Kategorie: Rezension

Ariana Franklin: Die Teufelshaube

„Die Teufelshaube“ ist Ariana Franklins zweiter Roman um Adelia Aguilar, eine Sizilianerin, die an einer der modernsten Schulen ihrer Zeit Medizin studiert hat und nun in England lebt. All das wäre nicht so besonders, wenn die Geschichten rund um diese energische Frau nicht zur Regentschaft Heinrich II. spielen würden. Im rückständigen England ist es nicht nur absolut unvorstellbar, dass eine Frau als Ärztin arbeitet (mal davon abgesehen, dass es hier so etwas wie eine fundierte Ausbildung in diesem Bereich gar nicht gibt), sondern die Tatsache, dass Adelia sich auch noch auf die Untersuchung von Verstorbenen spezialisiert hat, wäre ein Grund sie als Hexe hinzurichten. Achja, man kann „Die Teufelshaube“ auch ohne Vorwissen aus „Die Totenleserin“ verstehen, aber ich persönlich würde doch empfehlen die Bücher der Reihe nach zu lesen.

Bei „Die Totenleserin“ habe ich mich wirklich gut amüsiert. Adelia war in dem Buch eine toughe Frau, die mit den Sitten in England nur schlecht zurechtkam. Allein die Tatsache, dass sie ihren Begleiter Mansur (ein Sarazene) als Arzt ausgeben musste, damit sie seine Assistentin spielen konnte, ging ihr gehörig gegen den Strich. Aber sie war nun einmal vom sizilianischen König losgeschickt worden, um zusammen mit dem königlichen Ermittler Simon für Heinrich II. eine Reihe von Kindsmorden aufzuklären. Tja, die Sache hat sie dann so gut gemacht, dass Heinrich sie nicht wieder gehen lassen wollte – und nun sitzt Adelia in England fest und versucht sich in „Die Teufelshaube“ irgendwie mit der Situation zu arrangieren.

Natürlich bekommt sie zu Beginn des Buches wieder einen Auftrag aufs Auge gedrückt, dieses Mal geht es um einen erfolgreichen Mordanschlag auf Rosamund Clifford, die Geliebte Heinrich II. und die einzige Frau, mit die Königin sich nicht abfinden kann. Nur wenn es Adelia gelingt nachzuweisen, wer diese Frau vergiftet hat – und vor allem, dass dies nicht im Auftrag der Königin geschah – lässt sich ein Bürgerkrieg in England vermeiden. Doch die Medizinerin ist erstaunlich wenig an diesem Fall interessiert. Gerade erst ist sie Mutter geworden (natürlich ohne einen passenden Ehemann dabei, wie es sich für eine anständige Frau gehören würde) und nun kreisen all ihre Gedanken um ihr Kind.

Tja, und das ist das große Problem an diesem Buch! Im ersten Band war Adelia eine unglaublich neugierige Wissenschaftlerin, die sich in einem Problem verbeißen konnte ohne dabei auf ihre Umgebung – oder gar auf Gefahren für ihr eigenes Leben – zu achten. Nun aber lässt sie sich schon von jeder Kleinigkeit einschüchtern, ist trotzig und passiv und eigentlich nur daran interessiert, wie sie ihren Hintern aus dieser Sache wieder rausbekommt.

Hier bastelt Ariana Franklin zwar auch die eine oder andere stimmungsvolle „Familienszene“ ein, aber überzeugend entwickelt sie Adelia so nicht weiter. Wirklich aktiv ist die Medizinerin nicht an der Lösung des Problems beteiligt, wirkt statt dessen wie ein hilfloses Püppchen, das nach Belieben der verschiedenen Parteien positioniert wird. Ohne die wunderbar kauzigen Nebenfiguren, wie ihre alte Freundin Gyltha oder der Sarazene Mansur (der hier allerdings auch keine so große Rolle spielt) und ein paar wunderbar moderne Nonnen, hätte ich die Geschichtewohl noch lustloser zu Ende gelesen.

Dabei hat die Grundgeschichte wieder sehr viel Potenzial und man kann einfach nicht übersehen wie gründlich die Autorin all die Details recherchiert hat. Das Lebensgefühl der Menschen kommt hervorragend beim Leser an. Die Abhängigkeit der Bevölkerung von der Willkür der Adeligen, das Leben in einem Nonnenklostern, die Hintergründe zu Eheschließungen und anderen Verbindungen, all das ist wirklich gut beschrieben – und die eher moderne Sprache sorgt für eine gute Lesbarkeit. Aber bei all den Details fehlt diesem historischen Kriminalroman einfach eine packende Geschichte.

Ich fand zwar die Intrigen interessant und wieder hatte ich das Gefühl all die verschiedenen Adeligen etwas besser einsortieren zu können – und zu verstehen in welchem Verhältnis sie zueinander stehen und welcher Anlass welchen (Bürger-)Krieg ausgelöst hat, aber der Kriminalfall war mir einfach egal. Nach dem doch deutlich spannenderen Roman „Die Totenleserin“ hatte ich mir wirklich mehr von der Autorin erhofft – und bin letztendlich zu dem Schluss gekommen, dass mir ein Sachbuch über diese Zeit wohl mehr Vergnügen bereitet hätte als diese Geschichte.

Julia Quinn: Wie bezaubert man einen Viscount?

Ich hatte ja schon erzählt, dass ich nach dem Genuss von „Wie erobert man einen Duke?“ der Versuchung nicht widerstehen konnte und mir auch noch die folgenden beiden Bände „Wie bezaubert man einen Viscount?“ und „Wie verführt man einen Lord?“ gekauft habe (und ja, „Penelopes pikantes Geheimnis“ ist auch inzwischen – und natürlich ganz zufällig! – in meinen Besitz gelangt). Da mir der erste Teil rund Daphne Bridgerton so viel Spaß gemacht hat und mich an die amüsanten Romane von Georgette Heyer erinnerte, habe ich „Wie bezaubert man einen Viscount?“ auch gleich verschlungen.

