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Michael Boccacino: Charlotte und die Geister von Darkling

Mit „Charlotte und die Geister von Darkling“ und mir ist das so eine Sache. Erst wollte ich das Buch unbedingt lesen, als ich es Anfang des Jahres bekommen habe, kam aber einfach nicht in die Geschichte rein. Nach wenigen Seiten habe ich aufgegeben und den Roman erst einmal auf dem SuB liegen lassen. Dann hatte ich zu Halloween das Gefühl, es sei endlich Zeit für die Geschichte und habe sie an einem Tag durchgelesen, weil ich in genau der richtigen Stimmung dafür war. Als nächstes wollte ich unbedingt eine Rezension zu dem Buch schreiben – und fand tagelang nicht die richtigen Worte, um der Handlung gerecht zu werden. Eigentlich habe ich immer noch das Gefühl, dass ich nicht weiß, wie ich zu dem Roman was schreiben soll, aber bevor ich den Text weiter vor mir herschiebe, versuche ich es trotzdem mal. 😉

Für mich war „Charlotte und die Geister von Darkling“ von Michael Boccacino ein Roman, auf den ich mich erst einmal einlassen musste. Obwohl es zu Beginn der Geschichte zu einem brutalen Mord kommt, verläuft die Handlung eher ruhig und – auf eine unheimliche Weise – märchenhaft ab. In meinen Augen eine wunderbare Hommage an den viktorianischen Schauerroman, ebenso wie an die Werke von H. P. Lovecraft. Erzählt wird die Handlung von Charlotte Markham, die auf Everton als Gouvernante arbeitet. Ihre beiden Schützlinge James und Peter haben vor einigen Monaten ihre Mutter durch eine schreckliche Krankheit verloren und trauern immer noch, als Nanny Prum eines Nachts auf fürchterliche Weise ermordet wird.

Während Charlotte versucht den Jungen in ihrer Trauer und ihrem Schock beizustehen, macht sie sich Gedanken über den brutalen Tod des Kindermädchens, aber auch Sorgen um ihr Schützlinge und ihre Freunde, da der Mörder nicht gefasst werden kann. Gleichzeitig träumt sie nachts immer wieder von einem Mann in Schwarz und einem ungewöhnlichen Herrenhaus und auch James und Peter werden immer wieder von seltsamen Träumen geplagt, die die drei letztendlich zu dem Haus von Darkling – und zu der verstorbenen Mutter der Kinder – führt. Mr. Whatley, der Besitzer des Hauses von Darkling, ist fasziniert von allem, was mit normalen Menschen zu tun hat, während Charlotte hin- und hergerissen ist zwischen Interesse, Neugier und Abscheu. Je mehr die Gouvernanten über Mr. Whatley erfährt, desto sicherer ist sie sich, dass sie, ihre Schützlinge und ihre Freunde in Gefahr schweben und dass es an ihr liegt, diejenigen zu retten, die ihr am Herzen liegen.

Michael Boccacino hat mit dem Haus von Darkling eine wirklich skurrile Kulisse für die ungewöhnlicheren Aspekte der Handlung geschaffen und obwohl einige Szenen nicht ganz so appetitlich waren, wie ich es mir gewünscht hätte (auf abgeschnittene Körperteile, die Teil des Menüs sind, reagiere ich etwas empfindlich), fand ich die Welt die der Autor da geschaffen hat, faszinierend. Ebenso sehr hat es mir gefallen, dass Michael Boccacino für sehr viele Elemente keine Erklärung geliefert, sondern es der Fantasie des Lesers überlassen hat, sich einen Reim auf das Ganze zu machen. Ich mochte auch diese Mischung auf vertraut wirkenden Dingen und Sachen, die der ganzen Welt eine neue Bedeutung verliehen haben.

Es ist schwierig für mich, konkreter über das Buch zu schreiben, weil die Handlung aus so vielen kleinen und sehr atmosphärischen Szenen besteht, die man einfach beim Lesen selbst entdecken muss. Ich mochte es auch, dass die Geschichte sehr ruhig erzählt wird und es viele Momente gibt, die eigentlich recht heimelig wären, wenn nicht der gesamte Roman von dieser unterschwelligen Bedrohung durch den unheimlichen Mörder, der Nanny Prum auf dem Gewissen hat, durchzogen wäre. So bekommen selbst die harmlosesten Szenen eine unheimlichen Unterton, während man sogar beiläufige Gespräche gespannt verfolgt, in der Hoffnung, mehr Details über die Hintergründe der Ereignisse zu erfahren.

Lese- und Höreindrücke im Oktober

„Mord im Park“ von Cynthia Harrod-Eagles hatte ich aus der Bibliothek mitgenommen, weil ich auf der Suche nach einem Autor/einer Autorin war, die ich noch nicht kannte und die ich ausprobieren könnte. Ich hatte nicht weiter auf den Klappentext geachtet, nur geschaut, ob es auch wirklich ein Krimi sei, denn darauf hatte ich Lust. Erst nach dem Lesen des Romans habe ich mich etwas über die Autorin und ihre Bill-Slider-Reihe informiert und dabei festgestellt, dass ich den zehnten Roman um diesen Polizisten und den dritten ins Deutsche übersetzten Band gelesen habe. Ich hatte eigentlich nicht das Gefühl, ich hätte was vermisst oder mir würde Vorwissen fehlen, aber ich vermute, dass mir das Buch mehr Spaß gemacht hätte, wenn mir die Figuren vertrauter gewesen wären.

