Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Soman Chainani: The School for Good and Evil

In den letzten Wochen habe ich richtig viel Glück mit Romanen, die auf ungewöhnliche Weise mit Märchenmotiven umgehen. Nach „Indexing“ habe ich am letzten Wochenende „The School for Good and Evil“ von Soman Chainani gelesen. Das Buch reizte mich schon länger, nachdem es im letzten Jahr auf diversen Blogs aufgetaucht war, denn die Grundidee klang gut – und Märchenthemen kann ich ja eh schwer widerstehen.

„The School for Good and Evil“ dreht sich um zwei Mädchen, die in dem idyllischen Dorf Gavaldon aufgewachsen sind. Während die hübsche Sophie mit ihren goldenen Locken, blauen Augen und ihrem zarten Teint einer Märchenprinzessin entspricht, ähnelt Agathas Äußeres eher einer klassischen Hexe – was noch dadurch unterstrichen wird, dass sie mit ihrer Mutter auf dem Friedhof lebt und nicht gerade viel mit anderen Menschen anfangen kann. Trotzdem haben sich die beide Mädchen miteinander angefreundet, vor allem aufgrund Sophies unablässigen Bemühungen um Agatha.

Sophie ist sich nämlich sicher, dass sie beide auserwählt sind, um von dem „School Master“ entführt zu werden. Sie würde in dem legendären Internat alles erlernen, was eine Prinzessin benötigt, um Teil eines Märchens zu werden, während Agatha in dem „bösen“ Teil der Schule die Ausbildung zur Hexe einschlagen könnte. Doch Agatha glaubt eigentlich nicht, dass die legendäre „School for Good and Evil“ wirklich existiert – und selbst wenn es sie geben sollte, so versucht sie doch alles, damit Sophie nicht entführt wird. Natürlich scheitert Agatha – und findet sich kurz darauf mit Sophie in dem Internat wieder. Doch während Sophie im „bösen“ Teil landet, soll Agatha im „guten“ Teil der Schule ihre prinzessinenhaften Facetten ausarbeiten.

Soman Chainani spielt in diesem Roman ganz wunderbar mit den diversen Märchenthemen und zeigt deutlich, dass „gut“ und „böse“ nicht immer so einfach zu definieren sind. In beiden Teilen der Schule finden sich sympathische und unsympathische Schüler, und obwohl von den Lehrern stets das Konkurrenzdenken unter den Jugendlichen geschürt wird, entstehen immer wieder unerwartete und zerbrechliche Freundschaften. Dabei ist jedem Einzelnen die ganze Zeit über bewusst, dass nur einige Wenige von ihnen zu entscheidenden Märchenfiguren werden wird. Der Großteil von ihnen wird sich mit einem Leben als Handlanger, helfende Tierfigur oder einer vergleichbaren namenlosen Rolle begnügen müssen.

Einzig Agatha hält lange Zeit an dem Gedanken fest, dass sie mit Sophie aus der Schule flüchten muss, damit sie wie früher als Freundinnen in Gavaldon leben können. Doch Sophie arbeitet lieber daran, alle davon zu überzeugen, dass sie in der falschen Seite der Schule gelandet ist, dass sie gut ist und dass sie als (potenzielle) Prinzessin natürlich ihren Prinzen finden muss. All das führt zu einigen amüsanten Szenen, aber auch zu erschreckenden und traurigen Momenten, denn das Leben an der „School for Good and Evil“ ist – wie im Märchen – brutal und oft erbarmungslos.

Neben Sophies und Agathas Bemühungen um ihre Freundschaft, um Sophies Prinzen und um ihr Überleben an der Schule steht auch noch das Geheimnis des „School Master“ im Raum. Er war es, der die beiden Mädchen in die Schule gebracht hat, obwohl sie nicht aus der Märchenwelt stammen. Und niemand weiß, ob er gut oder böse ist und welche Absichten er mit den diversen Herausforderungen und Regeln verfolgt. Ich muss zugeben, dass ich nicht von jeder Wendung überrascht war, aber es gab genügend Momente, in denen ich die Einfälle und Entwicklungen, die Soman Chainani in die Geschichte einbaute, als ungewöhnlich genug empfand, um mich wunderbar unterhalten zu fühlen.

Ich mag die ganzen bösen Wendungen, die diversen Versuche der Charaktere, die Regeln der Schule zu umgehen und die oft entlarvenden Aussagen der diversen Figuren, die zeigen, dass die hinreißende Prinzessin nicht immer die Gute in der Geschichte ist, während die furchterregende Hexe manchmal einfach nur eine liebevolle Umarmung benötigen würde. Am Ende verändert sich die Schule, und ich muss zugeben, dass ich sehr gespannt bin, wie es nun dort weitergeht. Was dazu führt, dass ich wohl in absehbarer Zeit die Fortsetzung bestellen muss, um mehr Zeit mit Sophie und Agatha verbringen zu können … 😀

Laini Taylor: Daughter of Smoke and Bone – Zwischen den Welten (Hörbuch)

Vor ungefähr zwei Jahren ging dieser Titel durch diverse Blogs und reizte mich überhaupt nicht, obwohl ich ja grundsätzlich ein Menge mit Urban-Fantasy-Titeln anfangen kann. Dann aber habe ich für Arianas Hörbuch-Challenge ein paar Hörbücher geliehen bekommen, unter denen sich auch „Daughter of Smoke and Bone – Zwischen den Welten“ von Laini Taylor befand – und dachte, dass das eine gute Begleitung zum endlosen Tapetenkratzen im Flur sein könnte.

Anfangs lernt der Hörer die junge Karou kennen, die in Prag lebt, an einer kleinen privaten Kunstakademie studiert und bei Chimären aufgewachsen ist. Für sie ist es normal, dass sie diese beiden Teile ihres Lebens getrennt hält und ihren menschlichen Bekanntschaften die Porträts ihrer „Familie“ als Darstellung fiktiver Figuren präsentiert. Dass Karou keine unauffällige Person ist mit ihren Tatoos, ihren blauen Haaren und ihrer Verschwiegenheit über ihr Privatleben, wird allgemein akzeptiert. Für sie selbst gehört die Frage, woher sie stammt und wie es kam, dass sie von Chimären aufgezogen wurde, schon immer zu ihrem Leben. Aber da ihre Familie ihr keine Fragen zu ihrer Herkunft, den Chimären oder dem rätselhaften Geschäft des Wunscherfüllens, dem ihr Pflegevater Brimstone nachgeht, beantwortet, lebt sie gezwungenermaßen mit all diesen Wissenslücken.