Das Buch handelt von Daphnes ältestem Bruder Anthony und Kate, die gerade zusammen mit ihrer jüngeren Schwester in die Gesellschaft eingeführt wird. Üblich ist es nicht, dass zwei Schwestern gleichzeitig das gesellschaftliche Parkett betreten, aber die verwitwete Mutter hat einfach nicht genug Geld, um eine zweite Saison in London zu finanzieren. So hoffen alle, dass die wunderschöne und liebenswerte Edwina einen Mann erobern wird, der in der Lage ist ihre Familie in eine gesicherte finanzielle Situation zu versetzen.

Ob Kate hingegen einen potenziellen Ehemann von ihren Vorzügen überzeugen kann, ist fraglich – und so konzentriert auch sie sich darauf, ihre Schwester so weit wie möglich zur Seite zu stehen. Und ihre Aufgabe erstreckt sich, nach Ansicht der energischen jungen Dame auch darauf, unerwünschte Bewerber um Edwinas Hand zu vergraulen. So auch Anthony Bridgerton, der nicht nur einen Ruf als Schürzenjäger hat, sondern auch unumwunden zugibt, dass Edwina ihm eigentlich recht gleichgültig ist – von der Tatsache abgesehen, dass sie einfach eine passende Ehefrau für einen Mann seiner Position abgeben würde.

Was Anthony allerdings verschweigt, ist die Tatsache, dass der junge Mann seit dem überraschenden Tod seines Vaters vor einigen Jahren nicht nur davon überzeugt ist, dass er selber auch früh sterben wird, sondern auch, dass er keine Ehe führen will, in der sich die Partner so sehr lieben, wie seine Eltern es taten. So richtig überzeugend fand ich Anthonys gesamte Argumentation nicht, eigentlich schien er viel zu vernünftig zu sein, um sich auf solche Ideen zu versteifen, aber nun gut, die Autorin benötigte halt eine konfliktfördernde Grundvoraussetzung.

Natürlich verlieben sich Kate und Anthony auf den ersten Blick in einander – und wollen es beide nicht wahrhaben. Für sie ist er der Schurke, den sie von ihrer Schwester fernhalten muss, während Kate für den Viscount eine viel zu große Versuchung darstellt, da er doch eine Vernunftehe eingehen will. Nachdem sie aber auf einem Ball – vollkommen unverschuldet natürlich – in eine pikante Situation geraten sind, müssen sie heiraten und sich miteinander arrangieren.

Ich muss zugeben, dass der Teil der Handlung rund um Kate, die ihre Schwester beschützen will, mich sehr an Georgette Heyer erinnerte – und mir schon gefallen hat, auch wenn Julia Quinn diesen Part der Geschichte recht flüchtig abgehandelt hat. Und auch mit Anthonys seltsamen Überzeugungen konnte ich gut leben, da der Roman einfach wunderbar unterhaltsam geschrieben ist. Ich mag die amüsanten Dialoge, ich mag die verschiedenen Charaktere und ich liebe die Familie Bridgerton! So war es für mich überhaupt kein Problem eventuell störende Elemente zu ignorieren und mich einfach nur in dieses Buch fallen zu lassen.

Die schwachen Grundvoraussetzungen vergiss man beim Lesen einfach, wenn man verfolgt, wie die beiden Protagonisten mal bissig, mal doppeldeutig miteinander diskutieren, wenn man miterlebt, wie Kates Hund mal wieder für eine gesellschaftliche Katastrophe verantwortlich ist oder wie die Bridgertons zusammen Kricket spielen. Hier kommen die verschiedenen Charaktere ebenso schön zum Tragen, wie die Fähigkeit der Autorin kurzweilige Dialoge zu schreiben, die einem ein beständiges Schmunzeln ins Gesicht zaubern. Wenn man bereit ist den inneren Kritiker mal abzuschalten, dann bekommt man mit „Wie bezaubert man einen Viscount?“ einfach ein Buch mit Wohlfühlfaktor präsentiert.

Bettina Belitz: Splitterherz

 

Es gibt genau einen Grund, warum Elisabeth Sturm nicht mit fliegenden Fahnen vom platten Land zurück nach Köln geht, und dieser Grund heißt Colin. Der arrogante, unnahbare, aber leider auch äußerst faszinierende Colin gibt Ellie ein Rätsel nach dem anderen auf, und obwohl sie sich mit aller Macht dagegen wehrt, kann sie sich seiner Ausstrahlung nicht entziehen. Bald muss Ellie einsehen, dass Colin viel mehr mit ihrer Familie verbindet, als sie sich je vorstellen könnte. Ihr Vater Leo verbirgt ein Geheimnis, das ihn und Colin zu erbitterten Gegnern macht – und das Ellie in tödliche Gefahr bringt. Dass sie mit ihren seltsamen nächtlichen Träumen den Schlüssel zu dem Rätsel in der Hand hält, begreift Ellie erst, als ihre Gefühle für Colin alles zu zerstören drohen, was sie liebt.

Bei dieser Rezi beschränke ich mich mal für die Inhaltsangabe auf den Klapptentext – das gibt mir mehr Raum, um über mein Leseerlebnis zu schreiben. 😉

In letzter Zeit überkommt mich ja immer wieder das Gefühl für bestimmte Geschichten einfach zu alt zu sein. So auch bei Splitterherz … Ellie hat mir auf den ersten 200-300 Seiten das Lesen gründlich vermiest und ich musste mich schon überwinden, um die erste Hälfte des Buches hinter mich zu bringe. Ich kann damit leben, dass eine Hauptfigur ständig heult und sich nicht immer vernünftig verhält, aber dieses Mädchen ist mir wirklich auf die Nerven gegangen und ich musste mir nach einer Pause immer eine Ruck geben, um nicht auf einen anderen Roman auszuweichen.