So ging es mir stellenweise zu viel um das Privatleben der verschiedenen Ermittler, obwohl mir diese Figuren relativ egal waren. Das Opfer hingegen fand ich anfangs sehr interessant, weil es mindestens ein Geheimnis in ihrem Leben zu geben schien. Je mehr man als Leser allerdings über Charlotte „Chattie“ Cornfield erfährt, desto mehr ging mir die Neugier auf die Frau verloren. Und obwohl mir die ruhigen und angenehm objektiven Ermittlungen (es gibt nie nur eine Theorie zum Mord und die Verdächtigen lagen nicht so auf der Hand) zugesagt haben, zog sich die Handlung in der Mitte für meinen Geschmack zu sehr hin.

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Ich bin froh, dass ich es noch geschafft habe „The Cuckoo’s Calling“ von Robert Galbraith (J.K. Rowling) vor dem Ablaufen der Ausleihfrist zu beenden. Auch wenn ich eigentlich in den letzten Wochen viel zu unkonzentriert für diese Art von Kriminalroman war und sich die Geschichte so für mich über mehr als zwei Wochenenden zog. „The Cuckoo’s Calling“ lässt mich nun nicht in solche Begeisterungstürme ausbrechen wie Mila, deren ungewöhnliche Rezension mich überhaupt erst zum Lesen veranlasst hat, aber ich habe den solide geschriebenen Kriminalroman wirklich genossen. Genau genommen habe ich kaum etwas gefunden, worüber ich mich hätte aufregen können und das ist inzwischen wirklich eine Seltenheit, wenn ich Kriminalromane lese. 😉

J.K. Rolling hat es geschafft mit „The Cuckoo’s Calling“ einen interessanten Fall mit überraschend realistisch wirkenden Figuren und einem sympathischen Protagonisten zu erzählen. Ich mochte ihren Umgang mit den verschiedenen Charakteren wirklich, niemand ist einfach nur gut oder böse, sie alle haben ihre Ecken und Kanten und selbst mit der unsympathischten Figuren gibt es Momente, die sie menschlicher wirken lassen. Die Handlung selbst wird sehr ruhig erzählt. Der Detektiv Cormoran Strike nähert sich dem vermeintlichen Selbstmord des Models Lula sehr systematisch und interviewt einen Zeugen nach dem anderen. So bekommt man das Opfer, ihren letzten Tag und ihr Umfeld aus den verschiedenen Perspektiven beschrieben und kann sich seine eigenen Gedanken zu den Motiven der Charaktere und zu ihrem Verhältnis zu Lula machen. Wenn es eine Fortsetzung mit Cormoran gibt, dann werde ich sie auf jeden Fall auch lesen!

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Nachdem ich vor einiger Zeit schon „Schwarze Piste“ von Andreas Föhr gehört hatte, hat mir Natira auch noch „Der Prinzessinnenmörder“ den ersten Teil der Reihe als Hörbuch geliehen. Wie schon bei „Schwarze Piste“ habe ich mich von der Geschichte gut unterhalten gefühlt. Der Kriminalfall war jetzt nicht gerade komplex gestaltet, aber er bot den passenden Rahmen für die beiden gegensätzlichen Protagonisten Leonhard Kreuthner und Clemens Wallner. Ich fand es hier einfacher in die Handlung reinzufinden als bei „Schwarze Piste“, auch weil es der erste Band der Reihe ist und so die Figuren doch etwas mehr eingeführt werden. Dazu hatte ich den Eindruck, dass die Geschichte einen höheren Wallner-Anteil hatte – und der ernsthaftere Charaktere liegt mir doch etwas mehr als der urigere Kreuthner. Außerdem bin ich froh, dass Opa Manfreds Besessenheit bezüglich Sex (seinem und dem seines Neffen Clemens) sich im Laufe der Reihe gegeben hat, denn das fand ich bei „Der Prinzessinnenmörder“ doch arg häufig erwähnt. Insgesamt keine Serie, die ich aktiv verfolgen würde, aber als Hörbuch sind die einzelnen Fälle doch ganz unterhaltsam. Den Sprecher Michael Schwarzmaier finde ich ebenfalls nicht schlecht, allerdings könnte er für meinen Geschmack ruhig die Dialekte sein lassen – auch wenn die vermutlich vom Autor in die Geschichte geschrieben wurden. 😉

[Kurz und knapp] Emma Goodwyn: Tod im Tower (John Mackenzies erster Fall)

In den letzten Wochen hatte ich relativ viele Zahnarzttermine und dementsprechend einen großen Bedarf an „Wartezimmerlektüre“. „Tod im Tower“ war perfekt für die Wartezeit beim Zahnarzt – atmosphärisch geschrieben, sympathische Charaktere und der Fall war zwar jetzt nicht superspannend, aber unterhaltsam geschrieben. Mit John Mackenzie hat die Autorin Emma Goodwyn eine reizvolle Figur geschaffen. Der ehemalige Armeepsychologe ist seit neustem Mitglied der königlichen Wachtruppe des Towers und als der Beefeater eines Abends seinen Dienst antritt, vermissen kurz darauf seine Kollegen eine Besucherin der Schlüsselzeremonie.

