenden Elemente – überraschend schwer aus der Hand zu legen. Es ist lange her, dass ich einen klassischen Fantasyroman so sehr genossen habe, und ich hoffe sehr, dass bald einen Veröffentlichungstermin für die Fortsetzung angekündigt wird, weil ich unglaublich gespannt darauf bin, wie die Geschichte ausgeht.

Lese-Eindrücke April 2024

Eigentlich dachte ich, dass sich dieser Beitrag gar nicht lohnen würde, weil ich für die meisten Titel, die ich im April gelesen habe, eigentlich noch Rezensionen schreiben möchte. Und dann ging mir durch den Kopf, dass ich hier zumindest die Reihenfortsetzungen erwähnen könnte … 😉

Skyla Dawn Cameron: Alone at Night (Waverly Jones 3)

„Alone at Night“ ist der dritte Teil rund um die Privatdetektivin Waverly Jones von Skyla Dawn Cameron, und ich kann nach dem Lesen dieses Bands nur sagen, dass ich die Reihe wirklich liebe. Die wichtigsten Punkte hatte ich eigentlich schon in der Rezension zu dem Waverly-Jones-Auftaktband angesprochen, aber ich möchte hier noch einmal betonen, wie sehr ich es mag, dass sich die Autorin in dieser Reihe vor allem mit der Frage beschäftigt, welche Auswirkungen ein Verbrechen auf die Opfer bzw. ihre Hinterbliebenen und ihre Umgebung hat. Es gibt einen Handlungsfaden, der sich durch alle Bände der Reihe zieht, aber auch für jeden einzelnen Band einen „aktuelleren“ Fall, der eine neue Facette des Grundthemas beleuchtet. Skyla Dawn Cameron hat mit den Waverly-Jones-Büchern eine ungewöhnliche Thriller-/Mystery-Reihe geschaffen, bei der die (für mich) überraschenden Wendungen weniger bei der Enthüllung der Täter als bei den (Re-)Aktionen der Figuren zu finden sind.

Morgan Stang: Murder at Spindle Manor (The Lamplight Murder Mysteries 1)

Dieses Buch hat mich ein bisschen sprachlos gemacht, und am Ende hat mich vor allem die Frage beschäftigt, was ich da eigentlich gerade gelesen habe. Grundsätzlich finde ich die – edwardianisch/viktorianisch angehauchte – Fantasy-Welt, die Morgan Stang für seinen Krimi geschaffen hat, wirklich faszinierend. Ich mochte die Figuren, auch wenn sie so viel Tiefe hatten wie ein Abziehbild, und mir gefiel die Grundidee für diesen Mord in geschlossener Gesellschafft/Mord in verschlossenem Raum. Aber trotz all der theoretisch (!) lustigen Elemente und einem Umfang von knapp 250 Seiten zogen sich die Ermittlungen endlos hin und immer wieder wurden Dinge wiederholt, die auf der Hand lagen. Am Ende fühlte es sich an, als ob ich in einer „Eine Leiche zum Dessert“-Dauerschleife gefangen wäre – und so unterhaltsam ich den Film finde, ich möchte dann doch nicht mehrere Stunden am Stück damit verbringen!

Mara Webb: Better Off Bread (Compass Cove 3)

Nachdem ich den ersten Teil („Cakes to Die For“) von Mara Webbs Compass-Cove-Reihe sehr nett fand und mich über den zweiten Band („A Brunch With Death“) ziemlich geärgert hatte, hat es mir doch keine rechte Ruhe gelassen und ich habe im April doch noch den dritten Roman aus der Reihe gelesen. Immerhin kann ich so nun sagen, dass die Geschichte, die sich um die Ermordung des Jurors eines Brotback-Wettbewerbs dreht, für mich wieder so unterhaltsam war wie der erste Band. Dieses Mal hat die Autorin sich mehr auf weitere fantastische Elemente in Compass Cove konzentriert, der „romantische“ Teil der Handlung war so gut wie nicht vorhanden (yeah!) und die Protagonistin hat ein neues magisches Haustier, das ich wirklich nett fand. Wenn die Serie so bleibt, dann habe ich noch ein paar nette Bücher „für zwischendurch“ vor mir.

W. R. Gingell: „The City Between“-Serie

Die „The City Between“-Serie von W. R. Gingell besteht aus zehn relativ kurzen Romanen (194 bis 284 Seiten) und einem elften Band, in dem die zur Serie gehörenden Kurzgeschichten gesammelt wurden. Auf den ersten Blick unterscheidet sich diese Reihe gar nicht so sehr von anderen Urban-Fantasy-Reihen mit Kick-ass-Heldinnen. Aber es gibt so einige Details in der Geschichte, die ich auf diese Weise selten oder noch gar nicht in anderen Veröffentlichungen gefunden habe und die mir sehr gefallen haben. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von „Pet“, die eines Morgens aufwacht und die Leiche eines ihrer Nachbarn vor ihrem Fenster hängen sieht. Nachdem sie (anonym) die Polizei verständigt hat, fallen ihr drei Männer auf, die mit der Polizei am Tatort auftauchen, die aber definitiv nicht zu den offiziellen Gesetzteshütern gehören.

