Kategorie: Rezension

Laura Kalpakian: Café Eden

Vor einiger Zeit habe ich euch mal gefragt, was für ein Buch ihr bei diesem Klappentext erwarten würdet. Und die meisten waren (wie ich auch) nach dem Lesen der Inhaltsangabe davon ausgegangen, dass man in „Café Eden“ die Geschichte einer Frau verfolgen könnte, die nach einer schwierigen Kindheit und/oder unglücklichen Beziehungen Erfüllung in ihrem eigenen Café findet. Meiner Erwartung nach hätte die Handlung sich spätestens ab der Hälfte des Buches um das Café herum entwickelt und dort hätte man vielleicht sogar etwas über die regelmäßigen Besucher erfahren und über die Freundschaften, die sich entwickeln.

Stattdessen bekommt man in diesem Buch eine Familiensaga präsentiert, bei der sich die Rezepte, die später einmal im „Café Eden“ serviert werden, wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen. Das Ganz beginnt im Jahr 1926 in einer Mormonen-Gemeinde in Utah, wo die sechsjährige Eden zu Schule geht. Und schon in der ersten Szene bekommt man mit, dass sich das kleine Mädchen bei Problemen lieber an ihre Tante Afton als an die Mutter wendet. Denn während Edens Mutter den ganzen Tag betrunken ihren Tagträumen nachhängt, ist ihre Tante eine gläubige Mormonin, die nicht nur ihre eigen Familie erfolgreich „verwaltet. Bei ihr lernt Eden auch die ersten Schritte in der Küche, damit das Mädchen in der Lage ist sich und die beiden kleineren Geschwister zu versorgen.

Vor jedem Kapitel gibt es eine „Momentaufnahme“ die kurz die Lebensgeschichte einer Person oder wichtige Ereignisse aus ihrem Leben erzählen. All diese Menschen haben in irgendeiner Weise mit Eden und ihrer Familie zu tun – und am Ende des dazugehörigen Kapitels wird dann noch ein Rezept präsentiert, das mit dieser Person in Verbindung gebracht wird. Die Idee ist eigentlich ganz nett, macht das Buch aber etwas anstrengend zu lesen. Da springt man von den Erlebnissen eines chinesischen Kindes zu der Befreiung einer jungen Sklavin zur „Vernunftehe“ einer Banditentochter oder dem Schicksal einer italienischstämmigen Witwe und muss sich jedes Mal neu auf zurechtfinden.

Zwar steht Eden eigentlich immer der Mittelpunkt der Geschichte, doch bei so vielen Menschen, die Einfluss auf ihr Leben genommen haben, habe ich im Laufe des Romans immer wieder dagesessen und musste überlegen, welche Person hier schon wieder erwähnt wird und welche Verbindung zwischen ihr und Eden besteht und an welchen Stellen es schon mal Hinweise auf diesen Menschen gab. Dabei wäre das Leben der jungen Mormonin auch ohne diese Einschübe interessant zu lesen gewesen.

Eden ist von klein auf eine ungewöhnlich selbständige junge Frau. So meldet sie sich freiwillig als der Zweite Weltkrieg beginnt und verbringt die Kriegstage in London. Und da sie nach dem Krieg nicht (wie es sich für ein braves Mormonen-Mädchen gehören würde) als Hausfrau und Mutter niederlassen will, studiert sie und findet schließlich eine Stelle als Sekretärin in einer großen Bank. Auch als sie sich dann verliebt und dem Film-Ranch-Besitzer Matt March heiratet, verläuft ihr Leben nicht gerade langweilig.

Einzig die Nebenbemerkungen bei den Rezeptseiten, die von Anfang an klarstellen, dass diese Gerichte später in Edens Café serviert werden, deuten an, dass diese Frau irgendwann einmal ein Café eröffnet wird. Doch wie es dazu kommt, bleibt bis kurz vor Schluss des Romans unklar. Dabei spielt Essen in Edens Leben durchaus eine wichtige Rolle. Anfangs weil ihre Eltern nicht in der Lage sind, die drei Kinder regelmäßig mit Mahlzeiten zu versorgen, dann gibt es die Szenen innerhalb der Großfamilie, bei denen groß aufgetischt wird, und auch während der Kriegszeit erlebt Eden Hungerphasen ebenso wie seltene kulinarische Köstlichkeiten wie eine Apfeltarte während eines Bombenangriffs.

Doch obwohl ständig vom Essen die Rede ist und die Autorin immer wieder betont, dass man neben einem guten Rezept für das Kochen vor allem Fingerspitzengefühl und etwas Kreativität benötigt, fühlte ich mich beim Lesen nicht wirklich von all den Beschreibungen berührt. Bei anderen Büchern passiert es mir, dass ich mir ständig das Wasser im Munde zusammenläuft, ich laufe während des Lesens in die Küche und gucke, ob ich noch Zutaten für bestimmte Gerichte im Haus habe, ich stürze mich vor lauter Schokoladenlust auf die letzte Schokoreserve meines Mannes oder plane eine Kochorgie für das nächste Wochenende. Doch hier habe ich einfach nur gelesen, fand es ganz nett, aber niemals mitreißend.

Und das lag gewiss nicht nur daran, dass die traditionelle amerikanische Küche recht wenig Gerichte für eine Vegetarierin bereithält – sogar Bill Bufords (für mich eher ekelhafte, aber dafür enthusiastische) Beschreibungen seiner Tätigkeit in einer italienischen Metzgerei in dem Buch „Hitze“ haben bei mir mehr Begeisterung und Lust auf’s Kochen ausgelöst, als Laura Kalpakians Beschreibungen einer angeblich köstlichen Nachspeise.

Genauso ging es mir auch mit Edens Geschichte, es fehlte der Funken, der einen mit den Personen mitfühlen lässt. Dabei hat die Autorin viele liebevolle Details in die Handlung eingebaut und mit Eden einen interessanten Charakter geschaffen. Da dieser Roman mehr als 50 Jahre umspannt, bekommt man nicht nur einen Einblick in Erlebnisse dieser ungewöhnlichen Frau, sondern auch in die amerikanische Geschichte. Wobei ich vor allem den Part rund um die Filmgeschichte (Stummfilmzeit, amerikanische Western und die Anfänge der italienischen Westernzeit) mit Neugierde gelesen habe.

Alles in allem hat es etwas gebraucht bis ich mich an die Erzählweise gewöhnt hatte und mich zwischen all den Charakteren zurechtfand und erst ab der Mitte des Buches wurde die Geschichte dicht genug erzählt, dass ich mich mit der Handlung wohlfühlte und ein persönlicheres Interesse für die Figuren entwickelte. Trotz der insgesamt interessanten Geschichte finde ich es immer noch schade, dass es die Autorin nicht geschafft hat, mich mit all ihren Beschreibungen und Rezepten zu begeistern. Das ständige Gefühl beim Lesen, dass da noch ein Unglück in der Luft schwebt und das noch etwas gravierendes passieren muss, damit Eden irgendwann ihr Café eröffnet, kann ich der Autorin zwar nur zum Teil anlasten, da der Klappentext ja nicht aus ihrer Feder stammt – aber das ändert nichts daran, dass ich mich darüber etwas geärgert habe.

