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Agatha Christie: Ruhe unsanft (Hörbuch)

„Ruhe unsanft“ ist eine meiner Lieblingsgeschichten von Agatha Christie, und so habe ich das von Katharina Thalbach gelesene Hörbuch recht schnell in den Player geworfen, nachdem es in der letzten Woche bei mir ankam. Der Roman wurde von Agatha Christie 1940 geschrieben und dann für schlechte Zeiten zur Seite gelegt. Da sie aber bis zu ihrem Tod keinen Bedarf an diesem „Notfallmanuskript“ hatte, wurde die Geschichte posthum veröffentlicht.

In „Ruhe unsanft“ dreht sich die Handlung vor allem um die frischverheiratete Neuseeländerin Gwenda, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Giles nach England ziehen will. Da Giles noch aus beruflichen Gründen aufgehalten wird, sucht Gwenda allein nach einem Haus an der Südküste und wird auch schnell fündig. Noch während der Umbauarbeiten zieht die junge Frau nach „Hillside“ und fühlt sich Tag für Tag unwohler in dem hübschen Haus, da es immer wieder zu seltsamen Vorfällen kommt. Gwenda muss nicht nur feststellen, dass all die von ihr gewünschten baulichen Veränderungen dazu führen, dass das Haus in einen früheren Zustand zurückversetzt wird, sondern sie hat auch unheimliche Erinnerungen an eine tote Frau im Treppenhaus – und dies, obwohl sie noch nie zuvor in England war. Während Gwenda so langsam befürchtet, dass sie wahnsinnig wird (oder über übernatürliche Fähigkeiten verfügt), setzt Miss Marple – die Gwenda bei einem Besuch in London kennenlernt – eher auf naheliegendere Erklärungen.

Dieser Krimi gehört nicht gerade zu den ereignisreicheren Werken von Agatha Christie, vor allem, da Gwenda, Giles und Miss Marple sich mit Geschehnissen beschäftigen, die fast zwanzig Jahre zurückliegen. Aber gerade durch diese geruhsame Erzählweise und die eigenwilligen Charaktere, die in „Ruhe unsanft“ vorkommen, finde ich diesen Roman so wunderbar. Sehr schön ist zum Beispiel ein Gespräch, das Gwenda mit dem Gärtner führt. Dieser kümmert sich schon seit Jahrzehnten um den Garten von „Hillside“ und beklagt die ständigen Veränderungen. Er finde es schrecklich, dass es einfach keine Beständigkeit mehr gibt, dass Leute heutzutage Häuser kaufen und nach zehn Jahren wieder verkaufen – und überhaupt war früher alles besser. Während dieses Lamentieren wunderbar die Veränderungen zeigt, die in den letzten Jahren den kleinen Küstenort beeinflusst haben, beweisen die Ermittlungen von Gwenda und Giles, wie viele Menschen in dem Ort fest verwurzelt sind und auch heute noch von den Ereignissen bewegt werden, die doch schon vor zwanzig Jahre passiert sind.

Für die Version, die der Hörverlag veröffentlicht hat, wurde die Geschichte auf drei CDs heruntergekürzt. Aber wer den Roman nicht kennt, wird vermutlich nicht so viel vermissen. Ich hatte auf jeden Fall nicht das Gefühl, dass die Kürzungen zu Unstimmigkeiten geführt hätten. Dafür muss ich die Wahl der Sprecherin aufs Deutlichste beklagen. Katharina Thalbach für eine Geschichte zu wählen, die vor allem aus der Sicht einer Frau Anfang Zwanzig passiert, ist mehr als unpassend. Ihre raue Stimme klingt schon sonst brüchiger und älter, als man es bei einer Frau erwartet, die nicht mal sechzig Jahre alt ist, aber hier ist es mir besonders unangenehm aufgefallen. Dazu kommt, dass ihre englische Aussprache nicht immer erträglich ist – hätte ich nicht gewusst, dass die Protagonistin Gwenda heißt, wäre ich am Ende des Hörbuchs vermutlich davon ausgegangen, dass der richtige Name „Wanda“ lautet. Ich finde Katharina Thalbach als Hörbuchsprecherin selbst dann gerade noch passabel, wenn sie passend besetzt ist, hier aber fand ich sie richtig unangenehm.

[Kurz und knapp] Chris Priestley: Mister Creecher

Für „Mister Creecher“ von Chris Priestley bemühe ich mal den Klappentext des Bloomoon Verlags,statt eine eigene Inhaltsangabe zu schreiben:

„London 1818. Billy ist ein einsamer Straßenjunge und Taschendieb und schleicht auf seinen Raubzügen durch die düsteren Gassen der nebligen Straßen. Da stolpert er über eine leblos am Boden liegende Gestalt – ein vermeintlich leichtes Opfer für einen gewieften Taschendieb? Doch der monströse Riese entpuppt sich als eine Furcht einflößende Gestalt: Mister Creecher! Und der ist keineswegs wehrlos oder gar tot.
Aus der zufälligen Begegnung von Billy und Mister Creecher wird Stück für Stück eine ungewöhnliche Freundschaft, die sie auf eine abenteuerliche Reise in Richtung Norden führt – immer einem Ziel folgend: Viktor Frankenstein.“

 Ich muss zugeben, dass ich nach dem Lesen des Romans sehr zwiegespalten zurückbleibe. Auf der einen Seite hat mir „Mister Creecher“ sehr gut gefallen. Keine der Figuren ist richtig sympathisch, aber man kann ihre Motivationen und Handlungen nachvollziehen. Billy hat durch sein Leben auf der Straße eine Skrupellosigkeit entwickelt, die immer wieder sein Handeln bestimmt. Für ihn geht es immer wieder ums Überleben, und so ist seine Beziehung zu Mister Creecher auch immer davon bestimmt, welchen Nutzen er daraus ziehen kann. Mal geht er auf die Aufträge dieses Wesens ein, weil er sich fürchtet, mal deshalb, weil er finanziellen Nutzen daraus zieht. Freundschaft, Wärme oder Uneigennützigkeit kennt der Junge lange Zeit nicht, erst im letzten Drittel gibt es Momente, in denen man als Leser den Eindruck hat, dass er Gefühle für andere Menschen entwickeln kann.

