Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Erich Kästner: Der kleine Mann

„Der kleine Mann“ von Erich Kästner gehört zu den ersten Büchern, die ich selber gelesen habe und ich habe ihn immer wieder gelesen, weil es einfach eine bezaubernde Geschichte ist. Von vielen (Kinderbuch-)Klassikern kann man ja sagen, dass sie zeitlos sind, aber das trifft auf den „kleinen Mann“ definitiv nicht zu. Genau genommen verfügte die Geschichte schon über einen altmodischen Charme, als ich sie zum ersten Mal gelesen habe, denn sie strotzt vor Figurentypen und Nebenbemerkungen, die einfach in ihre Zeit (das Buch wurde 1963 geschrieben) gehören und heute so nicht mehr erzählt werden würden.

Die Hauptfigur in „Der kleine Mann“ ist Mäxchen Pichelsteiner, ein Junge, der gerade mal fünf Zentimeter groß ist, und der nach dem Tod seiner Eltern von dem Zirkus-Zauberer Jokus von Pokus aufgezogen wird. Gemeinsam mit den beiden Tauben Emma und Minna und dem Kaninchen Alba gehören die beiden zum Zirkus Stilke und reisen so durch alle möglichen Länder. Auch Mäxchens Eltern gehörten zum Zirkus bis sie eines Tages vom Eiffelturm geweht wurden und für immer verschwanden – nur die beiden falschen Zöpfe, die sie in ihrer Rolle als „chinesische“ Akrobaten trugen, wurden einige Zeit später aus dem Meer gefischt. Auch Mäxchen möchte ein Akrobat werden, obwohl Jokus von Pokus ihm immer wieder erklärt, dass er aufgrund seine Größe nie als normaler Artist im Zirkus auftreten kann. So macht ihm der Zauberer immer wieder neue Vorschläge, was für einen Beruf Mäxchen doch ergreifen könnte, während dieser so langen an seinem Traum festhält, bis Jokus eine vielversprechende Idee hat …

Als erwachsener Leser finde ich es natürlich schön zu erleben, dass es nur ein bisschen Nachdenken und Kreativität erfordert, damit Mäxchen doch noch seinen Traumberuf ergreifen kann – auch wenn er dafür ungewöhnliche Wege gehen muss. Als Kind hingegen war es für mich vollkommen selbstverständlich, dass der kleine Mann ein Akrobat werden würde – schließlich war das sein Wunsch. 😉 Auch heute noch mag ich den Einfallsreichtum und die vielen amüsanten Elemente in der Geschichte. Einige Scherze und Anmerkungen sind schon arg altmodisch und würden heutzutage so in keinem (Kinder-)Buch mehr auftauchen, aber das finde ich in erster Linie charmant und nicht unangenehm. Bei der Beschreibung des Tods von Mäxchens Eltern ist mir sogar positiv aufgefallen, wie wenig „Aufwand“ in der Geschichte darum gemacht wurde. Erich Kästner beschreibt kurz was passiert ist, erzählt von der Beerdigung und wie traurig der Junge war – und dann geht die Geschichte weiter.

Überhaupt werden die traurigen oder nachdenklichen Momente eher beiläufig eingeflochten und der Leser kann sich dann selber vorstellen wie es Mäxchen damit wohl ergeht und welche Gedanken und Kümmernisse er wohl haben mag, die er nicht zum Ausdruck bringt. Ich fand es angenehm, mal wieder ein Buch zu lesen, bei dem diese emotionalen Elemente nicht so betont wurden und hatte wirklich nicht das Gefühl, dass dabei die Figurentiefe fehlen oder die Charakterentwicklung zu kurz kommen würde. In einigen Bereichen ist die Geschichte schon etwas einfach gestrickt, aber das fällt bei all dem Humor und den sympathischen Figuren gar nicht auf. 🙂

P.S.: Die Fortsetzung „Der kleine Mann und die kleine Miss“ habe ich natürlich im Anschluss auch wieder gelesen und der Roman ist ebenso hübsch wie der erste Band. 🙂

Lucy Maud Montgomery: Anne auf Green Gables 1-4 (Hörspiel)

Vor gut 1 1/2 Jahren habe ich mit großem Vergnügen wieder einmal „Anne auf Green Gables“ gelesen. Zu dem Zeitpunkt war ich fest entschlossen bald einmal die Fortsetzung der Geschichte zu lesen oder zumindest endlich mal die Hörspiel-Version zu hören, die schon so lange auf meinem Hörbuch-SuB herumlag. Aber natürlich kam mir immer wieder etwas dazwischen, so dass die Fortsetzung weiterhin nur angelesen auf meinem eReader liegt und die Hörspiele im Regal Staub ansetzten.