Mary Balogh: Diesen Sommer bin ich dein

„Diesen Sommer bin ich dein“ gehört zu den Empfehlungen von Irina – und sie hat mit dem Roman bei mir ins Schwarze getroffen! Hach, die Geschichte war lustig und gleichzeitig zum Heulen schön, vor allem, da sie so leise und wenig reißerisch erzählt wird …

Kit Butler, Viscount Ravensberg, benimmt sich wahrlich nicht wie ein Gentleman und so sieht ihn Lauren Edgeworth zum ersten Mal, als er sich in der Öffentlichkeit mit drei Männern prügelt und dann ein Milchmädchen küsst. Lauren hingegen ist durch und durch eine Lady, sie fühlt sich von dem anstößigen Verhalten des Viscount schockiert, bewahrt ansonsten jederzeit ihre Würde und ist die Ehrbarkeit in Person. Doch ganz so einfach ist ihr Leben bislang nicht verlaufen, denn vor gerade mal einem Jahr stand Lauren vor dem Altar, um Neville Wyatt, Earl of Kilbourne, zu heiraten – doch dann platze die totgeglaubte und vor der Familie verheimlichte Frau des Bräutigams in die Kirche.

Für Lauren wurde die Situation in Newbury Abbey daraufhin unerträglich, denn nun hatte sie nicht nur das Glück des wiedervereinten Paares tagtäglich vor Augen, sondern musste auch damit leben, dass ihr Neville eigentlich die ganze Zeit eine andere Frau geliebt hat. Doch verlassen konnte sie sein Zuhause auch nicht ohne weiteres, da sie als Pflegetochter der Familie aufwuchs. Nur gut, dass sie vor einigen Wochen eine Einladung ihrer Tante nach London annehmen konnte, um dieser in den Monaten vor ihrer Niederkunft Gesellschaft zu leisten.

Auch Kit steht gerade vor einem Problem: Seine Großmutter feiert ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag und anlässlich dieser Feier möchte Kits Vater die Verlobung seines Sohnes mit der Nachbarstochter bekannt geben. Doch da die Dame die ehemalige Zukünftige seines verstorbenen Bruders ist und Kit auch sonst ein Problem mit dieser geplanten Feier hat, plant er in den nächsten sechs Wochen eine Frau zu finden, die er seiner Familie als seine Verlobte vorstellen kann. Und damit diese Aufgabe zu einer richtigen Herausforderung wird, geht Kit mit seinen Freunden eine Wette ein, dass es die ehrbare und abweisende Lauren Edgeworth sein soll, die er in den nächsten Wochen erobert.

So sieht sich Lauren auf einmal den Aufmerksamkeiten des verrufenen Viscount Ravensberg ausgesetzt. Während sein Verhalten sie empört, reizt es sie jedoch auch mal gegen die Ratschläge ihrer Verwandtschaft zu handeln. Vor allem die Tatsache, dass man ihren Wunsch nach Einsamkeit und ein Leben als alte Jungfer nicht akzeptiert und ihr einen potenziellen Heiratskandidaten nach dem anderen vor die Nase setzt, empört sie so sehr, dass sie einen ungewohnten Widerspruchsgeist in sich entdeckt. Schließlich willigt sie ein mit Kit zusammen zu seiner Familie zu reisen und sich als seine zukünftige Braut auszugeben, in der Hoffnung, dass sie nach einer zweiten misslungenen Verlobung ein ruhiges und unabhängiges Leben in Bath führen kann. Doch so ganz einfach ist es nicht diese vorgetäuschte Verbindung ohne Probleme vor der gesamten Verwandtschaft aufrecht zu erhalten – vor allem, da es sich Lauren zur Aufgabe gemacht hat, Kit mit seiner Familie zu versöhnen, während er ihr den abenteuerlichsten und amüsantesten Sommer ihres Lebens bereiten will.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe kein Problem mit Sexszenen in historischen Liebesromanen, solange sie schön geschrieben sind (und über die anderen kann ich hinweglesen). Aber in der letzten Zeit ist mir der Verdacht gekommen, dass ich die Geschichten ohne Sex bevorzuge, da dann mehr Raum für die Charaktere und ihr Kennenlernen, für Wortgefechte und Freundschaft da ist. Mary Balogh hingegen lässt sich mit ihrer Handlung viel Zeit und findet so in meinen Augen die richtige Balance zwischen diesen beiden „Schwerpunkten“. Lauren und Kit lernen sich langsam kennen, obwohl für den Viscount die Zeit drängt. Und je mehr die beiden sich kennenlernen, desto mehr sind sie voneinander fasziniert, desto mehr freunden sich die beiden miteinander an.

Ich fand es wunderschön diese Beziehung zwischen den beiden zu verfolgen und mit Laurens Augen zu sehen, dass hinter Kits heiteren und unbekümmerten Fassade ein Mensch mit ganz eigenen Problemen steckt. Kit hingegen fühlt sich von Lauren würdevoller Haltung herausgefordert und doch lernt auch er nach einiger Zeit, dass hinter ihrem kühlen und gefassten Wesen der Wunsch steckt, einmal das Leben unbekümmert genießen zu können. Gerade die gemeinsamen Unternehmungen der beiden haben mich amüsiert. Ganz kleine Dinge, die für ein Kind ganz normal wären, wie eine kleine Kletterpartie in einen Baum, und die doch so ungehörig sind für eine Dame der Gesellschaft und deshalb unglaublichen Mut von Lauren fordern.

Auch die anderen Charaktere fand ich eigentlich durchweg sympathisch, selbst die unangenehmen Personen hatten doch Seiten, die einen berührten. Bei der Gelegenheit muss ich dann doch noch einmal auf Georgette Heyer verweisen, die es ganz wunderbar versteht hassenswerte Figuren wirklich reizvoll zu gestalten – und an ihren Herzog von Avon und seine Familie erinnerten mich auch Kits Nachbarn und die Verlobte seines verstorbenen Bruders. Ohje, ich kann es nicht ändern, dieser Vergleich muss einfach sein. 😉

Alles in allem hat mir „Diesen Sommer bin ich dein“ durchgehend gefallen und ich finde einfach keinen Kritikpunkt. Ich wollte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, habe gelacht, geschmunzelt, geweint oder einfach nur eine Szene genossen. Die Geschichte ist richtig schön – und nur die Tatsache, dass anscheinend nur noch Ausgaben mit diesen schrecklichen Covern, auf denen in wallende Gewänder gekleidete Personen in gliedmaßenverrenkenden Stellungen zu sehen sind, zu kaufen sind, hält mich gerade davon ab meinen Wunschzettel mit Romanen von Mary Balogh zu füllen.