Relativ schnell findet Pet heraus, dass diese drei Männer keine Menschen sind, sondern zur Welt „Behind“ gehören und zwei davon Fae („Zero“ und Athelas) sind und einer ein Vampir (JinYeong) ist. Und als die drei sich in ihrem – offiziell leerstehenden – Haus einnisten, bleibt der Siebzehnjährigen nichts anderes übrig, als einen Vertrag als „Pet“ mit ihnen einzugehen, um nicht obdachlos zu werden. Was dazu führt, dass sie von Zero, Athelas und JinYeong als eine Mischung aus Haushälterin und … ähm … Haustier behandelt wird und deutlich mehr über die Schichten der Welt, die parallel zum „normalen“ menschlichen Teil existieren, lernt, als gut für einen Menschen ist.

When you get up in the morning, the last thing you expect to see is a murdered bloke hanging outside your window. Things like that tend to draw the attention of the local police, and when you’re squatting in your parents’ old house until you can afford to buy it, another thing you can’t afford is the attention of the cops.

Oh yeah. Hi. My name is Pet. It’s not my real name, but it’s the only one you’re getting. Things like names are important these days.

And it’s not so much that I’m Pet. I am a pet. A human pet: I belong to the two Behindkind fae and the pouty vampire who just moved into my house. It’s not weird, I promise—well, it is weird, yeah. But it’s not weird weird, you know?

Klappentext von „Between Jobs“ (The City Between 1)

In vielen Aspekten ist diese Reihe wie jede andere Urban-Fantasy-Reihe auch. Es gibt eine fantastische und ziemlich grausame Parallelwelt, in der die Protagonistin sich zurechtfinden muss, es gibt einen Mörder, der von Zero, Athelas und JinYeong gesucht wird, und Pets ständige Weigerungen, die „traditonellen Regeln“ der Welt „Behind“ mitzuspielen, sorgt immer wieder für Wendungen, die die deutlich mächtigeren Personen in ihrem Leben so nicht vorhergesehen haben. Letzteres hat mir wirklich viel Spaß gemacht, war aber nicht der Hauptgrund, wieso mich diese Reihe im März so sehr gepackt hat, dass ich alle Bände davon (plus die Kurzgeschichten-Sammlung … plus die bisher noch gar nicht von mir erwähnte, fünfteilige Spin-off-Reihe) hintereinander verschlungen habe. Was die Geschichte definitiv von vergleichbaren Veröffentlichungen unterschied, waren auf der einen Seite der Schauplatz (Hobart in Tasmanien), der neben einer unverbrauchten Kulisse auch dafür sorgte, dass immer wieder ungewöhnliche übernatürliche Wesen auftauchten, und auf der anderen Seite die Charaktere, die W. R. Gingell für diese Reihe geschaffen hat.

Während in anderen Urban-Fantasy-Reihen irgendwann ein jugendlicher Sidekick auftaucht, der von der Hauptfigur (oft genug vor den eigenen impulsiven Aktionen) beschützt werden muss, wird in dieser Reihe die Handlung aus der Sicht dieses „jugendlichen Sidekicks“ erzählt. Ich mochte Pet als Person wirklich gern, weil sie glaubwürdige Ecken und Kanten hatte und weil ihr häufig bewusst war, dass sie Dinge tat, die unklug waren, die sie aber nicht anders machen konnte, weil das gegen ihre Grundsätze verstoßen hätte. Mir gefiel es sehr, dass die Autorin es schafft, dass sich zum Beispiel eine Figur wie JinYeong im Laufe der Zeit so sehr weiterentwickelt, wenn es um Respekt und Beziehungen geht, ohne dass er dabei seinen grundlegenden Charakter verliert. Es gibt so viele Szenen in diesen Büchern, die sich um die found family der Protagonistin drehen, die bitter(süß) und durch und durch glaubwürdig sind. W. R. Gingell beweist immer wieder ein unglaublich gutes Händchen für Charaktere und die Beziehungen, die sie zueinander haben, und es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, das zu lesen.

Auch mochte ich es, dass eine Figur wie Pet zum Beispiel verhältnismäßig schwach ist, aber trotzdem Tag für Tag im Schwertkampf trainiert wird, damit sie in einem Kampf lange genug überleben kann, bis einer ihrer Verbündeten ihr zur Hilfe kommt. Die Autorin erzählt mir das nicht nur, sondern ich kann das beim Lesen immer wieder miterleben. Obwohl sich das dann stellenweise etwas wiederholt, gefällt mir das deutlich besser, als wenn ich in einem Roman lese, dass die Hauptfigur großartig kämpfen kann, ich aber nie gezeigt bekomme, dass diese Figur auch dafür trainieren muss. Ebenso gibt es immer wieder alltägliche häusliche Szenen, die sich um Pets Haushaltstätigkeiten und um das Zusammenleben von so unterschiedlichen Personen drehen, und auch das fand ich unterhaltsam und habe mich gefreut, dass das nicht zugunsten „actionreicherer“ Momente gestrichen wurde. Das Negativste, was ich über diese Romane sagen kann, ist, dass die Identität des Mörders, der so viele Bände hindurch gesucht wurde, relativ offensichtlich war. Aber da es am Ende der Geschichte weniger darum ging, den Mörder zu entlarven, als darum, wie alle Beteiligten mit dieser Enthüllung und den daraus folgenden Ereignissen umgehen, konnte ich damit eigentlich gut leben.

Noch eine Anmerkung zur Hörbuchversion der Reihe: Da es die City-Between-Bücher nur bei Amazon gibt und es bei der deutschen Seite einen Fehler bei Band 9 gibt, der dazu führt, dass ich das eBook nicht kaufen konnte, habe ich den Teil als Hörbuch gehört. Und ich muss zugeben, dass ich wirklich hingerissen von der Sprecherin Zehra Jane Naqvi bin, die ganz großartig als siebzehnjährige Pet ist, auch wenn ich ihren australischen Akzent nicht immer so ganz einfach zu verstehen fand. Aber das liegt daran, dass ich relativ selten australischen Akzent höre – ihre Stimme und ihre Interpretation von Pet fand ich wirklich hinreißend.