Okay, es ist wirklich nicht schön, ein Jahr vor dem Abitur die Schule zu wechseln, und es ist nicht schön, seinen Freundeskreis verlassen zu müssen, aber muss sich Ellie deshalb so kindisch verhalten? Vor allem ist ja doch recht schnell klargestellt worden, dass ihre allerbesten Freundinnen auch nicht gerade die Menschen waren, die sie glücklich machten, und dass sie sich ständig verstellen musste, um überhaupt ihre Anerkennung zu erhalten. Einzig die Hoffnung, dass hinter diesem irrationalen Benehmen mehr steckt, als anfangs zu sehen ist, hat mich bei der Stange gehalten. Wobei mich auch hier die von der Autorin gelieferten Hintergründe nicht wirklich befriedigt haben. Okay, Ellie hat einen Grund, warum sie ständig heult und warum es ihr schwer fällt mit andere Menschen Umgang zu haben, aber mir fehlte eine richtige und greifbare Erklärung für diese Fähigkeit.

Dann der Teil, der sich um Colin dreht. Ganz ehrlich, im Prinzip ist die Handlung nun nicht so viel anders aufgebaut als in einer der unzähligen romantischen Vampirgeschichten, die seit ein paar Jahren den Buchmarkt überschwemmen. Aber ich muss zugeben, dass ich die Figur des Colin mochte – und ich mag die Idee, die hinter seinem Charakter steckt. Ich verkneife mir jetzt mal einen Spoiler, denn ich habe mich wirklich geärgert, dass einige Rezensionen schon verraten, was Colin ist! So ist mir doch eine Menge Spannung verloren gegangen und ich habe während des Lesens darauf gewartet, dass dieser Punkt in der Geschichte endlich angesprochen wird.

Aber sich mit Colin auf einen kaum genutzten Mythenbereich zu stützen, damit hat sich Bettina Belitz meine Anerkennung verdient. Ich finde, dass sie diese Grundidee wirklich reizvoll ausgebaut hat – und siehe da, die zweite Hälfte des Buches, hat mir dann auch deutlich besser gefallen! 🙂 Ellie war lange nicht mehr so wehleidig (na ja, sie hatte auch nicht mehr so wirklich viel mit ihren Mitschülern zu tun), dafür war sie damit beschäftigt hinter Colins Geheimnis zu kommen und herauszufinden, warum ihr Vater so ein Problem damit hat, dass sie sich mit Colin trifft. Am Ende gibt es noch einige „Action“ mit spannenden und amüsanten Momenten – und auch wenn ich mit dem Schluss so wie er jetzt ist sehr zufrieden bin, so hat mich die zweite Hälfte mit der Geschichte so sehr versöhnt, dass ich auch Lust auf eine (gut gemachte!) Fortsetzung hätte.

Insgesamt hätte diesem Roman meiner Meinung nach eine kräftige Straffung geholfen und Ellie hätte nicht ganz so ausführlich (und jämmerlich) aufgebaut werden müssen. Dafür gibt es ein paar andere Charaktere (vor allem Colin), die ich interessant oder amüsant fand. Auch ist mir aufgefallen, dass die Autorin mit ihrem Erzählstil sehr schön Stimmungen herbeirufen kann. Ihr Wald ist mal bedrohlich, mal sonnig und wunderschön. Wenn sie ein Gewitter beschreibt, dann kann ich es vor mir sehen – und vor allem die Szenen, in denen wirklich viel los war, haben mir richtig gut gefallen. Mehr davon und weniger Gefühlsduselei – und ich hätte mich mit dem Anfang nicht so schwer getan!

Bruce Coville: Die Einhorn-Chroniken 2

Hatte der Loewe-Verlag im ersten Band der deutschen Veröffentlichung dem Leser zwei amerikanische Romane präsentiert, so bekommt man mit „Die Einhorn-Chroniken 2 – Das Geheimnis des Flüsteres“ die deutsche Version des dritten Teils von Bruce Coville geboten. Wie man dem Nachwort entnehmen kann, hat der Autor acht Jahre gebraucht, um diese Fortsetzung zu schreiben – und überraschenderweise habe ich keinen Bruch zwischen den ersten beiden Geschichten und dieser bemerken können.

Für den Leser schließt die Handlung ziemlich direkt an „Das Tor zwischen den Welten“ an. Caras Großmutter ist gerade erst die Königin der Einhörner geworden und die Bedrohung durch die Jäger, die versuchen die magische Welt Kirin zu erreichen, um die Einhörner zu vernichten, besteht immer noch. So bekommt Cara den Auftrag zusammen mit einer Gruppe aus drei Einhörnern, dem Zwerg Grimwald und dem lustige Skijum in das Tal der Zentauren zu reisen. Der Anführer der Zentauren könnte nämlich ein paar Informationen über den geheimnisvollen Flüsterer haben, der laut einer (leider verstümmelten) Prophezeiung, die sich in den Chroniken der Einhörner befand, für die magischen Geschöpfe eine noch größere Bedrohung darstellt, als es die Jäger sind.

Auch Caras Vater Ian Hunter, der sich inzwischen vollständig von den Jägern und seiner Ahnenfrau Beloved abgewendet hat, ist mit einer wichtigen Mission unterwegs. Während er seiner Tätigkeit als Jäger nachging, hatte Beloved die Seele seiner Frau Martha in das Regenbogengefängnis gesperrt. Doch nun hat Ian von seiner Tochter einen Rubin überreicht bekommen, der als Schlüssel zu diesem übernatürlichen Gefängnis dient – und endlich besteht die Hoffnung, dass es ihm gelingen könnte, seine Frau zu befreien.