Doch dann kommt der Tag, an dem die magischen Portale zu Brimstones Laden von drei „Engeln“ zerstört werden und so Karou jeglicher Möglichkeit berauben ihre Familie wiederzusehen. Nur gut, dass Akiva, einer der Seraphim, kurz zuvor noch auf Karou stieß, sie als Teil der Chimären identifizierte und deshalb mit ihr kämpfte. Später geht beiden dieser Kampf nicht mehr aus dem Sinn und während Karou nach einem Weg in die Welt der Chimären sucht, sucht Akiva Karous Nähe, um mehr über sie und die Anziehung, die sie auf ihn ausübt, herauszufinden.

Das Hörbuch war eine nette Begleitung beim Tapetenkratzen. Aber bei einer etwas weniger lästigen Beschäftigung hätte ich es wohl abgebrochen, da die Handlung für mich unsagbar vorhersehbar war. Besonders lästig fand ich es, dass all die interessanten Details über die Welt der Seraphim und Chimären erst im letzten Drittel erzählt wurden, als ich mir den Großteil schon längst zusammengereimt hatte und keine ausufernden Beschreibungen der verschiedenen Biografien, Historien und Legenden mehr hören wollte. Dabei finde ich die Welt, die sich Laini Taylor für ihre Geschichte ausgedacht hat, in großen Teilen wirklich reizvoll.

Die Seraphim gehören zu eine Art „römischen“ Imperium und erobern seit Jahrhunderten die Länder der verschiedenen „barbarischen“ Chimärenvölker. Durch den gemeinsamen Feind wurden die Chimären gezwungen zusammenzuarbeiten und eine Möglichkeit zu ersinnen in diesem Krieg zu bestehen. Warum der Krieg ursprünglich ausbrach wird eigentlich nicht geklärt, Akiva meint Karou gegenüber aber in einem Gespräch, dass die Seraphim den Chimären eigentlich nur die Segnungen der Zivilisation gebracht hätten – und reagiert nicht gerade fröhlich darüber, dass sie meint, dass Krieg und Sklaverei dafür doch ein etwas hoher Preis wären.

Schön fand ich die Beschreibungen der Chimären, von den rein tierischen Mischwesen bis zu den sogenannten „hochmenschlichen“ Mischwesen, die neben den verschiedenen tierischen Körperelementen über menschliche Oberkörper und Gesichter verfügen. Dabei finde ich es aber sehr schade, dass die Autorin die Gelegenheit nicht genutzt hat, um ein eigenes Schönheitsideal für so eine Gesellschaft zu finden, statt das „hochmenschliche“ Aussehen als besonders erstrebenswertes Schönheitsideal anzupreisen – und die damit verbundene Wendung in der Handlung fand ich unpassend und enttäuschend. Überhaupt ist dieses „daraus hätte man mehr machen können“-Gefühl etwas, das mich die ganze Geschichte über begleitet hat und neben der fehlenden Spannung zu einer gewissen Unzufriedenheit geführt hat.

Gelesen wurde die Geschichte von Julia Nachtmann, die ihre Sache allerdings wirklich gut gemacht hat. Ihre junge und doch hin und wieder spröde Stimme passte gut zur 17jährigen Karou und war angenehm zu hören, aber auch alle anderen Figuren habe ich ihr abgenommen. Obwohl die Sprecherin ihre Stimme kaum verstellt hat, wusste ich bei jedem Wiedereinstieg nur anhand der Stimmlage sofort, welche Figur gerade zu Wort kam. Mit der Tonqualität war ich auch zufrieden, ebenso wie mit der Tracklänge von durchschnittlich 5 Minuten.

Diane Zahler: Princess of the Wild Swans

Eigentlich wollte ich mir nach „A True Princess“ ja etwas Zeit lassen, bevor ich „Princess of the Wild Swans“ lese, aber dann waren die Neugier und der Bedarf nach einer „schönen“ Lektüre doch zu groß. Gleich vorweg kann ich sagen, dass mir „Princess of the Wild Swans“ von allen drei Diane-Zahler-Romanen bislang am wenigsten gefallen hat – wobei das nicht heißt, dass mir die Geschichte gar nicht gefallen hätte. Ich fand sie nur nicht ganz so bezaubernd wie die anderen Märchen und hatte das Gefühl, dass hier weniger passiert, da sich die Handlung auf einen Zeitraum von wenigen Wochen beschränkt. Letzteres war zwar auch bei „A True Princess“ der Fall, aber dort reisten die Figuren immerhin währenddessen in ein anderes Königreich. 😉

„Princess of the Wild Swan“ basiert unübersehbar auf dem Märchen „Die wilden Schwäne/Die sechs Schwäne“, wobei ich das Gefühl habe, dass die Autorin sich sehr von der irischen Version hat inspirieren lassen – überhaupt ist dieses Märchenmotiv unglaublich verbreitet. In diesem Roman von Diane Zahler wächst die mutterlose Prinzessin Meriel mit ihrem Vater und ihren fünf Brüdern in einem Schloss auf, an dessen Fuß ein herzförmiger See liegt, welcher angeblich ein Tor zur Feenwelt ist. Erzogen wird Meriel von einer Gouvernante, doch das verwöhnte Mädchen möchte lieber all die Dinge lernen, mit denen sich seine Brüder beschäftigen, statt der ehe weiblichen Tätigkeiten wie Sticken und Nähen.

An dem Tag, an dem die Geschichte beginnt, kommt der König von einer Reise nach Hause, im Schlepptau eine neue Ehefrau, die überaus überrascht ist, dass ihr Gemahl nicht nur eine verwöhnte kleine Tochter hat (die keine Gefahr für einen eventuellen eigenen Sohn darstellen würde, da sie nicht erbberechtigt wäre), sondern auch fünf gesunde Söhne. Während Meriel die Stiefmutter auf den ersten Blick nicht leiden kann, sind ihre Brüder weniger misstrauisch gegenüber der schönen Frau – doch keine 48 Stunden später sind die Königssöhne aus dem Schloss verschwunden (angeblich abgereist, um eine Schule zu besuchen), während auf dem See fünf hübsche Schwäne schwimmen.

