Kategorie: Rezension

Hilary McKay: The Time of Green Magic

Hilary McKay gehört zu den Autor*innen, über die ich immer wieder stolpere und von denen ich auch den einen oder anderen Titel interessant finde, die dann aber aus irgendeinem Grund auf der Merkliste versauern. Zumindest war das so, bis ich über „The Time of Green Magic“ gestolpert bin, das ich dann auch – nach gerade mal drei Jahren auf dem SuB – in diesem Sommer gelesen habe. (Nur gut, dass ich inzwischen versuche, meine Neuzugänge zeitnäher zu lesen. Wenn es jetzt noch mit dem zeitnahen Rezensieren klappen würde …) „The Time of Green Magic“ ist eigentlich die perfekte Geschichte für den Spätherbst, falls ihr dafür noch ein Kinderbuch mit einem Hauch von Magie suchen solltet. Die Handlung wird aus der Perspektive der elfjährigen Abi erzählt, deren Leben in den vergangenen Monaten ziemlich auf den Kopf gestellt wurde, nachdem ihr verwitweter Vater Theo sich verliebt und erneut geheiratet hat.

Abis geliebte Granny Grace nahm diese Heirat zum Anlass, um nach all den Jahren, die sie sich in London um ihre Enkelin gekümmert hat, nach Jamaika zu reisen, während Abi und ihr Vater nach der Hochzeit mit seiner neuen Frau Polly und ihren beiden Söhnen Max (13 Jahre) und Louis (6 Jahre) in ein gemeinsames Haus ziehen und sich alle erst einmal an die veränderten Umstände gewöhnen müssen. Schnell stellen Abi und Louis fest, dass etwas an dem kleinen efeu-überwachsenen Haus ungewöhnlich ist: Abi hat zwar schon immer in Büchern eine Zuflucht vor der realen Welt gefunden, aber noch nie zuvor haben sich die Ereignisse in den Geschichten so real angefühlt. Für Louis hingegen bietet der Einzug in das neuen Haus die Gelegenheit, sich mit einem ganz besonderen vierbeinigen Besucher anzufreunden. Doch als dieser Freund immer größer wird, müssen sich Abi und Max zusammentun, um Louis vor seinem mysteriöse Besucher zu beschützen.

Hilary McKay nimmt sich in „The Time of Green Magic“ viel Zeit, um die verschiedenen Figuren und ihre Reaktion auf die neuen Familienverhältnisse zu beschreiben. Während Theo und Polly mit viel Optimismus an die Sache herangehen und dabei schon mal übersehen, welche Herausforderungen das Leben in einer Patchwork-Familie für die Kinder mit sich bringt, müssen die Kinder sich erst einmal gut genug kennenlernen, um herauszufinden, wie sie überhaupt in diese neue Familie passen. Dabei ziehen sich die ganze Zeit über kleine Elemente durch die Handlung, bei denen lange Zeit nicht ganz sicher ist, ob sie auf die Fantasie der Kinder oder auf einen Hauch von Magie zurückzuführen sind. Ich persönlich mochte diese Mischung aus fantastischen und realen Momenten, mit denen sich Abi, Louis und (später auch) Max auseinander setzen müssen.

Dabei muss ich zugeben, dass sich „The Time of Green Magic“ beim Lesen überraschend vertraut angefühlt hat und mich immer wieder an (britische) Kinderbuchklassiker erinnert hat, die ich als Kind gelesen habe. Obwohl die Handlung in der aktuelle Zeit spielt, fühlt sich die Geschichte mit ihrem Schwerpunkt auf dem Verhältnis der Kinder zueinander und dem Mangel an Erklärungen rund um die fantastischen Ereignisse überraschend altmodisch an und erinnerte mich immer wieder an Geschichten von Edith Nesbit. Ich fand das anfangs ziemlich überraschend, habe es aber genossen, über so eine ungewöhnliche Mischung aus „traditionellen fantastischen Kinderbuch-Elementen“ und modernen, chaotischen Familienverhältnissen inklusive all der Herausforderungen, die das für Abi, Louis und Max mit sich bringt, zu stolpern.

So dreht sich die Handlung eben nicht nur um die ungewöhnlichen Ereignisse in dem neuen Haus, sondern auch darum, dass Abi ihre Großmutter vermisst und es ihr schwerfällt, ihren Vater mit den neuen Familienmitgliedern zu teilen. Auch für Louis, der anfangs derjenige zu sein scheint, der am besten mit der neuen Situation klarkommt, gibt es so einige Herausforderungen, während Max nicht nur damit kämpft, dass er nun Teil einer Patchwork-Familie ist, sondern auch mit dem ersten Verliebtsein und einem ernsthaften Streit mit seinem besten Freund. Das alles führt dazu, dass in Hillary McKays „The Time of Green Magic“ gar nicht so viel Großes und Dramatisches passiert, aber all die kleinen Wendungen dafür sorgten, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen mochte und immer wieder noch ein paar Seiten gelesen habe, um herauszufinden, wie eine Situation für die Figuren ausgeht.

Natania Barron: Netherford Hall (Love in Netherford 1)

Der Klappentext für „Netherford Hall“ beginnt mit dem Satz „Pride and Prejudice and Witches“, und während ich Geschichten mit Hexen grundsätzlich mag, so habe ich doch inzwischen festgestellt, dass Jane-Austen-Neuerzählungen normalerweise nicht mein Ding sind. Deshalb habe ich mir von diesem Roman von Natania Barron erst einmal die Leseprobe angeschaut – nur um dann innerhalb von nicht einmal 24 Stunden die gesamten 350 Seiten zu verschlingen. „Netherford Hall“ ist eine überraschende Mischung aus gemütlichen und unheimlichen Elementen. Die ersten 2/3 der Geschichte verlaufen relativ gemächlich, während die verschiedenen Personen und ihre Hintergründe vorgestellt werden. Aber obwohl in diesem Teil relativ wenig zu passieren scheint, gibt es so viele kleine zwischenmenschliche Szenen und so viele Andeutungen von Bedrohungen, dass es definitiv nie langweilig wird.

Erzählt wird die Geschichte vor allem aus der Perspektive der beiden Protagonistinnen Poppy Brightwell und Edith Rookwood (wobei einige Kapitel auch aus der Sicht von Ediths Onkel erzählt werden). Poppy hat den Großteil ihres Lebens mit ihrer Familie in Netherford verbracht, nachdem ihre Eltern vor fünfzehn Jahren Harrow House von den Rookwoods gemietet haben. In all diesen Jahren stand der Herrensitz, zu dem Harrow House gehört, leer, da die Rookwood-Hexen lieber in London als auf ihrem angestammten Familiensitz lebten. Doch nach einem tragischen Brand im Stadthaus der Rookwoods, bei dem der Großteil der Familie (ebenso wie alle Bediensteten) ums Leben kam, kehrt Edith Rookwood gemeinsam mit ihrem Onkel Auden Garcliffe und ihrem Cousin Henry nach Netherford Hall zurück.

It is a truth universally acknowledged that a young gentlewitch, in possesion of great magical acumen and significant landholdings, ist rarely in want of a wife. Yet that was not so for Edith Rookwood, Gentlewitch of Netherford Hall. (Seite 7)

So vertraut wie dieses Zitat fühlt sich auch der restliche Anfang von „Netherford Hall“ an. Es gibt eine verarmte Familie von Stand, deren älteste Tochter (Viola) hübsch und beliebt ist, während die jüngere Tochter (Poppy) eher eigenwillig ist. Dazu kommt eine Gentlewitch (Edith), die neu in der Gegend ist und erst einmal all die üblichen Einladungen und ähnlichen gesellschaftlichen Herausforderungen hinter sich bringen muss. Und ja, Edith und Poppy fühlen sich relativ schnell zueinander hingezogen, aber natürlich ist es nicht so einfach, wenn beider Leben voller Herausforderungen, Geheimnisse, Magie und Flüche steckt. Edith ist so gar nicht auf die Rolle vorbereitet, die sie als neues Oberhaupt der Familie und Verantwortliche für Netherford Hall und den dazugehörigen Ort Netherford erwartet. Außerdem beschäftigt sie immer noch die Frage nach der Ursache des Feuers, bei dem ihre Familie ums Leben kam, und dann ist da noch der erschütternde Zustand des Herrenhauses, in dem Edith von jetzt an wohnen wird.