Eine weitere Anmerkung zur Spin-off-Reihe: Die Worlds-Behind-Reihe besteht aus fünf Büchern, die aus der Sicht von zwei verschiedenen Personen (Athelas und YeoWoo) erzählt werden. Da ich die direkt im Anschluss an die City-Between-Bücher gelesen habe, war der Wechsel zu diesen Protagonisten überraschend schwierig für mich. Aber auch hier fand ich es toll, mal eine Urban-Fantasy-Geschichte zu lesen, die mit Seoul an einem – für mich – ungewohnten Schauplatz stattfand, in der immer wieder ungewöhnliche fantastische Wesen auftauchten und in der sich ein Großteil der Handlung um die Beziehung zwischen sehr unterschiedlichen Charakteren drehte. Wenn jetzt jemand von euch neugierig auf diese Reihen geworden sein sollte: Ich kann beide empfehlen, wenn ihr auf der Suche nach etwas anderer Urban Fantasy seid, würde aber auch anraten, zwischen den beiden Serien etwas Zeit verstreichen zu lassen, damit der Wechsel zwischen den Schausplätzen und Protagonisten beim Lesen von „A Whisker Behind“ sich etwas weniger irritierend anfühlt.

Natsu Miyashita: The Forest of Wool and Steel

„The Forest of Wool and Steel“ von Natsu Miyashita ist eine Geschichte voller kleiner, feiner Beobachtungen, die von den ersten Jahres des Protagonisten Tomura als Klavierstimmer erzählt. Obwohl Tomura sich vorher nie mit Musik beschäftigt hatte, ist er fasziniert, als er als Schüler den professionellen Klavierstimmer Itadori dabei beobachtet, wie dieser den Flügel der Schule stimmt. Gut zwei Jahre später fängt Tomura bei derselben Firma an, bei der auch Herr Itadori beschäftigt ist, um nach seiner zweijährigen Grundausbildung zum Klavierstimmer von den älteren Kollegen die Feinheiten seines Handwerks zu lernen.

Natsu Miyashita erzählt viele kleine Episoden, die sich um die verschiedenen Kunden, um die unterschiedlichen Kollegen von Tomura und um ihren Umgang mit den diversen Pianos (und den Bedürfnissen ihrer Spieler) drehen. Dabei lässt die Autorin den Protagonisten immer wieder auf seinen vertrauten Wald in den Bergen Hokkaidos, in dem er seine Kindheit verbracht hat, zurückgreifen, wenn er (musikalische) Erlebnisse beschreiben und (be-)greifbarer machen will. Immer wieder gibt es in diesen kleinen Episoden Momente, in denen deutlich wird, dass Musik etwas mit den Zuhörern macht, selbst wenn ihnen das Wissen fehlt, die Musik/er einzuordnen. Immer wieder beschreibt die Autorin Szenen, die zeigen, wie unterschiedlich Menschen Dinge wahrnehmen, aber auch, wie verschiedene Herangehensweisen zum selben (befriedigenden) Erlebnis führen können.

Tomuras Gedanken drehen sich sehr viel um Arbeitsmoral, um das Bedürfnis, die (oft unausgesprochenen) Ansprüche seiner Kunden zu befriedigen. Aber er philosophiert auch immer wieder über Musik, über die unterschiedlichen Arten, ein Klavier zu nutzen, und über all die unsichtbaren Personen, die mit dafür verantwortlich sind, dass ein Konzert die Zuhörenden bewegt. Einige Passagen in diesem Buch beschäftigen sich intensiv mit den technischen Details rund ums Klavierstimmen, aber nie so, dass meine Aufmerksamkeit bei diesen Beschreibungen abgeschweift wäre. „The Forest of Wool and Steel“ ist kein Buch, das ich in einem Zug lesen würde, sondern eine Geschichte, die ich immer wieder in die Hand genommen habe, wenn ich ein paar ruhige Minuten in einem – für mich – sehr japanischen wirkenden Umfeld verbringen wollte.

Ich habe Tomuras Entwicklung in dieser Geschichte wirklich gern verfolgt. Mir gefiel es sehr, dass ich mit ihm zusammen nach und nach die verschiedenen Kolleg*innen und Kund*innen besser kennenlernen konnte. Außerdem fand ich es faszinierend, Tomuras intensive Beschäftigung mit dem Klavierstimmen zu verfolgen. Das ist etwas, worüber ich mir vorher nie Gedanken gemacht habe, und ich fand es spannend, die vielen verschiedenen Variablen, die dabei in Betracht gezogen werden müssen, zu entdecken. Alles in allem fand ich „The Forest of Wool and Steel“ überraschend wohltuend und entspannend zu lesen und bin mir sicher, dass ich im Laufe der nächsten Jahre immer mal wieder zu dem Roman greifen werde.