Dank der Hexe Riona – die mit Meriels Bruder Cullan befreundet war – findet Meriel heraus, dass es nur eine Möglichkeit gibt, den Fluch zu brechen, der auf ihren Brüdern liegt. Dabei helfen ihr nicht nur Riona, sondern auch Rionas Bruder Liam, die Mutter der beiden Geschwister und viele Bewohner des zum Schloss gehörigen Städtchens. Ich muss zugeben, dass ich die Szenen in der Hütte von Riona und ihrer Familie sowie die kleinen Einblicke in das Stadtleben sehr gemocht habe. Auf der anderen Seite war die Handlung schon sehr vorhersehbar, vor allem da sich die Autorin sehr an die märchenhafte Vorlage hält und die Prinzessin schweigend und unter Zeitdruck aus Brennnesseln Hemden anfertigen muss, während die böse Stiefmutter keinen Verdacht schöpfen kann.

So gab es im Vergleich zu den anderen Romanen weniger überraschende und magische Momente in „Princess of the Wild Swans“, stattdessen ein Gefühl von Hektik, da es keine zwei Tage dauert, bis die Prinzen verzaubert werden und Meriel dann nur wenige Wochen Zeit hat, um ihr Material herzustellen und zu nähen. Aufgelockert werden diese „Handarbeitsszenen“ durch Lieder und Geschichten, die der Prinzessin von Riona und Liam erzählt werden, durch die wachsende Freundschaft zwischen den drei Figuren, durch gefährliche Momente, die sie an dem See erleben, und durch weitere Charaktere, die im Laufe der Handlung hinzukommen. Und obwohl ich eigentlich Geschichten mag, in denen das Handarbeiten eine gewisse Rolle spielt, fand ich diese Szenen hier nicht so schön beschrieben. So fühlt sich das Ganze für mich nicht rund genug an, um am Ende das Buch so zufrieden weglegen zu können wie bei den anderen beiden Märchen.

Die am Ende des Buches vorhandene Vorschau auf die nächste Geschichte, „Sleeping Beautys Daughters“, macht mich dafür jetzt schon neugierig auf die nächste Märchenadaption von Diane Zahler. 😉

Diane Zahler: A True Princess

Nach „The Thirteenth Princess“ zogen recht schnell die beiden anderen Märchenadaptionen von Diane Zahler bei mir ein, aber das Lesen hatte ich mir noch etwas aufgehoben. Am Wochenende war es dann so weit, dass ich dringenden Bedarf nach einer Anti-Nörgel-Wohlfühl-Lektüre hatte und zu „A True Princess“ gegriffen habe. Während „The Thirteenth Princess“ ganz klar auf den zertanzten Schuhen basierte, lässt sich die Handlung von „A True Princess“ nicht so eindeutig einem Märchen zuordnen.

Die Hauptfigur Lilia wurde als kleines Kind in einem Körbchen den Fluss hinuntertreibend gefunden. Der Bauer, der das Mädchen fand, brachte es nicht übers Herz, sie weiter der Natur zu überlassen, und nahm sie mit nach Hause zu seiner neuen Frau Ysla und seinen beiden Kindern Karina und Kai. Sehr gut wird Lilia von Ysla nicht behandelt, aber sie fühlt sich trotzdem auf dem Hof wohl. Für Karina ist Lilia ihre kleine Schwester und auch mit dem gleichaltrigen Kai verbringt das Mädchen schöne Stunden, während die beiden die Schafe des Hofes hüten. Doch als Ysla Jahre später schwanger wird, möchte sie Lilia als Dienstmädchen an den Müller des Ortes verkaufen. Da dieser dafür bekannt ist, dass er nicht nur seine eigenen Kinder misshandelt, reißt Lilia aus – und prompt schließen sich ihr Karina und Kai an. Zu dritt machen sie sich auf in das nördliche Königreich, aus dem Lilia vermutlich stammt, um vielleicht mehr über die Herkunft des Mädchens herauszufinden.

Doch um weiter in den Norden zu gelangen, müssen die drei durch einen Elfenwald reisen. Eigentlich eine relativ ungefährliche Sache, wenn man sich an ein paar Regeln hält – doch natürlich ist es dann doch nicht so einfach und endet damit, dass Kai unter den Bann der Elfenprinzessin gerät. Um den Bruder und Freund zu retten, müssen Karina und Lilia im Schloss des nördlichen Königreichs ein Juwel finden. Eine Aufgabe, die ihnen dadurch etwas erleichtert wird, dass die beiden jungen Frauen als Dienstmädchen im Schloss eine Anstellung finden. Aber nicht nur die Rettung von Kai steht im Vordergrund dieser märchenhaften Geschichte, auch die Frage um Lilias Herkunft, der rätselhafte Prinzessinnen-Test, dem sich im Schloss regelmäßig die potenziellen Bräute für den Prinzen unterziehen müssen, und Karinas Gefühle für einen warmherzigen Ritter in Blau spielen eine große Rolle.

Wie so oft bei Kinderbüchern sind viele der Wendungen in diesem Roman für einen erwachsenen (oder auch nur aufmerksamen) Leser vorhersagbar, aber das ändert nichts daran, dass diese Geschichte einfach nur wunderbar ist. Diane Zahler kombiniert verschiedene Sagen- und Märchenelemente (die wilde Jagd, den durch einen Zauber geblendeten Kai, die Prinzessin auf der Erbse, vom Feenvolk geraubte Kinder/Wechselbälger) zu einer ganz bezaubernden Handlung mit sympathischen Protagonisten, amüsanten und bewegenden Momenten und natürlich einem spannenden Finale. Vom Gefühl her erinnert mich „A True Princess“ sehr an „Die gewöhnliche Prinzessin“. Aber das macht das Buch für mich nur umso schöner, da es die Hoffnung in mir weckt, dass ich auch diesen Titel in den kommenden Jahren immer wieder mit dem gleichen Vergnügen lesen kann.