Mister Creecher hingegen wirkt – trotz seines Furcht einflößenden Äußeren – anfangs sehr viel menschlicher. Er ist gebildet, liest Bücher (unter anderem Jane Austen), sehnt sich nach Nähe und Freundschaft und scheut vor Gewalt zurück. Trotzdem schimmert immer wieder eine weitaus gefährlichere Seite seines Charakters durch. Seine Wutausbrüche sorgen ebenso wie seine distanzierte Haltung gegenüber den Menschen und seine Besessenheit, wenn es um seinen Schöpfer Frankenstein geht, dafür, dass es schwer fällt, Vertrauen zu ihm aufzubauen.

Gerade diese Ecken und unsympathischen Seiten bei den Figuren haben mir sehr gut gefallen und ließen sie angenehm realistisch wirken. So kann ich auch gut damit leben, dass es für Billy und Mister Creecher am Schluss kein glückliches Ende gibt. Allerdings gefällt mir die Art und Weise nicht, in der Chris Priestley seinen Roman abgeschlossen hat. Für Billy gibt es da einen unfassbar schrecklichen Moment, der etwas in ihm zerbrechen lässt und dafür sorgt, dass all das „Gute“, das er im Laufe der vergangenen Monate in sich entdeckt hat, vollständig verschwindet. Um diese Entwicklung zu betonen, lässt der Autor Billy ein Verbrechen begehen und zeigt danach deutlich auf, welche Schritte der Junge in den nächsten Tagen gehen wird.

Mir persönlich wäre es deutlich lieber gewesen, wenn die Geschichte mit dem unfassbar schrecklichen Moment (puh, ist das schwierig, ohne zu sehr zu spoilern!) geendet hätte und wenn der Autor jede weitere Entwicklung der Fantasie des Lesers überlassen hätte. Das hätte diese Geschichte für mich so viel eindringlicher werden lassen. So aber fühle ich mich am Ende unbefriedigt und vom Autor entmündigt. Auch wenn „Mister Creecher“ für Jugendliche geschrieben wurde, so bin ich doch der Meinung, dass man nicht jede Anspielung erklären muss, nicht jede Andeutung noch einmal aufgreifen und weiterführen muss, damit der Leser kapiert, welche Absicht der Autor damit verfolgt.

Chris Priestley verweist mit seinem Roman auf diverse Klassiker (und macht damit auch Lust, sich wieder mehr mit seinen Inspirationsquellen zu befassen). Die Verbindung zu „Frankenstein“ ist unübersehbar und wird nicht nur durch die Figur des Mister Creecher und seine Beziehung zu Viktor Frankenstein betont, sondern auch durch einen „Gastauftritt“ von Mary und Percy Shelley. Die Bezüge zu „Oliver Twist“ liegen ebenfalls auf der Hand, werden vom Autor aber erst in den letzten Absätzen – quasi als große Enthüllung – tatsächlich ausgesprochen. Billys Leben in London, seine Vorgeschichte als Kaminkehrerjunge, seine Aktivitäten als Taschendieb – all das scheint 1:1 aus einem Roman von Dickens zu stammen. Da Chris Priestley es die ganze Geschichte hindurch (krampfhaft) vermeidet, bestimmte Namen zu nennen, gibt es erst am Ende für den Leser (der „Oliver Twist“ kennt) die Gewissheit, welche Rolle Billy im Dickens’schen Universum einnimmt.

Auch hier hätte ich es viel spannender gefunden, wenn der Autor anders vorgegangen wäre. Mich hatte schon während des Lesens gestört, dass manche Figuren keinen Namen haben, sondern nur durch ihre Beziehung zu anderen Charakteren benannt werden. Als ich dann die „überraschende Wendung“ am Schluss las, war ich enttäuscht. Wie viel spannender wäre der Roman gewesen, wenn ich von Anfang an gewusst hätte, wer diese Personen sind und wenn ich mich beim Lesen hätte fragen können, wie Chris Priestley es letztendlich schaffen wird, seine Charaktere und ihre Geschichte mit den bekannten Elementen zu verflechten und daraus etwas Stimmiges zu erschaffen.

Noch bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich den Roman behalten werde. Abgesehen vom Ende hatte er mir wirklich gut gefallen – sehr atmosphärisch, sehr viele Szenen, die zeigen, dass das viktorianische Zeitalter bevorsteht, stimmige Charaktere, schöne Verweise auf Literaturklassiker -, aber momentan fürchte ich, dass ich die Geschichte nicht noch einmal lesen werde.

[Kurz und knapp] Bram Stoker: Dracula (Hörbuch)

„Dracula“ von Bram Stoker gehört zu den Klassikern, die ich als Teenager gelesen hatte. In letzter Zeit ist mir aufgefallen, wie viele Bücher ich damals ein Mal und dann nie wieder gelesen hatte – und bei wie vielen ich mich nicht mehr an Details erinnere. Als also Ariana schrieb, dass sie ein gutes „Dracula“-Hörbuch gehört hatte, dachte ich, dass das eine gute Gelegenheit wäre, um meine Erinnerung aufzufrischen. Zum Glück gab es genau diese Ausgabe in der Bibliothek, und so habe ich in den letzten Tagen einige Stunden mit Jonathan und Mina Harker, Lucy Westenra, ihren Verehrern Arthur Holmwood, Dr. John Seward und Quincey P. Morris sowie dem genialen Professor van Helsing verbracht.