Bruce Coville entwickelt die Geschichte genauso märchenhaft weiter, wie sie in „Das Tor zwischen den Welten“ begann. Wunderschöne magische Momente und schreckliche Gefahren werden hier zu einer spannenden und überaus unterhaltsamen Handlung verwoben. Ganz ehrlich, ich mag diese Bücher wirklich gerne! Allerdings gibt es schon ein paar Stellen, die in Anbetracht der Altersempfehlung des Verlages (ab 10 Jahren) ganz schön heftig sind. Die Einhörner werden von den Delfern angegriffen und werden nicht nur schwer verletzt, sondern es gibt auch einen Toten. Auch ein Überfall dieser unheimlichen Rasse auf das Haus der Erdzauberin M’Gama endet für einen der sympathischen Charaktere tödlich.

Doch trotz – oder vielleicht gerade wegen dieser düsteren – Momente, habe ich diesen Roman richtig genossen. Die Handlung ist spannend und voller magischer Details, die einen an klassische Märchen erinnern und einem doch ganz neu und anders vorkommen. Bruce Covilles Erzählstil ist so einfach, wie es sich für ein Kinderbuch gehört, und für mich deshalb auch besonders eindringlich. Seine Charaktere habe ich wirklich ins Herz geschlossen und leide regelrecht mit, wenn wieder einer vor ihnen vor einer schwierigen Entscheidung steht. Dem Autor gelingt es ganz großartig mit Gegensätzen zu spielen, so dass es kein einfaches gut und böse, kein richtig oder falsch in dieser Geschichte gibt. Ich bin auf jeden Fall schon sehr neugierig darauf, wie es mit Cara und der magischen Welt Kirin weitergeht, – und das liegt nicht nur an dem gemeinen Cliffhanger am Ende dieses Bandes.

Jeffery Deaver: Die Menschenleserin

„Die Menschenleserin“ ist der erste Roman, der Kathryn Dance zur Hauptfigur hat. Die Ermittlerin wurde von Jeffery Deaver schon in „Der gehetzte Uhrmacher“ eingeführt und bildete dort einen angenehmen Gegenpol zu dem extrem rational angelegten Wissenschaftler Lincoln Rhyme. Schwerpunkt von Kathryn Dance ist die Kinesik, also das Lesen und Deuten von Körpersprache, und in diesem Bereich ist sie eine anerkannte Expertin. Deshalb bekommt sie auch den Auftrag den hochintelligenten Daniel Pell zu verhören. Dieser hatte vor acht Jahren auf einen Streich eine ganze Familie ausgelöscht – und nur die neunjährige Tochter überlebte diesen Gewaltakt.

Nun kommen neue Beweise ans Licht, die vermuten lassen, dass Daniel Pell auch in andere Mordfälle verwickelt sein könnte. Doch bevor Kathryn den Verbrecher genau studieren kann, gelingt es diesem die Sicherheitsbeamten zu überrumpeln und zu flüchten. Der Ablauf dieser Flucht zeigt, dass der Mörder einen Komplizen gehabt haben muss, der den Ausbruch im Detail vorbereitet hat. Während die Polizei ihr Glück mit Straßensperren versucht, sammelt Kathryn Dance jede Information über Daniel Pells Persönlichkeit, die sie finden kann, und spürt auch die Frauen auf, die früher mit dem charismatischen Verbrecher eine Art Familie gebildet haben.

Für mich ist ein Krimi, der sich darum dreht, dass ein Spezialist sich in die Denkweise eines bestimmten Täters hineinversetzen muss, einfach ein vertrautes Leseerlebnis. Ich weiß ungefähr, was mich bei einem solchen Buch erwartet – und auch wenn es kaum etwas neues zu entdecken gibt, lese ich solche Geschichte immer wieder gern. In „Die Menschenleserin“ konzentriert sich der Autor sehr auf die Arbeitsweise von Kathryn Dance, was zwar recht interessant ist, aber sich auch schnell anfühlt, als ob Jeffery Deaver seitenweise aus einem Lehrbuch zu dem Thema zitieren würde.

Hier habe ich das Gefühl, dass er sich noch sehr umstellen muss, damit er von seiner ersten Reihe rund um Lincoln Rhyme und den Beschreibungen seiner forensischen Arbeit wirklich stimmig auf Kathryn Dance umschwenkt. Während Lincoln sehr sachlich ist und seine Tätigkeit auch viel Raum für ausführliche Erklärungen zur wissenschaftlichen Seite eines Falles bietet, ist Kathryn deutlich emotionaler – und sie muss in ihrem Sachgebiet wesentlich variablere Faktoren berücksichtigen, um zu einem „richtigen“ Ergebnis zu kommen.

Doch trotz der vielen Erklärungen zum Thema Kinesik (die mir zum Teil auch etwas zu simpel daherkamen) entwickelt sich eine spannende Geschichte. Jeffery Deaver erzählt seine Handlung aus verschiedenen Perspektiven, die es dem Leser ermöglichen sich seine eigenen Gedanken zu den verschiedenen Taten und dem eigentlich Hergang zu machen. Auch hat mir Kathryn Dance recht gut gefallen. Die Ermittlerin ist Witwe, hat zwei Kinder und liebevolle Eltern und einen engen Freundeskreis, so dass ihr Umfeld recht harmonisch und „normal“ wirkt. Allerdings hat der Autor so einige privaten Entwicklungen für sie angedeutet, die mir noch nicht so ganz behagen. Aber noch bin ich bereit einfach abzuwarten, was im zweiten Band dieser Reihe davon wirklich umgesetzt wird – und wie der Autor diese Handlungsstränge dann weiterführt.

Achja, beim Lesen dieses Buches ist mir mal wieder aufgefallen, dass ich doch erstaunlich viel über amerikanische Serientäter, Sekten und große Mordfälle weiß. So gibt es hier sehr viele Anspielungen auf Charles Manson, wobei ich die mitgelieferten Erklärungen zu dem Thema eigentlich nicht benötigt hätte. Sollte mir das nun zu denken geben? Oder ist das nur die natürliche Folge davon, dass ich in den letzten zwanzig Jahren einfach verflixt viele Krimis gelesen habe?