Dabei fällt es mir wirklich schwer zu benennen, warum mir die Romane von Diane Zahler so gut gefallen. Auf der einen Seite schreibt die Autorin in einem klaren und schlichten Stil, der sich nicht nur gut lesen lässt, sondern auch zu einer so klassisch-märchenhaften Geschichte passt. Auf der anderen Seite hat jeder ihrer Charaktere – trotz einer gewissen Märchen- und Kinderbuch-Klischeehaftigkeit – Ecken und Kanten, die ihn sympathisch wirken lassen. Sehr niedlich wird zu Beginn von „A True Princess“ zum Beispiel beschrieben, wie unfähig Lilia doch am Herd ist und welch eine Qual es für ihre „Pflegefamilie“ ist, dass der tägliche Frühstücksbrei kaum essbar ist. Diane Zahler gelingt es hervorragend, eine Mischung aus Realismus und märchenhaften Elementen zu schaffen, die einen mit den Figuren mitleiden lässt, ohne dass man auf das Gefühl verzichten müsste, dass am Ende alles gut wird. Denn auch wenn sich die Autorin auf die eher düsteren Seiten der nordischen Mythologien bezieht, bleibt „A True Princess“doch eine Wohlfühlgeschichte, bei der man nie zweifelt, dass Lilia mitsamt ihren Freunden auf ein glückliches Ende zusteuert.

Letztendlich hat mir „A True Princess“ sogar noch besser gefallen als „The Thirteenth Princess“, da die Geschichte sich nicht auf ein einziges Märchenthema konzentriert. Zu schade, dass ich nur noch einen Titel („Princess oft the Wild Swans“) der Autorin auf dem SuB liegen habe und bis zum August warten muss, bis der nächste märchenhafte Roman von ihr als Taschenbuch erscheint. Ich werde versuchen, mir die Geschichte noch etwas aufzuheben, auch wenn ich es kaum erwarten kann, wieder in eine so süße, unterhaltsame, fesselnde und doch so angenehm vertraut wirkende Handlung einzutauchen, wie ich sie bislang bei diesen Märchenvarianten gefunden habe.

Boris Koch: Die Drachenflüsterer-Saga

In den letzten Wochen hatte ich eindeutig eine Fantasy-Phase, in deren Rahmen ich auch „Die Drachenflüsterer-Saga“ von Boris Koch gelesen habe. Der Sammelband beinhaltet die komplette Trilogie („Der Drachenflüsterer“, „Der Schwur der Geächteten“ und „Das Verlies der Stürme“) plus Bonus-Material (Kurzgeschichte, gestrichene Szene, Interview mit zwei der Charaktere). Obwohl der gesamte Band 1136 Seiten umfasst, hatte ich den Titel in gut zwei Tagen gelesen, die die Handlung nicht besonders anspruchsvoll und der Schreibstil flüssig zu lesen ist. Insgesamt habe ich mich wirklich gut unterhalten gefühlt, obwohl die Geschichte sehr jugendgerecht geschrieben wurde und es recht wenig Höhen und Tiefen in der Handlung gab.

Die Hauptfigur ist Ben, der sich nach dem Tod seiner Mutter (sein Vater hat sich schon vor vielen Jahren aus dem Staub gemacht) mit kleinen Aufträgen und Diebstählen über Wasser hält. Unterschlupf hat er in einem verlassenen Haus gefunden und so lebt er in der kleinen Stadt Trollfurt ganz gut vor sich hin. Ansehen genießt er im Ort nicht und die meisten Eltern verbieten ihren Kindern mit dem Jungen ihre Zeit zu verbringen, aber trotzdem hat er mit Yanko, dem Sohn des Schmieds, einen guten Freund, der ihm immer zur Seite steht. Bens heimliche Sehnsucht ist es, einmal ein Drachenritter zu werden und gemeinsam mit einem Drachen Abenteuer zu bestehen.

Als Ben fünfzehn Jahre alt ist, zieht ein reicher Kaufmann nach Trollfurt und kündigt an, dass er die vor vielen Jahren geschlossene Blausilbermine wieder in Betrieb nehmen will. Während die ganze Stadt davon träumt endlich wieder Reichtum und Bedeutung zu erlangen, ist es für Ben nur wichtig, dass der Kaufmann einen Drachen besitzt. Heimlich schleicht er sich nachts in den Stall des Drachens und rubbelt die Schulterknubbel der Echse, da dies Glück bringen soll. Dummerweise scheint dieses legendäre Glück für Ben eher Pech zu bedeuten, denn kurz darauf wird er eines schrecklichen Verbrechens verdächtigt und muss aus Trollfurt fliehen. In der Wildnis trifft der Junge dann auf einen freien Drachen und erfährt von diesem Dinge über Drachen und Drachenritter, die er sich vorher nie hätte vorstellen können.

Insgesamt ist die Welt der „Drachenflüsterer-Saga“ eine klassische High-Fantasy-Welt, die sich nur durch die Legende, die sich in Bens Heimat rund um die Drachen rankt, von ähnlichen Welten unterscheidet. In dem Großirdischen Reich glauben die Menschen, dass der böse Gott Samoth die Drachen mit Flügeln ausgestattet hat, um den guten Göttern den Himmel streitig zu machen, und so entstand der Ritterorden, dessen Aufgabe es ist die Drachen von ihren Flügeln (und somit dem Fluch des bösen Gottes) zu befreien. Als flügellose Kreaturen dienen die Drachen den Rittern und gehorchen ohne jeglichen Widerstand jedem ihrer Befehle. Natürlich glaubt auch Ben an diese Sage, bis er den wilden Drachen Aiphyron kennenlernt und feststellen muss, dass dieser eine freundliche und ehrenwerte Person mit einem ausgeprägtem Charakter ist.