Da ich aber Sonntag wusste, dass ich für den Montag viel Hörunterhaltung brauchen würde, und weil ein Hörbuch nach dem anderen sich nicht richtig auf den Player packen ließ (es bringt einfach nichts, wenn sich die Tracks nicht in die richtige Reihenfolge bringen lassen oder nur eine CD richtig abgespielt wird, wenn ich mindestens drei Stunden am Stück etwas hören möchte und meine Tätigkeit nicht mal eben unterbrechen kann, um den Player neu zu bespielen) wurde es endlich Zeit die CDs aus dem Regal zu holen.

Obwohl ich mich dieses Mal an viel mehr Details noch erinnern konnte, fand ich es wieder schön nach Green Gables zu reisen, gemeinsam mit Anne die Geschwister Cuthbert und ihre Nachbarn kennenzulernen und die großen und kleinen Abenteuer des rothaarigen Waisenmädchens zu verfolgen. Ich glaube, Anne Shirley ist die einzige Romanfigur, der ich es verzeihen kann, dass sie nicht nur ungemein viel Fantasie hat, sondern auch entsetzlich „romantisch“ ist. So stellt sie sich als kleines Mädchen gern vor, wie romantisch es doch wäre dahinzusiechen oder die Haare aufgrund einer Krankheit zu verlieren (statt dafür die „Hilfe“ eines Hausierers in Anspruch zu nehmen :D).

Für die eher pragmatischen Geschwister Matthew und Marilla Cuthbert sind Annes fantastische Gedankenspiele ebenso befremdlich wie ihre Neigung den ganzen Tag durchzuplappern und all ihre Beobachtungen und Gedanken mit ihrer Umgebung zu teilen. Während Marilla sich bemüht Anne zu einem ordentlichen und vernünftigen Mädchen zu erziehen, genießt Matthew das unbeschwerte und fröhliche Wesen von Anne und verwöhnt sie, wann immer es ihm möglich ist. Ich finde es immer wieder wunderschön zu verfolgen, wie Matthew und Marilla Anne ins Herz schließen und sich sogar die diversen misstrauischen Nachbarn mit Anne anfreunden und schließlich sogar stolz auf ihre Entwicklung und ihre Leistungen werden.

Dabei passieren Anne im Laufe der gut vier Jahre, die man in den ersten vier Hörspielen (bzw. dem ersten Roman) verfolgen kann, so einige amüsante Missgeschicke, so dass die Geschichte bei aller Betulichkeit wirklich charmant und sehr kurzweilig erzählt wird. Oh, und da ich ja genau weiß, was am Ende der vierten CD auf mich zukam, hatte ich beim Hören die ganze Zeit einen Kloß im Hals bis schließlich die Tränen kullerten – nur gut, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht im Garten war, sondern nur die Katzen fütterte. 😉

Ein bisschen hatte ich vor dem Hören Angst, dass die Sprecherauswahl nicht meinen Geschmack treffen würde, aber zum Glück ist das nicht eingetroffen. Marie Bierstedt macht ihre Sache als Anne sehr gut und trifft den richtigen Ton, um Annes dramatische Art so darzustellen, dass es immer noch liebenswert und amüsant rüberkommt, und dass man nachvollziehen kann, warum sie so schnell Freunde findet. Besonders gefreut hatte ich mich über die Wahl von Jochen Schröder für Matthew, denn dessen Stimme mag ich sehr und sie passte perfekt zu dem zurückhaltenden und liebenswerten Mann. Auch Marilla wird sehr stimmig von Dagmar von Kurmin dargestellt, so dass man bei aller Zurückhaltung, allen Anweisungen und Rügen doch immer mehr die Zuneigung durchschimmern hört, die die ältere Frau für Anne empfindet.

Sehr schmunzeln musste ich, als ich die Stimme von Regina Lemnitz erkannte, die Rachel Lynd darstellte, denn die schwatzhafte und häufig penetrante Nachbarin der Cuthberts hat schon den einen oder anderen Zug mit der Figur „Roseanne Conner“ gemeinsam (auch wenn sie natürlich deutlich respektabler ist :D). Auch die weiteren Rollen bei diesem Hörspiel wurden wirklich gut besetzt, kein Sprecher fiel mir negativ auf und selbst die Nebenfiguren, die eher selten vorkamen, hatten stimmlich einen hohen Wiedererkennungwert. Ich weiß nicht, ob ich mir die weiteren Teile des Hörspiels noch besorgen werde – es sind ja schon noch einige CDs, die mir da fehlen -, aber mein Zögern hängt wirklich nur mit der Menge der Veröffentlichungen zusammen und nicht mit der Qualität, denn die ist mehr als zufriedenstellend.