Lisa Kleypas: Roulette des Herzens

Nachdem Irina es sich zur Aufgabe gemacht hat, mich von einigen ihrer Lieblingsautorinnen zu überzeugen, wird es hier in den nächsten Wochen vermehrt Texte zu Liebesromanen geben. Den Anfang macht „Roulette des Herzens“ von Lisa Kleypas – und ich muss zugeben, dass ich die Cover der „Historical Gold“-Hefte des Cora-Verlags nicht besonders schön finde. 😉 Aber dafür hat mir die Handlung wirklich gut gefallen und darauf kommt es schließlich an.

Hauptpersonen dieser Geschichte sind die etwas naive aber erfolgreiche Schriftstellerin Sara Rose Fielding und der berüchtigte Derek Craven. Sara ist ein Mädchen vom Land, wurde aber von ihren etwas älteren Eltern zur Unabhängigkeit erzogen. Sie hat ihren ganz eigenen Willen und verdient sich mit dem Schreiben von Romanen etwas dazu. Dabei geht es ihr weniger um das Geld, dass sie für ihre Werke bekommt, auch wenn es ihr und ihren Eltern zu so manch kleiner Annehmlichkeit verhilft, Sara hat einfach das Bedürfnis zu schreiben.

Ungewöhnlichweise beschäftigt sich Sara in ihren Romanen mit Prostitution und anderen Dingen, die eine ehrbare Dame nicht kennen sollte. Für ihr nächstes Projekt ist es erforderlich, dass die Autorin Recherchen in den Spielhöllen Londons betreibt, denn nur wenn sie vor Ort erfahren hat, wie es dort zugeht, kann sie ihre Geschichten auch authentisch anlegen. Doch so behütet wie Sara aufgewachsen ist, kommt ihr nicht in den Sinn, dass sie sich bei all ihren Unternehmungen auch mal in Gefahr bringt – obwohl sie zur Sicherheit eine kleine Pistole mit sich führt.

Und die benutzt sie auch, als sie eines Abends mitbekommt, wie zwei Männer mit Messern in der Hand über einen anderen herfallen. Das Opfer ist Derek Craven, Besitzer eines der bekanntesten und erfolgreichsten Clubs in London, und zum Dank erlaubt er Sara in seiner Spielhölle Nachforschungen anzustellen. Im Laufe der Zeit fühlt sich Derek von Sara immer mehr angezogen, obwohl sie mit einem jungen Mann aus ihre Heimatdorf so gut wie verlobt ist. Deshalb hält sich der berüchtigte Clubbesitzer immer wieder vor Augen, dass er aufgrund seiner Herkunft (Sohn einer Prostituierten aus den Slums) und seines nicht legalen Gewerbes für Sara nicht in Frage kommt – und natürlich kann man eine solche unschuldige und ehrenwerte Frau nicht zu seiner Geliebten machen!

Ich fand Sara und Derek sehr klischeebeladen. Da ist auf der einen Seite eine etwas naive, aber intelligente und warmherzige Frau und auf der anderen Seite ein Mann, der trotz seiner schrecklichen Kindheit und den Verbrechen, die er begangen hat, doch eigentlich ein großzügiger Mensch ist, der sich nach Liebe sehnt. Aber da es Lisa Kleypas gelingt diese beiden Personen – ebenso wie die diversen Nebencharaktere – wirklich schön und stimmig zu beschreiben, konnte ich über all die Klischees und die Vorhersehbarkeit der Handlung hinwegsehen.

Es war lustig mitzuverfolgen, wie Sara Dereks Club auf den Kopf stellt, wie seine Angestellten sie behüten und beschützen – und doch keine Hemmungen haben, sie in für eine ehrenwerte Dame kritische Situationen zu bringen, wenn es Sara bei ihren Recherchen hilft. Das naive Mädchen vom Land findet sich erstaunlich gut zwischen den Prostituierten, den Gaunern und Spielern zurecht und ignoriert alle Unverschämtheiten von Dereks Seite. Denn so unsicher wie er ihr gegenüber ist, verhält er sich eher wie ein trotziger Junge denn wie ein gestandener Geschäftsmann – und dementsprechend reagiert auch Sara auf seine Versuche sie wieder loszuwerden.

Abgesehen von der Vorhersehbarkeit der einzelnen Handlungsstränge habe ich nur einen Kritikpunkt: Die Geschichte ist nicht ausgewogen genug aufgebaut! Es gibt immer wieder Szenen, die ich als unnötig oder zu weitschweifig erzählt fand. Andere Entwicklungen hingegen wurden doch eher rasant abgefertigt, sodass ich mich fragte, warum die Autorin überhaupt diese Wendung in die Handlung eingebaut hat. Aber trotz dieser kleinen Mängel habe ich mich beim Lesen wirklich gut unterhalten gefühlt und mit Sara und Derek eine amüsante Zeit verbracht.

Simone Buchholz: Knastpralinen

Im März hatte ich hier auf dem Blog „Revolverherz“, den ersten Band rund um die Staatsanwältin Chas Riley, vorgestellt. Schon bei diesem Roman von Simone Buchholz hatte ich kräftig kritisiert, dass die Kriminalgeschichte unglaubwürdig, durchschaubar und wenig realistisch ist. Aber dafür hatten mich die schöne Sprache der Autorin und die wundervoll atmosphärischen Beschreibungen von Sankt Pauli mit der schwachen Geschichte ausgesöhnt. Also habe ich mir an diesem Wochenende den zweiten Teil, „Knastpralinen“, vorgenommen, der damit anfängt, dass in der Elbe kurz hintereinander zwei sorgfältig verklebte Plastikbeutel gefunden werden, in denen sich jeweils ein Kopf und die Hände und Füße eines Mannes befinden.

So muss Chastity Riley nicht nur einen Prozess gegen eine Bande von Mädchenhändern, sondern auch noch die Mordermittlungen im Fall der getöteten Männer führen. Doch leider fehlen der Polizei jegliche Hinweise auf den oder die Täter, was sich auch nicht ändert, als ein dritter (diesmal vollständiger) Ermordeter in der Elbe gefunden wird. Neben den beruflichen Problemen kämpft Chas auch noch mit ihrer Beziehung zu dem fünfzehn Jahr jüngeren „Klatsche“ und muss sich um ihre Freundin Carla kümmern, die in ihrem eigenen Café nach Feierabend vergewaltigt wurde.

Mit all diesen Zutaten müsste sich doch ein spannender Krimi schreiben lassen, aber auch „Knastpralinen“ versagt in dieser Hinsicht. Ebenso wie Chas Riley haben mich die Morde an den verschiedenen Männern kalt gelassen, aber nicht nur dieser Fall war mir egal, auch die verschiedenen Hauptfiguren. Selbst Carla, die ich in „Revolverherz“ ins Herz geschlossen hatte, war mir recht gleichgültig – obwohl ich sonst bei dem Thema Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen doch recht empfindlich bin.