Als wenig später die Leiche der jungen Dame gefunden wird, steht schnell fest, dass als Mörder nur einer der Besucher oder ein Kollege von John in Frage kommt. Neben den Ermittlungen der Polizei (unter der Führung von Johns verhasstem Cousin Simon Whittington) soll John auf Anweisung seines Vorgesetzten nach möglichen Verdächtigen suchen. Seine Erfahrungen als Psychologe, so Johns Vorgesetzter, sollte ihm dabei von Vorteil sein und dabei helfen den Täter einzugrenzen.

„Tod im Tower“ ist kein besonders spannender Krimi, die Lösung ist recht vorhersehbar, die Schreibweise eher schlicht und die Figuren sind nicht besonders komplex dargestellt. Trotzdem habe ich mich von dem Roman wunderbar unterhalten (und vom Zahnarzttermin abgelenkt) gefühlt. Es gibt viele nette kleinen Szenen, sei es zwischen den verschiedenen Figuren oder rund um die Orte, an denen John sich aufhält. John selber ist ein netter und hilfsbereiter Familienmensch, die Arbeit im Tower wird atmosphärisch beschrieben (wobei ich nicht beurteilen kann wie realistisch die Darstellung ist) und obwohl ich das Buch bei 30 Grad Außentemperatur gelesen habe, habe ich die Vorweihnachtsstimmung der Geschichte genossen.

Ich bin jetzt nicht so hingerissen von dem Roman, dass ich mir sofort die Fortsetzungen besorgen muss, bereue die Zeit, die ich mit dem Buch verbracht habe, aber definitiv nicht. Es war einfach mal wieder eine unterhaltsame, wenn auch wenig aufsehenerregende Lektüre. Manchmal reicht es eben, wenn ein Buch nur „ganz nett“ ist.

Natasha Farrant: Die Geschwister Gadsby

„Die Geschwister Gadsby“ von Natasha Farrant habe ich über Carolines Blog entdeckt und konnte das Buch dann sogar recht schnell aus der Bibliothek ausleihen. Die Geschichte wird aus der Sicht der dreizehnjährigen Bluebell (Blue) erzählt. Blue läuft den ganzen Tag mit einer Kamera herum, um ein Filmtagebuch zu führen, so dass man als Leser die Erlebnisse als „beschriebenen Film“ mitbekommt, und nur bei den Passagen, bei denen Blue aus irgendeinem Grund nicht drehen konnte oder durfte, fasst sie im Nachhinein schriftlich zusammen was passiert ist.

Anfangs wirkt Blues Familie zwar sehr chaotisch, aber auch recht zufrieden auf den Leser. Doch schnell wird klar, dass es so einige unausgesprochene Probleme gibt, die den Kindern zu schaffen machen. Während Blues Vater die Woche über nicht in London, sondern in Warwick lebt, fliegt die Mutter für ihren Beruf ständig durch die Welt. Auf die Kinder passt in dieser Zeit Zoran auf, ein Student, der eigentlich an seiner Doktorarbeit schreibt und eindeutig mit der Verantwortung für Blue und ihre Geschwister überfordert ist.

Blues sechzehnjährige Schwester Flora scheint ihre jüngeren Geschwister nur noch zu ignorieren, obwohl Blue einige liebevolle Erinnerungen daran hat, wie Flora sich früher um sie gekümmert hat. Ihre jüngeren Geschwister Jasmine (8 Jahre alt) und Twig (10 Jahre) wirken zwar auf den ersten Blick unbekümmert, aber auch bei ihnen wird immer wieder deutlich, dass auch sie das Gefühl haben, dass die Familie auseinander bricht. Blue selber scheint in ihrer Familie keine nennenswerte Rolle zu spielen, sie beobachtet nur, sie zieht sich ständig zurück, hat keine Freunde und auch in der Schule versucht sie so unsichtbar wie möglich zu sein.

Erst mit dem Einzug des Nachbarjungen Joss ändert sich dies für Blue. Joss sieht wie unglücklich das Mädchen ist und sorgt – um ihr zu helfen – für einige Unruhe in ihrem Leben. So lustig viele der Szenen mit Blue und ihrer chaotischen Familie sind, so zieht sich doch eine gewisse Traurigkeit durch den Roman. Schon früh erfährt man, dass Blue eine Zwillingsschwester hatte, die vor drei Jahren gestorben ist, und wie sehr sie ihre Schwester Iris vermisst. So ist „Die Geschwister Gadsby“ eine wunderbare Mischung aus witzigen, nachdenklichen, traurigen und berührend alltäglichen Szenen. Blue wächst einem schnell ans Herz und auch ihre Familie mochte ich – ebenso wie den armen überforderten Zoran – sehr.

Obwohl es in der Geschichte auch einige ungewöhnliche Momenten gibt, besteht der Großteil des Romans aus beinah alltäglichen Szenen, in denen die einzelnen Charaktere deutlicher ausgearbeitet werden und man die vielen verschiedenen Untertöne mitbekommt, die zwischen den einzelnen Familienmitgliedern so mitschwingen. Und gerade die kleinen Dinge haben bei mir immer wieder dafür gesorgt, dass ich schmunzelten, dass ich den Kopf schüttelte oder mir eine Träne wegwischen musste.

Auch den Erzählstil habe ich sehr gemocht. Auf der einen Seite die – nur auf den ersten Blick – distanziert wirkenden „Filmszene“, auf der anderen Seite die Zusammenfassungen von Blue, die immer wieder ihre aktuelle Gefühlslage zum Ausdruck bringen. Diese Mischung hat für mich einfach gut funktioniert und es hat Spaß gemacht eine Geschichte mal auf diese Weise erzählt zu bekommen.