Diana Wynne Jones: Neun Leben für den Zauberer

Auch „Neun Leben für den Zauberer“ (bzw. „Wir sind aufs Hexen ganz versessen“) von Diana Wynne Jones habe ich für Elenas Challenge gelesen. Die Chrestomanci-Bücher habe ich Anfang der 80er Jahre für mich entdeckt und von Anfang an geliebt. Der erste Band der Reihe dreht sich um Eric „Cat“ Chant und seine Schwester Gwendolen. Die beiden Kinder wurden schon sehr früh zu Waisen, als ihre Eltern bei einem Dampferunglück ums Leben kamen. Wenig später wurden die beiden von Mrs. Sharp aufgenommen, die im selben Haus lebt, in dem auch Erics Eltern wohnten. Mrs. Sharp sorgt dafür, dass Gwendolen ihrer Begabung entsprechend gefördert wird und Hexenunterricht bekommt, während Cat zum Ausgleich Geigenunterricht nimmt – zumindest solange bis Gwendolen von Cats Üben genervt ist und die Geige in eine Katze verwandelt.

Einige Zeit danach werden Cat und Gwendolen von Chrestomanci aufgenommen, um in seinem Schloss zusammen mit seinen Kindern unterrichtet zu werden. Chrestomanci ist eine einflussreiche Persönlichkeit und wird von den Zauberkundigen dieser Welt bewundert und gefürchtet – aber was genau er tut, weiß Cat nicht. Überhaupt ist Cat anfangs ein recht naives Geschöpf und ohne Gwendolen, die allerdings nicht sehr nett zu ihm ist, fühlt er sich vollkommen verloren. Es dauert lange, bis sich der Junge in Chrestomancis Schloss wohlfühlt und diese Eingewöhnung wird ihm durch seine Schwester nur erschwert, da diese nicht gerade zufrieden ist, dass man sie wie jedes andere Kind behandelt. Erst sehr spät findet Cat heraus, dass Gwendolen etwas Größeres vorhat, als nur von Chrestomanci ausgebildet zu werden.

Ich mag die Figuren, die Diana Wynne Jones für diese Geschichten entwickelt hat, und ich mag den Humor der Autorin, der in vielen kleinen Szenen zu Tage tritt. Es gibt zum Beispiel einen Moment, in dem Gwendolen vollkommen außer sich ist, weil jemand ihre Post geöffnet hat. Sie beschwert sich bei Chrestomanci darüber und dieser meint nur ganz trocken, dass er natürlich ihre Briefe lesen muss, wenn sie mit dubiosen Gestalten Kontakt hat, dass er ihre Post aber selbstverständlich nach dem Lesen wieder verschließen könnte, wenn sie ihre Briefe lieber ungeöffnet in die Hände bekommen möchte.

Es gibt so viele wundervolle Kleinigkeiten in den Büchern, so schöne Beschreibungen, dass ich bei jedem erneuten Lesen wieder unheimlich viel Spaß habe. Und ich habe gerade diesen Roman in den vergangenen 30 Jahren sehr oft gelesen! Die Chrestomanci-Reihe besteht aus recht dünnen Büchern, die für recht junge Leser geschrieben wurden, aber trotzdem sind sie nicht so schlicht konzipiert, dass man als Erwachsene keine Freude mehr damit haben kann. Je mehr ich aber von Diana Wynne Jones lese, desto häufiger fällt mir auf, dass sie einen bestimmten „Weltentyp“ bevorzugt. Immer wieder gibt es bei ihr Geschichten, bei denen mehrere Welten parallel existieren und bei denen zumindest einige Personen in der Lage sind, von einer Welt in die andere zu wechseln. Obwohl all ihre Geschichten inzwischen schon einige Jahre auf dem Buckeln haben, sind sie nicht altbacken, sondern zeitlos charmant, amüsant und einfach zum wohlfühlen.

Lisa und Laura Roecker: The Liar Society

„The Liar Society“ von Lisa und Laura Roecker habe ich während des Herbstlesens am letzten Wochenende angefangen und Anfang der Woche dann gleich auch beendet. Die Handlung wird aus der Sicht von Kate erzählt, die vor gut einem Jahr mit Grace und Maddie noch zwei beste Freundinnen hatte, mit denen sie fast alles teilen konnte. Doch dann starb Grace – und niemand wollte Kate glauben, dass hinter ihrem Tod mehr steckte als ein bedauerlicher Unfall. Als sich Graces Todestag das erste Mal jährt, bekommt Kate eine Mail von der toten Freundin, die sie dazu bringt selber Ermittlungen anzustellen.