Die Handlung an sich dürfte bekannt sein, darauf muss ich wohl nicht eingehen. Dafür sind mir immer wieder Kleinigkeiten aufgefallen, die ich überraschend naiv fand. So behauptet Lucy in einem Brief an Mina, dass sie schon zwanzig sei und noch nie einen Verehrer gehabt habe bis zu dem Tag, an dem sie gleich drei Heiratsanträge bekam. Und sehr schmunzeln musste ich bei all den Bluttransfusionen für Lucy, als diese erkrankt. Jeder verfügbare Mann wurde angezapft, um Lucy Blut zu spenden, während bei mir die Frage nach Blutgruppenübereinstimmungen durch den Kopf geisterte. Dass die Transfusion als „Operation“ bezeichnet wurde, sehe ich hingegen nur als ein Beispiel von vielen für die altmodische Ausdrucksweise, die mir bei diesem Klassiker immer wieder in Ohr gesprungen ist.

Ansonsten kann ich mich Ariana nur anschließen (und könnte es mir deutlich einfacher machen, wenn ich einfach ihre oben verlinkte Rezension zitieren würde 😉 ). Die Hörbuchversion der Deutschen Grammophon scheint sich an der Erstübersetzung des Romans zu orientieren, was zu einer sehr schönen Atmosphäre beiträgt. Obwohl der Text im Vergleich zum englischen Original gekürzt wurde, gibt es keine spürbaren Lücken oder Auslassungen in der Handlung. Hier und da wird die Lesung von Musik unterstützt, was in der Regel angenehm dezent vonstatten geht, abgesehen vom Anfang und Ende einer jeden CD, aber da kann ich das akzeptieren.

Doch der größte Pluspunkt besteht in der Auswahl der Sprecher. Die verschiedenen Tagebucheinträge und Briefe werden von unterschiedlichen Sprechern und Sprecherinnen vorgetragen, die allesamt ihre Arbeit sehr gut machen. Es ist wirklich sehr selten, dass ich an gar keinem Sprecher etwas zu meckern habe, aber hier ist das der Fall. Einzig der Hall, der bei einigen Gelegenheiten verwendet wird, um eine Veränderung anzuzeigen, hätte meiner Meinung nach weggelassen werden können. Aber da dieser Effekt nicht groß stört, hat mir „Dracula“ in dieser Variante wirklich Spaß gemacht!

Wilkie Collins: The Woman in White

„The Woman in White“ von Wilkie Collins hat es mir anfangs nicht so leicht gemacht. Erst gefiel mir die deutsche Übersetzung nicht, dann wurde ich nicht so recht warm mit der Figur des Walter Hartright, und auf Englisch hat sich das Ganze auch noch etwas hingezogen. Trotzdem hat mir die Geschichte sehr gut gefallen, als ich erst einmal in der Handlung drin war (und mich an die etwas langatmige Schreibweise der verschiedenen Figuren gewöhnt hatte). Erzählt wird die Geschichte aus mehreren Perspektiven – von denen mir die des alten Familienanwalts Gilmore und die der älteren Schwester der „verfolgten Heldin“ am liebsten waren.

Der Beginn von „The Woman in White“ wird von Walter Hartright berichtet, der sein Auskommen als Zeichenlehrer in London hat und über die Sommermonate etwas knapp bei Kasse ist. So könnte es ihm gerade recht kommen, als ein Freund ihm ein Engagement als Zeichenlehrer im Limmeridge House in Cumberland vermitteln kann – doch der gute Walter ist anfangs etwas unmotiviert und unwillig, auf Reisen zu gehen. Trotzdem nimmt er natürlich den Job an und verabschiedet sich am Abend vor der Abfahrt von seiner Mutter und Schwester, die in einem Cottage vor den Toren Londons leben.

Auf dem Rückweg in die Stadt wird er von einer geheimnisvollen Frau in Weiß angesprochen, die sich zu fürchten scheint und ihn bittet, sie bis London zu begleiten. Nachdem sie sich von ihm getrennt hat, ohne ihm ihren Namen zu verraten – aber dafür weiß er nun, dass sie gute Erinnerungen an Limmeridge House hegt, das sie als Kind besucht hatte – bemerkt er zwei Männer, die auf der Suche nach einer entflohenen Patientin eines Irrenhauses, die vermutlich ganz in Weiß gekleidet ist, sind. Bei seiner Ankunft in Limmeridge House ist er noch ganz erfüllt von diesem Erlebnis und versucht mit der Hilfe von Marian Halcombe (einer seiner beiden Zeichenschülerinnen), mehr über die Unbekannte herauszubekommen.

Aus den alten Briefen ihrer verstorbenen Mutter (Mrs. Fairlie) schließt die junge Frau, dass es sich bei der Dame in Weiß um Anne Catherick handeln muss, die als Kind eine Zeit lang in der örtlichen Schule unterrichtet wurde und die – aufgrund ihres zurückgebliebenen Gemüts und ihrer äußerlichen Ähnlichkeit mit Marians Halbschwester Laura Fairlie – von Mrs. Fairlie unter ihre Fittiche genommen wurde. Nach dieser Entdeckung scheinen aber alle Hinweise erst einmal ausgeschöpft zu sein und Walter und Marian erwarten nicht, dass sie noch mehr über die geheimnisvolle Anne Catherick rausfinden.