Carrie Anne Noble: The Mermaid’s Sister

Um „The Mermaid’s Sister“ von Carrie Anne Noble bin ich eine ganze Weile herumgeschlichen. Auf der einen Seite mochte ich die märchenhaften Elemente, die der Klappentext andeutete, auf der anderen Seite befürchtete ich, dass der Teil der Geschichte, der sich um das Erwachsenwerden der Protagonistin Clara dreht, mir nicht gefallen könnte. Ich greife jetzt mal voraus und sage, dass ich definitiv mit weniger Passagen rund um Claras „unglücklicher Liebe“ hätte leben können, aber insgesamt habe ich „The Mermaid’s Sister“ wirklich gemocht. Die Handlung wird erzählt aus der Sicht der 16jährigen Clara, die gemeinsam mit ihrer gleichaltrigen (Zieh-)Schwester Maren bei der Heilerin Verity aufgewachsen ist. Von klein auf sind sich die beiden Schwestern dessen bewusst, dass Maren eine Meerjungfrau ist, während Clara von einem Storch zu Verity gebracht wurde. Zu Beginn der Geschichte ist Clara sich nicht sicher, wer oder was sie sein könnte, vor allem aber fragt sie sich, was sie tun könnte, um Marens beginnende Verwandlung aufzuhalten.

Hilfe erhofft sie sich von O’Neill, der ebenso wie Clara und Maren ein Waisenkind ist und von Veritys Liebsten Scarff aufgezogen wurde. Für Clara und Maren ist O’Neill wie ein Bruder, auch wenn er den Großteil des Jahres mit seinem Pflegevater als reisende Händler unterwegs ist. Doch O’Neill hat versprochen, auf seinen Reisen die Augen nach einem Heilmittel für Maren aufzuhalten. An diese Hoffnung klammert sich Clara, bis deutlich wird, dass es Zeit wird, Maren aus den Bergen zum Meer zu bringen, da sie als Meerjungfrau nun einmal nicht woanders überleben kann. Gemeinsam machen Clara, Maren und O’Neill sich auf den Weg an die Küste, nicht ohne auf ihrer Reise diverse Gefahren bestehen zu müssen. Für Clara kommt dazu noch der Kampf gegen ihre eigenen Gefühle, denn obwohl O’Neill und Maren einander innig zu lieben scheinen, muss sie sich eingestehen, dass auch sie sich in ihren Ziehbruder verliebt hat.

Die Handlung wird von Carrie Anne Noble sehr gemächlich erzählt. Obwohl eigentlich von Anfang an feststeht, dass Maren von ihren Geschwistern ans Meer gebracht werden muss, nimmt sich die Autorin viel Zeit, um erst einmal die Welt und die verschiedenen Figuren darin vorzustellen. Ich muss aber zugeben, dass ich gegen diese fast schon schleppende Erzählweise nichts hatte, weil ich die vielen kleinen, märchenhaften Elemente in der Geschichte sehr mochte. Claras Ziehmutter ist zur Hälfte Fae, was nicht nur für ihr Wissen rund um Heikräuter verantwortlich ist, sondern auch dafür, dass sie nicht in der Lage ist zu lügen. Als Haustier hält die Familie einen noch jungen Wyvern, und O’Neill, der als Baby unter einem blühenden Apfelbaum gefunden wurde, kann mit Tieren sprechen. Während für die Protagonistin und ihre Familie die Welt voller kleiner und größere fantastischer Dinge ist, scheint der Großteil ihrer Nachbarn ein relativ wenig magisches Leben zu führen – was dazu führt, dass z. B. Marens beginnende Verwandlung vor ihnen verheimlicht werden muss.

Durch den gesamten Roman ziehen sich kurze, märchenhafte Geschichten, die sich die Figuren gegenseitig erzählen und die für eine wunderbare Atmosphäre sorgen. Ich mochte auch – zum Großteil – Claras Perspektive, weil sie versucht, die Wünsche ihrer Schwester zu respektieren, egal wie sehr es ihr das Herz bricht, und weil sie versucht, ihre eigenen Gefühle in den Griff zu bekommen, weil es eben wichtigere Dinge in ihrem Leben gibt als eine unerfüllte Liebe. Was für mich etwas schwierig zu lesen war, war die Tatsache, dass ich Claras Überzeugung, dass O’Neill so gar nichts für sie empfindet, nicht ganz teilen konnte, weshalb ich mir wirklich gewünscht hätte, diese drei Charaktere hätten einfach mal offen miteinander geredet – auch wenn es natürlich eine Herausforderung ist, seine Gefühle zu gestehen, wenn dies das Verhältnis zu den beiden wichtigsten Menschen im Leben der Protagonistin verschlechtern könnte.

Ein weiteres Problem war für mich die Verwendung des Begriffs „Gypsy“ (und die dazugehörigen Beschreibungen) für eine Gruppe von Personen, bei denen O’Neill und Scarff eine Zeitlang Unterschlupf fanden. Auch die Tatsache, dass eine andere Gruppe „fahrendes Volk“ sich als die Bösewichte herausstellte, finde ich für eine relativ aktuelle Veröffentlichung (2015) schwierig. Allerdings ist das für eine märchenhafte Geschichte, die – meiner Meinung nach – von „Das letzte Einhorn“ und ähnlichen Romanen/Filmen inspiriert wurde, nicht so ungewöhnlich. Obwohl das Aspekte sind, die ich hier nicht ignorieren möchte und die mir definitiv beim Lesen negativ ins Auge gefallen sind, habe ich „The Mermaid’s Sister“ an sich wirklich gemocht. Claras Erzählstimme bin ich wirklich sehr gern gefolgt (und das ist definitiv ein Lob, wenn ich bedenke, wie wenig Geduld ich sonst mit unglücklich liebenden Teenagern habe), ich mochte die fantastische Welt, die Carrie Anne Noble für ihre Geschichte geschaffen hat, und ich bin mir sicher, dass ich irgendwann eine weitere Veröffentlichung von ihr lesen werde.