Ich mochte es sehr mitzuverfolgen, wie Edith mehr über sich, ihre Familie und die (magischen) Eigenheiten von Netherford (und Netherford Hall) herausfindet. Ebenso wie Edith muss auch Poppy – die anfangs den Eindruck vermittelt, sie wüsste genau, wo sie im Leben steht – im Laufe der Geschichte immer wieder feststellen, wie wenig sie doch über ihre eigene Vergangenheit und ihre Familie weiß. So spielt die Liebesgeschichte zwischen diesen beiden Figuren zwar eine relevante Rolle in der Handlung, für mich bleiben aber nach dem Lesen vor allem all die fantastischen Elemente, die Natania Barron in ihren Roman eigenflochten hat, präsent. Ich musste mich erst einmal auf eine Gesellschaft einlassen, in der es neben dem „üblichen“ britischen Adel auch noch die Coven der Gentlewitches gibt, nur um dann wieder davon überrascht zu werden, dass es in dieser Welt auch noch Vampire, Werwölfe und (theoretisch) Feen gibt. Aber ich fand es faszinierend, mehr darüberherauszufinden und zu sehen, wie die verschiedenen Figuren in dieser Welt (und in der Handlung) ihren Platz finden.

Es ist wirklich überraschend herausfordernd, in Worte zu fassen, was mich an „Netherford Hall“ so gut unterhalten hat. Ich mochte die vielen verschiedenen Figuren und ihre vielen Facetten, ich mochte die magischen Elemente, die Interaktionen der vielen Charaktere miteinander und diese Mischung aus gemütlich und unheimlich. Außerdem gab es so viele unvorhersehbare Wendungen, dass ich selbst bei den Punkten, bei denen ich die Auflösung eines „Rätsels“ vorhersehen konnte, dann von den damit einhergehenden Konsequenzen immer wieder überrascht wurde. Ich freue mich auf jeden Fall darauf, noch mehr von Natania Barron und zukünftigen Ereignissen rund um Netherford zu lesen. Außerdem überlege ich – trotz meiner Abneigung gegenüber „Arthurian Fantasy Romance“ – einen Blick in die „The Queen of Fate“-Trilogie der Autorin zu werfen, die sich um König Arthurs Schwester Anna dreht.

Lese-Eindrücke September 2024

Meine Lektüre im September bestand vor allem aus Büchern, die ich eigentlich im Sommer lesen und die ich nicht ein weiteres Jahr auf dem SuB liegen lassen wollte. Aber das sind Romane, die ich eigentlich noch „richtig“ rezensieren will, während hier vor allem die eBooks landen, die ich parallel zu meinen SuB-Titeln gelesen habe.

Meghan Ciana Doidge: Cupcakes, Trinkets, and Other Deadly Magic (Dowser Series Book 1)

Bei dem Titel (und nach der Leseprobe) hatte ich von „Cupcakes, Trinkets, and Other Deadly Magic“ einen netten Cozy Mystery mit fantastischen Elementen erwartet und war umso überraschter, dass sich das Buch als solide Urban-Fantasy-Geschichte entpuppte. Ich mochte die Protagonistin Jade, auch wenn sie ab und an etwas arg naiv dachte und handelte, außderdem gefielen mir die fantastischen Elemente, die die Autorin sich für diesen Roman ausgedacht hat. Und obwohl ich die Identität des Mörders am Ende des ersten Kapitels schon erahnen konnte (und da war der Mord im Buch noch nicht einmal passiert!), habe ich mich gut genug unterhalten gefühlt, dass ich den zweiten Band der Reihe auf meine Merkliste gesetzt habe. Es ist gerade schwierig genug für mich, neue Urban-Fantasy-Autor*innen zu finden (vor allem welche, die keinen „Romance-Schwerpunkt“ in ihre Handlung einbauen), so dass ich über die paar nicht so gelungenen Punkte hinwegsehen kann und dem zweiten Teil eine Chance geben mag.

Baroness Orczy: The Old Man in the Corner

Baroness Orczy ist eine der Krimiautorinnen der 1920er Jahre, die mir bislang noch nicht untergekommen war, und ich fand, dass die Grundidee (junge Journalistin bekommt von einem alten Mann in einem Café die Hintergründe zu aktuellen Verbrechen erklärt) ganz reizvoll klang. Leider konnte mich diese Sammlung von kurzen Geschichten dann doch nicht überzeugen. Der Aufbau jeder Geschichte ist gleich: Der namenlose alte Mann fasst im ersten Kapitel für die Journalistin zusammen, was für ein Verbrechen begangen wurde, um dann im zweiten Kapitel die Informationen zu ergänzen, die durch die Ermittlungen der Polizei und eventuelle Gerichtsverhandlungen aufgedeckt wurden. Zum Abschluss erzählt er der jungen Frau dann, was seiner Meinung nach die Lösung des Ganzen ist – Mansplaining in Reinkultur also und deutlich weniger unterhaltsam als erhofft.

Das ist jetzt nicht so viel anders als andere Cozy Mysteries, aber hier fand ich viele Auflösungen ziemlich durchschaubar, und es frustrierte mich, dass ich als Leserin nie erfuhr, ob der alte Mann recht hatte. Das Gespräch mit der Journalistin schien am Ende keinerlei Folgen für den/die Verbrecher oder die Opfer zu haben, so dass sich durch diese Denkspiele nichts änderte, während sich gleichzeitig der alte Mann auf die Schulter klopfte, weil er so viel klüger als alle anderen ist und einfach nur keine Lust hat, der Polizei auf die Sprünge zu helfen … Dazu kamen noch so einige ableistische und rassistische Elemente, die ich bei anderen Autor*innen dieser Zeit nicht (so gehäuft) gefunden habe. Das alles führt dazu, dass ich nicht noch mehr von Baroness Orczy lesen möchte.

Tansy Rayner Roberts: This Enchanted Island (Teacup Magic 6)

„This Enchanted Island“ ist der sechste Teil der Teacup-Magic-Reihe, und während sich theoretisch jeder Band einzeln lesen lässt, würde ich doch empfehlen, die Veröffentlichungsreihenfolge einzuhalten, um keine Spoiler für weitere Handlungsentwicklungen zu bekommen. Die erste Hälfte dieser Geschichte spielt auf der Caliban, einem Schiff, das von Freibeutern der Königin gesteuert wird, und auf dem Metis Seabourne Zuflucht findet. Die Besatzung besteht aus einem Haufen sehr individueller Personen, und es hat mir viel Spaß gemacht, Metis Abenteuern mit den unterschiedlichen Charakteren auf der Caliban zu folgen. Richtig amüsant wurde es dann aber, als sie alle miteinander auf einer verzauberten Insel landeten und sich die Handlung in eine Richtung entwickelte, die eine sehr deutliche „Alice im Wunderland“-Atmosphäre mit ein paar Sprenkeln von Shakespeares „Sommernachtstraum“ aufkommen ließ. Ich mag die Teacup-Magic-Geschichten wirklich gern und habe das Gefühl, dass Tansy Rayner Roberts sich mit jedem Band noch einmal steigert. 🙂

Cathy Yardley: Role Playing

Ich weiß nicht mehr, wer auf Bluesky „Role Playing“von Cathy Yardley erwähnt hatte, aber ich hatte den Eindruck gewonnen, dass es sich dabei um eine amüsante Liebesgeschichte mit einer ungewöhnlichen Ausgangssituation handelte, und das schien mir passend für meine Laune Anfang September. Die Handlung wird abwechselnd aus der Sicht der 48jährigen Maggie und des 50jährigen Aiden erzählt, die sich über ein Online-RPG angefreundet haben. Allerdings denkt Maggie, dass Aiden ein Collegestudent um die 20 ist, während er glaubt, dass sie eine um die 80 Jahre alte Rentnerin ist (und ich muss Cathy Yardley hoch anrechnen, dass sie diese Idee glaubwürdig rüberbringt!). Als die beiden dann herausfinden, wie sehr sie sich in ihrer Einschätzung geirrt haben, wird es wirklich lustig – auch weil parallel von ihrem Umfeld die ganze Zeit Bemühungen laufen, die beiden (mit anderen Personen!) zu verkuppeln. Was mich zu dem Teil der Geschichte bringt, der weniger amüsant und leicht ist, sondern sich ernsthaft damit beschäftigt, wie sehr die Erwartungen von Familie und Freundeskreis – selbst wenn es gut gemeint ist – eine Person verletzten können.