Währenddessen verliebt sich Walter in die schöne, sanfte und künstlerisch begabte Laura, die ebenfalls tiefe Gefühle für den Zeichenlehrer empfindet. Doch da er nicht standesgemäß ist und sie vor Jahren auf dem väterlichen Totenbett mit Baron Glyde verlobt wurde, kann aus der Sache natürlich nichts werden. So ist Walter gezwungen, einen persönlichen Notfall vorzuschieben, um von seinem Arbeitgeber (Lauras Onkel Sir Fairlie) vorzeitig aus seinem Engagement entlassen zu werden. Damit wäre die ganze Angelegenheit vermutlich erledigt gewesen, wenn nicht Anne Catherick unvermutet im Dorf aufgetaucht wäre und einen (eigentlich anonymen) kryptischen Brief an Laura geschrieben hätte, in dem sie die junge Frau vor der Heirat mit dem Baron warnt.

Doch da Anne nicht bereit ist, eine klare Aussage zu machen, und wieder verschwindet, bevor Walter und Marian mehr aus ihr herausholen können, und auch nichts Nachteiliges über den Baron herauszufinden ist, heiratet Laura den älteren Edelmann und geht für ein paar Monate auf Hochzeitsreise, während Walter sich von einer Expedition anheuern lässt, um die schöne Laura zu vergessen. Zwischen den beiden unglücklich Liebenden hängt Marian und versucht, für alle das Richtige zu arrangieren, zu trösten, zu schützen und ihrer Schwester so viel Sicherheit wie möglich zu geben. Natürlich stellt sich nach der Hochzeitsreise heraus, dass Baron Glyde ein Schuft ist – ebenso wie sein bester Freund, der italienische Conte Fosco, der ganz zufällig mit Lauras Tante verheiratet ist (die übrigens wegen der Wahl ihres Ehemannes von ihrer Familie verstoßen wurde).

Das war jetzt grob zusammengefasst (und ohne zu sehr zu spoilern) die Handlung des ersten Drittels von „The Woman in White“, die von Walter Hartright sowie dem Familienanwalt der Fairlies und Marian Halcombe erzählt wurde. Dabei gelingt es Wilkie Collins eigentlich sehr gut, im Leser (und in Walter und Marian) die Überzeugung zu wecken, dass Percival Glyde Böses im Schilde führt, aber auch aufzuzeigen, dass allen Beteiligten die Hände gebunden sind, solange sie keinen Beweis für den schlechten Charakter des zukünftigen Bräutigams haben. So kann man sich zwar die ganze Zeit denken, welche Richtung die Handlung jeweils einschlagen wird, aber die Frage, wie es genau dazu kommt, bringt einen dazu, sich intensiv mit der Geschichte zu beschäftigen und immer weiter zu lesen.

„The Woman in White“ war wirklich spannend zu lesen, dabei habe ich oft genug beim Lesen gedacht, dass da nur ein Haufen unfassbar schwafelnder Menschen zu Wort kommt – und so zappelte ich mit den Füßen vor Ungeduld, während jemand abschweift, weil er noch einschieben muss, dass er natürlich unter normalen Umständen niemals jemanden belauschen würde, aber das die einzige Chance zu sein schien, etwas über die Pläne des Barons, über die Beweggründe des Contes und über die Hintergründe dieses oder jenes Moments zu erfahren, obwohl man sich dafür in eine gefährliche und seinem Stand nicht angemessene Position bringen müsste, während das Wetter … *g*, weil ich doch unbedingt erfahren wollte, ob das Dienstmädchen vielleicht eine schlimme Begegnung hatte oder ob es in der Lage war, unbehelligt – aber dafür mit zwei brisanten Briefen in der Tasche – abzureisen. Und ja, das war jetzt ein einziger langer Satz, der hoffentlich verdeutlicht, wie es mir beim Lesen erging.

Aber nicht nur Spannung kommt durch diese ausufernde Erzählweise auf, man lernt auch die Charaktere sehr gut kennen. Bei denjenigen, die einem unsympathisch sind, fühlt sich jeder Absatz endlos an (und unterstreicht nur die unangenehmen Züge des jeweiligen Menschen), bei denjenigen hingegen, die einem sympathisch sind, sorgen diese kleinen Abschweifungen noch mehr dafür, dass sie einem ans Herz wachsen und dass sie mit ihren Stärken und Schwächen mit jedem Bericht ein bisschen realer wirken. Nur die Figur der armen Laura, die als Einzige nicht zu Wort kommt, erschien mir am Ende immer noch etwas farblos, aber damit konnte ich leben. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich durch die „100 Bücher“-Challenge auf das Buch aufmerksam geworden bin. Und wenn ich irgendwann mal etwas mehr Ruhe und Lust auf etwas ausführlichere Lektüre habe, dann lese ich bestimmt noch einen der anderen Titel von Wilkie Collins.

Daphne du Maurier: Rebecca

Mein Name ist Mrs. Danvers. Von meinen Schützlingen bin ich immer liebevoll „Danny“ genannt worden. Mein Vorname tut nichts zur Sache. Es gibt keine Person, der ich eine solche vertrauliche, ganz und gar respektlose Anrede zugestehen würde. Respekt ist wichtig, gerade dann, wenn man wie ich sein Leben lang in Stellung gewesen ist. Respekt nicht nur gegenüber mir als Person, sondern auch gegenüber meiner Position im Haushalt. Er hatte das nie verstanden. Er hatte nie verstanden, dass ich immer mehr war als eine gewöhnliche Haushälterin.