Lese-Eindrücke März 2024

Eigentlich wollte ich im März keine neuen eBooks kaufen, aber das ist irgendwie nach hinten losgegangen. Ich habe nicht nur einen Haufen (14! *uff*) Romane von W. R. Gingell angeschafft, damit ich die „The City Between“-Reihe am Stück lesen kann, sondern bin auch bei ein paar weiteren eBooks schwach geworden. Nur gut, dass ich insgesamt so viel gelesen habe, dass ich diese Käufe (irgendwie) vor mir rechtfertigen konnte. 😉

Sierra Cross: Fangs and Frenemies (Blue Moon Bay Witches 1)

„Fangs and Frenemies“ habe ich mal bei einer Aktion mit kostenlosen ersten Bänden mitgenommen. Die Geschichte wird aus Sicht der Hexe Hazel Greenwood erzählt, die in einer netten, kleinen Stadt ein – scheinbar – perfektes Leben führt. Hazel wohnt in einem hübschen, kleinen Haus, ist beruflich vollkommen zufrieden und seit ein paar Monaten ist sie mit einem wirklich netten Mann zusammen. Allerdings verschwindet dann eine Frau, mit der Hazel zur Highschool ging, und sie muss sich mit zwei ihrer „Frenemies“ zusammentun, um dieses Verschwinden aufzuklären. Ich mochte es, dass sich die Handlung sehr darum dreht, wie Hazel im Rahmen ihrer Ermittlungen herausfindet, was zu einem Bruch mit ihrer ehemals besten Freundin geführt hat. Der Schwerpunkt der Handlung war definitiv die Beziehung dieser drei Frauen zueinander. Für mich war es angenehm und unterhaltsam zu lesen, wie sich die drei Frauen (erneut) anfreunden, ein paar (fantastische/magische) Geheimnisse klären und sich gegenseitig unterstützen. Allerdings gab es auch viele sehr vorhersehbare Elemente in der Geschichte, was dazu führt, dass ich das Ganze zwar sehr nett fand, aber nicht so gut, dass ich für die weiteren Bände den vollen Preis zahlen wollen würde.

Lydia Sherrer: Love, Lies and Hocus Pocus – Beginnings (A Lily Singer Cozy Fantasy Adventure 1)

„Love, Lies and Hocus Pocus – Beginnings“ wurde mir in den vergangenen Wochen von mehreren Seiten empfohlen, und den Klappentext klang nett genug, dass ich spontan zugeschlagen habe. Die Protagonistin Lily Singer ist eine (magische) Bibliothekarin, ihr bester Freund Sebastian ist das personifizierte (ebenfalls magische) Chaos, und gemeinsam versuchen die beiden zu Beginn der Geschichte einen Fluch aufzuheben, was natürlich ein paar weitere Abenteuer zur Folge hat. Die Handlung wird in drei Teilen erzählt – der erste und der letzte Part aus der Sicht der Protagonistin Lily, der mittlere Teil aus der Sicht ihres „Sidekicks“ Sebastian. Grundsätzlich fand ich es eine gute Idee der Autorin, dass Lily zu den Personen gehört, die mit Magie geboren wurden, während Sebastian nur Magie wirken kann, wenn er auf (nicht immer ganz legale) Tricks zurückgreift, weil das dazu führte, dass die Autorin verschiedene Magievarianten in ihre Geschichte einbauen konnte, die ich interessant und unterhaltsam fand.

Überhaupt mochte ich die Grundidee für diese Geschichte mit einem Fluch, der auf einem Herrenhaus lag, und einem Geist, der in diesem Haus spukt, weil er verhindern will, dass andere Personen dem Fluch zum Opfer fallen, wirklich sehr. Auch fand ich Sebastian – gerade in dem Teil, der aus seiner Perspektive geschrieben wurde – sehr sympathisch und habe mich über ihn immer wieder gut amüsiert. Dummerweise habe ich die Passagen, die aus Lilys Sicht geschrieben wurden (und die den Großteil der Geschichte ausmachten) relativ ungern verfolgt, weil sie sich für mich nicht wie eine „reale Person“ anfühlte, sondern wie der Prototyp einer „überkorrekten und von Regeln besessenen Bibliothekarin, die besser mit Büchern als mit Menschen umgehen kann“. Mal davon abgesehen, dass Bibliothekarinnen bei der Arbeit fast mehr Zeit mit Menschen als mit Büchern verbringen müssen, ist so eine Perspektive nicht gerade unterhaltsam für mich zu verfolgen, wenn mir die Protagonistin mit ihren Gedankengängen das Gefühl gibt, dass sie sich sicher ist, dass sie allen anderen Personen überlegen sei.

R. L. Medina: The Fae’s Bride (Silveri Sisters 1)

„The Fae’s Bride“ ist schon im vergangenen Jahr erschienen, kam mir aber erst im vergangenen Monat vor die Nase (vermutlich weil der vierte Band gerade erschienen ist). Die Grundidee der Serie mit „cozy Liebesgeschichten in einem italienisch inspirierten Fantasy-Setting“ fand ich sehr ansprechend. Ebenso gefiel mir die Idee, dass ein Graf, der aufgrund seiner zweifelhaften Fae-Herkunft eher gemieden wird, sich in eine – ebenfalls von der Gesellschaft wenig geachtete – Hexe verliebt. Ich mochte die Welt und fand einen Haufen Charaktere sehr sympathisch, auch gefiel es mir, dass die Handlung abwechselnd aus der Sicht der beiden Hauptfiguren erzählt wurde. Seine Perspektive habe ich wirklich gern gelesen, bei ihrer Perspektive hatte ich aber das Gefühl, dass es immer wieder Widersprüche gab, unter anderem bei dem, was über eine Nebenperson gesagt/gedacht wurde und was von dieser Person gezeigt wurden. Alles in allem war der kurze Roman unterhaltsam zu lesen (und einige Szenen erinnerten mich an „Encanto“-Fanfiction, was ich auch nett fand), aber irgendwie hat das Ganze bei mir keinen besonders großen Eindruck hinterlassen, weshalb ich nach diesem ersten Teil nicht das Bedürfnis habe, weitere Bände der Reihe zu lesen.