Dem Leser wird die Handlung auf zwei Ebenen erzählt. Einmal verfolgt man Tag für Tag Kates Bemühungen mehr über die Vorfälle von vor einem Jahr herauszufinden, auf der anderen Seite bekommt man nach und nach Kates Erinnerungen an die Zeit vor dem Tod von Grace präsentiert. So lernt man nicht nur Kate, Grace und Maddie immer besser kennen, sondern auch die anderen Schüler der PB Privatschule. Es gab – gerade am Anfang des Romans – so einige Elemente, die mich an die Veronica-Mars-Serie erinnerten, aber Kate ist keine Veronica. Ihr fehlt das detektivische Wissen, ihr fehlen (anfangs) die Verbindungen und sie hat nicht dieses Selbstbewusstsein, das Veronica ausmacht. Aber genau das fand ich auch sehr stimmig.

Kate ist anfangs total verschreckt von der Mail, die sie bekommen hat, sie hat das vergangene Jahre teilweise unter Beruhigungsmitteln und in Therapie verbracht und alles, was ihre Eltern von ihr erwarten, ist, dass sie wieder genauso wie früher funktioniert. Aber genau das kann sie nicht, sie muss herausfinden, was mit Grace passiert ist. Nicht nur, um der toten Freundin Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern auch um wieder zu sich finden zu können. Im Laufe der Geschichte wird sie skrupelloser und auch das hat sich für mich richtig angefühlt.

Auf der anderen Seite ist „The Liar Society“ ein Jugendbuch – und vielleicht liegt es daran, dass die Hintergründe rund um Graces Tod für den aufmerksamen Leser relativ schnell erahnbar waren. Das hat meinem persönlichen Lesevergnügen aber keinen Abbruch getan. Ich mochte Kate und die Atmosphäre, die dadurch aufgebaut wurde, dass sie niemandem – weder Schülern, noch Lehrern, noch sonst jemandem – an der Schule (und in der Stadt) vertrauen konnte. Ich mochte ihre Hartnäckigkeit und oft mochte ich sogar die kleinen und großen Geheimnisse, die Kate über ihre Mitmenschen herausfand.

Die Geschichte lässt sich flüssig lesen und all die kurzen Kapitel haben bei mir dafür gesorgt, dass ich ständig meine Lesezeit verlängert habe, weil ich eben nur noch ein weiteres Kapitel lesen wollte. Und seitdem ich das Ende des Romans gelesen habe, frage ich mich, wie es mit Kate und ihren Freunden wohl weitergeht – was bedeutet, dass ich mir die Fortsetzung in naher Zukunft wohl auch noch besorgen muss. 😉

Julie Campbell: Trixie Belden 3 – The Gatehouse Mystery

Nachdem ich beim Lesen des ersten Bandes entdeckt hatte, was für riesige Unterschiede es zwischen den deutschen „Trixie Belden“-Romanen meiner Kindheit und den Originalausgaben gibt, wollte ich noch mehr dieser Bücher auf Englisch lesen. Besonders fällt mir natürlich ins Auge, wie seltsam es ist, wenn die vertrauten Figuren andere Namen haben als ich es gewohnt bin. Aber es ist auch unübersehbar wie viel stimmiger viele Szenen sind, wenn man weiß, dass sie im Bundesstaat New York in den 40ern und 50ern Jahren spielen.

In „The Gatehouse Mystery“ finden Trixie und ihre Freundin Honey in einem seit vielen Jahren verlassenen Torhaus einen großen geschliffenen Diamanten. Während Honey ihn gleich zur Polizei bringen will, möchte Trixie das Geheimnis um den kostbaren Stein natürlich ganz allein lösen. Sie ist sich sicher, dass der Diamant gestohlen worden sein muss und das der Dieb ihn im Streit mit einem Komplizen verloren hat. Dazu beschäftigt sie sich noch mit dem neuen Chauffeur der Familie Wheeler, der anscheinend mit jedem gut auskommt, nur nicht mit ihr. Und auch ihre beiden großen Brüder, die inzwischen aus dem Sommercamp zurückgekommen sind, halten das Mädchen auf Trab.