Mir hat dieses gegenseitige Kennenlernen und die wachsende Freundschaft zwischen dem Jungen und dem Drachen sehr gut gefallen. Die beiden finden das Verhalten des jeweils anderen zwar immer wieder befremdlich, bemühen sich aber immer wieder dem Freund zu erklären, warum sie sich so verhalten oder welche Traditionen es in ihrem Volk gibt. Je näher Ben und Aiphyron sich kommen, desto mehr versteht der Junge, welches Unrecht den Drachen durch die Ritter angetan wird. Dank einer besonderen Fähigkeit (natürlich benötigt er eine besondere Fähigkeit *seufz*) ist er geradezu dazu berufen die von dem Orden versklavten Drachen zu befreien und die Menschen über das wahre Wesen dieser Kreaturen aufzuklären.

Ben erlebt also allerhand Abenteuer, während er Drachen befreien möchte, von den Rittern und anderen Feinden verfolgt wird und immer wieder neue Freunde findet. Das Ganze ist von Boris Koch sehr gradlinig erzählt worden und der Ton aller drei Romane ist – trotz diverser Gefahren, Verrat und Todesfälle – eher humorvoll als mitreißend. Wirkliche Spannung kam bei mir nur selten auf, egal, was Ben und seinen Freunden passierte, der Autor konnte mich nicht wirklich davon überzeugen, dass die Figuren in Gefahr schwebten. Dafür gab es dann immer wieder die amüsanten Kabbeleien, so dass ich die Geschichten nicht langweilig fand, obwohl es gerade zu beginn des dritten Teils einen deutlichen Hänger gab, während die Protagonisten sich eine schöne Zeit am Meer machten und sich die Handlung so gar nicht weiterentwickeln wollte.

Insgesamt bleibt von „Die Drachenflüsterer-Saga“ zurück, dass das definitiv keine Trilogie ist, die man gelesen haben muss, aber dafür eine Romanreihe, mit der man nette und entspannende Stunden verbringen kann. Außerdem ist der Grundton durch die humorvollen Szenen so leicht gehalten, dass die Geschichte meiner Meinung nach auch für eher jüngere (als die vom Verlag vorgeschlagenen 12 Jahre) oder ängstliche Leser geeignet ist.

Jacqueline West: Olive und das Haus der Schatten

„Olive und das Haus der Schatten“ von Jacqueline West war eine Leihgabe von Natira, und da ich vorher noch nie von dem Buch gehört hatte, konnte ich angenehm erwartungsfrei an das Lesen herangehen. Umso schöner fand ich es, als ich mich dann beim Lesen immer wieder dabei ertappte, dass der Roman Erinnerungen an von mir halb vergessene britische Kinderbücher weckte.

Die Handlung von „Olive und das Haus der Schatten“ ist recht schnell erzählt. Olive zieht mit ihren Eltern, die beide sehr auf Mathematik versessen sind und nicht nachvollziehen können, dass ihre Tochter in diesem Bereich so wenig Begabung zeigt, in ein altes Haus. Während Olive das Haus von Anfang an unheimlich ist, finden ihre Eltern es toll, dass sie in der vollgestopften Bibliothek so schön arbeiten können und in der Küche immer wieder über Gegenstände stolpern, deren Nutzen ihnen fremd ist. Olive hingegen gruselt sich besonders vor den Bildern, die an allen Wänden fest angebracht sind und die eine unheimliche Atmosphäre ausstrahlen. Doch noch schlimmer ist es, dass sie immer wieder das Gefühl hat, dass sich in den Schatten der Bilder etwas bewegt oder sie von den dargestellten Figuren beobachtet wird. Irgendwann bekommt Olive die Möglichkeit, mehr über die Bilder und die Vorbesitzer des Hauses zu erfahren, und versucht, das Geheimnis hinter all den seltsamen Vorfällen zu entschlüsseln.

Mir hat die Geschichte einen wunderbaren Nachmittag beschert. Jacqueline West hat mit Olive einen liebenswerten Charakter geschaffen, der – trotz der ungewöhnlichen Eltern – ein angenehm realistisches „Kindsein“ vermittelt. Das Mädchen ist mal neugierig, mal trotzig, genießt einen Eltern-freien Abend mit einer großen Portion Eis oder beruhigt die nächtlichen Ängste mit dem altgedienten Teddybären. Nach und nach lernt Olive die drei Katzen kennen, die seit langer Zeit als Wächter des Hauses fungieren. Und obwohl ich sprechende Katzen sonst nicht so mag, passten die drei sehr ungewöhnlichen Tiere doch ganz wunderbar in diese teils gruselige, teils amüsante Geschichte.

Doch vor allem hat mich die Atmosphäre in „Olive und das Haus der Schatten“ gepackt. Da Olives Eltern nach ihrem Einzug nichts verändert haben, findet sich der Leser in einem altmodischen und etwas angestaubten Haus wieder, voller Spuren der früheren Bewohner. Ich konnte mir die gut gefüllte Bibliothek ebenso plastisch vorstellen wie die altmodischen Schlafzimmer inklusive der Kommoden voller Handschuhe, Schmuckstücke und sonstiger Überbleibsel der ehemaligen Besitzer. Die Vorstellung von sich bewegenden Bildern (und zwar nicht in der netten „Harry Potter“-Variante), Dingen, die in Schatten lauern, und die düstere Vergangenheit des Gebäudes war wunderbar gruselig.

Auf der anderen Seite konnte man aber auch immer wieder merken, dass Olive sich an diverse ungewöhnliche Elemente so langsam gewöhnte und irgendwann anfing, das Haus als ihr Zuhause zu sehen. Und je mehr das Haus zu ihrem wurde, desto mehr war sie auch bereit, gegen die unheimlichen Elemente anzugehen. Die Handlung verläuft recht gradlinig, und während man einige Sachen schnell vorhersehen konnte, lässt die Autorin auch genügend Informationen im Dunklen, um die Spannung aufrecht zu halten und die eine oder andere Überraschung parat zu haben. Ich kann nicht so recht fassen, was genau mich an diesem Roman an die britischen Kinderbücher erinnert, die ich früher so geliebt habe, aber trotz der wunderbar unheimlichen Atmosphäre war das Lesen wie ein „nach Hause kommen“ – das war toll.