Dabei habe ich die Position nur übernommen, um auch weiterhin bei meiner geliebten Rebecca bleiben zu können. Schon als kleines Mädchen war sie einfach hinreißend. Eine bezaubernde Schönheit mit unbändigen schwarzen Locken und einem Temperament wie ein kleiner Junge. Was immer Rebecca sich vornahm, gelang ihr auch. Sie war eine unvergleichliche Sportlerin, und nichts zeugte von mehr Lebensfreude als ihr schönes Gesicht, wenn sie auf ihrem Boot über das Meer segelte. Meine Rebecca hatte vor nichts Angst. Mit gerade einmal sechzehn Jahren bändigte sie einen jungen Hengst, an den sich nicht einmal der Stallmeister herantraute. So eine willensstarke Frau war sie, meine geliebte Rebecca.

Er aber hat sie nie verstanden. Der feine Herr de Winter … Ständig hat er ihr Vorschriften gemacht, konnte nicht begreifen, dass eine so schöne und junge Frau das Leben genießen muss. Dabei hat jeder sie geliebt. Nach diesem schrecklichen Segelunfall hat einfach jeder von ihrer Schönheit und Anmut gesprochen, davon, was für ein Verlust ihr Tod für die Grafschaft war, wie sehr man ihr Lachen und die charmanten Gespräche mit ihr vermissen würde und wie sehr ihre Bälle und Einfälle den Alltag der Nachbarn bereichert haben. Doch er, er wanderte nur in der Bibliothek herum. Bei der ersten Gelegenheit ging er auf Vergnügungsreise, verließ Manderley, wo ihn alles an meine wunderschöne Rebecca erinnerte, und kam nicht einmal zehn Monate nach Rebeccas Tod mit einer neuen Frau zurück.

Respektlos war das. Respektlos gegenüber der toten Rebecca und ebenso mir gegenüber. So ein fades Kind setzt er an die Stelle meiner geliebten Rebecca. Dieses rückgratloses Mäuschen sollte nun die neue Herrin auf Manderley sein. Eine unscheinbare Gestalt ohne Esprit, ohne Bildung und ohne jeglichen Charme – nichts von dem, was meine Rebecca ausgemacht hatte. Nicht einmal der Hund hat sie ernst genommen. Nur der schwachsinnige Sohn des Pächters lief ihr immer wieder mit großen Augen hinterher. Niemand konnte von mir erwarten, dass ich diese farblose Gestalt in Manderley duldete, dass ich zuließ, dass ihre verhuschte Präsenz das Andenken an Rebecca verwässerte.

Das Feuer war vielleicht etwas zu viel. Aber wie sonst hätte ich verhindern können, dass all das, was an meine geliebte Rebecca erinnerte, in falsche Hände gerät?

(Zur Info: „Rebecca“ wurde von mir im Rahmen der „Bücher, die man gelesen haben muss“-Challenge gelesen.)

Frances Hodgson Burnett: The Secret Garden

„The Secret Garden“ von Frances Hodgson Burnett habe ich für die „Bücher, die man gelesen haben muss“-Challenge gelesen. Die Geschichte begleitet mich zwar schon seit meiner Kindheit, aber dieses Mal habe ich das Buch zum ersten Mal auf Englisch gelesen. Ich muss zugeben, dass ich dabei froh war, dass ich inzwischen beim Lesen auf Englisch – dank der English-Challenge – fitter bin, denn die (wenigen) Sätze, in denen Dialekt gesprochen wird, hätten mich sonst wohl deutlicher gestört. So hingegen war ich eher belustigt über das Weglassen und Zusammenziehen der Wörter.

Die Handlung dürfte eigentlich allgemein bekannt sein, aber ich liefere trotzdem noch eine kurze Zusammenfassung. Protagonistin dieser Geschichte ist die zehnjährige Mary Lennox, die in Indien geboren wurde. Weder ihr Vater, der als Kolonialbeamter in Indien tätig ist, noch ihre vergnügungssüchtige Mutter kümmern sich um ihre Tochter, und so wird das Mädchen von einer indischen Ayah aufgezogen. Diese lässt Mary von Geburt an ihren Willen, und so ist es kein Wunder, dass sich das Mädchen zu einem egozentrischen, verwöhnten und unsympathischen Gör entwickelt.

Nachdem ihre Eltern (sowie die Ayah und diverse andere indische Dienstboten) aufgrund einer Choleraepidemie sterben, wird Mary zu ihrem Onkel nach England gebracht. Archibald Craven kümmert sich genauso wenig um das Mädchen, wie es dessen Eltern taten, außerdem fehlt in seinem Herrenhaus jegliches Spielzeug für das Kind, und so muss sich Mary irgendwie selbst beschäftigen. Das Hausmädchen Martha bringt Mary dazu, in den Gärten zu spielen, und erzählt ihr auch von einem „geheimen Garten“, der vor zehn Jahren verschlossen und seitdem von niemandem betreten wurde.

Als Kind habe ich die Bücher von Frances Hodgson Burnett einfach nur genossen, wobei „Der geheime Garten“ meine Lieblingsgeschichte war – vielleicht auch deshalb, weil Mary nicht so schrecklich perfekt ist wie Lord Fauntleroy oder „Prinzessin“ Sara. Als erwachsene Leserin bin ich fasziniert davon, wie die Autorin Marys Leben in Indien beschreibt und die Reaktionen des Hausmädchens Martha auf Marys Erzählungen aus dieser Zeit. Obwohl es gar nicht so viele Passagen zu diesem Thema gibt, klingt doch immer wieder eine gewisse Kolonialherren-Haltung durch. Doch vor allem ist es Mary, die dafür sorgt, dass ich auch heute noch das Buch gerne lese. So eine kleine, hässliche und dickköpfige Hauptfigur müsste ja eigentlich unsympathisch sein, doch die Autorin macht von Anfang an deutlich, dass das Kind nichts für seine Charakterentwicklung konnte.