Robert Asprin & Jody Lynn Nye: Als Dämon brauchst du nie Kredit

„Als Dämon brauchst du nie Kredit“ ist schon der fünfzehnte Roman aus Robert Asprins Dämonen-Reihe und der dritte Teil, der in Zusammenarbeit mit Jody Lynn Nye entstanden ist. Ich habe diese Bücher vor vielen Jahren für mich entdeckt als humorvolle Fantasy noch relativ neu auf dem deutschen Buchmarkt war und Terry Pratchett noch nicht den Weg in die hiesigen Buchhandlungen geschafft hatte.

Robert Asprins amüsanter Umgang mit den Fantasyklischees hat mich fasziniert und ich habe die verschiedenen Charaktere dieser Reihe wirklich ins Herz geschlossen. Der unfähige Skeeve, der gerade mal zwei Zauber beherrscht, als er zum größten Magier seines Reiches erwählt wird, Aahz, der Dämon aus der Welt Perv, der trotzdem kein „Perverser“, sondern selbstverständlich ein „Perfekter“ ist und all die anderen verrückten Gestalten haben es geschafft, mich in ihren Bann zu ziehen. Doch vor allem die wunderbare Situationskomik und die sich rasant entwickelnde Handlung hat dafür gesorgt, dass ich dieser Reihe über all die Jahre hinweg treu geblieben bin.

Dann aber kam eine Zeit, in der Robert Asprin unter solch einer heftigen Schreibblockade litt, dass keine weiteren Geschichten aus seiner Feder flossen. Traurig, aber für mich als Leser akzeptabel. Ein Autor ist schließlich nur ein Mensch und mit Zwang kann man keine solch hinreißenden Handlungen aufs Papier bringen. Aber er war – wie Robert Asprin selber im Nachwort erwähnt – immer noch vertraglich verpflichtet weitere Dämonen-Bände abzuliefern und so kam es zur Zusammenarbeit mit Jody Lynn Nye. Auch wenn schon die letzten Dämonenbücher nicht mehr ganz so lustig waren wie die Anfänge, so beginnt mit dieser Zusammenarbeit für mich das Ende diese witzigen Geschichten.

„Als Dämon brauchst du nie Kredit“ spielt zum größten Teil auf einer Welt, die ein einziges großes Einkaufszentrum (genauer gesagt: eine amerikanische Mall) ist. Als Aahz von Geldeintreibern in die Ecke gedrängt wird, findet er heraus, dass ein Betrüger mit der Identität seines Freundes Skeeve Kreditkartenbetrug begangen hat – und so muss er natürlich sofort loseilen und den Betrüger zur Strecke bringen. Mit von der Partie sind der hochintelligente Troll Chumley und Massha, die inzwischen nicht nur Skeeves Posten als Hofzauberer übernommen hat, sondern auch eine Einkaufsexpertin ist und Aahz durch die Schwierigkeiten einer solchen Welt helfen muss.

Was folgt hat nichts mehr mit den rasanten und amüsanten Geschichten zu tun, die früher für die Dämonen-Reihe standen. Die Magie kommt deutlich zu kurz oder dient nur noch dazu Dinge aus unserer modernen Welt (wie Kreditkartensysteme, Diebstahlsicherungen usw.) nachzuahmen. Aahz, Chumley und Massha stolpern die ganze Handlung hindurch nur mehr oder weniger hilflos hinter einer Ermittlerin hinterher, die ihrerseits schon seit Monaten den Kreditkartenbetrügern auf der Spur ist. Und dann hat es mich massiv gestört, dass in diesem Buch seitenweise vom Shopping berichtet wird!

So bietet dieser Roman keine amüsante und absurde Geschichte, die mich am Ende mit Lachtränen in den Augen zurücklässt, sondern nur endlose Beschreibungen einer glitzernden Einkaufswelt, in der allerlei (mehr oder wenig magische) Wunderdinge zu kaufen sind, die vielleicht den Träumen einer Kaufsüchtigen entsprungen sind, aber mich persönlich überhaupt nicht gereizt haben. Ich vermisse den ursprünglichen Humor der Serie und bin mir sicher, dass Robert Asprin zu diesem Buch nur seinen Namen hergegeben, aber keine Ideen beigesteuert hat. Und Jody Lynn Nye fehlt einfach das gewisse Etwas, dass eine Autorin benötigt, um den Leser mit ihren amüsanten Einfällen zu verzaubern.

Wer jetzt spontan einen Blick auf meinen SuB wirft, wird sehen, dass ich da auch noch die letzten beiden Geschichten liegen habe, die der Dämonen-Reihe zugeordnet werden. Da ich mir sicher bin, dass auch diese Bücher mich enttäuschen werden, wird es etwas Überwindung kostet, damit ich mir diese Romane endlich einmal vornehme. Trotzdem werde ich sie wohl lesen und weiterhin hoffen, irgendwo zwischen all den Seiten einen Funken von Robert Asprin hinreißendem Humor zu entdecken. Und wenn mir das nicht gelingt, dann bleiben mir ja immer noch die alten Bücher aus dieser Reihe und die wunderbaren (ersten beiden) Bände rund um die Chaos-Kompanie.

Gilbert Adair: Mord auf ffolkes Manor

Irgendwie erwische ich momentan ziemlich viele Bücher, die nicht eindeutig einem Genre zuzuordnen sind – so auch „Mord auf ffolkes Manor“, welches im Untertitel als „eine Art Kriminalroman“ bezeichnet wird. Das Buch soll vom Autor als eine amüsante Hommage an die klassischen britischen Kriminalgeschichten gedacht sein und so verwundert es nicht, dass immer wieder auf Agatha Christie und John Dickson Carr verwiesen wird. Übrigens zwei Autoren, deren Geschichten ich wirklich schätze.