Louisa May Alcott: Little Women

Auch „Little Women“ von Louisa May Alcott habe ich in den letzten Tagen im Rahmen der „100 Bücher“-Challenge gelesen (außerdem passte der Anfang so schön zum Adventslesen 😉 ). So wie ich das sehe, werde ich die Challenge mit lauter Re-Reads beenden müssen, denn die restlichen vorgemerkten Titel in der Bibliothek kommen wohl nicht mehr rechtzeitig. Aber ich finde das auch nicht schlimm, denn so bekomme ich die Chance meine Erinnerungen an Klassiker aufzufrischen, die ich vor vielen Jahren gelesen habe und mit denen mich nur noch ein paar Figuren oder einzelne Szenen verbinden. So auch bei dem Roman „Little Women“, den ich das erste Mal mit ungefähr zehn Jahren gelesen habe. Damals war ich hingerissen von den vier unterschiedlichen Schwestern, der liebevollen Mutter und einem Umfeld, das mich in manchen Elementen an die Geschichten von Laura Ingalls Wilder erinnerte.

Da die Bibliothek, aus der ich das Buch geliehen hatte, ein recht übersichtliches Angebot hatte, habe ich die Geschichte in den folgenden Jahren immer wieder gelesen. Und während des Studiums startete ich meinen ersten – und für lange Zeit letzten – Versuch mit einem englischen Hörbuch mit diesem Titel. Ich dachte, es sei einfacher, wenn ich die Handlung schon kenne, bedachte dabei aber nicht, dass die Sprecherin des Hörbuchs ein für mich absolut unverständliches Englisch sprach. *g* Seitdem sind so einige Jahre vergangen und beim erneuten Lesen habe ich in den letzten Tagen gemerkt wie selektiv meine Erinnerungen an das Buch waren.

Ich habe mich zwar an verschiedene Begebenheiten mit den vier Mädchen erinnert und vor allem der Anfang ist mir noch sehr präsent gewesen. Ich mag einfach diese Szene vor dem Kamin, in der man Meg, Jo, Beth und Amy kennenlernt, wie sie darauf warten, dass ihre Mutter von der Arbeit nach Hause kommst, wie sie ihren Vater vermissen, der freiwillig in den Krieg gezogen ist, wie sie darüber lamentieren, dass sie so arm sind, dass sie das Weihnachtsfest nicht richtig feiern können – und wie man doch bei jedem Satz merkt, dass sie doch recht glücklich miteinander sind.

Auch an die sich entwickelnde Freundschaft der vier Mädchen zu dem Nachbarjungen Laurie konnte ich mich gut erinnern, während Lauries Großvater mir überhaupt nicht mehr präsent war – dabei ist das so ein netter alter Herr, der einen doch spürbaren Einfluss auf das Leben der Mädchen hat. Ebenso ging es mir mit dem Vater von Meg, Jo, Beth und Amy – der ist zwar von Anfang an fern, wird aber so häufig erwähnt und hat so einen Einfluss auf das Leben der Mädchen (und ihrer Mutter), dass man sich doch eine ganz gute Vorstellung von ihm machen kann.

Was mich aber immer wieder überraschte, war die moralische Erzählweise der einzelnen Episoden. Da genießen die vier Schwester eine freie Wochen ohne Verpflichtungen und natürlich endet das Ganze damit, dass sie schlecht gelaunt sind, der Haushalt zusammenbricht und all gelernt haben, dass das Leben mit den täglichen Arbeiten deutlich angenehmer ist, weil man so nicht nur in einem gepflegten Umfeld lebt, sondern nach der Arbeit auch die Mußestunden viel mehr genießen kann. Anscheinend habe ich das als Kind/Jugendliche entweder nicht so wahrgenommen oder in der Zwischenzeit erfolgreich verdrängt.

Aber trotz der Lektion, die am Ende eines jeden Kapitels zu erwarten war, hat mir das Buch auch nach so vielen Jahren wieder viel Spaß gemacht. Ich habe die Höhen und Tiefen im Leben der vier Mädchen genossen, gerade weil sie so humorvoll erzählt werden, mochte vor allem Jos unbändigen Charakter und fand all die kleinen Geschichten und Fantastereien, die sie sich tagtäglich ausgedacht haben, ganz großartig. Im Vergleich zu anderen „Klassikern“ finde ich „Little Women“ zwar deutlich angestaubter und viel weniger zeitlos, aber damit kann ich bei so amüsanten kleinen Episoden definitiv leben.

[Kurz und knapp] Chris Priestley: Mister Creecher

Für „Mister Creecher“ von Chris Priestley bemühe ich mal den Klappentext des Bloomoon Verlags,statt eine eigene Inhaltsangabe zu schreiben:

„London 1818. Billy ist ein einsamer Straßenjunge und Taschendieb und schleicht auf seinen Raubzügen durch die düsteren Gassen der nebligen Straßen. Da stolpert er über eine leblos am Boden liegende Gestalt – ein vermeintlich leichtes Opfer für einen gewieften Taschendieb? Doch der monströse Riese entpuppt sich als eine Furcht einflößende Gestalt: Mister Creecher! Und der ist keineswegs wehrlos oder gar tot.
Aus der zufälligen Begegnung von Billy und Mister Creecher wird Stück für Stück eine ungewöhnliche Freundschaft, die sie auf eine abenteuerliche Reise in Richtung Norden führt – immer einem Ziel folgend: Viktor Frankenstein.“

 Ich muss zugeben, dass ich nach dem Lesen des Romans sehr zwiegespalten zurückbleibe. Auf der einen Seite hat mir „Mister Creecher“ sehr gut gefallen. Keine der Figuren ist richtig sympathisch, aber man kann ihre Motivationen und Handlungen nachvollziehen. Billy hat durch sein Leben auf der Straße eine Skrupellosigkeit entwickelt, die immer wieder sein Handeln bestimmt. Für ihn geht es immer wieder ums Überleben, und so ist seine Beziehung zu Mister Creecher auch immer davon bestimmt, welchen Nutzen er daraus ziehen kann. Mal geht er auf die Aufträge dieses Wesens ein, weil er sich fürchtet, mal deshalb, weil er finanziellen Nutzen daraus zieht. Freundschaft, Wärme oder Uneigennützigkeit kennt der Junge lange Zeit nicht, erst im letzten Drittel gibt es Momente, in denen man als Leser den Eindruck hat, dass er Gefühle für andere Menschen entwickeln kann.