Das Mordmotiv wurden einem hier auf dem Silbertablett präsentiert ebenso wie der Täter! Ich hasse es, wenn ich einen Krimi lese und der Autor den Mörder so in die Geschichte einbaut, dass man das Gefühl hat, er wird die ganze Zeit mit einem Scheinwerfer und blinkenden Weihnachtsbaumketten beleuchtet, damit man auch ja nicht verpasst, dass hier eine verdächtige Person rumläuft! Das war es also mit der Hoffnung, dass Simone Buchholz den Krimianteil bei ihrem zweiten Chas-Riley-Buch besser macht.

Doch es gab ja zwei Dinge, die mir bei „Revolverherz“ gefallen hatten, einmal die Sprache und dann die Atmosphäre. Die ungewöhnliche und doch klare Sprache ist geblieben und die habe ich auch in „Knastpralinen“ wieder würdigen können. Doch gelingt es Simone Buchholz mit diesem Roman nicht bei mir eine Sehnsucht nach Sankt Pauli auszulösen. Die Geschichte spielt in einem sehr heißen Sommer, was ein Grund dafür ist, dass alle Bewohner der Stadt träger und langsamer sind. Aber diese Trägheit hat sich auch auf mich als Leser gelegt. Ein heißer Tag in der Großstadt, das kenne ich, das hasse ich – und das fühlte sich beim Lesen nicht anders an als ein Tag in Köln, in Frankfurt, in München, in … Nur ganz selten gelingt es der Autorin etwas zu beschreiben, das sich für mich von anderen Städten abhebt.

Diese Passagen sind zwar dann so gut gelungen, dass sie in meiner Erinnerung haften blieben, wie das Kaffeetrinken am Sonntagmorgen auf der Straße, ein angsteinflößender Schuster oder ein kurzer Moment unter einem Leuchturm, aber diese wenigen Szenen reichen nicht, um mich für den Rest des Buches zu entschädigen. Ich glaube nicht, dass ich noch einen weitere Roman rund um Chas Riley lesen werde – und da mich die anderen Titel, die Simone Buchholz bislang veröffentlicht hat, auch nicht reizen, war es das wohl erst einmal für mich mit der Autorin.

Doris Dörrie: Kirschblüten – Hanami (Buch und Film)

Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen den deutschen Film – es gibt aber leider nur wenige, die mir wirklich gefallen. So reizte mich zwar das Thema bei Doris Dörries Film „Kirschblüten – Hanami“, aber so ganz konnte ich mich nicht dazu aufraffen, ins Kino zu gehen, was auch ein wenig an den Schauspielern lag, die ich nicht in jeder Rolle leiden kann, wenn ich das mal so freundlich ausdrücken darf. Irgendwann bekam ich dann das Buch zum Film in die Hand und hier hat mich die Geschichte so sehr berührt, dass ich doch noch die DVD angucken musste.

In „Kirschblüten – Hanami“ (Hanami ist übrigens der japanische Ausdruck für das Betrachten von Blüten und wird in der Regel auf die Kirschblüte bezogen, da für die Japaner das Aufblühen der Kirschbäume ein besonderes Ereignis ist und man gleichzeitig mit diesem Anblick den Beginn des Frühlings feiert) erzählt Doris Dörrie von dem Ehepaar Trudi und Rudi. Beide sind schon lange miteinander verheiratet, und bei aller Zärtlichkeit füreinander hat der graue Alltag sie schon längst eingeholt. Trudi hatte vor der Heirat japanischen Butoh-Tanz studiert, ist immer noch vom Anblick des Fuji und von der japanischen Kultur fasziniert und träumt davon, einmal die Kirschblüte in Japan erleben zu dürfen. Rudi kann das nicht nachvollziehen, er fühlt sich in seinem Alltag wohl, ist ein Gewohnheitstier und kennt keine unerfüllten Träume.

Doch dann bekommt Trudi die Mitteilung, dass Rudi schwer erkrankt ist. Ihr bleibt es überlassen, ob er von seiner Krankheit erfahren oder ob er so ungetrübt wie möglich seine letzten Monate erleben soll. Trudi beschließt, ihrem Mann nichts zu sagen und versucht stattdessen, ihm die verbleibende Zeit so schön wie möglich zu machen. Doch ein Besuch bei den Kindern (Sohn und Tochter) in Berlin zeigt nur, wie sehr sich die einzelnen Familienmitglieder voneinander entfremdet haben – und während Trudi herauszufinden versucht, was Rudi glücklich machen würde, ist er nur irritiert von ihrem Verhalten und ihren Fragen. Erst als Trudi überraschend stirbt, geht ihm auf, wie viele Träume sie für ihn und die gemeinsamen Kinder aufgegeben hat. Um sich ihr noch einmal nahe fühlen zu können, reist Rudi zu seinem zweiten Sohn, der in Japan lebt, und versucht dort all die Dinge zu sehen und zu erleben, die seine Frau sich so sehr gewünscht hat.

Das Buch zum Film wurde in drei Teile aufgeteilt: Über 100 Fotos mit Bildunterschriften, das komplette Drehbuch und ein Abschnitt über Doris Dörrie, der beschreibt, wie es zu dem Dreh von „Kirschblüten – Hanami“ kam, was der Regisseurin so alles in Japan schon passiert ist und wie ihre Faszination an dem Land ausgelöst wurde. Da ich den Film ja noch nicht kannte, habe ich mir gründlich die Fotos angeguckt und die Geschichte erst einmal wie bei einem Bilderbuch erlebt, was sehr berührend war. Ohne die Handlung im Hinterkopf zu haben, musste ich die Fotos besonders aufmerksam betrachten und war beeindruckt von den kleinen Dingen, die man wohl beim Betrachten des Films nicht so bewusst wahrnimmt.

Das Drehbuch hat mir dann deutlich mehr Hintergründe zu den einzelnen Figuren verschafft und ihr Verhältnis zueinander beleuchtet. Zu sehen, wie sehr sich die Kinder von ihren Eltern entfremdet haben und dass es eine Außenstehende benötigt, damit die verschiedenen Familienmitglieder wieder aufmerksamer miteinander umgehen, ist sehr traurig und doch so alltäglich. Auch Trudis und Rudis hilflose Versuche, für den anderen da zu sein – oder zumindest dann im Nachhinein noch die Dinge zu tun, die den anderen erfreut hätten -, waren sehr berührend zu lesen. Oder um es mal ganz deutlich zu sagen: Am Ende des Drehbuchs liefen mir die Tränen übers Gesicht, weil es so schön und traurig war.