[Kurz und knapp] Agatha Christie: Ruhe unsanft (Hörbuch)

Wer meinen Blog etwas aufmerksamer verfolgt, wird jetzt vermutlich stutzen und sich fragen, warum ich nach gerade mal sieben Monaten schon wieder eine Rezension von Agatha Christies „Ruhe unsanft“ veröffentliche. Aber da ich mit der Version, die von Katharina Thalbach eingelesen wurde, nicht so glücklich war, habe ich dankbar die Chance ergriffen, als mir Natira eine Variante lieh, die von Gabriele Blum gelesen wurde. Wer sich über den Inhalt informieren will, kann gern auf die oben verlinkte Rezension zurückgreifen, ansonsten möchte ich hier nur kurz auf die Unterschiede zwischen beiden Versionen und auf die Leistung von Gabriele Blum eingehen.

Diese Version von „Ruhe unsanft“ ist nicht nur ungekürzt – was ganz wunderbar ist, weil so die verschiedenen Charaktere erst richtig vom Hörer erfasst werden können -, sondern transportiert auch eine ganz andere Stimmung als das Hörbuch mit Katharina Thalbach. „Ruhe unsanft“ ist eine recht ruhige Geschichte, bei der sehr viele Szenen zwischen Gwenda und Giles, einem jungen Ehepaar aus Neuseeland, und wechselnden dritten Personen spielen. In diesen Gesprächen versucht das Paar Informationen über Geschehnisse zu erhalten, die schon 18 Jahre in der Vergangenheit liegen. Das führt dazu, dass ihnen ihre Gesprächspartner auf der einen Seite mit Verwunderung und Irritation begegnen, aber auf der anderen Seite auch neugierig oder gar erfreut darüber, dass sie mal wieder über frühere Zeiten sprechen können.

Gabriele Blum hat bei all den vielfältigen Reaktionen, bei den unterschiedlichen Charakteren und in den verschiedenen Szenen meinem Gefühl nach so gut wie immer den richtigen Ton getroffen. Anfangs fand ich ihre Miss Marple ein klein wenig zu bedächtig, aber so ist es mir lieber, als wenn sie zu forsch klingt. Auch bei Gwenda hätte ich mir die eine oder andere kleine Nebenbemerkung etwas lebhafter vorstellen können, aber insgesamt bin ich sehr zufrieden mit der Sprecherin. Ganz dezent hat sie den Figuren unterschiedliche Facetten verliehen und die Atmosphäre des Romans wunderbar für dieses Hörbuch umgesetzt. Oh, und an ihrer englischen Aussprache hatte ich auch nichts auszusetzen. 😉 Ich fand ihre Interpretation der Geschichte wirklich wunderbar und habe jede Minute genossen und hoffe sehr, dass mir noch mehr Hörbücher mit der Sprecherin unterkommen.

(Bei meiner Suche nach weiteren Hörbüchern mit Gabriele Blum, bin ich darüber gestolpert, dass sie anscheinend eine ungekürzte Jane-Eyre-Version eingelesen hat. Wenn also einer von euch Audible-Abo-Besitzern damit mal einen Versuch wagen würde, wäre ich sehr neugierig darauf, wie das geworden ist.)

Ian Rankin: Der diskrete Mr. Flint (Hörbuch)

„Der diskrete Mr. Flint“ ist ein Frühwerk des Autors Ian Rankin und die Romanvorlage (die wohl auch nicht so umfangreich ist, zumindest wird mir für die englische Ausgabe eine Seitezahl von 254 angezeigt) wurde für die Hörbuchausgabe gekürzt. Wobei ich nach dem Lesen einer ausführlichen Buchrezension den Verdacht habe, dass vor allem „Actionszenen“ weggefallen sind – auf jeden Fall hatte ich beim Hören nicht das Gefühl, dass ich irgendetwas verpassen oder nicht verstehen würde. Man muss aber schon etwas aufpassen, um nicht durcheinander zu kommen, wenn auf einmal wieder eine Person eine Rolle spielt, die eher am Anfang der Geschichte Erwähnung fand.

Aber ich nehme schon wieder Sachen voraus, also erst einmal ein paar Worte zum Inhalt des Hörbuchs. Die Geschichte dreht sich um Miles Flint, der als „Aufpasser“ beim MI5 in London arbeitet, und spielt in den 80er Jahre, zu einer Zeit als die Bomben der IRA eine regelmäßige Bedrohung darstellten. Miles Arbeit ist weder aufregend, noch besonders gefährlich. Er ist nur einer von vielen Agenten, die Tag für Tag verdächtige Personen beobachten, ihren Bewegungen analysieren und ihre Gespräche abhören. Doch dann läuft bei einer simplen Beobachtung etwas schief und Miles muss für den misslungenen Auftrag die Verantwortung übernehmen. In den folgenden Tagen fragt er sich ständig, wie so etwas passieren konnte und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln …

Ian Rankin orientiert sich mit „Der diskrete Mr. Flint“ an den eher ruhigen Spionagegeschichten, die – meinem Gefühl nach – eher vor als während des Kalten Krieges entstanden. Der zurückhaltende Miles muss sich aber nicht mit russischen Spionen auseinandersetzen, sondern vor allem mit seinen eigenen Kollegen vom MI5 und der Befürchtung, dass einer von ihnen ein Doppel- oder gar Dreifachagent sein könnte. Die Handlung wird aus mehreren Perspektiven erzählt, so dass man als Hörer schon früh weiß, dass noch mehr Personen in die Angelegenheit verwickelt sind als Miles absehen kann und dass einer von Miles‘ Kollegen geheime Botschaften mit einer unbekannten Person austauscht.