Mara Webb: Cakes to Die For/A Brunch With Death (Compass Cove 1+2)

Den ersten Band der „Compass Cove“-Mysteries hatte ich vor ungefähr einem Jahr schon mal gelesen, als ich einen ganzen Haufen Paranormal-Cozy-Mysteries umsonst bei einer Werbeaktion heruntergeladen hatte. Da ich die Geschichte damals ganz nett fand, habe ich mir vor Kurzem gleich die gesamte zehnteilige Reihe als Bundle für 99 Cent gekauft und Band 1 und 2 gelesen, während ich bei meiner aktuellen Serie („The City Between“) zum Hörbuch wechseln musste, weil es beim neunten eBook ein Problem beim Kauf in Deutschland gab. In „Cake to Die For“ erbt die Protagonistin Zora Wick eine Bäckerei von einer verstorbenen Tante, wobei sie von der Existenz dieser Tante (und den verschiedenen anderen Familienangehörigen) erst durch dieses Erbe erfährt. Außerdem lernt Zora, dass sie eine Hexe ist (ebenso wie die anderen Mitglieder der Familie Wick), dass sie auch den – ziemlich sarkastischen – Familiar ihrer Tante geerbt hat und dass sie herausfinden soll, wer ihre Tante ermordet hat.

Auch wenn ich den Humor manchmal etwas arg überzogen fand, so war der Mystery-Anteil in der Geschichte ganz unterhaltsam und ich mochte, dass sich ein großer Teil der Handlung darum drehte, dass Zora ihre neuen Familienmitglieder kennenlernt. Es gibt im ersten Band einen Hauch von „Romance“, der allerdings nur darin besteht, dass Zora einen der Verdächtigen sehr attraktiv findet und es genießt, wenn er mit ihr flirtet. Alles in allem habe ich mich gut unterhalten gefühlt, obwohl es ein paar Szenen gab, die mir etwas zu albern waren. In „A Brunch With Death“ hingegen wird Zora Wick verdächtigt, einen ihrer Kunden vergiftet zu haben, und muss nun ihren Namen reinwaschen – was ein häufig verwendetes Motiv in Cozy Mysteries ist, das ich wirklich nicht leiden kann. Außerdem konzentriert sich die Autorin noch mehr auf die „lustigen“ Elemente in ihrer Geschichte, ebenso wie auf die Rivalität zwischen zwei Männern, mit denen Zora häufig zu tun hat – was bedeutet, dass sich für mich mit diesem Band die Reihe in eine Richtung entwickelt hat, die mir eigentlich nicht gefällt. Das Buch war immer noch nett genug, dass ich es beendet habe (und für 99 Cent bereue ich den Kauf auch nicht), aber ich werde mir gut überlegen, ob und wann ich zum dritten Teil greife.

Rebecca Burgess: Speak Up! (Comic)

„Speak Up!“ wird aus der Sicht der zwölfjährigen Mia erzählt, die von ihren Klassenkamerad*innen gemobbt wird. Ihre (alleinerziehende) Mutter ist ihr dabei keine Hilfe, denn auf der einen Seite will ihrer Mutter sie vor allem beschützen, und auf der anderen Seite sagt sie Mia immer, dass sie sich nur anders verhalten muss, um nicht mehr gemobbt zu werden. Mia selbst kann nicht verstehen, dass so viele Personen ein Problem mit ihr haben, weil sie autistisch ist. Für sie ist es eben ihre Normalität, dass sie zum Beispiel von zu viel Lärm überwältigt wird und deshalb Kopfhörer trägt, um damit fertigzuwerden, und dass sie bestimmte Verhaltensweisen anwenden muss, um im Alltag zurechtzukommen.

Einzig Charlie hat keinerlei Schwierigkeiten damit, dass Mia autistisch ist. Charlie und Mia sind schon lange Zeit miteinander befreundet und kennen einander sehr gut. Sie unterstützen sich gegenseitig und verbringen den Großteil ihrer Freizeit miteinander. Außerdem haben sie in den letzten Monaten unter dem Pseudonym „Elle-Q“ mit ihren gemeinsamen Youtube-Videos so einige Follower gefunden. Zusammen machen die beiden Musik, wobei Mia verkleidet vor der Kamera steht und singt, während Charlie die Songs komponiert und für das Filmen zuständig ist. Als Charlie aber mit Mia an einem Talentwettbewerb teilnehmen will, kriselt die Freundschaft der beiden, da Mia sich nicht zutraut, auf der Bühne zu stehen, während das für Charlie die Erfüllung eines wirklich großen Traums wäre.