So hatte ich von „Mord auf ffolkes Manor“ auch eine Menge erwartet, ganz im Stil eines Agatha-Christie-Romans findet sich der Leser in einem Herrenhaus auf dem Land wieder. Eine Gruppe Personen wurde über die Feiertage vom Schnee von der Außenwelt abgeschnitten, als in diesem kleinen Kreis ein Mord in einem geschlossenen Raum passiert. Doch zum Glück kann aus dem Ort ein pensionierter Polizist herbeigeholt werden, der die Aufklärung des Falles mit Hilfe der übereifrigen Kriminalautorin Evaden Mount in Angriff nimmt.

Schnell steht fest, dass keiner der Anwesenden den verstorbenen Raymond Gentry leiden konnte. Der Mann war von der Tochter des Hauses überraschend zu dieser Veranstaltung mitgebracht worden und hatte es geschafft innerhalb weniger Stunden alle Gäste gegen sich aufzubringen. Über jeden wusste er ein kleines hässliches Geheimnis, und spielte in jedem Gespräch unübersehbar darauf an. So brachte er nicht nur die Gastgeber, sondern auch den örtlichen Geistlichen und den Dorfarzt – zwei ansonsten sehr harmlose und freundliche Männer – gegen sich auf.

Es ist unübersehbar, dass Gilbert Adair seine Vorbilder kennt: Evaden Mount erinnert an Agatha Christies Figur Ariadne Oliver und das gesamte Umfeld weckte sentimentale Gefühle beim Lesen. Und doch fehlt diesem Roman einfach die Kunstfertigkeit, die eine Geschichte von John Dickson Carr oder Agatha Christie ausmacht. Die Figuren wirken flach und leblos und ihre Motive sind einfach nur belanglos und die Dialoge sind schrecklich! Es gibt keinen Austausch zwischen den Figuren, sondern jede Aussage entwickelt sich zu einem endlosen Monolog, bei dem ich mich jedes Mal fragte, warum ich mir das jetzt antun muss.

Der Mord im verschlossenen Raum ist überhaupt nicht Thema dieses Buches und während John Dickson Carr mich mit seinen Geschichten dazu bringt mitzudenken und mich mit dem rätselhaften Fall auseinander zu setzen, fühlte ich mich hier nicht mal dazu animiert mir über das wahrscheinlichste Motiv Gedanken zu machen. Ein Agatha-Christie-Roman hingegen ist nicht nur unterhaltsam und amüsant, sondern auch eine treffende Milieustudie, eine liebevolle, aber auch beinah unbarmherzige Untersuchung der verschiedenen Charaktere – und genau das fehlt bei „Mord auf ffolkes Manor“.

Letztendlich ertappte ich mich die ganze Zeit bei dem Wunsch dieses Buch aus der Hand zu legen und mich kopfüber in meine Kisten zu stürzen, um mir einen meiner Lieblings-Krimiklassiker zu suchen, mit dem ich meine Lesestunden vergnüglicher verbringen könnte. So wandert dieses Buch in nächster Zeit zu einem anderen Besitzer, der hoffentlich mehr Freude damit hat. Und ich verkneife mir zukünftig einen Blick auf weitere Titel von Gilbert Adair zugunsten spannenderer Wohlfühl-Lektüre aus der Feder einer wirklich großen Autorin wie Agatha Christie, deren Romane ich immer wieder genießen kann.

Julia Quinn: Wie erobert man einen Duke?

Nach einer Woche, in der ich zu krank zum Lesen war (was für ein ekelhaftes Gefühl!), hatte ich gestern Lust auf etwas leichte Unterhaltung und habe zu „Wie erobert man einen Duke?“ von Julia Quinn gegriffen. Dieser Roman ist der erste in einer ganzen Reihe, die sich um die Familie Bridgerton dreht, und stellt die Vierte der acht Bridgerton-Nachkommen (Anthony, Benedict, Colin, Daphne, Eloise, Francesca, Gregory, Hyacinth) in den Mittelpunkt.

Daphne ist die älteste Tochter der Familie und verbringt im Jahr 1813 schon ihre zweite Saison in London. Die hübsche junge Frau ist nicht gerade der Mittelpunkt der Gesellschaft, sondern wird von den sie umgebenden Männern eher als netter Kumpel als als begehrenswerte Geliebte gesehen. Trotzdem gab es schon Bewerber um ihre Hand, die sie aber allesamt abgelehnt hat. Denn Daphne ist zwar nicht so blauäugig, dass sie auf eine Liebesheirat hofft, aber sie wünscht sich doch eine Zukunft mit einem Mann, den sie mögen und akzeptieren kann – und der dem Alter nach nicht ihr Vater sein könnte!

Da scheint eine Absprache mit Simon Basset, Duke of Hastings, die perfekte Lösung für Daphne zu bieten. Der attraktive junge Mann will den heiratswilligen Töchtern der Gesellschaft (und ihren wesentlich aggressiveren Müttern) deutlich machen, dass er nicht auf der Suche nach einer Frau ist und trotzdem am gesellschaftlichen Leben seiner alten Schulfreunde teilhaben können. So verabredet er mit Daphne, dass sie so tun, als ob sie aneinander interessiert wären. Er wäre so sicher vor den Avancen anderer Damen, die ihn damit in festen Händen vermuten, während Daphne – durch die Tatsache, dass ein Mann sich für sie interessiert – für die anderen Junggesellen deutlich attraktiver würde. Anfangs scheint der Plan der beiden sogar aufzugehen, doch dann entwickelt Daphne für den freundlichen Duke intensivere Gefühle und auch Simon ist von der Frau an seiner Seite bezaubert – doch eine Ehe kann und will der junge Mann trotz all seiner Verliebtheit nicht in Erwägung ziehen.