Es gibt (unabhängig davon, ob es sich um die deutsche oder englische Ausgabe handelt) viele Elemente, die diese Serie für mich immer noch unterhaltsam machen und die dafür sorgen, dass mir die Bücher auch nach all den Jahren noch am Herzen liegen. Erst einmal finde ich eigentlich alle Figuren sehr sympathisch, jede von ihnen hat Stärken und Schwächen – was sich besonders bei Trixie und ihren eigenmächtigen Aktionen und ihren vorschnellen Schlüssen zeigt. Dann mag ich es, dass es zwar immer wieder spöttische Kommentare über Trixies wenig mädchenhaftes Verhalten gibt (vor allem von Seiten ihres Bruders Mart), dass es aber genügend Szenen gibt, in denen die Jungen sich um das Kochen und den Abwasch kümmern, während die Mädchen beim Handwerken zugreifen. Ebenso gibt es die ehemalige Gouvernante und jetzige Hausverwalterin, die einfach großartig mit Autos umgehen kann, während der Pferdepfleger alles andere lieber tut als sich hinter ein Steuer zu setzen.

Mir gefällt es auch wie die (anfangs) fünf Teenager miteinander umgehen. Da wird geärgert und gespöttelt, aber einander auch gegenseitig geholfen. Ich habe beim Lesen nie das Gefühl, dass die Jungen und Mädchen zu gut sind, um real zu sein. Alle haben feste tägliche Aufgaben, die sie mal mehr, mal weniger pflichtbewusst erfüllen, und Eltern, die sie mal mehr, mal weniger an ihre Verantwortung erinnern. Obwohl Honey und Jim aus reichem Haus kommen, was allen fünf Figuren viele Möglichkeiten eröffnet, müssen sie sich viele Dinge erarbeiten. Das führt dazu, dass die Fälle, die Trixie und ihre Freunde lösen wollen, sich oft dem Alltag der Teenager unterordnen müssen. Was eben manchmal auch zu ganz neuen Herausforderungen führt.

Mir gefällt dieser Realismus, der dadurch entsteht. Bei Enid Blyton haben sich die „Juniordetektive“ oft in extremen Situationen wiedergefunden und dadurch ohne jeglichen Einfluss von Erwachsenen ihre Abenteuer erlebt. Das ist bei Trixie Belden so gut wie nie der Fall. Wenn Trixie einen Verdächtigen beobachten will, dann muss sie vorher die Hühner gefüttert haben oder dafür sorgen, dass jemand ihr diesen Job abnimmt. Bei einer Jugendbuchreihe rund um einen Haufen Teenager zwischen 13 und 16 Jahren entwickeln sich im Laufe der Zeit auch einige Zuneigungen. Auch den Teil finde ich hier schön dargestellt, es gibt wenig Drama – obwohl mindestens zwei Figuren zu Jähzorn neigen -, dafür Freundschaft und gegenseitigen Respekt, woraus sich manchmal eben mehr entwickelt.

Auch die Fälle, mit denen Trixie, Honey, Jim, Mart und Brian sich beschäftigen, sind relativ realistisch und (abgesehen von Jims Geschichte) nur selten wirklich tragisch. Da gibt es Betrüger und Diebe oder Jugendliche, die sich durch Einbrüche Extrataschengeld „verdienen“. Oft geht es um Kleinkriminalität und Dinge, die in dem ruhigen Ort, in dem die fünf Teenager leben, vorgefallen sind. Ich finde die relative Alltäglichkeit der Fälle angenehm, da es auf der einen Seite so verständlicher ist, dass Trixie und die anderen sich da einmischen, und auf der anderen Seite so immer wieder deutlich gemacht wird, dass auch so kleine kriminelle Vorfälle das Leben der Betroffenen sehr beeinflussen können. Viele andere Jugendbücher würden das groß thematisieren, hier hingegen habe ich das Gefühl, dass eher nebenbei und in kleinen Szenen deutlich gemacht wird, dass Vorverurteilungen und Vorurteile unangebracht sind.

So oder so, es macht mir auch heute noch einen riesigen Spaß gemeinsam mit Trixie, Honey, Jim, Mart und Brian Fälle zu lösen, mich über die Streiche des kleinen Bruders Bobby zu amüsieren und mit ihnen all die alltäglichen Begebenheiten zu erleben, die ihr Leben nun einmal ausmachen.