Mister Creecher hingegen wirkt – trotz seines Furcht einflößenden Äußeren – anfangs sehr viel menschlicher. Er ist gebildet, liest Bücher (unter anderem Jane Austen), sehnt sich nach Nähe und Freundschaft und scheut vor Gewalt zurück. Trotzdem schimmert immer wieder eine weitaus gefährlichere Seite seines Charakters durch. Seine Wutausbrüche sorgen ebenso wie seine distanzierte Haltung gegenüber den Menschen und seine Besessenheit, wenn es um seinen Schöpfer Frankenstein geht, dafür, dass es schwer fällt, Vertrauen zu ihm aufzubauen.

Gerade diese Ecken und unsympathischen Seiten bei den Figuren haben mir sehr gut gefallen und ließen sie angenehm realistisch wirken. So kann ich auch gut damit leben, dass es für Billy und Mister Creecher am Schluss kein glückliches Ende gibt. Allerdings gefällt mir die Art und Weise nicht, in der Chris Priestley seinen Roman abgeschlossen hat. Für Billy gibt es da einen unfassbar schrecklichen Moment, der etwas in ihm zerbrechen lässt und dafür sorgt, dass all das „Gute“, das er im Laufe der vergangenen Monate in sich entdeckt hat, vollständig verschwindet. Um diese Entwicklung zu betonen, lässt der Autor Billy ein Verbrechen begehen und zeigt danach deutlich auf, welche Schritte der Junge in den nächsten Tagen gehen wird.

Mir persönlich wäre es deutlich lieber gewesen, wenn die Geschichte mit dem unfassbar schrecklichen Moment (puh, ist das schwierig, ohne zu sehr zu spoilern!) geendet hätte und wenn der Autor jede weitere Entwicklung der Fantasie des Lesers überlassen hätte. Das hätte diese Geschichte für mich so viel eindringlicher werden lassen. So aber fühle ich mich am Ende unbefriedigt und vom Autor entmündigt. Auch wenn „Mister Creecher“ für Jugendliche geschrieben wurde, so bin ich doch der Meinung, dass man nicht jede Anspielung erklären muss, nicht jede Andeutung noch einmal aufgreifen und weiterführen muss, damit der Leser kapiert, welche Absicht der Autor damit verfolgt.

Chris Priestley verweist mit seinem Roman auf diverse Klassiker (und macht damit auch Lust, sich wieder mehr mit seinen Inspirationsquellen zu befassen). Die Verbindung zu „Frankenstein“ ist unübersehbar und wird nicht nur durch die Figur des Mister Creecher und seine Beziehung zu Viktor Frankenstein betont, sondern auch durch einen „Gastauftritt“ von Mary und Percy Shelley. Die Bezüge zu „Oliver Twist“ liegen ebenfalls auf der Hand, werden vom Autor aber erst in den letzten Absätzen – quasi als große Enthüllung – tatsächlich ausgesprochen. Billys Leben in London, seine Vorgeschichte als Kaminkehrerjunge, seine Aktivitäten als Taschendieb – all das scheint 1:1 aus einem Roman von Dickens zu stammen. Da Chris Priestley es die ganze Geschichte hindurch (krampfhaft) vermeidet, bestimmte Namen zu nennen, gibt es erst am Ende für den Leser (der „Oliver Twist“ kennt) die Gewissheit, welche Rolle Billy im Dickens’schen Universum einnimmt.

Auch hier hätte ich es viel spannender gefunden, wenn der Autor anders vorgegangen wäre. Mich hatte schon während des Lesens gestört, dass manche Figuren keinen Namen haben, sondern nur durch ihre Beziehung zu anderen Charakteren benannt werden. Als ich dann die „überraschende Wendung“ am Schluss las, war ich enttäuscht. Wie viel spannender wäre der Roman gewesen, wenn ich von Anfang an gewusst hätte, wer diese Personen sind und wenn ich mich beim Lesen hätte fragen können, wie Chris Priestley es letztendlich schaffen wird, seine Charaktere und ihre Geschichte mit den bekannten Elementen zu verflechten und daraus etwas Stimmiges zu erschaffen.

Noch bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich den Roman behalten werde. Abgesehen vom Ende hatte er mir wirklich gut gefallen – sehr atmosphärisch, sehr viele Szenen, die zeigen, dass das viktorianische Zeitalter bevorsteht, stimmige Charaktere, schöne Verweise auf Literaturklassiker -, aber momentan fürchte ich, dass ich die Geschichte nicht noch einmal lesen werde.

[Kindheitserinnerung gesucht] Von Waisenkindern und Rennpferden

Auch wenn mein erster Versuch (Orange Katze gesucht) mit eurer Hilfe eine Kindheitserinnerung aufzuspüren nichts gebracht hat, starte ich doch einen neuen Versuch mit einem anderen Titel. Auch hierbei handelt es sich um einen Roman, den ich als Kind regelmäßig aus der Bibliothek ausgeliehen hatte und von dem ich nur noch Bruchstücke in Erinnerung habe. Schwieriger wird es dadurch, dass ich vermute, dass die Geschichte deutlich älter als die meisten meiner Leser ist – was ich deshalb vermute, weil die Handlung meinem Gefühl nach zwischen 1945 und 1960 in den USA angesiedelt. Aber da kann ich mich natürlich auch irren …

Der Roman handelt von einem Jungen, der in einem Waisenhaus lebt und eines Tages einen Brief bekommt, in dem er darüber informiert wird, dass er ein Gestüt geerbt hat. Um sein Erbe anzutreten, reist er zu diesem Gestüt und muss feststellen, dass nach dem Tod seines (Groß-)Onkels (das ist nur eine Vermutung, sicher bin ich mir nicht, was die verwandtschaftliche Beziehung angeht) ein Großteil der Pferde verkauft wurde und das Gestüt in keinem guten Zustand ist. Allerdings hat ein treuer Freund (und Angestellter?) des Onkels ein paar der vielversprechendsten Jungtiere heimlich beiseite geschafft, mit denen er die Zucht wieder aufnehmen will, wenn die rechtliche Seite geklärt ist.