Ganz so tief wie das Buch hat mich der Film allerdings nicht bewegt. Er gefiel mir und habe ihn bestimmt nicht zum letzen Mal gesehen, aber meine Fantasie hatte der Geschichte beim Lesen doch noch mehr Intensität verliehen, als es Doris Dörries Bilder gekonnt haben. Dabei haben Elmar Wepper und Hannelore Elsner hier in meinen Augen ihre überzeugendste Leistung als Schauspieler abgeliefert, und zum ersten Mal habe ich die beiden uneingeschränkt gemocht. Besonders Elmar Weppers Zusammenspiel mit Aya Irizuki (die die Japanerin Yu spielt) ist wirklich ganz bezaubernd!

Dafür habe ich mir während des Films mehr Gedanken um diese (und so auch ein wenig über meine) Familie gemacht. Selbst während wunderschöne Bilder aus Japan zu sehen waren, hat das einen Teil meiner Aufmerksamkeit gefangen gehalten. Das liegt wohl daran, dass ich das Buch miterlebt habe, während ich beim Film – trotz des Einsatzes einer Videokamera, die ich immer gewöhnungsbedürftig finde, die aber eine gewisse Nähe erzeugen soll – doch nur Zuschauer war und so mehr Raum für mich und weniger für die Geschichte hatte.

Auch muss ich zugeben, dass ich wohl ohne Kenntnis der Handlung bei einer Fernsehausstrahlung in der ersten Hälfte der Geschichte einen anderen Sender gesucht hätte. Aber mit dem Wissen, wie sehr sich Rudi noch entwickelt (und weil ich eben nach dem Lesen den Film sehen wollte), fand ich selbst diese eher zähen Passagen sehr rührend. Sowohl im Buch als auch im Film fand ich einen Moment in dieser Familie wunderbar mitzuerleben, bei dem man erkennt, dass diese unterschiedlichen Personen doch eine gemeinsame Vergangenheit verbindet.

Jenny-Mai Nuyen: Nijura – Das Erbe der Elfenkrone

„Nijura“ lag schon eine ganze Weile auf meinem SuB. Der Klappentext meiner Ausgabe beginnt mit folgendem Textauszug: „Einen Augenblick lang stand der neue König reglos vor den Elfen. Dann hob er die Hände und schon sich die Kapuze zurück: Die steinerne Krone Elrysjar schmiegte sich um seine Stirn, glänzend wie Sumpföl. Der Regen wusch ihm über das Gesicht, wusch Erde und Schmutz fort und enthüllte das lächelnde Gesichte eines Menschen.“ Danach folgt der eigentliche Klappentext, der mich darüber informiert, dass alle Hoffnungen die Elfen und den Rest der Welt vor der Vernichtung zu bewahren auf der jungen Halbelfe Nill ruhen, und da liegt auch schon der Punkt, der mich so lange vom Lesen abgehalten hat.

Ich fand die Grundvoraussetzung spannend, dass die Krone der Elfen in den Besitz eines Menschen gelangte und dieser nun ihr König wurde, aber wieder einmal eine Halbelfe in der Hauptrolle eines klassischen Fantasyromans zu sehen, schreckte mich doch ab. So langsam reicht es mir mit diesen armen kleinen Waisenkindern, die von den Menschen, bei denen sie aufwachsen, nur missachtet werden. Oh, und wenn die Halbelfen bei den Elfen aufwachsen ist es nicht anders, denn selbst wenn diese wunderbaren Wesen sanft und freundlich sind, so ist das halbmenschliche Geschöpf doch im Vergleich ungelenk und wird sich nie in ihre Kultur einfügen. Doch genug der Vorurteile, vor ein paar Tagen war es endlich soweit, dass ich das Buch in Angriff nahm – und nun bin ich mal wieder zwiegespalten …

Aber erst einmal noch ein paar Worte zum Inhalt: Auch wenn der Klappentext nur von der Halbelfe Nill spricht, so beginnt das Buch aus der Perspektive von Scapa. Der Junge schlägt sich als Dieb in der Kesselstadt durch, einem Ort, in dem von ihrem Volk verstoßene Elfen und die verschiedensten Menschen zusammenleben. Nebeneinander leben wäre vielleicht der bessere Ausdruck, denn die Völker vermischen sich nicht, jeder bleibt für sich und die einzigen Berührungspunkte ergeben sich, weil die Elfen als Hehler für die Verbrecher der Stadt dienen.

Scapa und Arane, ein Mädchen, dass er über alles liebt, versuchen zusammen mit den anderen Straßenkindern die Oberhand über das Gesindel in Kesselstadt zu gewinnen. Sie wollen keine Abgaben mehr an andere zahlen, erhoffen sich mehr Sicherheit und vor allem wollen sie endlich von dem Leben können, was sie sich im Laufe eines Tages so ergaunern. Erst nachdem man den Kampf der Straßenkinder verfolgt hat und Scapa, Arane und ein paar der anderen besser kennen gelernt hat, gibt es nach einer dramatischen Wendung einen Sprung in der Geschichte.

Drei Jahre später und ein Stückchen von Kesselstadt entfernt bekommt man einen kleinen Einblick in Nills Leben. Das Mädchen ist (wie schon im Klappentext angekündig) eine Halbelfe und – wie ich es schon vermutet hatte – sie ist nicht glücklich in ihrem Leben! Sie wird von den anderen Kindern gehänselt, ihre Pflegemutter ist ein Biest und nur der Pflegevater scheint freundliche Gefühle für sie zu hegen. So beschließt der Fürst des Ortes, dass die Halbelfe auch diejenige sein soll, die das seltsame magische Messer (das Nill praktischerweise im Wald gefunden hatte) zum neuen König der Moorelfen bringen soll, denn das Mädchen ist schließlich entbehrlich und niemand im Dort hängt an ihr.

Dieser König ist angeblich ein Mensch und schon seit Jahren verfolgen die Bewohner des Landes besorgt, wie die Grauen Krieger (warum nur will ich hier immer „Graue Reiter“ schreiben? *grübel), die unter seinem Befehl stehen, immer mehr Macht im Reich an sich ziehen und im Namen ihres Königs Gräueltaten verrichten. So will Nills Fürst vorsorgen und deshalb dem König – so als Versuch ihn wohlwollend zu stimmen – das Messer überreichen, von dem man glaubt, das es die einzige Waffe sei, die den Herrscher töten kann. Praktischerweise trifft Nill auf ihrem Weg auch noch auf eine Handvoll „Freier Elfen“, die sowieso in die gleich Richtung wollten und ihr Geleitschutz geben können.