Leseeindrücke im Juni und Juli (2)

„Später Frost“ von Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson war mir in diesem Beitrag ins Auge gefallen. Ich habe ja oft genug mein Problem mit skandinavischen Krimis, aber das hier klang gut genug, um mal einen Versuch zu wagen. Am Ende kann ich sagen, dass sich der Roman für mich gelohnt hat, dass man aber meiner Meinung nach auch etwas Durchhaltevermögen dafür benötigt. Am Anfang fühlte ich mich total erschlagen von der Masse an neuen Personen, von individuellen Befindlichkeiten und einem schrecklichen Mordschauplatz, der nicht gerade viele Hinweise auf den Täter liefert.

Dafür fand ich Ingrid Nyström, die zu Beginn des Buches zur Hauptkommissarin befördert wird, sehr sympathisch und stimmig. Eine angenehm normale Polizistin, deren drei Kinder aus dem Haus und zum Teil verheiratet sind, und deren Mann Verständnis für ihren Beruf hat. Auch innerhalb des Teams herrscht grundsätzlich – trotz der einen oder anderen Stichelei – ein angenehmer und respektvolles Miteinander, was gut zu lesen war. Einzig mit der zweiten Protagonistin, Stina Forss, hatte ich ein paar Probleme, weil ich viele ihrer Handlungen überzogen und unverständlich fand – was sich aber gegen Ende der Geschichte nicht schön, aber doch stimmig klärt.

Der Fall an sich war leider überfrachtet und arg konstruiert, aber letztendlich nicht uninteressant. Insgesamt denke ich, dass ich dem zweiten Krimi rund um Ingrid Nyström und Stina Forss eine Chance geben werde, um zu schauen, ob die beiden Autoren die Reihe genauso weiterschreiben wie mit dem Debütroman begonnen oder ob es da noch Entwicklungen geben wird, die den nächsten Band für mich besser oder schlimmer machen. Beides ist möglich, obwohl ich am Ende – trotz all meiner Kritikpunkte – erst einmal damit zufrieden war, wie sich „Später Frost“ entwickelt hatte.

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Auf Frances Hardinge und ihren Roman „Die Herrin der Worte“ bin ich über Birthe gestoßen, die einen anderen Titel der Autorin rezensiert hatte. So nett ich den Anfang fand, als ich ihn vor ein paar Wochen angelesen hatte, so war mir auch klar, dass ich für das Buch aufgrund der Sprache etwas mehr Aufmerksamkeit benötige als für ein „normales“ Kinder- und Jugendbuch. Letztendlich habe ich den Roman aber dann doch erst in den zwei Tagen vor Ablauf der Leihfrist gelesen – und muss gestehen, dass diese intensive Auseinandersetzung mit der Erzählweise, den Figuren und der Geschichte gar nicht so schlecht war.

Frances Hardinge hat wirklich eine ungewöhnliche und sehr schöne Art mit Sprache und Wörtern umzugehen, die gerade bei einem Roman, in dem es um die Schönheit und Macht vonWörtern, um Gefühle weckende Geschichten und um verbotene Schriften geht, sehr gut zur Geltung kommt. Einzig die Ergüsse der Figur des Wortmeister Clent waren mir manchmal etwas zu viel, da er – seinem Charakter entsprechend – sehr lang, blumig und fantasiereich spricht, wenn man ihn zu Wort kommen lässt. Mosca hingegen, die zwölfjährige Hauptfigur, hat mir sehr gut gefallen. Sie ist in vieler Hinsicht naiv und unerfahren, aber sie hat einen eigenständigen und starken Verstand und entwickelt sich im Laufe der Geschichte sehr schön weiter. Die Handlung an sich hat mich in vielen Teilen an die Westmark-Trilogie von Lloyd Alexander erinnert, die ich seit Jahren immer wieder gern lese.

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„Rotwild“ von Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson habe ich nur wenige Tage nach dem oben erwähnten Titel „Später Frost“ gelesen. Auch beim zweiten Band des Autorenteams rund um die beiden Polizistinnen Ingrid Nyström und Stina Forss konnten mich ein Großteil der Charaktere und ihr Umgang miteinander überzeugen. Der Fall hingegen war mir auch dieses Mal wieder viel zu konstruiert. Zwar habe ich bei beiden Romanen etwas über deutsche und schwedische Geschichte gelernt, was mir so zuvor nicht bewusst war (mehr möchte ich nicht ins Detail gehen, weil ich dann die Auflösung des jeweiligen Falls verraten müsste), aber das reicht mir nicht, wenn der Kriminalfall an sich mich nicht überzeugen kann. Auch empfinde ich Stina Forss als Störfaktor in der Geschichte, auch wenn sie aufgrund ihrer Verbindungen und etwas radikaleren Art hier und da an Informationen herankommt, die ihre Kollegen so nicht bekommen hätten. Ich muss zugeben, dass die Romane nicht ohne Reiz sind, aber ich glaube nicht, dass ich die Reihe weiterverfolgen werde.