Um aber zu beweisen, dass die Tiere gutes Zuchtmaterial sind, müssen sie natürlich vorher auch erfolgreich einige Rennen hinter sich gebracht haben. So lernt der Junge nicht nur sich um den Hof und die Pferde zu kümmern, sondern auch Rennen zu reiten. Sein Ausbilder ist der Freund des vorherigen Gestütsbesitzers und ihm zur Seite stehen eine Handvoll Jungen, mit denen er sich im Waisenhaus angefreundet hatte und die er zu sich auf den Hof holte. An viel mehr kann ich mich nicht erinnern, abgesehen davon, dass der Junge ein graues Pferd besonders ins Herz geschlossen hatte und das das Gestüt ebenso wie der junge Hengst „Oak“ als Teil des Namen hatte.

All diese Erinnerungen könnten auch verfälscht sein, schließlich sind schon einige Jahre vergangen seitdem ich das Buch das letzte Mal in der Hand hatte. Aber vielleicht erkennt ja einer von euch das Buch und kann mir Titel und Autor nennen – darüber würde ich mich sehr freuen!

Diane Zahler: The Thirteenth Princess

Nachdem ich heute „The Thirteenth Princess“ von Diane Zahler ausgelesen hatte, habe ich gleich mal die anderen Bücher der Autorin auf meinen Wunschzettel gesetzt – dies nur, um mal anzudeuten, wie gut mir die Geschichte gefallen hat. Ich habe ja eh eine Schwäche für Märchen-Neuerzählungen, aber eine Variante der „Zertanzten Schuhe“ ist mir vorher noch nicht untergekommen, weshalb ich besonders gespannt auf diesen Roman war.

Erzählt wird die Handlung aus der Sicht von Zita, die als eine Art Dienstmädchen im Schloss lebt – und doch eigentlich die dreizehnte Prinzessin ist. Schon als kleines Mädchen bekommt Zita von der Köchin und der Haushälterin stückchenweise die Geschichte ihrer Eltern erzählt. Der König und die Königin heirateten aus Liebe, und die Geburt ihres ersten Kindes schien die Krönung dieser innigen Verbindung zu sein. Um seine Tochter Aurelia vor einem eventuellen Fluch zu schützen – schließlich weiß man ja, dass so etwas ständig schönen und geliebten Prinzessinnen passiert -, verbannte der König sogar jegliche Magie aus seinem Reich, vertrieb sämtliche Hexen und Zauberer und lebte erst einmal glücklich mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter.

Doch als auch in den kommenden Jahren nur Mädchen das Licht der Welt erblickten, reagierte der König mit jedem weiteren Kind immer ungnädiger. Nach Tochter Nummer zwölf entschied er, dass nun Schluss sein müsste – bis zu dem Tag, an dem ein anderer Monarch samt seiner vier Söhne zu Besuch kam und der König seiner inzwischen arg erschöpften großen Liebe noch eine weitere Schwangerschaft zumutete, in der Hoffnung, dass endlich ein Sohn das Licht der Welt erblicken würde. Doch statt des heiß ersehnten Thronfolgers wurde Zita geboren, während ihre Mutter – von den Strapazen der vielen Schwangerschaften erschöpft – verstarb. In seiner Wut und Trauer verbannte er die jüngste seiner Töchter, der er den Tod der Mutter zum Vorwurf machte, zum Personal.

Nachdem Zita herausgefunden hat, dass auch sie eine Prinzessin ist, versucht sie immer wieder, Kontakt zu ihren Schwestern aufzunehmen. Allen dreizehn Mädchen ist bewusst, dass sie sich weder vom König noch von den Dienstboten erwischen lassen dürfen, versuchen aber trotzdem, so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen. So wächst im Laufe der Jahre die Zuneigung zwischen den Schwestern, während Zita weiterhin von dem „normalen“ Leben der Prinzessinnen ausgeschlossen ist. Trotzdem bekommt sie natürlich mit, dass es immer wieder zu seltsamen Vorfällen kommt, wenn ein Prinz im Schloss weilt, und einige Zeit später beschleicht eine geheimnisvolle Krankheit ihre zwölf älteren Schwestern. Zita versucht daraufhin alles, um die Prinzessinnen zu retten.

Diane Zahler hat mit Zita nicht nur eine wirklich sympathische und überzeugende Figur erschaffen, sondern auch ein paar sehr schöne Wendungen in die Handlung eingebaut, die das klassische Märchen stimmig ausschmücken, ohne sich allzu viele Freiheiten mit der Grundgeschichte zu erlauben. Doch vor allem gefällt mir das Verhältnis der dreizehn Schwestern zueinander. Trotz aller Schwierigkeiten möchten die Mädchen einander nahe sein und so viel wie möglich miteinander teilen. Dabei beschreibt die Autorin sehr stimmig, wie sehr sich Zita nach der Aufmerksamkeit und Liebe ihres Vaters sehnt, während ihre Schwestern gern ein etwas weniger reglementiertes und freieres Leben genießen würden. Doch trotzdem sind sie nicht neidisch aufeinander, sondern teilen stattdessen, was sie haben.

Auch für die männlichen Figuren hat Diane Zahler eine schöne Lösung gefunden: So steht Zita ein gewitzter und warmherziger Stallbursche zur Seite, so dass sie nicht ganz ohne einen Verbündeten losziehen muss, um ihre Schwestern zu retten. Und auch der Soldat, der am Ende den Zauber bricht, der über die zwölf Prinzessinnen gewoben wurde, wird stimmig in die Geschichte eingeflochten. Einzig seine Gefühle für Aurelia scheinen mir etwas arg tief zu sein, wenn man bedenkt, dass die beiden nicht einmal ein Wort miteinander gewechselt haben – aber dafür ist es dann eben doch wieder ein Märchen.

Zusätzlich wird die Geschichte durch diverse atmosphärische Beschreibungen bereichert. Sowohl das Schloss mitsamt der Folgen, die durch den Bau über einem Fluss entstehen, wird detailliert beschrieben, als auch kleinere Örtlichkeiten mitsamt ihrer Besonderheiten und stimmungsvollen Details. Insgesamt habe ich mich sehr wohl gefühlt mit „The Thirteenth Princess“ und habe das Lesen dieser bezaubernden Geschichte nur unterbrochen, wenn es wirklich unbedingt sein musste.