Hört sich meine Inhaltsangabe ein bisschen biestig an? Wenn ja, dann liegt es vielleicht daran, dass ich zwar klassische High-Fantasy-Geschichten wirklich mag, aber mir hier doch ein wenig die eigene Grundidee fehlt. Genauso wie eine fundiert aufgebaute Fantasywelt, wenn ich das noch eben anmerken darf, denn über so einige Details darf man sich keine Gedanken machen, wenn man die Geschichte ohne grummeln erleben will. Trotzdem habe ich „Nijura“ genossen, da Jenny-Mai Nuyen eine schöne Erzählweise hat, die wirklich gut zu lesen ist. Auch hat sie die verschiedenen Charaktere angenehm vielschichtig angelegt.

Ich habe Scapa und seinen Freund Fesco, den Elfen Erijel und die andere Figuren in mein Herz geschlossen – sogar Nill und ihren Lerneifer mochte ich! Keiner der Charaktere ist zu simpel gestrickt, vor allem Scapa wird vor so einige Herausforderungen gestellt, bei denen es um seine Gefühle und Träume geht. Aufgrund der gewählten Perspektiven (Scapa und Nill sind diejenigen, durch deren Augen man hauptsächlich die Geschichte verfolgen kann) bleiben zwar einige Beweggründe zum Beispiel bei Arane offen, aber das führt nur dazu, dass man sich seine eigenen Gedanken zu der Vergangenheit der Personen macht. So haben mich die vielschichtigen und liebenswerten Charaktere über die verschiedenen Unstimmigkeiten oder Klischees getragen und ich habe mich gut unterhalten gefühlt. Obwohl die Geschichte in meinen Augen nur wenige überraschende Wendungen parat hatte, hatte ich das Gefühl, dass das Ende genau den richtigen Abschluss für diese Handlung bildete.

Laura Whitcomb: Silberlicht

Irgendwie passen „Silberlicht“ und ich nicht so recht zusammen. Der Roman war zwar gut zu lesen und hat mir eigentlich auch zugesagt (oder zumindest dachte ich das beim Lesen), aber ich hatte so einige Kritikpunkte – und ich finde es immer noch nicht so ganz einfach die auszuformulieren. Die Geschichte handelt von Helen, die schon seit 130 Jahren als „Licht“ existiert. Ihr ist bewusst, dass sie mal ein Mensch war und gestorben ist. Es gibt aber zwei Sachen, die sie noch auf der Erde halten. Zum einen ist da ihre Angst vor der Hölle, die sie nach ihrer Überzeugung nach ihrem endgültigen Tod erwartet, und zum anderen ist da die Liebe zur Literatur. Es ist Helen gelungen sich einen Halt im Leben zu suchen, in dem sie sich an Menschen hält, die ihr als „Bewahrer“ dienen.

Diese Menschen teilen ihre Vorliebe für Bücher und Geschichten, sie sind Dichter oder Schriftsteller und Helen versucht ihnen als eine Art Muse beizustehen. Ihr aktueller Bewahrer ist Mr.Brown, ein Englischlehrer an einer Highschool, der seit vielen Jahren schon an einem Buch arbeitet. Mit ihm zusammen geht Helen jeden Tag zur Schule, sie empfindet Zuneigung zu ihm und es fällt ihr schwer sich mit seiner Ehefrau und ihrem gemeinsamen Kinderwunsch abzufinden. Nie hat jemals jemand Helen zu Gesicht bekommen, auch wenn sie manchmal Vorhänge oder Papier in Bewegung versetzt. Doch eines Tages blickt ihr einer von Mr. Browns Schülern ins Gesicht und lächelt sie an.

Helen ist anfangs unglaublich erschrocken, da sie nicht fassen kann, dass da jemand in der Lage ist sie zu sehen. Doch James ist nicht irgendjemand. Auch er ist ein „Licht“, aber ihm ist es gelungen, den Körper eines Jungen in Besitz zu nehmen. Schnell überzeugt er Helen davon, dass auch sie einen Körper finden sollte, der von seiner Seele verlassen wurde und ihr die Möglichkeit bieten würde, endlich wieder etwas zu fühlen. Doch so einfach ist es nicht ein passendes Gefäß für Helen zu finden …

Am Ende des Buches liefen mir die Tränen runter, aber da ich an dem Tag sehr müde und eh emotional angeschlagen war, weiß ich nicht, ob das jetzt nur an der Handlung lag. Denn während des Lesens hatte ich immer das Gefühl, dass die ganze Geschichte einfach nicht richtig ausgereift war. Auf der einen Seite erfährt man anfangs sehr viel über Helens erste Bewahrer und ihrer ersten Schritte als „Licht“ und das macht einen auch ein wenig neugierig auf dieses ungewöhnliche Geschöpf, aber letztendlich hatte ich das Gefühl, dass hier zuviel Raum für die paar wichtigen Informationen genommen wurde. Das ist aber wirklich vor allem nur mein Gefühl, denn wenn ich mir jetzt die Seitenzahl angucke, dann nimmt sich Laura Whitcomb gerade mal bis Seite 24 Zeit dafür.

Als Helen dann James kennenlernt hat mich die Geschichte mehr gefangen genommen, aber trotz der Grundvoraussetzung, dass beide „Licht“ (ich weigere mich hier „Lichter“ zu schreiben, denn das hört sich einfach blöd an) sind, bekommt man hier doch nicht mehr als eine typische amerikanische Romeo-und-Julia-Geschichte geboten. Junge aus der Unterschicht, der in kriminelle Machenschaften verstrickt war, und Mädchen aus der gehobenen Mittelschicht, die in einer superbraven christlichen Familie aufgewachsen ist, können nicht zusammenkommen, da die gesellschaftlichen Unterschiede und der Widerstand des Umfelds so groß ist.

Okay, es ist ein bisschen komplexer, weil es ja nicht nur um die beiden „Wirtskörper“ von Helen und James, sondern auch um die beiden und ihrer Vergangenheit geht. Und um die Tatsache, dass sie sich doch deutlich von den Personen unterscheiden, die sie darstellen müssen, damit sie in ihrer neuen Rolle als „normale Menschen“ überzeugen. Eigentlich ist das auch alles von Laura Whitcomb schön geschrieben worden, die Sprache lässt sich (mal moderner, mal altmodischer) gut lesen, die literarischen Anspielungen haben mir gefallen und eigentlich mochte ich auch Helen und James.

„Eigentlich“ ist allerdings das entscheidende Wort. Denn ich fand das Ganze nicht ausgewogen genug. Auf der einen Seite sind Helen und James erwachsene Menschen gewesen, bevor sie verstarben, auf der anderen benehmen sie sich wie kopflose und egoistische Kinder. Die vielen einsamen Jahrzehnte haben anscheinend dafür gesorgt, dass die beiden nur jemanden finden mussten, der von der gleichen Art ist, damit sie sich sicher sind, dass es für die ewige Liebe reicht und das unwiderstehliche Verlangen haben übereinander herzufallen.