Mir hat die Geschichte sehr viel Spaß gemacht, ich fand sie kurzweilig und stellenweise von einem angenehm leisen Humor durchzogen. Ich habe eine Schwäche für eher ruhige und klassische Spionagegeschichte und Miles Flint ist mir als Protagonist wieder Willen schnell ans Herz gewachsen. Ein bisschen extrem fand ich seine Käfer-Hobby und nachdem die kriselnde Beziehung zu seiner Frau Sheila anfangs doch einigen Raum einnahm, hätte ich mir gewünscht, dass sie am Ende eine etwas entscheidendere Rolle gespielt hätte. Auch die Zeit, in der das Ganze spielt, hat Ian Rankin schön dargestellt. Auf der einen Seite gibt es da die Bomben und die Paranoia der Menschen (die natürlich bei den Agenten noch ausgeprägter ist als bei den normalen Bürgern) und auf der anderen Seite muss man sein Leben trotzdem weiterleben. Die Gesellschaftskritik – eigentlich vor allem eine Kritik an den beiden Seiten des Nordirland-Konflikt – wird von Ian Rankin nicht gerade dezent angebracht, aber passend innerhalb der Geschichte. Für diejenigen, die von Rankin die Rebus-Geschichten mögen, möchte ich noch anmerken, dass „Mr. Flint“ eigentlich nichts damit zu tun hat. Sowohl der Stil, als auch die Figurenzeichnungen sind vollkommen unterschiedlich – und sollte meiner Meinung nach auch nicht miteinander verglichen werden.

Gelesen wird das Hörbuch von Heikko Deutschmann, den ich als Sprecher sehr gerne mag. Auch bei „Der diskrete Mr. Flint“ hat er eine gute Arbeit abgeliefert, die einzelnen Figuren gut und individuell gesprochen (ich verkneife mir mal die übliche Anmerkung zum Thema Frauenstimmen :D), ohne dabei zu übertreiben. Über die Tonqualität kann ich mich auch nicht beschweren, sonstige Extras gab es nicht, allerdings waren die Tracks mit einer durchschnittlichen Länge um die 10 Minuten doch recht lang. Aufgefallen ist mir das aber erst, als ich nach drei Stunden Schmetterlingsflieder stutzen feststellte, dass ich keine 20 Tracks gehört hatte.

Michael Robotham: Sag, es tut dir leid

„Sag, es tut dir leid“ von Michael Robotham habe ich mir aufgrund einer Rezension bei „Katze mit Buch“ aus der Bibliothek ausgeliehen. Ich hatte mal wieder Lust auf einen Kriminalroman, der kein Cozy ist, und die Begeisterung der Rezensentin hat mich hoffen lassen, dass ich da vielleicht eine neue Reihe für mich entdecken könnte. „Sag, es tut dir leid“ ist der sechste Band rund um den Psychologen Joe O’Loughlin, kann aber ohne Probleme seperat gelesen werden – ich hatte zumindest nicht das Gefühl, ich würde groß etwas verpassen. Allerdings könnte es sein, dass die ersten 200 Seiten für jemanden, der sich mit Joe schon angefreundet hat, deutlich interessanter zu lesen sind, als sie es für mich waren.

Da ich das Buch am Mittwoch wieder zurückbringen muss und am Sonntag nicht in der Stimmung war, für einen der Romane, auf die ich mich sehr freue, habe ich trotz eines Mangels an Interesse weitergelesen. Die Grundgeschichte ist schnell erzählt: Tash und Piper sind zwei fünfzehnjährige Schülerinnen, als sie eines Tages spurlos verschwinden. Drei Jahre später findet die Polizei ein ermordetes Ehepaar in einem Bauernhaus und die Leiche einer erfrorenen jungen Frau in einem See. Von diesem Moment an steht fest, dass die beiden Mädchen in den drei Jahren gefangen gehalten wurden – doch an welchem Ort und von welcher Person muss die Polizei noch herausfinden. Dabei bekommt man als Leser stetig Einschübe präsentiert, in denen Piper von ihrer Gefangenschaft und Ereignissen, die zuvor stattfanden, berichtet.

Diese Einschübe sind es auch, die mich bei der Stange gehalten haben. Mich hat es erschreckend wenig berührt, was mit den Mädchen passiert ist. Trotz Schilderungen (oder Andeutungen) von Missbrauch und Misshandlungen fühlte sich das Alles für mich immer nach einer fiktiven Geschichte an und nicht nach etwas, wo ich mitfiebern und mitleiden konnte. Emotional hat mich der Autor leider in keiner Weise berühren können, so dass es mir auch recht egal war, wie sich die Geschichte für die Mädchen entwickelt und ob sie gerettet werden können oder nicht. Stattdessen hat er mich letztendlich durch die Beschreibungen der beiden Mädchen doch noch zum Beenden des Buches bringen können.