Ich mochte es zu verfolgen, wie die Freundschaft zwischen Maggie und Aiden dazu führt, dass beide sich selbst etwas besser kennenlernen, mehr über die eigenen Bedürfnisse herausfinden und im Anschluss dann eben auch in der Lage waren, darüber nachzudenken, was für eine Beziehung sie eigentlich führen wollen. Mir gefiel es sehr, dass die beiden Charaktere definitiv erwachsene Personen mit einer Vergangenheit, die sie geprägt hat, waren und dass das dazu führte, dass sich nur sehr langsam aus einer überraschenden Freundschaft mehr entwickelte. Ich fand beide Charaktere wirklich sympathisch – Aiden, der eine gutmütige und aufmerksame Person ist, ebenso wie Maggie, die sich immer wieder auf einer Gratwanderung zwischen grumpiger Einsiedlerin und „in dieser Situation muss ich meinem Sohn zuliebe höflich sein“ wiedergefunden hat. Insgesamt war „Role Playing“ sehr lustig und voller wunderbarer Szenen mit den beiden Hauptfiguren. Außerdem habe ich beim Lesen immer wieder innegehalten, um über bestimmte Aspekte in der Geschichte nachzudenken, und mehr kann ich von einem Liebesroman wirklich nicht erwarten.

L. D. Lapinski: The Forgotten Magic (Artezans 1)

„The Forgotten Magic“ hat seit dem Frühling darauf gewartet, dass ich das Buch vom SuB ziehe. Der erste Band der neuen Reihe von L. D. Lapinski wird aus der Perspektive des elfjährigen Ed(ward) erzählt, der – ebenso wie seine Väter und seine Zwillingsschwester – zu den Artezans gehört, was bedeutet, dass die Familie in der Lage ist, Magie zu wirken. Wobei Ed und seine Schwester Elodie erst in diesen Sommerferien herausfinden werden, ob sie wirklich über Magie verfügen, und wenn ja, was für eine Magie das sein könnte. Im Laufe der Geschichte gibt es so einige Hintergrundinformationen zu der Magie der Artezans und wieso diese Magie in den vergangenen vierhundert Jahren immer seltener und schwächer wurde, aber erst einmal wird von all den größeren und kleineren magischen Dingen erzählt, die das Leben der Artezans bis heute prägen.

L. D. Lapinski nimmt sich dabei viel Zeit, um Ed und sein Umfeld vorzustellen, wobei vor allem Eds etwas zwiespältiges Verhältnis zu seiner Schwester im Mittelpunkt steht. Gerade weil die beiden Zwillinge sind, kann Ed es nicht so recht nachvollziehen, dass er und Elodie solch gegensätzliche Persönlichkeiten haben. So ist Elodie voller Vorfreude auf das sommerliche Artezan-Camp, das neben ihrem Zuhause abgehalten wird, während Ed schon bei der Vorstellung an all die Menschenmassen von Fluchtgedanken beherrscht wird. Nicht selten ist Ed neidisch auf seine Schwester, während sie gleichzeitig seine beste Freundin und engste Vertraute ist. Dies führt dazu, dass sich eben auch ein nicht so geringer Teil der Handlung darum dreht, dass Ed mit seinen negativen Gefühlen und Impulsen fertig werden und einen klügeren und bewussteren Umgang damit finden muss.

Ich verrate jetzt mal so viel, dass Eds größter Wunsch (nämlich über beeindruckende Magie zu verfügen) in Erfüllung geht und dass ihm danach erst bewusst wird, dass solch eine Magie nicht einfach zu beherrschen ist. Was bedeutet, dass Ed mehr über seine (alb)traumhafte Magie (und sich selbst) herausfinden muss, um mit seinen neuen Fähigkeiten keinen Schaden anzurichten. Während ich sonst häufig Probleme habe, Sympathien für solche Protagonisten zu entwickeln, habe ich es hier überraschend gern verfolgt, wie Ed mit sich selbst ringt. Obwohl Ed sich immer (wissentlich!) unverantwortlich verhält, gelang es L. D. Lapinski, ihn so darzustellen, dass ich sein Verhalten selbst dann nachvollziehen konnte, wenn ich dabei zusehen musste, wie er gerade großen Mist baute. Ich finde es übrigens faszinierend, wie sehr ich mich beim Lesen (und Rezensieren) dieses Buchs auf Eds Charakterentwicklung konzentriert habe, obwohl es so viele wunderbare fantastische Elemente in diesem Roman gibt, die ich erwähnen könnte.

L. D. Lapinski hat mit den Artezans eine interessante Mischung aus vertraut wirkender und überraschender magischer Gesellschaft geschaffen. Außerdem begegnen einem während des Sommercamps so viele Figuren mit ungewöhnlichen (und nicht immer nützlichen) magischen Fähigkeiten. Besonders die Person, die die Kinder beim Umgang mit ihrer neuentdeckten Magie unterstützen soll, aber auch die Väter von Ed und Elodie fand ich wirklich sympathisch, und ich hatte Spaß daran, mir vorzustellen, wie sich ihre fantastischen Fähigkeiten wohl einsetzen ließen. Für mich war „The Forgotten Magic“ genau die passende Mischung aus fantastischen Ideen, amüsanten und nachdenklichen Momenten und einer immer intensiver werdenden unheimlichen Atmosphäre. Auch wenn einige Wendung für mich etwas vorhersehbar waren, habe ich es genossen, Eds Weg dahin zu verfolgen. Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Band („The Whispering World“), der für März 2025 angekündigt ist, und bin gespannt, wie es mit Ed, Elodie und der Magie der Artezans weitergehen wird.

Lucy Strange: The Secret of the Nightingale Wood

Nachdem ich vor 3 1/2 Jahren (wieso ist das schon wieder so lange her?!) „The Ghost of Gosswater“ von Lucy Strange gelesen hatte, wollte ich unbedingt noch mehr von der Autorin lesen – was dazu geführt hat, dass ich Anfang des Monats „The Secret of the Nightingale Wood“ vom SuB gefischt habe. Das Buch spielt kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Großbritannien und wird aus der Perspektive der elfjährigen Henry (Henrietta) erzählt. Von Anfang an steht fest, dass ein Vorfall rund um ihren älteren Brüder Robert Henrys Familie zutiefst erschüttert hat und dass ihr Vater deshalb mit der gesamte Familie von London in ein kleines Haus an der Küste gezogen ist. Doch der Umzug allein macht natürlich nicht alles wieder gut, und so verbringt Henry einen ziemlich einsamen Sommer, in dem sie keinen Kontakt mit ihrer kranken Mutter hat, ihr Vater beruflich im Ausland ist und sich Nanny Jane vor allem um Henrys Mutter und das Baby (mit dem Spitznamen „Piglet“) kümmert.