Ich mochte den Comic sehr gern und fand es sehr berührend, von Mias Alltag, ihren Problemen und ihren Träumen zu lesen. Viele Figuren – gerade unter Mias Klassenkameradinnen – waren etwas sehr klischeehaft dargestellt. Aber da es Rebecca Burgess vor allem darum ging, den Alltag einer autistischen Person zu zeigen, fand ich das nicht schlimm. Außerdem vermute ich, dass sich die eigentliche Altersgruppe (Leser*innen zwischen 8 und 12 Jahren) daran deutlich weniger stören wird als ich. Innerhalb der Geschichte lässt Rebecca Burgess von Mia immer wieder bestimmte Aspekte zum Thema Autismus kindgerecht erklären, ohne dass diese Erklärungen von der Handlung ablenken würden. Da diese Dinge zu Mias Leben gehören und sie genau dafür gemobbt wird, ist es umso wichtiger, dass diese kleinen Einschübe in den Comic eingebaut wurden.

Die Handlung selbst fand ich wirklich sehr süß, und ich habe mich über jeden kleinen Fortschritt, den Mia machte, gefreut und gehofft, dass sie irgendwann einen für sie passenden Weg findet, um mit ihren Klassenkamerad*innen umzugehen. Es gibt immer wieder amüsante Szenen, wenn Mia und Charlie zusammen etwas machen, und es war so großartig, in der Geschichte über Szenen mit Charakteren zu stolpern, die sich ernsthaft Mühe geben, auf Mias Bedürfnisse einzugehen und respektvoll mit ihr umzugehen. Der Zeichenstil von Rebecca Burgess ist nett und gefällig, aber auch relativ beliebig. Hier macht es sich bemerkbar, dass der Comic weniger für eine erwachsene Comicleserin wie mich gedacht ist als für jüngere Leser*innen, die auf unterhaltsame Weise mit Informationen rund um Autismus versorgt werden sollen. Was die Zeichnungen nicht schlecht macht – sie haben bei mir nur keinerlei anhaltenden Eindruck hinterlassen. Insgesamt ist „Speak Up!“ ein wirklich süßer und informativer Comic, der mich während des Lesens gut unterhalten hat.

A. G. Slatter: The Path of Thorns

Nachdem mir „All the Murmuring Bones“ schon so gut gefallen hatte, hat sich A. G. Slatter (Angela Slatter) mit „The Path of Thorns“ auf meine Auto-buy-Liste gesetzt. „The Path of Thorns“ wird aus der Sicht von Asher Todd erzählt, die als Gouvernante von der Familie Morwood engagiert wird. Von Anfang an steht fest, dass Asher in dem Herrenhaus der Morwoods ihre eigenen Ziele verfolgt und dass diese Ziele unter anderem mit ihrer verstorbenen Mutter zu tun haben. Doch um ihre Vorhaben umzusetzen, muss Asher erst einmal Beziehungen zu den verschiedenen Familienmitgliedern aufbauen und Informationen zu den Morwoods und früheren Ereignisse rund um die Familie sammeln. Wie schon bei „All the Murmuring Bones“ geht es in diesem Roman weniger darum, voller Spannung der Handlung zu folgen, sondern um all die kleinen (und häufig düsteren) Details, die die Autorin in ihre Geschichte eingebaut hat.

Asher lernt so viel über die Vergangenheit der Morwoods und die Geschichte des von ihnen verwalteten Gebiets, indem sie den Märchen lauscht, die ihr die Kinder der Familie erzählen. Auch mit der Großmutter der Kinder liest Asher immer wieder fantastische Sagen, die viel über die Magie des Landes verraten oder in denen die Gouvernante Informationen zu Personen oder Zaubern findet. Dabei ist der gesamte Roman von einer düster-märchenhaften Atmosphäre durchdrungen, die dafür gesorgt hat, dass ich viele Passagen bewusst langsam genossen habe. Es gibt so viele fürchterliche Aspekte in dieser Geschichte, die von den Figuren als Teil ihres Lebens hingenommen werden. Und die Personen, die versuchen, sich zu wehren oder ihr Leben zum Besseren zu wenden, verlieren dabei in der Regel einen Teil ihrer Menschlichkeit. Auch Asher ist eine ziemlich skrupellose Person, die von ihrer Vergangenheit gezeichnet wurde, ohne dass sie dabei unsympathisch wäre.

Ich finde es wirklich faszinierend, dass ich beim Lesen so oft den Kopf geschüttelt und mir gedacht habe, dass Asher etwas auf gar keinen Fall machen sollte, ohne dass ich dabei die Geduld mit ihr (oder der Geschichte) verloren habe. Angela Slatter hat es geschafft, dass ich selbst die Handlungen von Asher, die ich von Anfang an verurteilte, im Rahmen ihres Charakters verstehen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass Asher aufgrund ihrer Vergangenheit nicht anders handeln konnte, und das finde ich wirklich beeindruckend von der Autorin. Angesichts all der vielen Elemente, die mich wirklich begeistern konnten, konnte ich auch gut damit leben, dass die eine oder andere „überraschende“ Entdeckung etwas vorhersehbar war. Ich habe die Atmosphäre zu sehr genossen, um mich davon enttäuschen zu lassen – vor allem, da die Art und Weise, in der diese Dinge enthüllt wurden, dann wieder mit stimmigen Szenen für die beteiligten Figuren einherging. Für mich bieten die Romane von Angela Slatter eine perfekte Mischung aus menschlichen Abgründen, toxischen Familien, düsteren Märchen und (keltischer) Folklore, faszinierenden Charakteren und liebevollen kleinen (Alltags-)Details. Nur gut, dass ich neben dem Roman „The Briar Book of the Dead“ auch noch ein paar Kurzgeschichten-Sammlungen von der Autorin zu entdecken habe.