„Wie erobert man einen Duke?“ gehört zu einer ganzen Reihe von Liebesromanen, die mir Irina empfohlen hat – und die Geschichte war perfekt für einen Samstag, an dem ich einfach nur etwas schöne und entspannende Unterhaltung gesucht habe. Ich liebe ja die Geschichten von Georgette Heyer und so musste es sich auch dieser Regency-Roman gefallen lassen, dass ich ihn mit den Werken einer meiner Lieblingsautorinnen verglichen habe.

Julia Quinn schreibt deutlich direkter als Georgette Heyer es je getan hätte, was auch kein Wunder ist, wenn man überlegt, dass die eine Autorin gerade mal vier Jahre alt war, als die andere im Alter von 72 Jahren verstarb. Aber die Grundstimmung, der Humor und das Gefühl in eine andere Zeit eintauchen zu können, sind bei beiden Autorinnen sehr ähnlich. Die Dialoge von Georgette Heyer finde ich noch amüsanter, aber dafür bekommt man bei Julia Quinn eine Innensicht der Charaktere geboten, die ich sehr genossen habe. Es wird Julia Quinn zwar nicht gelingen Georgette Heyer von meinem ersten Platz unter den Regency-Roman-Autorinnen zu stoßen, aber mir haben die sympathischen Figuren, die unterhaltsame Geschichte und die Darstellung der Zeit so gut gefallen, dass ich Lust auf weitere Romane der Autorin bekommen habe.

Kerstin Gier: Rubinrot

Lange Zeit habe ich mich mit Händen und Füßen gegen „Rubinrot“ gewehrt, vor allem der Hype um die Fortsetzung hatte mir eigentlich jede Lust auf diese Geschichte genommen. Tja, und dann habe ich doch mal geguckt, ob meine Bibliothek das Buch hat und habe es vorgemerkt. Die Neugierde ist bei mir eben doch größer als der Dickkopf. Irgendwie hatte ich aber immer noch keine Lust es zu lesen, als es hier im Regal lag (abgesehen davon, dass ich noch genügend Romane hier habe, die ich eigentlich ganz schnell abarbeiten sollte). Aber dann ich wolle es auch nicht zurück in die Bibliothek schleppen, ohne einen Blick hineingeworfen zu haben. Zwei Stunden hat es gedauert, dann ich mit der Geschichte durch – und nett waren diese zwei Stunden!

Kerstin Gier erzählt in „Rubinrot – Liebe geht durch alle Zeiten“ von Gwendolyn, die zusammen mit ihrer ungewöhnlichen Familie in London lebt. Jeder in ihrer Familie ist sich sicher, dass ihre Cousine Charlotte das seltene Gen geerbt hat, das es ihr erlauben wird, durch die Zeit zu springen. Doch eines Tages ist es Gwendolyn, die sich in einer vergangenen Epoche wiederfindet. Hofft sie anfangs noch, dass das ein Irrtum oder eine einmalige Sache war, muss Gwendolyn schnell lernen, dass sie diejenige ist, die nun die Aufgabe des „Rubin“ bei einer Gruppe von Zeitreisenden übernehmen muss.

Doch während Charlotte ihr Leben lang auf diese ungewöhnliche Tätigkeit vorbereitet wurde, hat Gwendolyn keine Ahnung, was nun von ihr verlangt wird und welches Wissen sie benötigt, um beim Reisen durch die Zeit zu überleben. Aber nicht nur ihre Familie, sondern auch die de Villiers gehören zu den Zeitreisenden – und der attraktive Gideon de Villiers ist nicht gerade erfreut darüber, in Zukunft mit einem absolut unvorbereiteten Mädchen durch die Zeit zu springen.

Durch die ganzen Rezensionen, die ich schon von dem Buch gelesen hatte, bin ich mit bestimmten Erwartungen an diesen Roman herangegangen. Doch statt einer zuckersüßen und kitschigen Liebesgeschichte habe ich eine (zum Glück) erfrischend lustige Handlung mit sympathischen Charakteren und einem interessanten Hintergrund vorgefunden. Mir hat diese Mischung aus Reisen in die Vergangenheit und den Passagen in der heutigen Zeit gefallen – und Gwendolyns beste Freundin Leslie gefällt mir. Sie glaubt nicht nur daran, dass Gwendolyn durch die Zeit reisen kann, sondern versucht sogar ihr mit so vielen Informationen wie möglich zur Seite zu stehen.

Aber vor allem die geheimnisvollen Wächter und der Graf von Saint Germain, der Gründer dieser Gruppe, die sich mit dem Zeitreisen beschäftigt, und seine Absichten machen mich neugierig – auch wenn man sich schon so einige Hintergründe denken kann. Außerdem finde ich Gwendolyn richtig nett und verfolge mit Interesse ihre Erlebnisse, ich mag ihre Freundin Leslie und den guten James und ich habe einige von Gwendolyns Familienmitgliedern ins Herz geschlossen. Oh, und ausnahmsweise hat mir auch das Zeitreise-Thema, mit dem ich normalerweise nicht so glücklich bin, in diesem Roman gefallen.

In Gwendolyns und Gideons Leben geht das Zeitreisen sehr organisiert vor sich. Um unkontrollierte Sprünge zu verhindern und die Ziele der Wächter durchzusetzen, wurde das Zeitreisen schon lange erforscht und Regeln für die Reisenden aufgestellt. Das befreit diese Sprünge in die Vergangenheit von dem üblichen Zeitreisenbalast und bietet der Autorin mehr Raum für die eigentliche Handlung und den Ausbau der Charaktere. Insgesamt hat mir „Rubinrot“ einen schönen und heiteren Nachmittag bereitet und nun warte ich darauf, dass „Saphirblau“ in der Bibliothek ausleihbar ist. 😉

Stephen King: Das Mädchen (Hörbuch)

Um Horror mache ich normalerweise einen Bogen – zumindest behaupte ich das immer, auch wenn diverse Horror-Manga und -Hörspiele in meinen Regalen zu finden sind, ebenso wie einige Romane, die man wohl theoretisch diesem Genre zuordnen kann. Hollys Challenge für das Jahr 2010 habe ich zum Anlass genommen, um mir ein paar Tipps geben zu lassen, welchen Autor ich doch mal ausprobieren sollte. Letztendlich bin ich bei Stephen King gelandet, um auch diese Bildungslücke zu schließen.