Es gibt viele Passagen in „The Secret of the Nightingale Wood“, die sich nach klassischen britischen Kinderbüchern anfühlen, wie zum Beispiel die Momente, in denen Henry das unvertraute Haus oder den angrenzenden Wald hinter dem Grundstück erkundet. Sie lernt so einige neue Menschen kennen, und während manche davon liebenswert skurril oder vertrauenserweckend sind, gibt es doch auch immer wieder Personen, die Henry Angst machen. Das sorgt für viele Momente, die wunderschön und heimelig zu lesen sind, ohne einen vergessen zu lassen, dass die grundsätzliche Stimmung in dieser Geschichte deutlich weniger entspannt ist. Denn neben all den altmodisch-gemütlichen Beschreibungen gibt es noch die Elemente, die auf diese Weise definitiv nicht in Kinderbuchklassikern angesprochen werden. So steht von Anfang an steht fest, dass Henrys Familie um ihren Bruder Robert trauert, auch wenn nicht genau gesagt wird, was mit ihm passiert ist.

Diese Trauer hat Henrys Mutter krank gemacht, auch wenn das Mädchen nicht genau versteht, was mit ihrer Mutter passiert. Was ihr hingegen nur zu bewusst ist, ist, dass der Arzt, der ihre Mutter behandelt, keine Person ist, der das Wohl ihrer Patient*innen am Herz liegt. Stattdessen scheint dieser Arzt davon fasziniert zu sein, dass er endlich eine Möglichkeit hat, „weibliche Hysterie“ zu erforschen. Was ich – als erwachsene Person, die genau weiß, was diese Art von „Forschung“ zu dieser Zeit beinhaltete – beim Lesen mindestens ebenso beängstigend fand wie Henry. Dazu gibt es noch einige Nebenstränge, die sich zum Beispiel um eine rätselhafte Frau im (titelgebenden) Wald drehen oder um ehemalige Soldaten, die im Krieg Verletzungen davon getragen haben. Zu viel will ich hier nicht verraten, denn ich fand es wirklich reizvoll, all diese Dinge aus Henrys Sicht zu erleben.

Henry ist eine wundervolle Protagonistin, die mit viel Fantasie und Mut versucht, ihre zerbrechende Familie zusammenzuhalten und ihre Mutter zu beschützen. Sie hat nicht immer die klügsten Ideen, aber gerade das führt regelmäßig zu unterhaltsamen Szenen, die einen Ausgleich zu den eher düsteren Passagen bilden. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich es herzzerreißend fand, diesen Roman zu lesen, und immer wieder Pausen benötigte, weil ich mit all diesen Charakteren so mitgelitten habe. Für mich als erwachsene Leserin waren einige Elemente in der Geschichte wirklich schwer zu ertragen, was definitiv daran lag, dass ich eben über mehr Wissen verfügte als Henry (oder die 10- bis 12jährige Zielgruppe des Romans). Trotzdem kann ich im Nachhinein sagen, dass ich das Lesen von „The Secret of the Nightingale Wood“ genossen habe und dass so einige Szenen immer noch in mir nachklingen – weshalb ich mir inzwischen den Roman „Sisters of the Lost Marsh“ von Lucy Strange bestellt habe (dessen Inhaltsbeschreibung nach einem wunderbar gruseligem Herbstlesebuch klingt).

Celia Lake: Pastiche (Charms of Albion 1)/Mysterious Charm 0.5 bis 7

Eigentlich hatte ich diesen Text als Teil meiner Lese-Eindrücke für den August geschrieben, aber dann wurde er so lang, dass ich ihn doch lieber in einem extra Beitrag veröffentliche:

„Pastiche“ war eins der ersten eBooks, die ich mir in diesem Jahr auf den eReader geladen hatte, und es war das Buch, das im August dafür gesorgt hat, dass ich danach in acht Tagen acht (neu angeschaffte) Bücher gelesen habe. Genau genommen habe ich im Anschluss die vollständige Mysterious-Charm-Reihe*Titel der Reihe der Autorin gelesen, weil ich nach diesem ersten Roman der „Charms of Albion“-Reihe wissen wollte, ob mir anderen Bücher von Celia Lake auch gefallen würden. Da es den ersten Band der „Mysterious Charm“-Reihe umsonst herunterzuladen (und die Vorgeschichte als Bonus für Newsletter-Abonnenten) gab, habe ich die also ausprobiert – und dann konnte ich nicht aufhören, weiterzulesen. Ich weiß nicht, ob mich die Geschichten der Autorin auch so gepackt hätten, wenn ich nicht in der Zeit so übermüdet und so verzweifelt auf der Suche nach entspannenden Romanen gewesen wäre. Aber für diesen Zustand waren sie einfach perfekt, und ich bin wild entschlossen, irgendwann noch weitere Reihen von Celia Lake zu lesen. Die Autorin schreibt Liebesgeschichten, die in Albion spielen, einer magischen Parallelgesellschaft innerhalb unserer unmagischen Welt – genau genommen im britischen Teil dieser Welt zwischen den Jahren 1880 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Einige ihre Figuren sind traumatisiert, verletzt oder behindert, und die Geschichten scheuen definitiv nicht vor all den Herausforderungen und Ungerechtigkeiten zurück, die damit einhergehen. Es gibt auf der Homepage von Celia Lake zu jeder ihrer Geschichten Content Warnings, damit jede/r Leser*in selbst entscheiden kann, ob bestimmte Themen lieber gemieden werden. Trotz dieser ernsthaften Elemente würde ich die bislang gelesenen Geschichten als „cozy“ bezeichnen, da es in der Regel darum geht, dass Personen – häufig mit sehr unterschiedlichen Hintergründen – zusammenfinden, um gemeinsam Probleme zu bewältigen. Keines dieser Probleme entsteht dadurch, dass diese Charaktere nicht miteinander reden (im Gegenteil, es gibt wirklich viel Austausch zwischen den Figuren, was ich sehr wohltuend fand) und am Ende sind in der Regel nicht nur diese Probleme gelöst, sondern diese fantastische Welt ist dadurch sogar ein kleines Stückchen besser geworden. Mir gefällt es auch, dass die Geschichten (mehr oder weniger) lose miteinander verknüpft sind. Für die von mir gelesenen Romane benötigte ich kein Vorwissen, fand es aber angenehm, immer wieder auf Figuren zu treffen, die ich aus den schon gelesenen Büchern kannte.

Eine kleine „Warnung“ sollte ich zu den Büchern vermutlich mitgeben: Die Autorin ist Bibliothekarin, und das macht sich bemerkbar! Genau genommen bedeutet das, dass es so einige Passagen in den Geschichten gab, in denen Informationen zu den verschiedenen Themen auftauchten. Gut recherchierte und sehr ausführliche Informationen – was ich persönlich genossen habe, was aber nicht gerade für eine zügig voranschreitende Handlung sorgt. Die bislang von mir gelesenen Romane von Celia Lake hatten alle eine eher gemächlich erzählte Geschichte, und häufig wurde darauf verzichtet, einen potenziellen „Endkampf“ zu beschreiben. Stattdessen gab es dann einen Sprung zu einer Aufarbeitung der Ereignisse für alle beteiligten Figuren, die dafür sorgte, dass diee Charaktere dann (mehr oder weniger) unbehelligt von den vorherigen Ereignissen in die Zukunft schauen konnten. Für mich ist das definitiv in Ordnung, auch wenn ich zugeben muss, dass ich dieses Vorgehen beim ersten Mal überraschend fand. Aber ich vermute, dass das eine Erzählweise ist, die nicht jedem liegt …

* Mysterious-Charm-Reihe: 0.5 Ancient Trust (gibt es aktuell von der Autorin für ihre Newsletter-Abonnenten), 1. Outcrossing (zur Zeit kostenlos herunterladbar), 2. Goblin Fruit, 3. Magician’s Hoard, 4. Wards of the Roses, 5. In The Cards, 6. On the Bias, 7. Seven Sisters

Lese-Eindrücke August 2024

Im August gab es deutlich weniger kühle Tage als im Juli, weshalb ich mich vor allem an eBooks gehalten habe. Dummerweise hat dabei mein „ich lese ungelesene Bücher vom eReader“-Vorhaben dazu geführt, dass ich eine Autorin für mich neu entdeckt habe und deshalb unbedingt ein paar neue Bücher kaufen musste, aber dazu schreibe ich in einem anderen Beitrag noch mehr … 😉