Höreindrücke im Juni

„Tod auf dem Nil“ von Agatha Christie ist eines von gleich mehreren Agatha-Christie-Hörbüchern, das ich in den letzten Tagen gehört habe. Wenn der Kopf voll ist, dann halte ich mich eben doch eher an vertraute Autoren. „Tod auf dem Nil“ ist eine Poirot-Geschichte und nach dem Anfang, der in einem britischen Herrenhaus und einem Klub in London spielt, findet ein Großteil der Handlung auf einem Nil-Kreuzfahrtschiff statt. Ich mag den Roman, aber bei der von Gerd Anthoff gelesenen Hörbuchversion musste ich hier und da die Zähne zusammenbeißen. Der Sprecher ist nicht nur dann, wenn er die Frauen spricht, nur schwer erträglich. Immerhin fand ich seine Poirot-Interpretation gar nicht so schlimm, gerade das manchmal durchschimmernde „väterliche“ Verhalten des Belgiers, wenn er zwar die Gefühlsaufwallungen der jüngeren Mitreisenden versteht, aber eben auch weiß, dass das alles nicht so schlimm ist, wie es der Person in diesem Moment erscheint, war sogar ganz passend rübergebracht. Trotzdem werde ich um Gerd Anthoff als Hörbuchsprecher demnächst erst einmal einen großen Bogen machen!

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An „Crocodile on the Sandbank“ von Elizabeth Peters habe ich mich gewagt, nachdem ich „The Unexpected Mrs. Pollifax“ gehört und doch überraschend gut verstanden hatte. Nachdem ich im März oder April erst eine deutsche Hörbuchversion von „Im Schatten des Todes“ gehört hatte, hatte ich auch die Details der Geschichte noch so präsent, dass ich die erste Stunde durchgehalten habe, obwohl ich da noch deutlich weniger folgen konnte als bei Mrs. Pollifax. Da machte es sich deutlich bemerkbar, dass Elizabeth Peters doch einen anderen Schreibstil hat als Dorothy Gilman, denn an der Sprecherin konnte es nicht liegen, die war in beiden Fällen die gleiche. Barbara Rosenblat liest wunderbar – ich mag ihre Betonung, ich mag ihre Stimme und ich mag ihre Interpretation der Figuren. Ihre Evelyn war sanft, aber nicht weichlich, ihre Amelia war energisch, tatkräftig, aber auch an den richtigen Stellen etwas unsicher und auch ihre Männer waren überzeugend – vor allem Emerson war hinreißend und überzeugend (!) aufbrausend.

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„Emma im Knopfland – Eine verknöpft und zugenähte Geschichte“ von Ulrike Rylance ist eine niedliche kleine Geschichte mit gerade mal 2 Stunden und 41 Minuten Laufzeit. Hauptfigur Emma verschlägt es, als sie sich in ihren Ferien bei Onkel Hubert und Tante Mechthild langweilt, in ein Zimmer voller Knöpfe. Bevor Emma sich noch groß umgucken kann, fällt ihr ein großer goldener Knopf auf, der vor ihr davon zu rennen scheint – und als sie diesen berührt, landet sie im Knopfland. Dort muss Emma ein paar Abenteuer bestehen und schließt neue Freundschaften, bevor sie einen Weg zurück in das Knopfzimmer findet.

Eigentlich ist die Geschichte nett und unterhaltsam, aber mir gab es dabei einfach zu viele „Anlehnungen“ an bekannte Kinderbücher. Vor allem „Alice im Wunderland“ wurde immer wieder von der Autorin herangezogen, so dass Hofdame Isolde (der große goldene Knopf) eine gewisse Ähnlichkeit mit der Herzkönigin hat, während Emma natürlich im Laufe der Handlung auch in eine Teeparty platzt und weitere Elemente dem Hörer immer wieder auffallen. Hätte ich das Gefühl, dass Ulrike Rylance aus diesen Dingen eine eigene Geschichte gemacht hätte, wäre das bezaubernd gewesen. Aber ohne eine spürbare individuelle Note ärgere ich mich eher über all die vertraut wirkenden Szenen. Gelesen wird das Hörbuch (bei dem ich übrigens nicht rausfinden konnte, ob es für diese Umsetzung bearbeitet wurde) von Fritzi Haberlandt. Die Sprecherin macht ihre Sache eigentlich sehr gut, verleiht den verschiedenen Charakteren eine eigene Note und sorgt dafür, dass selbst die Nebenfiguren einen recht hohen Wiedererkennungswert haben. Da ich das Hörbuch – trotz seiner Kürze – über einige Tage verteilt gehört habe, kam mir das wirklich zugute.