Dass Piper und Tash von den zurückbleibenden Freunden und Familienmitglieder in rosigen Farben geschildert werden, ist ja recht selbstverständlich. Ein Mädchen, das vermutlich Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, wird in der Regel idealisiert und eventuelle unangenehme Eigenschaften werden da gern unter den Teppich gekehrt. Hier aber kamen Pipers Passagen zu den Beschreibungen der anderen Personen hinzu. Ihre Sicht der Dinge ist genauso gefiltert wie die der Außenstehenden und auch sie beschreibt sich netter und unschuldiger, als sie vermutlich ist. Vor allem aber hat mich ihre Sicht auf ihre Eltern und die später dazukommende Sicht des Psychologen auf ihre Familie interessiert. Alles in allem ist das zwar kein Grund, um das Buch zu lesen, aber es reichte aus, um mich auf weitere Enthüllungen zu diesem Teil der Handlung neugierig zu machen. Das Ende war dann okay und es kam auf den letzten Seiten noch etwas Spannung auf, aber weitere Kriminalromane von Michael Robotham werde ich wohl nicht lesen.

Stella Gibbons: Der Sommernachtsball

„Der Sommernachtsball“ von Stella Gibbons war eine „klingt nett und Manhattan hat schon ein paar schöne ältere Titel rausgebracht“-Anschaffung. Über die Autorin habe ich mir keine Gedanken gemacht, sehr große Erwartungen hatte ich nicht, war aber anhand des Klappentextes davon ausgegangen, dass die Handlung mehr Liebesgeschichte sein würde, als sie tatsächlich ist. Erst nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich nach weiteren Informationen über die Autorin geschaut. Dabei habe ich dann prompt festgestellt, dass ich von Stella Gibbons schon mal was gehört habe – unter anderem auf Birthes Blog, wo sie „Cold Comfort Farm“ von der Autorin rezensiert und damit schon mein Interesse geweckt hatte. (Mein Namensgedächtnis ist auch nicht mehr das, was es mal war, wenn es um Autoren geht.)

Wenn man den Klappentext von „Der Sommernachtsball“ anschaut, dann scheint einen nichts anderes als eine Aschenputtel-Variante zu erwarten. Stattdessen bekommt man aber ein detailliertes und spitzzüngiges Abbild einer sehr begrenzten ländlichen Gesellschaft präsentiert. Dabei steht nicht allein die junge Witwe Viola Withers im Mittelpunkt des Geschehens, sondern sämtliche Mitglieder der Familie Withers, die der Familie Spring und noch ein paar andere Personen, die mit diesen Familien in Zusammenhang stehen. Die gesamte Handlung umspannt ein gutes Jahr und beginnt mit Violas Ankunft in der kleinen Ortschaft Sible Pelden.

Obwohl auch Viola aus der Gegend stammt, hat sie einige Zeit in London gelebt und bringt eindeutig einen Hauch von (billigem) Stadtflair in das Haus der Withers‘. Während ihr geiziger und kontrollsüchtiger Schwiegervater schon davon träumt, das (allerdings nicht vorhandene) Erbe seiner Schwiegertochter zu verwalten, wissen ihre Schwiegermutter und ihre beiden Schwägerinnen nicht so recht etwas mit Viola anzufangen. Die beiden Töchter der Familie sind deutlich älter als ihre junge und naive Schwägerin und haben sich mehr schlecht als recht mit der einengenden Situation daheim abgefunden.

Während Madge mit Ende Dreißig ihre Tage an der frischen Luft verbringt, sich selbst nicht eingestehen kann, dass sie ein mehr als freundschaftliches Interesse an dem (verheirateten und inzwischen im Ausland lebenden) Nachbarssohn hat, und heimlich davon träumt, dass ihr Vater ihr endlich das Halten eines Hundes erlaubt, lenkt sich die etwas jüngere Tina (35 Jahre) mit Selbsthilfebüchern von ihrem trostlosen Dasein ab. Erst mit der Hilfe von „Selenes Töchter“ (einem Buch über weibliche Psychologie) wird ihr bewusst, dass sie gern etwas mehr Zeit mit Saxon, dem (sehr viel jüngeren) neuen Chauffeur ihres Vaters verbringen würde – und sei es nur, um davon zu träumen, wie es wohl wäre, wenn auch sie einmal einen Verehrer hätte.

Auch bei den Springs ist nicht alles so harmonisch, wie es von außen wirkt. Victor Spring – der seit Jugendzeiten der heimliche Schwarm sämtlicher Mädchen der umliegenden Dörfer (und somit auch von Viola) ist – steht kurz davor, sich mit einer Jugendfreundin zu verloben. Diese Verbindung wird nicht nur von allen Seiten erwartet, auch die beiden Verlobten in spe sind sich sicher, dass dies die logische Fortführung ihrer jahrelangen Freundschaft ist, ohne sich dabei eingestehen zu können, dass sie so gar nicht zueinander passen. Auch Victors Mutter ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken an die bevorstehende Heirat, hatte sie sich doch einen ganz anderen Typ Frau für ihren Sohn vorgestellt.

Victors Cousine Hetty hingegen, die von klein auf bei den Springs lebt, träumt davon, das dekadente Leben dieser Familie hinter sich lassen zu können, um stattdessen studieren, selbstbestimmt leben und den ganzen Tag mit ihren Büchern verbringen zu können. Zu diesen Familien kommen noch die diversen Figuren, die Einfluss auf das Leben der verschiedenen Familienmitglieder haben, wie etwa Victors Verlobte, der attraktive und ehrgeizige Chauffeur der Withers‘, seine Mutter und ein aufdringlicher und ordinärer Einsiedler. Und immer wieder bekommt man auch die Perspektive dieser Personen präsentiert, so dass man diese Charaktere eigentlich genauso gut kennenlernt wie die Familien Withers und Spring.