Zoe Chant: Lion on Loan (Shamrock Safari Shifters 1)

In der Regel finde ich die Gestaltwandler-Liebesgeschichten von Zoe Chant (zumindest, wenn sich hinter dem Pseudonym C.E. Murphy verbirgt) nett und lustig, weshalb ich natürlich auch ihre neue Reihe ausprobiert habe. Diese Reihe dreht sich um einen Zoo in Irland, in dem Gestaltwandler in ihrer tierischen Gestalt Urlaub machen und so dafür sorgen, dass es immer wieder besondere Tiere gibt, die Besucher anlocken. Aber so nett und amüsant diese (kurze) Geschichte rund um eine Zooangestellte und einen Löwen-Gestaltwandler war: Ich wünschte, die Autorin würde nicht immer auf InstaLove setzen und ihre Handlung mal auf mehr als zwei Tage verteilen. Ich trauere ein bisschen dem allerersten Roman, den sie in diesem Genre geschrieben hat, hinterher, in dem sich die beiden Protagonisten über Monate hinweg kennenlernten, bevor sie eine gemeinsame Zukunft ins Auge fassten. Aber der hatte ja auch mehr als 150 Seiten … Keine Ahnung, ob ich einen weiteren Band über die Shamrock-Safari-Shifters lesen werde.

G Clatworthy: Bedsocks and Broomsticks (Omensford 1)

Ich muss gestehen, dass „Bedsocks and Broomsticks“ nicht gerade einen anhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. Die Geschichte dreht sich um Fi – eine Hexe, deren ungewöhnliche Magie sich rund um Elektrizität dreht und die als IT-Spezialistin arbeitet. Nachdem Fi zum xten Mal ihren Arbeitslaptop zerstört hat, wird ihr gekündigt, was dazu führt, dass ihre Mutter sie für die Organisation eines lokalen Festivals einspannt. Als bei diesem Festival dann eine ältere Hexe ermordet wird und Fi eine Verbindung mit dem Wyrm-Familiar der Verstorbenen eingeht, fühlt sie sich dazu berufen, das Verbrechen aufzuklären. Alles in allem war das ganz nett für vollkommen übermüdete Lesephasen, in denen ich einfach nur ein bisschen Unterhaltung haben wollte. Aber es war nicht interessant genug, um weitere Bände der Autorin in Betracht zu ziehen. Immerhin möchte ich positiv anmerken, dass das mal ein aktueller (fantastischer) Cozy Mystery war, der ganz ohne künstlich aufgepfropfte Liebesgeschichte auskam!

Emily J. Edwards: Viviana Valentine Gets Her Man (A Girl Friday Mystery 1)

Die Viviana-Valentine-Romane sind ein typischer Fall von „mehrere Leute in meiner englischsprachigen Timeline sind davon begeistert, weshalb ich jeden Titel, der günstig (also unter 3 Euro) zu haben war, gekauft habe“. Ich würde mir die Bücher nicht für den aktuellen eBook-Preis (13 bis 16 Euro!) kaufen, aber nach dem Lesen von „Viviana Valentine Gets Her Man“ werde ich die Reihe im Auge behalten. Ich mochte die Protagonistin Viviana, die als Sekretärin für einen Privatdetektiv im New York der 1950er Jahre arbeitete. Als ihr Chef spurlos verschwindet, während zeitgleich eine Leiche in seinem Büro gefunden wird, sieht sich Viviana gezwungen, selbst die Ermittlungen aufzunehmen, was zu einer – für mich angenehm lesbaren – Mischung aus Überforderung und Anwendung von von ihrem Chef erlernten Wissen führt.

Außerdem stehen Viviana ihre Mitbewohnerinnen zur Seite, so dass sie über ein überraschend großes Angebot an unterschiedlichen Ressourcen verfügt, was dafür sorgt, dass sie für die verschiedensten Situationen besser gewappnet ist, als sie es auf sich allein gestellt wäre. Mir gefielen auch all die atmosphärischen Szenen, die mich an diverse sw-Filme aus dieser Zeit erinnerten. Ich muss allerdings zugeben, dass ich den 50er-Jahre-Slang, den Viviana verwendet, anfangs ziemlich gewöhnungsbedürftig fand, und bis die Geschichte nach der ersten Hälfte deutlich an Fahrt aufnahm, hatte ich auch kein Problem, das Buch für ein paar Tage aus der Hand zu legen. Aber nachdem Viviana nun ihren ersten Fall gelöst hat, bin ich gespannt, wie es mit ihr und der Detektivarbeit weitergeht, und freue mich darüber, dass ich noch zwei weitere Bände in meinem Besitz habe.

Mina V. Esguerra: First Time for Everything (Café Titas 1)

Eine 140-Seiten-Liebesgeschichte zwischen einer Frau um die Vierzig, die zum ersten Mal in ihrem Leben Sex haben will, und ihrem Jugendfreund, der sich bereit erklärt, ihr dafür zur Verfügung zu stehen. Ich fand es nett, mal von einer selbstbewussten erwachsenen Frau zu lesen, die zum ersten Mal mit einem Mann schläft und kein Problem mit ihrer Unerfahrenheit hat. Es ist erschreckend, wie froh es mich macht, wenn ich in Liebesromanen Figuren vorfinde, die vernünftig miteinander kommunizieren, so wie es hier der Fall war. Außerdem war es angenehm zu verfolgen, wie aufmerksam und respektvoll die beiden Charaktere miteinander umgehen, wie wichtig es ihnen ist, dass es ihrem Gegenüber gut geht, und wie sie auch außerhalb des Schlafzimmers gemeinsame Interessen fanden. Das war eine erfrischend andere und überraschend süße Liebesgeschichte, die ich wirklich nett fand.

Satoshi Yagisawa: Days at the Morisaki Bookshop

„Days at the Morisaki Bookshop“ hatte ich irgendwann im Frühling im Angebot als eBook gekauft, weil es regelmäßig in einem Atemzug mit anderen (asiatischen) cozy Romanen erwähnt wird. Leider muss ich zugeben, dass mir diese Geschichte rund um eine depressive junge Frau, der durch eine Auszeit in der Buchhandlung ihres Onkels ein Neustart im Leben gelingt, nicht so ansprechend fand. Theoretisch gibt es ein paar nette Elemente in dem Roman, die aber bei mir keinerlei Emotionen auslösten, da mir die Erzählweise von Satoshi Yagisawa einfach nicht lag. Das könnte vielleicht an der Übersetzung von Eric Ozawa gelegen haben, aber das bezweifle ich, da ich bei anderen aus dem Japanischen ins Englische übersetzen Titeln dieses Problem nicht habe. Außerdem fand ich die Handlung so schrecklich vorhersehbar, dass ich am Ende regelrecht froh war, als ich das (gerade mal 170 Seiten umfassende) Buch endlich beendet hatte.

Sarah Beth Durst: The Spellshop (Hörbuch)

„The Spellshop“ von Sarah Beth Durst habe ich als Hörbuch gehört (sehr schöne Unterhaltung, wenn ich abends im Dunkeln mit der Switch gespielt habe). Gelesen wird die Geschichte von Caitlin Davies, die ihre Arbeit wirklich gut gemacht hat. Ich habe ihr auf jeden Fall gern zu gehört. Die Handlung dreht sich um die Bibliothekarin Kiela, die gemeinsam mit ihrem Assistenten Caz (einer Grünlilie mit sehr viel Charakter, die durch einen magischen Unfall entstanden ist) fliehen muss, als Revolutionäre die Bibliothek in Brand setzen. Auf der kleinen Insel, auf der Kiela geboren wurde, suchen die beiden Zuflucht – voller Angst, dass jemand all die Zauberbücher, die sie in Sicherheit gebracht haben, entdecken könnte.