Auch wenn Mary viel zu schnell – dank einer großen Portion Einsamkeit, der guten englischen Luft und etwas Gartenarbeit – zu einem „normalen“ netten, kleinen Mädchen wird, gibt es im Laufe der Geschichte immer wieder genügend Momente, in denen ihr Trotz und ihre Dickköpfigkeit zum Ausdruck kommen. Besonders schön wird es, als sie ihren Cousin Colin kennenlernt und zu diesem Zeitpunkt zwei verwöhnte Egozentriker aufeinanderknallen. Aber auch der abweisende Gärtner Ben bietet genügend Ecken und Kanten, so dass Mary schnell klar wird, dass sie ihm nicht mit ihrer früheren Hochmütigkeit kommen kann. Ich mag es einfach, wenn Ben Mary mitten ins Gesicht sagt, dass sie nicht gerade liebenswert sei, oder wenn Mary und Colin sich gegenseitig beweisen, dass der jeweils andere ganz schrecklich unsensibel und egoistisch ist. Diese Szenen mag ich so viel lieber als den perfekten Dickon (Marthas Bruder, der einfach alles über Pflanzen und Tiere weiß und für Mary und Colin zu einem „großer Bruder“ wird) oder das unvermeidbare glückliche Ende dieser Geschichte.

P.D. James: Tod im weißen Häubchen

„Tod im weißen Häubchen“ war mir von Beate Sauer empfohlen worden, nachdem ich meinte, dass ich mit meinen bisherigen Versuchen mit der Autorin – die allerdings schon ein paar Jahre her sind – nicht ganz so glücklich war. Da das Buch in der Bibliothek vorhanden war, konnte ich es passend zu den „7 Days – 7 Books“ ausleihen und lesen.

Die Geschichte spielt in einer Krankenpflegeschule, die an ein Krankenhaus angeschlossen ist. Während die Schülerinnen vor den Augen einer Inspektorin demonstrieren wie eine künstliche Ernährung vorgenommen wird, kommt die „Patientin“ auf grauenhafte Weise ums Leben. Schnell sind sich alle Beteiligten sicher, dass das kein Unfall gewesen sein kann, aber so richtig kommt die örtliche Polizei auch nicht mit ihren Ermittlungen vorwärts. Als es dann zu einem zweiten Mord kommt, wird Inspektor Adam Dagliesh von Scotland Yard auf den Fall angesetzt.

Letztendlich habe ich auch noch Tage nach dem Lesen ein etwas zwiespältiges Verhältnis zu diesem Roman. Auf der einen Seite fand ich es faszinierend wie detailliert P.D. James die Figuren beschrieben hat und wie schnell man einen Eindruck von einem Charakter bekam, auf der anderen Seite hatte ich oft das Gefühl, dass diese Beschreibungen etwas zu ausufernd und ausführlich vorgenommen wurden. Auch bei den Örtlichkeiten, dem Alltag in der Krankenpflegeschule und den verschiedenen Dingen, die sich um übliche Vorgänge in einem Krankenhaus oder bei der Schwesternausbildung drehten, wurde ich häufig „überinformiert“.

Das half mir zwar beim „mitermitteln“, hat aber auch zu so einigen Längen in der Handlung geführt. Sogar bei den Gesprächen mit den verschiedenen Verdächtigen wurde ich regelmäßig ungeduldig, dabei mag ich diesen Teil von Kriminalgeschichten sonst sehr gern und habe viel Geduld damit. Ich habe zum Beispiel überhaupt kein Problem mit den „Miss Daisy“-Romanen von Carola Dunn, obwohl die Geschichten sich auch sehr langsam aufbauen und nach dem (ersten) Mord sehr intensive und gehäufte Verhöre stattfinden, was einigen anderen Lesern anscheinend zu langweilig ist.

So fand ich auch den Kriminalfall nicht wirklich spannend, dafür habe ich den Einblick in die Zeit genossen. Die Geschichte spielt anscheinend Ende der 60er-Jahre – ausdrücklich gesagt wird es nicht, aber das Verhalten der verschiedenen Figuren und die gesellschaftlichen Themen passen – und ich fand es spannend wie mit verschiedenen Problemen umgegangen wurde. Auch der Krankenhausalltag war (trotz ein paar Längen) faszinierend beschrieben, ich fand es fesselnd wie viel sich da in wenigen Jahrzehnten getan hat und wie zu dieser Zeit mit Personal und Patienten umgegangen wurde.

Ein wenig schade war es für mich, dass man im Laufe der Geschichte nicht noch häufiger mit der anfangs erwähnten Inspektorin zu tun hatte. Diese Frau war mir schnell ans Herz gewachsen und ihre genaue Beobachtungsgabe hätte der Handlung vielleicht gut getan. Dabei hat sich Inspektor Dagliesh nicht dumm angestellt, er ist mir – obwohl er eine interessante Figur ist – nur nicht so richtig sympathisch gewesen. Überhaupt habe ich zu vielen Charakteren ein sehr ambivalentes Verhältnis entwickelt, was aber auch dafür sorgte, dass mich „Tod im weißen Häubchen“ nach dem Lesen noch einige Zeit beschäftigt hat.