Beide haben mit den Körpern auch die Probleme derjenigen Personen übernommen, die sie nun überzeugend darstellen müssen – und irgendwann wurde es mir für die paar Seiten, aus denen die Geschichte besteht, einfach zuviel. Extreme Religiosität, Drogen und Jugendbanden, zerstörte Familien mit komatösen oder im Gefängnis steckenden Angehörigen und dazwischen die beiden frischverliebten Teenager … Sehr viele Sachen, die angesprochen werden, viel vorhandener Konfliktstoff, aber nichts davon ist richtig ausgearbeitet. Alles wird oberflächlich behandelt und nur angerissen.

Was die Handlung an sich angeht, so kann man letztendlich sagen, dass Helen und James irgendwie was gutes für diese beiden Familien getan haben, aber das Ende ihrer Geschichte ist mir dann schon wieder zu sehr wie in einer klassischen Geistergeschichte und somit zu beliebig. Während mich die Frage, was aus den beiden ursprünglichen Seelen in den beiden Teenagerkörpern wird, mich sehr unbefriedigt zurückgelassen hat. Ich glaube nämlich nicht, dass die Entwicklungen, die James und Helen ausgelöst haben, die Sache zu einem guten Ende führen können. Wie auch immer, das bekommt man als Leser nur angedeutet – und egal in welche Richtung ich es für mich „zuendespinne“, ich bin nicht wirklich glücklich mit dem Buch!

Laura Resnick: Verzaubert

„Verzaubert“ ist eins der kurzweiligsten Bücher, die ich in den letzten Tagen gelesen habe. Die Hauptfigur ist Esther Diamond, eine eher erfolglose Schauspielerin, die endlich mal wieder auf der Bühne stehen darf. Zwar ist sie in einem Off-Broadway-Stück nur die Zweitbesetzung für die Hauptdarstellerin und tummelt sich ansonsten als leicht bekleidete Nymphe im Chor dieses Musicals, aber all das ist besser als weiterhin als Kellnerin arbeiten zu müssen.

Als eines Tages die Hauptdarstellerin Golly Gee während eines Zauberkunststücks während der Vorstellung verschwindet, kommt Esthers große Chance. Doch so ganz ist sich die Schauspielerin nicht sicher, dass Golly wirklich nur einen Nervenzusammenbruch hatte und heimlich aus der gläsernen Kiste geflohen ist. Vor allem als Esther dann auch noch anonyme Mitteilungen bekommt, die sie davor warnen Gollys Rolle zu übernehmen, bekommt die junge Frau doch etwas Angst.

Zu schade, dass der attraktive Detective Lopez Esthers Sorgen nicht ernst nimmt, denn so ist sie gezwungen selber herauszufinden, was mit Golly passiert ist. Doch diese ist nicht die einzige, die in den letzten Tagen bei diesem speziellen Zaubertrick verschwand, und so muss sich Esther mit ihren Nachforschungen beeilen, bevor noch mehr Leute vermisst werden. Zusammen mit dem älteren Max Zodek und einem wirklich bunt gemischtem Haufen anderer Helfer entdeckt Esther eine ganze neue – und erstaunlich übernatürliche – Seite von New York.

Bei ihren Ermittlungen helfen der Schauspielerin nicht nur der magieerfahrene Max, sondern auch sein überaus unfreundlicher Assistent Hieronymus, ein Haufen Dragqueens, ein texanischer Cowboy mitsamt seiner entzückenden Tochter, ein Wall-Street-Finanzier und andere exzentrische Figuren. Und so klein ihr Auftritt auch ist, so habe ich auch die weiße Tigerdame Alice sehr in mein Herz geschlossen …

„Verzaubert“ bietet keine besonders anspruchsvolle Geschichte, aber die Handlung ist so nett und kurzweilig und liebenswert chaotisch, dass ich das Buch in einem Zug ausgelesen habe und am Ende kichernd auf dem Sofa saß. Esther hat einen ganz eigenen Galgenhumor, der ihr hilft mit all den seltsamen Vorgängen fertig zu werden, und obwohl viele der Figuren sehr klischeeüberladen dargestellt sind, haben sie mich hervorragend unterhalten. Ein kurzer Blick zu Amazon.com hat mir gezeigt, dass Laura Resnick in diesem Herbst den dritten Band um Esther Diamond herausbringen wird – und ich hoffe sehr, dass die weiteren Teile auch noch auf deutsch erscheinen werden.

Julia Quinn: Wie verführt man einen Lord?

… oder auch: Cinderella lässt grüßen! Die ersten Seiten hat es Julia Quinn für meinen Geschmack nämlich ein bisschen zu sehr mit der Märchenanlehnung übertrieben – obwohl ich solche „armen Verwandtengeschichten“ (z.B. bei Georgette Heyer *dumdidum*) normalerweise sehr mag. Zum Glück gelang es der Autorin dann die Handlung so weiterzuführen, dass ich sie rundum genießen konnte – und ich liebe das Ende! Aber erst einmal der Reihe nach: Nach „Wie erobert man einen Duke?“ und „Wie bezaubert man einen Viscount?“ ist „Wie verführt man einen Lord?“ der dritte Band der Bridgerton-Reihe und dieser dreht sich um Sophie und den zweiten Bridgerton-Sohn Benedict.

Sophie Beckett ist ein Bankert, das Ergebnis eine Affäre zwischen dem Earl of Penwood und eine Frau aus dem gemeinen Volk. Als ihre Mutter verstarb, wurde das kleine Mädchen von ihrer Großmutter bei dem Earl abgeliefert und lebte von nun an als „Mündel“ und „verwaisten Tochter eines verstorbenen Freundes“ im Hause des Adeligen. Obwohl ihr Vater ihr keinerlei Aufmerksamkeit schenkt, wird Sophie gut erzogen. Erst als der Earl eine Witwe mit zwei Töchtern heiratet, verändert sich ihr Leben drastisch. Der neuen Herrin (mit dem hübschen Vornamen Araminta) ist auf den ersten Blick bewusst, dass das Mädchen die Tochter ihres Mannes ist und verbietet ihr jeglichen Kontakt mit ihren Kindern Posy und Rosamund. Und da sich die beiden Mädchen am Verhalten ihrer Mutter orientieren, wird Sophie in den nächsten Jahren auch kräftig von ihnen gepiesackt.

Nach dem Tod des Earl hofft die böse Stiefmutter … äh … die Countess, dass sie das verhasste Mädchen endlich loswerden könnte, doch der Verstorbene hat testamentarisch für sein Mündel gesorgt. Um nicht in Zukunft auf dem Trockenen zu sitzen, muss sich Araminta mit Sophie arrangieren – und sorgt deshalb dafür, dass das Mädchen ihr als „bessere Zofe“ zu Diensten ist. Als die Londoner Saison anfängt werden Rosamund und – die nicht so hübsche – Posy von ihrer Mutter von einer Veranstaltung zur anderen geführt, während Sophie davon träumt auch nur einmal einen Ball besuchen zu dürfen. Doch eines Abends kommt ihre große Stunde, als eine Verschwörung der Dienstboten dazu führt, dass die junge Frau einen Maskenball im Hause Bridgerton besuchen kann.