Die Geschichte ist wirklich niedlich und voller hübscher Elemente, und ich mochte grundsätzlich die Welt, die Sarah Beth Durst für ihren Roman entworfen hat. Ich hatte allerdings ein wirklich großes Problem damit, dass die Handlung in so kurzer Zeit spielt. Gefühlt gelingt es Kiela, das jahrelang ungenutze Cottage ihrer Familie innerhalb von zwei Tagen sauber und bewohnbar zu machen. Binnen einer Woche bringt sie nicht nur den vernachlässigten Garten in Ordnung, sondern eröffnet parallel auch noch einen Shop für Marmelade und freundet sich sich mit einer Handvoll Leute so gut an, dass diese bereit sind, für Kiela große Risiken einzugehen. Ein paar Ereignisse weniger und dafür etwas mehr gemütliches Ankommen auf der Insel hätte mir deutlich besser gefallen. (Und wieso hat Kiela an so gut wie keine Person aus ihrer Kindheit Erinnerungen, wenn ich von ihren Eltern absehe? Das ist absurd – gerade auf einer kleinen Insel, wo selbst ein Kind die meisten Personen kennen sollte …)

Lese-Eindrücke Juli 2024

Meine Lektüre im Juli war eine Mischung aus „ich nutze die kühleren Tage für die Scavenger Hunt TBR Book Challenge und SuB-Abbau“ und „ich müsste mich wirklich mal mit den älteren ungelesenen Titeln auf meinem eReader beschäftigen“. Das hat allerdings auch dazu geführt, dass der Großteil der gelesenen Romane nur „nett“ war und nicht herausragend. Aber ein paar Worte will ich zu den Titeln, die ich nicht noch mit einer einzelnen Rezension bedenken möchte, doch verlieren.

Megan Bannen: The Undermining of Twyla and Frank (Hart and Mercy 2)

„The Undermining of Twyla and Frank“ ist Anfang Juli 2024 veröffentlicht worden und eine Geschichte, die unabhängig von „The Undertaking of Hart and Mercy“ lesbar ist, aber in derselben Stadt (und nach den Ereignissen rund um Hart und Mercy) spielt. Genau genommen sind Twyla und Frank Kollegen von Hart, und nach den Vorkommnissen im ersten Band müssen sie damit zurechtkommen, dass sich ihre Rolle als Tanrian Marshals deutlich verändert hat. Ich mochte, dass es sich dieses Mal um eine „old friends to lovers“-Geschichte handelte, auch wenn ich beide Figuren ab und an gern geschüttelt hätte, weil sie so sehr darauf beharrten, dass sie doch nur Freunde sind.

Außerdem fand ich es spannend, mehr über die Welt, die Megan Bannen für ihre Romane geschaffen hat, zu erfahren – vor allem über den Bereich, in dem vor langer Zeit die Götter eingesperrt waren und in dem es noch so einiges zu entdecken gibt. Auf das Buch hatte ich mich gefreut und es dann auch direkt nach Erscheinen genossen. Den Weltenbau finde ich wirklich faszinierend und die Liebesgeschichte hat mich (trotz der immer mal wieder vorkommenden Begriffsstutzigkeit der Charaktere) gut unterhalten. Den dritten Band („The Undercutting of Rosie and Adam“), der im Juli 2025 erscheinen soll, habe ich dann auch schon mal vorbestellt!

T. Kingfisher: Summer in Orcus

„Summer in Orcus“ lag schon längere Zeit auf meinem eReader, und bei dem Titel dachte ich, dass es ein guter Sommerroman sein könnte. Doch dann habe ich den Roman angefangen und festgestellt, dass Summer der Name der Protagonistin ist. 😉 Genau genommen ist Summer eine Elfjährige, die ihr ganzes Leben lang von ihrer überängstlichen Mutter in Watte eingepackt wurde und an deren Haus eines Tages Baba Yaga in ihrer Hütte vorbeikommt. Ein Handel mit Baba Yaga soll Summer die Erfüllung ihres Herzenswunsches bringen und führt dazu, dass sich das Mädchen in der fantastischen Welt Orcus wiederfindet. Orcus ist voller wunderbarer Kreaturen und magischer Dinge, aber die Bewohner werden von der Königin und ihrem unheimlichen Houndbreaker terrorisiert. In den meisten anderen Jugendfantasy-Romanen wäre Summer nun die langerwartete Heldin, die gegen die Königin und ihren Houndbreaker kämpfen muss, aber Summer ist definitiv keine klassische Heldin.

Ich liebe es, wie T. Kingfisher (Ursula Vernon) in diesem Roman mit den diversen Portal-Fantasy-Elementen spielt und sich dabei weigert, ausgetretene Wege zu beschreiten. Stattdessen entpuppt sich Summer als eine wunderbare Mischung aus kindlicher Neugier/Unerfahrenheit/Gerechtigkeitssinn und einem Pragmatismus, der aus dem Aufwachsen mit einer Mutter entstanden ist, deren Verhalten dafür sorgt, dass Summer regelmäßig in die Rolle der „Erwachsenen“ in ihrer Familie schlüpfen musste. Der Ton in „Summer in Orcus“ richtet sich eher an jüngere Leser*innen als die meisten anderen Bücher der Autorin, aber die Geschichte strotzt trotzdem von unheimlichen und bedrückenden Elementen. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie T. Kingfisher es schafft, all diese fürchterlichen Dinge in wunderbar absurde, fantastische Ideen und humorvolle Szenen einzubetten, so dass ich ihre Romane gleichzeitig rundum genießen und trotzdem (oder gerade deshalb) eine Menge ernsthafter Gedankenanstöße mitnehmen kann.

Juliet E. McKenna: The Green Man’s Heir (Green Man 1)/The Green Man’s Foe (Green Man 2)

Die Green-Man-Romane von Juliet E. McKenna werden mir seit Jahren immer wieder in die Timeline gespült – gern auch mit dem Hinweis auf günstige eBook-Ausgaben. Was dazu geführt hat, dass ich 2020 Band 2 und 2023 Band 1 angeschafft habe, um sie jetzt im Juli dann endlich auch zu lesen. Der Protagonist der Urban-Fantasy-Reihe ist Daniel Mackmain, der Sohn eines Menschen und einer Dryade, der vom „Green Man“ zu seinem persönlichen Problemlöser ernannt wurde. Ich mochte Daniel wirklich gern, gerade weil er sich nicht so sehr von anderen Menschen unterscheidet – abgesehen davon, dass seine Verletzungen schneller heilen und er in der Lage ist, übernatürliche Wesen zu sehen. Seine Verbindung zum Green Man hingegen ist für ihn häufig eine Herausforderung, denn sie sorgt dafür, dass er eigentlich nicht sesshaft werden kann.

In „The Green Man’s Heir“ muss Daniel in der ersten Hälfte den Mord an einer jungen Frau lösen, und in der zweiten Hälfte gibt es einen neuen Fall – was mich ehrlich gesagt anfangs etwas irritiert, aber nicht so sehr gestört hat, dass ich nicht hätte weiterlesen wollen. In „The Green Man’s Foe“ hingegen muss sich Daniel um unheimliche Ereignisse rund um ein altes Herrenhaus kümmern. Insgesamt fand ich es wirklich nett, dass ich mit den zwei Romanen drei so unterschiedliche „Fälle“ zu lesen bekam. Juliet E. McKenna bietet eine unterhaltsame und spannende Mischung aus fantastischen Elementen (mit dem Schwerpunkt britische Mythologie) und realistischen (Alltags-)Problemen in unserer heutigen modernen Welt – und das aus der Perspektive eines Mannes, der eine Möglichkeit finden muss, diese beiden gegensätzlichen Seiten seines Lebens auf die Reihe zu bringen. Spätestens nach dem Lesen von „The Green Man’s Foe“ bin ich gespannt darauf, wie es mit Daniel weitergeht und welchen Wesen er sonst noch so begegnen wird.