Rosalie Oaks: Lady Avely’s Guide to Truth and Magic (Matronly Misadventures 1)

Den ersten Band der „Matrony Misadventures“ hatte ich vorbestellt, weil ich die Inhaltsangabe so nett fand und so gern historical fantasy mit schon etwas älteren Protagonistinnen lese. Dabei habe ich von Rosalie Oaks noch „The Lady Jewel Diviner“ ungelesen auf dem eReader (und erst nach dem Lesen von „Lady Avely’s Guide to Truth and Magic“ habe ich festgestellt, dass das der erste Band der Vorgängerreihe war, die sich um Lady Avelys Tochter drehte). In Rosalie Oaks‘ Roman wird die Handlung von Lady Judith Avely erzählt. Judith ist seit neun Jahren Witwe und hat gerade erst eine Londoner Saison hinter sich gebracht, die dazu führte, dass ihre Tochter sich verlobt hat. Nachdem ihre beiden Kinder erwachsen genug sind, um sie nicht mehr zu brauchen, und sie – aufgrund einer nachträglichen Ehrung ihres verstorbenen Ehemanns Nicholas – Besitzerin eines vernachslässigten Schlosses in Cornwall geworden ist, beschließt Judith, von London nach Cornwall zu reisen. Auf dem Weg macht sie einen Abstecher in ihren Geburtsort, um sich um eine Angelegenheit zu kümmern, die sie seit Längerem vor sich hergeschoben hat.

Genau genommen will sie Robert, der der illegitime Sohn ihres verstorbenen Mannes ist, einen Platz in ihrer Familie anbieten. Von Roberts Existenz hat Judith erst vor einigen Monaten erfahren, und sie brauchte etwas Zeit, um mit diesem Wissen umzugehen. Zusätzlich erschwert wird ihr Vorhaben dadurch, dass Robert als Diener auf dem Anwesen des Duke of Sargen arbeitet und Judith und der Duke eine gemeinsame Vergangenheit haben, die ihr einen höflichen Umgang mit ihm erschwert. Doch als Judith vor Ort eintrifft, muss sie feststellen, dass es einen Mord im Herrenhaus gegeben hat, bei dem ein Diener von einem Buch erschlagen wurde. Es gehen Gerüchte um, dass eine geisterhafte Erscheinung für den Tod verantwortlich sein soll – und der Duke benötigt Judiths magische Fähigkeit zu hören, wenn eine Person lügt, um herauszufinden, wer für die Tat verantwortlich ist.

Jedes Kapitel in „Lady Avely’s Guide to Truth and Magic“ wird eingeleitet mit einer Lektion rund um Judiths besondere Fähigkeit, außerdem gibt es immer wieder Passagen, die erzählen, wie sich Judith und der Duke kennengelernt haben und welche Verbindung es sowohl zwischen den beiden als auch zwischen dem Duke und Judiths verstorbenen Ehemann Nicholas gab. Mir persönlich hätten diese Elemente vollkommen gereicht, um das Verhältnis zwischen den beiden Figuren zu erklären. Aber Rosalie Oaks wendet zusätzlich noch einige Zeit dafür auf, um Judith darüber nachsinnen zu lassen, wie sehr der Duke sie vor alle den Jahren gekränkt hat und wie wenig vertrauenswürdig ein Mann seines Rufes sei – und das war mir dann doch etwas zu viel. Wenn es nicht immer und immer wieder diese Gedankenspiralen von Judith gegeben hätte (die angeblich so eine gute Beobachterin ist, aber trotzdem nicht über das hinwegkommt, was der Duke ihr vor über zwanzig Jahres gesagt hat, statt aus ihren eigenen Beobachtungen Schlüsse zu ziehen), hätte ich den Roman so amüsant gefunden, dass ich den zweiten Band gleich vorbestellt hätte.

Denn es gibt wirklich viele nette Elemente in „Lady Avely’s Guide to Truth and Magic“. Da wäre einmal die Magie, über die einige Familien verfügen und die sich in sehr spezialisierten Begabungen wie Illusion, Stärke oder eben die Fähigkeit zu hören, ob jemand lügt, zeigen. Das fand ich überraschend interessant gemacht, vor allem, da der Einsatz dieser Magie ziemlich anstrengend für die Personen ist und einen ähnlich ermüdenden und enthemmenden Effekt wie Alkohol haben kann. Dann gab es da noch die vampiric, die diesen Effekt mildern und die magiewirkenden Personen unterstützen können – und sowohl der Duke als auch Judith haben da zwei sehr individuelle Unterstützer an ihrer Seite, die ich unterhaltsam fand. Auch die Suche nach dem Mörder und den Hintergründen der Tat habe ich gern verfolgt, und ich fand es spannend, mehr über die Geheimnisse all der Anwesenden im Herrenhaus zu erfahren.

Mein Hauptkritikpunkt an „Lady Avely’s Guide to Truth and Magic“ ist also dieses endlose Festhalten von Judith an früheren Erlebnissen, während ich alles andere wirklich unterhaltsam fand und mich immer wieder über kleine Szenen zwischen den verschiedenen Charakteren amüsieren konnte. Aber da es am Ende des Romans eine Aussprache zwischen ihr und dem Duke gibt, hoffe ich darauf, dass das in weiteren Bänden kein Problem sein sollte. Trotzdem werde ich wohl erst einmal „The Lady Jewel Diviner“ lesen, um zu schauen, ob ich auch da über etwas stolpere, was mich stört. Außerdem kann es nicht schaden, die Vorgeschichte zu kennen, wenn ich mich doch noch dazu durchringen sollte, den nächsten Band der „Matronly Misadventures“ vorzubestellen, bevor er im Dezember erscheint.