Hier erreichen dann die unglaubwürdigen Momente in meinen Augen ihren Höhepunkt, denn welcher Dienstbote (und hier ist es quasi der gesamte Haushalt) würde in dieser Zeit schon so ein Vergehen auf sich nehmen? Aber da es alles so nett beschrieben wurde, kann ich mit diesen Unglaubwürdigkeiten leben – und das erste Zusammentreffen von Sophie und Benedict auf dem Ball genießen. Die junge Dame ist mit einer Halbmaske getarnt und so verliebt sich Benedict erst einmal nur in ihre Augen, ihre Haltung und ihre wunderbare Ausstrahlung. 😉 Wie es mit den beiden weitergeht, will ich eigentlich nicht verraten, aber natürlich ist alles fürchterlich kompliziert und es dauert unendlich lange, bis sie sich gegenseitig ihre Zuneigung gestehen können. Vor allem Sophies Abstammung ist natürlich ein großes Hindernis und würde dafür sorgen, dass sie niemals in der Gesellschaft akzeptiert würde.

Ich weiß, dass sich das jetzt vielleicht nicht so anhört, aber mir gefiel dieser dritte Band noch besser als die ersten beiden. Sophie und Benedict haben sich ganz schnell einen Platz in meinem Herzen erschlichen. Er ist ein wunderbarer romantischer Romanheld, auch wenn er ein bisschen braucht, um den richtigen Weg zu Sophie zu finden – aber was wäre eine solche Liebesgeschichte ohne solche Wirrungen? Und Sophie ist einfach toll. Anfangs ein kleines liebes Mädchen, das nicht verstehen kann, warum die neue Frau im Haus und ihre Kinder so unfreundlich sind, dann eine junge Frau, die versucht das Beste aus jeder Situation zu machen und dabei immer ihren Prinzipien treu zu bleiben. Und wie es sich für einen Bridgerton-Roman gehört, mischt auch Benedicts restliche Familie wieder gewaltig mit, was für wunderbar amüsante Szenen sorgt!

Bislang muss ich zugeben, dass Irinas Julia-Quinn-Empfehlung mir wirklich viel Freude bereitet hat. Der vierte Band „Penelopes pikantes Geheimnis“ ist schon lange gelesen und nun warte ich sehnsüchtig auf den fünften Teil „In Liebe, Ihre Eloise“, der leider erst im Juni veröffentlicht wird. Wie soll ich nur all die Wochen bis dahin überstehen? *g* Oh, und für diejenigen, die meine Georgette-Heyer-Vergleiche vermisst haben: Auch diese Autorin hat gern mittellose und von der Verwandtschaft ausgenutzte Heldinnen in den Mittelpunkt ihrer Bücher gestellt, aber Sophie wäre bei ihr wirklich ein Mündel des Hauses oder das verwaiste Kind eines entfernten Verwandten gewesen. 😉

Michelle Harrison: Elfenseele – Zwischen den Nebeln

Mit „Elfenseele – Zwischen den Nebeln“ veröffentlicht der Loewe-Verlag den zweiten Band von Michelle Harrison. Über „Hinter dem Augenblick“ hatte ich ja schon im Dezember geschrieben und da mir das Buch so gut gefallen hatte, musste ich natürlich auch die Fortsetzung lesen! Im ersten Teil stand Tanya im Mittelpunkt, ein Mädchen, dass mit der Gabe gesegnet (oder sollte man besser sagen verflucht) war Feen und Elfen sehen zu können. Aufgrund dieser Fähigkeit geriet sie immer wieder in Schwierigkeiten, lernte aber auch einige Menschen kenne, die ebenfalls die übernatürlichen Wesen sehen konnten – und ihr helfen wollten. Rowan „Red“ Fox zum Beispiel hat Tanya viel darüber beigebracht, wie sie sich vor den Übergriff der Feen und Elfen schützen könnte.

Am Ende von „Hinter dem Augenblick“ gelang es Red nach einer dramatischen Auseinandersetzung mit dem „kleinen Volk“ sogar das Elfenreich zu betreten, etwas, was sie schon seit über einem Jahr versuchte. Damals musste Red nach einem Autounfall, der ihre Eltern das Leben kostete, mit ihrem kleinen Bruder zusammen in einem Heim leben. Als dort Kinder verschwinden und durch Wechselbälger ersetzt werden, versucht Red alles, um ihren Bruder James zu beschützen – doch vergeblich!

Nachdem James von den Feen geraubt wurde, sammelt seine Schwester so viel Informationen wie möglich über die übernatürlichen Wesen und findet heraus, dass sie vielleicht eine kleine Chance haben könnte, ihren Bruder aus dem Elfenreich zu befreien. Doch dafür muss sie selber in diese magische Welt gelangen. Als ihr das letztendlich gelingt, fällt sie der Heckenhexe in die Hände, die ihre ganz eigenen unheimlichen Pläne mit dem Mädchen hat.

Mir gefiel „Zwischen den Nebeln“ noch besser als der erste Teil, da sich die Autorin noch mehr auf die düsteren Seiten der britischen Volksmärchen konzentriert hat. Zwar wird der eine oder andere Teil von Reds Aufgabe im Feenreich etwas einfach gelöst, aber dafür werden die Charaktere vielschichtiger beschrieben und der Hintergrund des Mädchens wird schön ausgearbeitet. Im Vergleich zu Tanya, deren Leben doch bislang immer sehr glatt verlief, zeigt Red viel mehr unterschiedliche Seiten ihres Charakters. Sie ist durch das Leben auf der Straße misstrauisch geworden, wirkt manchmal hart und erschreckend skrupellos – und wird doch die ganze Zeit nur von ihrer Liebe zu ihrem kleinen Bruder angetrieben.

Auch Tanya und Fabian wird in diesem Buch wieder eine Rolle zugestanden, da neben dem magischen Reich auch wieder das Herrenhaus Elvesden Manor zum Schauplatz der Geschichte wird – und ich sollte noch erwähnen, dass die Handlung auch verständlich ist, wenn man „Hinter dem Augenblick“ nicht gelesen hat, wobei so einige Anspielungen mit diesem Vorwissen eher zu genießen sind. Insgesamt bietet „Zwischen den Nebeln“ eine schöne Mischung aus traurigen Geschehnissen, fantastischen Elemente, niedlichen, bedrohlichen und hilfsbereiten magischen Wesen und vielen kleinen amüsanten Szenen.

Wenn es der Autorin gelingt diese Qualität zu halten (oder gar noch besser zu werden) und weiterhin so schöne und märchenhafte Geschichten zu erzählen, dann freu ich mich jetzt schon auf alle noch kommenden Romane von Michelle Harrison.