Jessie Mihalik: Books and Broadswords

„Books and Broadswords“ von Jessie Mihalik wurde im Juni von Stephanie Burgis in ihrem monatlichen „Dragons‘ Book Club“ (auf Patreon) empfohlen. Auf gerade mal 149 Seiten finden sich in dieser Veröffentlichung zwei fantastische, cozy Liebesgeschichten, die ich wirklich entspannend und amüsant fand. In der ersten Geschichte verlieben sich eine Drachin und ein ungewöhnlicher Ritter ineinander, in der zweiten dreht sich die Handlung um einen Drachen und eine Herdhexe, die wild entschlossen ist, sein vernachlässigtes Schloss in Ordnung zu bringen. Ich hätte es lieber gesehen, wenn Jessie Mihalik die Handlung/Welt/Protagonist*innen mehr ausgebaut und sich dafür etwas mehr Zeit genommen hätte. Aber ich mochte, dass die Drachen in dieser Welt ihren Hort nach bestimmten persönlichen Kriterien wählen, ich konnte mit dem InstaLove-Element leben und fand das Ganze so nett, dass ich noch mehr davon lesen würde. Oh, und für diejenigen, die lieber keine Sexszenen lesen: Jessie Mihalik hat in den Geschichten selber darauf verzichtet, während diejenigen, die explizite Sexszenen in ihren Liebesgeschichten bevorzugen, für jede Geschichte einen dementsprechenden Epilog lesen können.

Natalie C. Parker: Seafire

Ich habe keine Ahnung mehr, wo ich über „Seafire“ gestolpert bin, aber der Roman lag fünf Jahre auf meinem SuB – und in der Zeit hatte ich vollkommen vergessen, dass es sich dabei um ein Jugendbuch handelt. Es gab viele Elemente, die ich an der Geschichte mochte: Ein Piratenschiff voller junger Frauen, die versuchen, in einer Welt zu überleben, die von einem mächtigen Warlord und seiner Marine beherrscht wird, die Freundschaft zwischen der Protagonistin und ihrer besten Freundin sowie das Zusammenspiel der verschiedenen Personen auf dem Schiff. Dazu sind da noch die verschiedenen (mehr oder weniger freiwilligen) Verbündeten, die die Piratinnen im Laufe der Geschichte finden.

Womit ich allerdings regelmäßig ein Problem hatte, war das unprofessionelle Verhalten der Protagonistin. Ich konnte es der Autorin einfach nicht abnehmen, dass ihre Hauptfigur in wenigen Jahren eine großartige Crew zusammengestellt hat, dass diese Piratin eine Herausforderung für Marineschiffe darstellte und dass sie eine unglaubliche Strategin sein soll. Was vor allem daran lag, dass sie sich den Großteil der Zeit total kindisch verhielt, ein „Geheimnis“ hütete, das von Anfang an auf der Hand lag, und auf den ersten Typen flog, der sich wie ein einigermaßen anständiger Mensch verhielt (und deshalb ihre gesamte Crew wie Dreck behandelte). Ich bin zu alt für diese Art von Protagonistin …

Lese-Eindrücke Mai 2024

Im Mai habe ich vor allem Fortsetzungen gelesen, was nicht gerade zu vielen Rezensionen geführt hat. Aber ein paar Einzelbände gab es doch, zu denen ich hier noch was sagen kann. Außerdem dachte ich mir, ich könnte hier auch mal Anmerkungen dazu hinterlassen, ob die von mir gelesenen Fortsetzungen mit den ersten Bänden mithalten konnten.

K. J. Charles: Death in the Spires

K. J. Charles gehört zu den Autor*innen, von denen ich seit Jahren immer wieder günstige/kostenlose eBooks runterlade und dann doch erst einmal nicht lese. Umso amüsanter fand ich es, dass mein erster gelesener Roman dann nicht nur eine Neuveröffentlichung, sondern K. J. Charles‘ erster Ausflug ins Krimigenre war. „Death in the Spires“ spielt 1905 und wird aus der Perspektive von Jeremy (Jem) Kite erzählt, der vor zehn Jahren zu einer Gruppe von viel versprechenden Oxford-Student*innen gehörte. Als einer von ihnen ermordet wurde, bedeutete das für Jem das Ende seines Studiums. Die Tatsache, dass der Täter nie gefunden wurde, und die Frage, ob Jem vielleicht der Mörder gewesen sein könnte, verhindertete in den vergangenen Jahren jede Hoffnung auf eine einigermaßen sichere berufliche Position. Als er erneut seinen Arbeitsplatz verliert, ist Jem wild entschlossen endlich herauszufinden, wer seinen Freund Toby damals ermordet hat.

Ich muss zugeben, dass ich normalerweise diese Art von Geschichten wirklich nicht mag. Ich habe einfach schon zu viele Krimis gelesen/gesehen, die an Universitäten spielen und in denen in einer Gruppe eng befreundeter Studenten ein Verbrechen passiert (und manchmal auch vertuscht wird). Trotzdem habe ich mich von „Death in the Spires“ gut unterhalten gefühlt, weil K. J. Charles so viele Aspekte in die Geschichte einfließen lässt, die bei anderen Autor*innen in der Regel keine Erwähnung finden. Ihre Figuren haben unterschiedliche gesellschaftliche Hintergründe, sind queer, behindert oder Schwarz und zwei von ihnen gehören zu den ersten Frauen, die in Oxford studieren durften. Das alles führt dazu, dass in dem relativ kurzem Buch (ca. 270 Seiten) sehr viele Elemente für Unterströmungen sorgen, die dem – anfangs etwas naiven Protagonisten – erst nach und nach auffallen. Auch wenn ich als Leserin Jem da regelmäßig voraus war, hat mich das weiterhin neugierig auf die noch kommenden Entwicklungen gemacht, und so war das Buch deutlich befriedigender zu lesen als „klassische“ Varianten dieses Krimithemas.

H.L. Macfarlane und Adie Hart (Hrsg.): Once Updon a Season 3 – Once Upon a Spring (Anthologie)

Eine Anthologie mit sechzehn sehr unterschiedlichen Geschichten rund um das Thema „Frühling“. Während ich normalerweise einen extra Anthologie-Beitrag anlege, um meine Eindrücke und Gedanken zu den einzelnen Geschichten festzuhalten, bin ich hier auf zu viele Texte gestoßen, die mich nicht überzeugen konnten. Ich mochte von Adie Hart „Far Far Away“, eine ungewöhnliche Dornröschen-Variante, in der eine Bibliothekarin das „Dornröschen“ rettet, indem sie ihm hilft, die verlorenen 100 Jahre an Wissen aufzuholen. Das war eine sehr süße Geschichte, die ich mir Freude bereitet hat. Oh, und die Hades-und-Persephone-Geschichte „She Vanishes“ von Josie Jaffrey war auch sehr nett zu lesen, aber sonst haben die meisten Beiträge leider wenig (gute) Eindrücke bei mir hinterlassen.

Caroline O’Donoghue: The Gifts that Bind Us (The Gifts 2)/Caroline O’Donoghue: Every Gift a Curse (The Gifts 3)

Im Prinzip kann ich hier noch einmal wiederholen, was ich zum ersten Band („All Our Hidden Gifts“) geschrieben hatte: Ich mochte den zweiten und dritten Teil der The-Gifts-Trilogie, auch wenn ich mir wieder relativ viel Zeit mit dem Lesen gelassen habe, weil ich es so unangenehm fand, mehr über die „konservative/religiöse“ Gruppe zu lesen, die in diesen Romanen die Gegenspieler der Protagonistin Maeve und ihrer Freunde sind. Genau genommen finde ich sogar, dass die Geschichte mit jedem Band besser wird, weil Maeve sich – auch wenn sie immer wieder Mist baut – definitiv weiterentwickelt und erwachsener wird. Außerdem führt Caroline O’Donoghue neue Charaktere ein, die den fantastischen Teil ihrer Welt erweitern und so zu überraschenden Lösungen für das eine oder andere Problem sorgen. Ich habe mich mit der Trilogie sehr gut unterhalten gefühlt und bin gespannt, wie sich die Bücher für mich bei einem Reread irgendwann anfühlen werden.