Da „Ein makelloser Tod“ noch auf meinem SuB sitzt, werde ich P.D. James auf jeden Fall noch eine weitere Chance geben. Ich kann verstehen, warum die Autorin so geschätzt wird und sich mit ihren Romanen so einen Ruf erworben hat, aber ich bin mir nicht sicher, dass ihre ausführliche Art eine Geschichte zu erzählen und meine Art einen Kriminalroman zu lesen, wirklich gut zusammen passen.

Rhys Bowen: A Royal Pain

Für meine persönliche English-Challenge habe ich im März „A Royal Pain“ gelesen, nach „Her Royal Spyness“ der zweite Band mit der sympathischen Lady Georgiana. Auch zu Beginn dieses Buches startet die Geschichte sehr gemächlich. Der Leser wird noch einmal in Georgies Welt eingeführt, erfährt, dass sie an 34. Stelle der Thronfolge steht, dass ihre Mutter eine lebenslustige Schauspielerin ist und dass Georgie zwar im repräsentativen Stadthaus der Familie in London lebt, aber so arm ist, dass sie sich als Hausmädchen für besondere Gelegenheiten engagieren lässt.

Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass Georgie nicht gerade begeistert ist, als die Königin ihr eine bayrische Prinzessin als Hausgast aufs Auge drückt. Aber gegenüber der Königin kann sie schlecht „nein“ sagen – vor allem, da sie befürchten muss, in eine ungewollte Stellung abgeschoben zu werden, wenn die Königin dahinter kommt, unter welchen Umständen Georgie lebt. So muss die junge Lady all ihren Einfallsreichtum zusammenkratzen, um ohne Geld genügend Lebensmittel und Personal aufzubringen, um eine deutsche Prinzessin standesgemäß zu versorgen. 
Aber das ist nicht die größte Herausforderung, der sich Georgie stellen muss. Denn die kleine Prinzessin Hanni hat ganz eigene Vorstellungen von den Vergnügungen, die sie in der fremden Großstadt erleben will. Auch ist die ausländische Dame den britischen Gentlemen nicht abgeneigt und hat ein etwas eigenwilliges Verständnis von Besitz. Als dann noch ein netter junger Mann auf einer Party zu Tode kommt, die von Georgie und Hanni besucht wurde, eine weitere Leiche in einer Buchhandlung auftaucht und das Risiko besteht, dass es zu einem ernsthaften internationalen Zwischenfall kommt, wird Georgie von der Queen aufgefordert eigene Ermittlungen anzustellen.
Eigentlich könnte ich hier jetzt meine Meinung zum ersten Teil reinkopieren und so stehen lassen. Denn auch den zweiten Band fand ich unterhaltsam, wenn auch einigen Kritikpunkten zu nennen sind. Georgie stellt sich nicht mehr gar so unbeholfen an wie in „Her Royal Spyness“, aber es gibt immer noch einige überspitzte Situationen, denen es ein wenig an Realismus mangelt. Dafür mag ich die Figuren – und liebe sämtliche Szenen mit der Queen – und das Setting liegt mir auch. In „A Royal Pain“ sind mir einige Charaktere zwar schon fast zu lebenslustig (bei einer Hausparty überkam mich irgendwann das Gefühl, dass da anscheinend Nacht für Nacht ein hübsches Bettchen-wechsel-dich gespielt wird), aber da sich die Beschreibungen in Grenzen halten und der Fokus der Geschichte doch auf Georgie, ihrem adeligen Gast und den Mordfällen liegt, konnte ich damit leben.
Der Kriminalfall an sich ist nicht gerade herausfordernd (ein paar „dezente“ Hinweise hätten ruhig etwas weniger auffallend platziert werden können), aber er bietet Raum für amüsante Momente, sowie für einige Anspielungen auf Politik und Gesellschaft der 30er Jahre. Schön finde ich auch die Veränderungen, die man nach und nach an Georgie bemerken kann. So sorgt ihre finanzielle Situation dafür, dass sie Erfahrungen macht, die von anderen adeligen Damen nicht geteilt werden und deshalb auch viel kritischer mit ihren Standesgenossen umgeht. Ich bin gespannt, wie Georgie sich weiterhin entwickeln und wie die Autorin mit den kommenden politischen Veränderungen umgehen wird. 

[Übersetzungsirritation] Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd

Dank der „urheberrechtsfreien Ausgabe“ des „Projekt Gutenberg“ habe ich in den letzten Tagen „Der viereckige Smaragd“ von Edgar Wallace angefangen. Ich finde die trashigen Geschichten des Autors immer wieder wunderbar erholsam, auch wenn sie inhaltlich von sehr schwankender Qualität sind. Übersetzt wurde dieser Titel von Ravi Ravendro, und schon bei den ersten Zeilen fühlte ich mich von einem ganz bestimmten Wort irritiert.

Doch erst einmal müsst ihr euch die Atmosphäre zu Beginn des Buches vorstellen:
Ein trüber Februarnachmittag, eine elegante Lady, die durch die langen Samtvorhänge ihres Salons auf den Schneeregen vor dem Fenster späht, während im Kamin das Feuer prasselt. Alles in diesen ersten Absätzen weist auf England, auf Adelskreise, gehobene Wohnqualität und ähnliches hin – und dann betritt der „Hausmeister“ den Salon!

Hausmeister! Das müsst ihr euch auf der Zunge zergehen lassen! Da ist ein Dienstbote in einem britischen Roman, der in einem Milieu und zu einer Zeit spielt, in der Personal noch sehr verbreitet war. Dieser Dienstbote begrüßt die Gäste des Hauses, überreicht Nachrichten, steht den anderen Angestellten vor und serviert den Tee – und wird in der Übersetzung als Hausmeister bezeichnet.