Stella Gibbons nimmt sich viel Zeit, um dem Leser die Figuren, ihre Leben und ihre (eingestandenen und verborgenen) Träume vorzustellen. Dabei kommt es in der Handlung nur zu wenigen Höhen und Tiefen, und einige entscheidende Wendungen bekommt man als Leser gar nicht so direkt mit, weil man zeitgleich das Leben einer anderen Person verfolgt. Statt also den Leser mit großen Dramen zu fesseln, unterhält einen die Autorin vor allem mit kleinen, fast alltäglichen Szenen, die immer mal wieder liebevolle oder amüsante Momente präsentieren, aber noch viel häufiger die Kleinlichkeit, die Engstirnigkeit oder Dummheit der Personen entlarven.

Das alles führte dazu, dass ich mich zwar beim Lesen sehr über diese zwar häufig überzogenen, aber treffsicheren Beschreibungen amüsiert habe, mir die Personen aber nicht ans Herz gewachsen sind. Viola ist nett, aber ein dummes Gänschen, Madge ist auf ihre Art ebenso konservativ wie ihr Vater und nur ihre Sehnsucht nach einem Hund sorgt dafür, dass man hinter der harten Frau hier und da das einsame kleine Mädchen sehen kann, Mrs. Withers hat kein Rückgrat, auch wenn sie manchmal für ihre Töchter einsteht, Mrs. Spring ist fantasielos und ohne Einfühlungsvermögen, aber immerhin meint sie es gut, und so könnte ich immer weiter machen.

Am Ende muss ich zugeben, dass mir dieser Roman dank dieser wunderbar treffend beschriebenen kleinen Szenen zwar sehr unterhaltsame Stunden bereitet hat, dass aber zwei Wochen später nicht mehr so viel davon zurückgeblieben ist – eigentlich nur dieser vage Eindruck von „da waren eine Menge seltsamer Leute mit seltsamen Problemen, und am Schluss ist doch irgendwie (fast) alles gut geworden“.

Jane Austen: Überredung

Seitdem ich vor zwei Jahren den Jane-Austen-Schuber zum Geburtstag bekommen habe, möchte ich die Romane wieder lesen. Als ich dann Mitte November feststellte, dass mir die Zeit für die „100 Bücher“-Challenge davonlief (und dass die Bibliothek die dafür vorgemerkten Titel wohl nicht mehr rechtzeitig zur Verfügung stellen kann), nahm ich mir vor, dass ich diese Challenge – und somit vermutlich auch mein „Lesejahr“ – mit einem Titel von Jane Austen beenden werde. Meine Wahl dafür ist auf „Überredung“ gefallen, eine meiner Lieblingsgeschichten von Jane Austen, die aber – zumindest empfinde ich das so – von den meisten Leuten weniger geschätzt wird als „Stolz und Vorurteil“, „Verstand und Gefühl“ oder „Emma“.

Ich muss zugeben, dass Anne als Hauptfigur deutlich weniger im Mittelpunkt der Geschichte steht als andere Charaktere von Jane Austen. Während sich bei den anderen Romanen die Handlung zum Großteil um die Protagonisten arrangiert und die Nebenfiguren nicht so präsent sind wie diese, habe ich bei „Überredung“ das Gefühl, dass Anne deutlich weniger ins Auge fällt. Sie hat so viele Jahre ihre Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche unterdrückt, dass sie dem Leser vor lauter Zurückhaltung weniger nah kommt – und doch lernt man all die Nebenfiguren vor allem dadurch kennen, wie sie Anne behandeln, wie sie sie und ihre Aufmerksamkeit als selbstverständlich nehmen und wie sie sie ebenso selbstverständlich zugunsten ihrer eigenen (und häufig sehr egoistischen)Wünsche in die Ecke drängen.

Durch diese erzwungene Passivität ist Anne aber auch eine perfekte Beobachterin geworden. Sie sieht die Gefahr, die von einer Bekannten ihrer älteren Schwester Elizabeth ausgeht, sie ist gegenüber dem wiederentdeckten Cousin Mr. Elliot zurückhaltender als der Rest ihres Bekanntenkreises und wenn man es genau nimmt, dann sah sie schon als junge Frau die Qualitäten in Kapitän Wentworth, die letztendlich zu seinem beruflichen und finanziellen Erfolg führten. So bescheiden sie in allen Dingen ist, so haben die Jahre, in denen sie bedauerte, dass sie sich nicht über den Einfluss von Freunden und Verwandten hinweggesetzt hat und dass sie nicht ihrem Herzen gefolgt ist, dann doch dafür gesorgt, dass sie – bei aller Zurückhaltung und Höflichkeit – ein Rückgrat und feste Ansichten entwickelt hat.

Angenehmerweise schreckt sie auch nicht davor zurück, diese Ansichten zu teilen. Für mich sind das häufig die schönsten Szenen im Buch, diese kleinen Momente, in denen sie im Gespräch mit einer anderen Person ist und ihre Meinung äußert. Hier wird oft deutlich, dass die meisten ihrer hochgeborenen Gesprächspartner recht dumm und oberflächlich sind, weil sie Annes wohldurchdachte Meinung herabsetzen oder nicht ernst nehmen. Diese subtile Kritik an der Oberflächlichkeit einer Gesellschaft, die auf den Rang, den Namen und das Äußere einer Person setzt, statt sich auf das Benehmen und die Intelligenz zu konzentrieren, mag ich sehr. Ebenso schön finde ich es, dass in „Überredung“ immer wieder betont wird, dass die Herkunft oder das manchmal etwas ungehobelte Benehmen einer Figur vollkommen verzeihlich ist, wenn Herzensgüte, Bildung und Anstand ihr Verhalten bestimmen.