Sandra Wickham: Death Coach, Vampires (Death Coach 2)

Noch eine Fortsetzung, zu der ich eigentlich all das, was ich schon zum ersten Band („Death Coach“) geschrieben hatte, noch einmal wiederholen könnte. Aber da ich mich so darüber gefreut hatte, dass Sandra Wickham das Niveau ihres Debütromans mit dieser Fortsetzung halten kann, wollte ich das hier noch einmal extra betonen. In diesem zweiten Teil der Death-Coach-Reihe lernt die Protagonistin Amy mehr über all die fantastischen Elemente in der Welt, die sie bis vor kurzem ignoriert hatte. Genau genommen lernt sie deutlich mehr über Vampire und über die Geister, mit denen sie kommunizieren kann. Außerdem findet sie sich immer mehr in ihrer Rolle als Death Coach zurecht und sammelt weitere Personen um sich herum, die ihr dabei helfen. Ich muss zugeben, dass ich die Nebenfiguren dieses Mal interessanter fand als Amy selbst, aber das ist ja nicht schlimm. Alles in allem ist das eine ungewöhnliche Urban-Fantasy-Reihe, die ich so unterhaltsam finde, dass ich sie weiter im Auge behalten werde.

Kate Griffin: Kitty Peck and the Music Hall Murders

Von Kate Griffin hatte ich vor einigen Jahren ein wirklich ungewöhnliches (Urban-)Fantasybuch („The Madness of Angels“) gelesen, das mich wirklich fasziniert hatte. (Auch wenn ich die Fortsetzungen immer noch ungelesen im Regal stehen habe, weil ich das Gefühl habe, ich müsste mir mal ganz in Ruhe Zeit für die Reihe nehmen.) Als ich also vor einiger Zeit mitbekam, dass die Autorin auch einen historischen Krimi geschrieben hat, dachte ich, das sei eine gute Gelegenheit, mehr von Kate Griffin zu lesen, ohne mich „langfristig“ auf etwas einlassen zu müssen. „Kitty Peck and the Music Hall Murders“ spielt im Jahr 1880 in Limehouse (London), und die Handlung wird aus Sicht der siebzehnjährigen Kitty erzählt, die seit ein paar Jahren hinter den Kulissen einer Music Hall arbeitet.

Diese Music Hall gehört Lady Ginger, einer Drogenbaronin, in deren Händen das Schicksal der meisten Personen in Limehouse liegt und die es als persönlichen Angriff auf ihr Geschäft wertet, als nach und nach Music-Hall-Mädchen verschwinden. Obwohl keine Leichen gefunden werden, steht schnell fest, dass keines der Mädchen freiwillig verschwunden ist, und „natürlich“ kann eine Person wie Lady Ginger nicht die Polizei auf den unbekannten Täter ansetzen. Also wird Kitty damit beauftragt herauszufinden, was mit ihren Kolleginnen passiert ist. Dieser Auftrag sorgt dafür, dass sie – statt weiter hinter den Kulissen von „The Gaudy“ zu arbeiten – ganz neue Fähigkeiten lernt und als neue Sensation auf der Bühne ins Scheinwerferlicht rückt. Allerdings bedeutet das auch, dass ihr Leben keinen Penny mehr wert sein wird, wenn sie Lady Ginger nicht so bald wie möglich den Verantwortlichen für das Verschwinden der Mädchen präsentieren kann.

Es gibt zwei Punkte in der Geschichte, die mir Probleme bereiten. Einmal die Tatsache, dass sexueller Missbrauch ständig ein Thema und eine Bedrohung für Kitty ist, ohne dass diese Szenen mehr zur Handlung beitragen als zu zeigen, wie sehr das Wohlergehen der (noch jungfräulichen) Protagonistin von den Launen der diversen Männer abhängig ist – was spätestens nach der ersten solchen Szene deutlich genug ist, um nicht ständig wieder aufgegriffen werden zu müssen. Den zweiten Punkt finde ich aber noch gravierender, und das ist der Widerspruch, der sich für mich daraus ergibt, dass Kitty auf der einen Seite von anderen Personen immer als intelligent und einfallsreich beschrieben wird, aber auf der anderen Seite so gar keine Initiative entwickelt, wenn es um die Ermittlungen rund um die verschwundenen Mädchen geht.

Es gibt so viele Gründe, wieso es für Kitty wichtig ist, dass sie so schnell wie möglich herausfindet, was mit ihren Kolleginnen passiert sein könnte. Aber sie ist trotzdem wochenlang vollkommen zufrieden damit, als passive Beobachterin zu agieren – und die einzige Begründung, die den Leser*innen dafür geboten wird, ist, dass sie doch gar nicht weiß, wie Ermittlungen geführt werden. Von einer Person, die sonst nicht auf den Mund gefallen ist, die zumindest einige der Opfer sehr gut kannte und deren eigenes Wohlergehen von ihrem Erfolg abhängt, finde ich das etwas … schwach. Es gäbe so viele Dinge, über die sie zumindest hätte nachdenken können, und es gäbe so viele Personen, mit denen sie hätte reden können, aber statt aktiv Erkundigungen anzustellen, lässt sie sich von ihrem Chef und Lady Ginger wochenlang aufwändig für die Bühne trainieren, nur um dann als Köder zu enden.

Ein Köder, dessen Leben (oder Erfolg beim Mörderfang) nicht wichtig genug zu sein scheint, um von irgendjemandem beschützt zu werden. Was mich zu der Frage bringt, welchen Sinn so ein Köder haben soll, wenn eventuell gewonnenes Wissen nicht mehr weitergeleitet werden kann, weil die einzige Person, die darüber verfügt, leider ermordet wurde. Ich muss gestehen, dass ich spätestens nach dem ersten Drittel dieses Romans ziemlich frustriert war, weil ich so viele Punkte schrecklich unrund fand. Der Krimianteil ist von der Autorin wirklich schlecht und unlogisch konstruiert worden, und wenn eine bestimmte Person Kitty zeitnah eine Sache aus der Vergangenheit erzählt hätte, hätte sich der gesamte Fall innerhalb der ersten 100 Seiten erledigt. All diese unstimmigen Elemente rund um Kittys Ausbildung als Bühnen-Künstlerin, die Details rund um das verübte Verbrechen und dazu noch Lady Gingers Verhalten haben mich beim Lesen so unglaublich frustriert.

Ich will gar nicht erst von der Grundidee anfangen, dass eine Verbrecherkönigin eine Siebzehnjährige als Ermittlerin einsetzt, statt einige Polizisten in der Hand zu haben, die für sie die Drecksarbeit machen, auch wenn ich zugeben muss, dass es am Ende der Geschichte fast so etwas wie eine Begründung für Lady Gingers Handeln gibt. Aber da die genauso wenig glaubhaft war wie viele andere Aspekte in diesem Buch, tröstet mich das auch nicht über diese schwache Ausgangsidee hinweg. Dabei hätte ich das Buch mit all seinen Details rund um das Leben in Limehouse wirklich gern genossen. Ich mag normalerweise Romane, die das Leben in einer Gegend zeigt, die so sehr von der Seefahrt und den dazugehörigen Schattenseiten geprägt ist wie das historische Limehouse. Ich freue mich, wenn solche Beschreibungen sich eher realistisch als romantisch anfühlen, und ich genieße es, wenn solche Geschichten dann auch die dementsprechende Vielfalt bei den Charakteren aufweisen. Aber obwohl Kate Griffin wirklich viele atmosphärische Szenen rund um das historische Limehouse in „Kitty Peck and the Music Hall Murders“ eingebaut hat, konnten mich diese nicht über die restlichen Unstimmigkeiten in der Handlung hinwegsehen lassen.