Ich sollte bei einer kostenlosen Ausgabe vielleicht nicht so mäkelig sein, aber was bitte spricht gegen das Wort „Butler“?! Oder stelle ich mich in euren Augen nur an? Aber allein die Vorstellung, dass ich da noch den ganzen Roman vor mir habe (und jetzt schon abzusehen ist, dass diese Figur keine so unerhebliche Rolle darin einnimmt) und ich die ganze Zeit von einem Hausmeister lesen muss statt von einem Butler, hält mich schon etwas vom Weiterlesen ab.

Dodie Smith: I Capture The Castle

Ich muss gestehen, dass mir beim Anschauen der BBC-Liste für Milas Challenge „I Capture The Castle“ überhaupt nicht ins Auge gesprungen ist. Aber dann dauerte es eine ganze Weile, bis mir die Bibliothek den Titel „Rebecca“, den ich ursprünglich für Februar lesen wollte, zur Verfügung stellen konnte – und in der Zwischenzeit weckte Birthes Rezension meine Aufmerksamkeit. Als ich da dann noch etwas von skurrilen Charakteren und schrägen Szenen las, musste ich den Roman einfach antesten.

Erzählt wird die (vermutlich) in den 30er-Jahren spielende Geschichte von der siebzehnjährigen Cassandra Mortmain, die mit ihrer Familie in einer Schlossruine lebt. Cassandras Vater ist ein Schriftsteller, dessen erster (und bislang auch letzter) Roman bei Veröffentlichung sehr großes Aufsehen erregte, und der seitdem keine einzige Zeile mehr geschrieben hat. Ihre Stiefmutter Topaz hat früher als Aktmodell für bekannte Maler in London gearbeitet und kümmert sich nun auf ihre sehr individuelle Weise um den chaotischen Schlosshaushalt, während sie bei Gesprächen mit der Natur – die sie selbstverständlich unbekleidet und zum Wohle der benachbarten Bauern nachts durchführt – Kraft tankt.

Cassandras jüngerer Bruder Thomas geht noch zur Schule und spielt anfangs in der Geschichte keine besonders relevante Rolle, während ihre ältere Schwester Rose so langsam jegliche Hoffnung aufgibt, je ein normales Leben zu führen. Für Rose ist die Armut der Familie am schwersten zu ertragen, sie erinnert sich noch zu gut an Zeiten, in denen sie mehr als die notwendigsten Möbel und ausreichend zu essen hatten. Und Rose, die eine wahre Schönheit ist, sehnt sich nach dem kleinen bisschen Luxus, der für ein Mädchen in ihrem Alter normalerweise selbstverständlich ist. Sie möchte Kleider tragen, die nicht aus Lumpen bestehen, und möchte ausgehen, tanzen und Männer kennenlernen können.

Da scheint es eine mehr als glückliche Fügung zu sein, als sich herausstellt, dass der benachbarte Besitz einem jungen Amerikaner hinterlassen wurde. Das Eintreffen des Erben (Simon) und seines jüngeren Bruders (Neil) verändern das Leben der Familie Mortmain erheblich. Während Simon und seine Mutter literarische Diskussionen mit Cassandras Vater führen, Topaz das Interesse der Amerikanerin an ihrem Mann misstrauisch beäugt und Rose fest entschlossen ist, sich zu verlieben und mit einer Heirat für die finanzielle Sicherheit der Familie zu sorgen, notiert Cassandra alle Ereignisse akribisch in ihrem Tagebuch.

Die Familie Mortmain ist auf diese gewisse, liebenswerte Art und Weise exzentrisch, über die ich in Büchern sehr gerne lese und die mich im realen Leben in den Wahnsinn treiben würde. Gerade zu Beginn der Geschichte spielt die Autorin ganz wunderbar mit dem Bild der gebildeten und hochintelligenten Familie, die immer wieder feststellen muss, dass keiner von ihnen irgendwelche praktischen Fähigkeiten hat, mit denen man etwas Geld verdienen könnte. Neben den reizvollen Charakteren sind es die skurrilen, witzigen oder berührenden Momente und Gedanken, die mich gefesselt haben. So stellt Cassandra im Laufe der Geschichte fest, dass sie sich nie richtig arm gefühlt hat, sie hatte immer Mitleid mit Arbeitslosen oder Bettlern, weil es ihnen so schlecht ging. Aber letztendlich geht ihr auf, dass ihre Familie in gewisser Weise in den letzten Jahren notleidender war als diese Menschen, da diese immerhin eine Chance auf Mildtätigkeiten hatten.

Neben der ständigen Frage, wie man das Geld für die allernötigsten Anschaffungen besorgen kann und welche Improvisation über die aktuellste Notlage hinweghelfen kann, gibt es wunderbar amüsante Szenen. Egal, ob Rose ihre Seele an den Teufel verkaufen will oder Cassandra ein privates und genussvolles heißes Bad in der Küche genießen möchte, irgendwie gelingt es Dodie Smith immer wieder, überraschende und sehr unterhaltsame Wendungen in ihre Geschichte einzubauen. Außerdem spürt man auf jeder Seite, dass die Autorin das Buch geschrieben hat, als sie in Amerika lebte und Heimweh nach England hatte. Sie beschreibt so liebevoll die Landschaften, die kleinen Dörfer und die Menschen, die darin leben, dass ich am liebsten sofort einen Flug (inklusive Zeitmaschine bitteschön!) buchen möchte, um selbst einen Blick auf dieses England werfen zu können.