Und gerade nach dem Lesen von „Jane Eyre“, wo von der Erzählerin auf jede Gemütsregung eingegangen und ständig eine Nabelschau abgehalten wird, genieße ich die Zurückhaltung und Einfachheit der Erzählweise in „Überredung“. Anne ist in allen Belangen sehr vorsichtig, sie will weder verletzen noch verletzt werden, und so kann man als Leser nur hier und da erahnen, wie sehr sie in den vergangenen Jahren gelitten hat und wie sehr sie nun aufgewühlt ist, weil es ein Wiedersehen mit Kapitän Wentworth gibt. Besonders deutlich wird Annes Situation in den kleinen Nebenbemerkungen, wenn sie zum Beispiel über die innige Verbundenheit der Schwestern Musgrove nachdenkt oder über die Ehe der Crofts und dadurch deutlich wird, wie sehr sie eine Vertraute vermissen muss und wie sehr sie sich nach einer harmonischen Beziehung sehnt. Aber nicht einmal in diesen Szenen klagt sie über ihr Schicksal, sondern arrangiert sich mit ihrer lieblosen Familie und versucht, das Beste aus ihrer Situation zu machen.

Ich habe zwei schöne Tage mit Anne verbracht und mich an all den kleinen Momenten erfreut, in denen sie Hoffnung schöpfte, Rückgrat zeigte und mich mit ihren – zum Teil erstaunlich spitzen – Beobachtungen unterhalten hat. So hat mir die „100 Bücher“-Challenge das Jahr hindurch nicht nur erlaubt, einige Neuentdeckungen zu machen, sondern auch die Gelegenheit gegeben, einige schon bekannte Klassiker neu zu entdecken. Ich finde es immer wieder schön und spannend, welche neuen Facetten mir an einer Geschichte auffallen und an welche Aspekte ich mich noch klar erinnerte, obwohl das letzte Lesen einige Jahre her ist.

Julia Quinn: A Night Like This

Es ist eine ganze Weile her, seitdem ich das letzte Mal einen Julia-Quinn-Roman gelesen habe, umso mehr freute ich mich auf den zweiten Band der Smythe-Smith-Reihe. Ich habe gestern einen netten Nachmittag mit „A Night Like This“ verbracht, obwohl mich der Roman nicht so packen konnte wie andere Titel der Autorin. Aber ich war – dank Irinas Rezension – auch schon vorgewarnt, dass diese Geschichte nicht zu den Besten von Julia Quinn gehört.

Die Grundidee fand ich sehr nett. Daniel Smythe-Smith – ältere Bruder von Honoria, die in „Just Like Heaven“ die Protagonistin war – musste drei Jahre lang außerhalb Englands vor Auftragsmördern flüchten, nachdem er sich betrunken mit einem seiner besten Freunde duelliert und diesen schwer verletzt hatte. Wieder zurück in England verliebt er sich auf den ersten Blick in die Unbekannte, die statt seiner Cousine bei einem der berühmt-berüchtigen Smythe-Smith-Konzerte am Klavier sitzt. Diese Unbekannte ist Anne Wynter, Gouvernante im Haus von Daniels Tante.

Als Leser bekommt man schnell mit, dass Anne stets bestrebt ist kein Aufsehen zu erregen, denn sie hat nicht nur ein großes Geheimnis, sondern muss sich ebenfalls vor einem Verfolger fürchten. Ihr ist nur zu gut bewusst, dass eine Beziehung zwischen einem Earl und einer Gouvernante alles andere als angemessen wäre, aber Daniels sympathisches Wesen und seine Zuneigung zu seiner Familie findet sie trotzdem sehr anziehend. Beide Figuren für sich genommen sind eigentlich etwas langweilig – so nett und so kantenlos -, aber ich muss zugeben, dass ich Annes Geheimnis mal gut und stimmig fand.

Was ihr acht Jahre zuvor passiert ist, wäre zu dieser Zeit und in dieser Schicht der Ruin für eine junge Frau gewesen, was bedeutet, dass es in dieser Geschichte mal kein banales Problem, sondern ein echtes Hindernis für eine Ehe gibt. Allerdings löste sich für meinen Geschmack das Ganze viel zu schnell in Wohlgefallen auf – sogar der große Bösewicht hat am Ende einfach den Schwanz eingezogen und das war es … Auch die – sonst doch so amüsanten Dialoge – litten unter dem Mangel an Ecken und Kanten der Figuren (und daran, dass Anne und Daniel sich aufgrund der gesellschaftlichen Unterschiede nicht auf Augenhöhe unterhalten konnten) und waren deutlich weniger lustig als sonst.

Letztendlich würde ich sagen, dass ich von „A Night Like This“ langfristig nicht viel in Erinnerung behalten werde, aber immerhin einen netten und entspannenden Nachmittag mit dem Buch verbracht habe. Und es war eine lustige Abwechslung zu den ganzen geisterhaft-fantastisch-skurrilen Geschichten, die ich in den letzten Tagen gelesen habe.