„Das Mädchen“ wurde mir als King-Anfänger-Geschichte empfohlen. Doch als Buch kam ich nicht so schnell an die gedruckte Fassung ran, aber dafür bot mir die örtliche Bibliothek eine ungekürzte Hörbuchfassung, die von Franziska Pigulla und Joachim Kerzel gelesen wird. Diese beiden Sprecher mag ich wirklich gerne, also war das eine mehr als akzeptable Alternative für mich.

Stephen King erzählt in „Das Mädchen“ die Geschichte von Trisha, die zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder eine Wanderung durch den Wald macht. Ihre Eltern haben sich vor einiger Zeit scheiden lassen und ihr Bruder kommt damit noch nicht so ganz zurecht. Vor allem belastet ihn der Umzug, der mit der Scheidung einherging, und der Umstand, dass er an seiner neuen Schule der absolute Außenseiter ist. Trisha übersteht das Ganze dank der Devise „Augen zu und durch“, sie versucht zwischen allen Beteiligten zu vermitteln und unterdrückt dabei nicht selten ihre eigenen Gefühle.

Doch bei dieser Wanderung ärgert sie sich darüber, dass ihre Mutter und ihr Bruder so mit Streiten beschäftigt sind, dass keiner von ihnen Trishs Wünsche und Bedürfnisse mitbekommt. So schlägt sie sich zum Pinkeln in die Büsche, ohne den beiden Bescheid zu sagen – und verirrt sich kurz darauf im Wald neben dem Appalachian Trial. Doch statt einfach stehen zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass sie schon gefunden wird, macht sich Trisha auf die Suche nach einem Weg und gerät immer tiefer in unwegsames Gelände.

Ich bin etwas zwiegespalten, wenn es um diese Geschichte geht. Die Grundidee gefällt mir und Stephen King hat sehr schön beschrieben, warum das Mädchen welche Entscheidungen trifft und wie sie dadurch immer tiefer in Schwierigkeiten gerät. Mir hat es gefallen, wie entschlossen und findig Trish mit ihrer Situation umgeht und ich fand es spannend zu verfolgen, wie es ihr allein in der Wildnis geht – und natürlich hat mich die Frage beschäftigt, ob sie überlebt.

Auf der anderen Seite hat der Autor nicht wenige Momente eingebaut, in denen Trish regelrecht philosophiert, in denen sie über Baseballweisheiten, die (nicht vorhandenen) religiösen Ansichten ihres Vaters und ihr Bedürfnis nach einem Gebet nachdenkt – und diese Teile fand ich unglaubwürdig. Hey, das Mädchen ist erst neun Jahre alt (na ja, schon fast zehn und groß für ihr Alter), da beschäftigt einen dieses Thema zwar, aber auf einer ganz anderen Ebene.

Außerdem wurden mir die Versuche künstlich Spannung aufzubauen, indem Trish von einem „ES“, einem „DING“, einem „Gott der Verirrten“ verfolgt wird, zu viel. Ich fand es deutlich aufregender, wie sie sich mit der Realität auseinandersetzen musste. Das Mädchen hat sich in einem Gebiet verirrt, in dem es so gut wie keine Menschen gibt, sie fällt Abhänge hinunter, wird von Wespen zerstochen, bekommt schreckliche gesundheitliche Probleme, weil sie sich von Farnen und Beeren ernährt, hat Angst im Dunklen (zurecht in einem Gebiet, in dem schließlich auch größere Raubtiere leben) und Hunger und Schlaflosigkeit führen zu Halluzinationen. Das sollte doch genug sein, um als Hörer/Leser Angst um die Kleine zu haben!

Ein anderer Punkt hat bei mir gleich zu Beginn zum Schmunzeln geführt und das war Joachim Kerzel. Er und Franziska Pigulla haben ihre Sache sehr gut gemacht – auch wenn ich gern wüsste, nach welchen Kritikpunkten entschieden wurde, wer welches Kapitel liest – , aber Joachim Kerzel ist mir vor allem als Sprecher der John-Sinclair-Hörspiele im Ohr. Und wenn ich dann als erstes diese Ortsangabe und diesen Satz „Juni 1998. Vor dem Spiel. Die Welt hatte Zähne. Und sie konnte damit zubeißen, wann immer sie wollte.“ von ihm vorgetragen bekomme, dann fühle ich mich (auch dank der musikalischen Untermalung, die ebenfalls Ähnlichkeiten aufweist) direkt in die Welt von Jason Dark versetzt. Und so gern ich die John-Sinclair-Hörspiele mag, so kann man von ihnen doch eher weniger behaupten, dass sie sprachliche Qualität besitzen. 😉

Nun gut, dieser Eindruck legte sich im Laufe der Zeit und auch an die regelmäßigen Wechsel zwischen der Männer- und der Frauenstimme habe ich mich schnell gewöhnt. Die beiden Sprecher haben zwar eindeutig andere Schwerpunkte in ihrem Vortrag gehabt, aber eigentlich gefiel mir das sogar. So konnte ich für mich mehr aus dem Text rausholen. Insgesamt muss ich wohl sagen, dass mich „Das Mädchen“ zwar gut unterhalten, aber nicht dazu animiert hat, mehr von King zu konsumieren. Grusel entsteht für mich – auch bei dieser Geschichte – mehr durch die Realität, als durch ein unheimliches „Es“.