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„Das Böse unter der Sonne“ von Agatha Christie hat mich mehrere Tage lang sehr gut unterhalten. Ich mag die Geschichte (ich mag sogar die Verfilmung mit Ustinov, obwohl er definitiv nicht mein „Poirot“ ist, aber es gibt tolle andere Darsteller in dem Film und die Atmosphäre passt) und mit der ungekürzten Version hätte mir nur noch der Sprecher das Ganze verderben können. Aber stattdessen hat Jürgen Tarrach das Hörspiel – besonders Poirot, aber überraschenderweise auch die diversen Frauenrollen – wunderbar gelesen. Einzig seine Aussprache des Vornamen „Odell“ klang eher nach Oddl, aber ansonsten habe ich nichts zu kritisieren. Dank der tollen Umsetzung habe ich viele amüsante Stunden mit „Das Böse unter der Sonne“ verbracht – ich finde die Tatdurchführung immer wieder genial ausgedacht und mag die wunderbare Darstellung der vielen verschiedenen Figuren. Beim Hören kam mir übrigens der Gedanke, dass Agatha Christie wohl Schuld daran ist, dass ich bei vielen Krimis immer recht schnell auf den Täter komme, denn sie hat dafür gesorgt, dass ich in diesem Genre jede Nebenbemerkung als potenziell wichtig abspeichere.

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„Die Tote in der Bibliothek“ von Agatha Christie ist – wie all die anderen Hörbücher in diesem Beitrag – wieder einmal eine Leihgabe von Natira und ich hatte mich sehr auf mein – vorerst letztes – Agatha-Christie-Hörbuch gefreut. Die Geschichte ist ja recht bekannt und ich mag sie sehr. Alles beginnt mit dem Fund einer Mädchenleiche in der Bibliothek des Herrenhauses der Bantrys und während Mrs. Bantry anfangs das Ganze noch spannend findet (sie liest gern Kriminalromane), geht ihr nach kurzer Zeit auf, dass das gesamte Dorf ihren Mann verdächtigt. So animiert sie ihre Freundin Miss Marple sich des Falls intensiv anzunehmen und die Unschuld von Colonel Bantry zu beweisen. Wie gesagt, ich mag den Roman, aber dieses Mal habe ich die (auch noch gekürzte) Handlung nicht so genossen wie sonst, da mir die Sprecherin nicht so zusagte. Ich kann Traudel Sperber gar nichts konkretes „vorwerfen“. Ihre Stimme ist mir nur zu weich und zu jung für das Hörbuch und weder ihre Interpretation der Charaktere, noch ihre Betonung insgesamt sagt mir wirklich zu.

Natasha Farrant: Die Geschwister Gadsby

„Die Geschwister Gadsby“ von Natasha Farrant habe ich über Carolines Blog entdeckt und konnte das Buch dann sogar recht schnell aus der Bibliothek ausleihen. Die Geschichte wird aus der Sicht der dreizehnjährigen Bluebell (Blue) erzählt. Blue läuft den ganzen Tag mit einer Kamera herum, um ein Filmtagebuch zu führen, so dass man als Leser die Erlebnisse als „beschriebenen Film“ mitbekommt, und nur bei den Passagen, bei denen Blue aus irgendeinem Grund nicht drehen konnte oder durfte, fasst sie im Nachhinein schriftlich zusammen was passiert ist.

Anfangs wirkt Blues Familie zwar sehr chaotisch, aber auch recht zufrieden auf den Leser. Doch schnell wird klar, dass es so einige unausgesprochene Probleme gibt, die den Kindern zu schaffen machen. Während Blues Vater die Woche über nicht in London, sondern in Warwick lebt, fliegt die Mutter für ihren Beruf ständig durch die Welt. Auf die Kinder passt in dieser Zeit Zoran auf, ein Student, der eigentlich an seiner Doktorarbeit schreibt und eindeutig mit der Verantwortung für Blue und ihre Geschwister überfordert ist.

Blues sechzehnjährige Schwester Flora scheint ihre jüngeren Geschwister nur noch zu ignorieren, obwohl Blue einige liebevolle Erinnerungen daran hat, wie Flora sich früher um sie gekümmert hat. Ihre jüngeren Geschwister Jasmine (8 Jahre alt) und Twig (10 Jahre) wirken zwar auf den ersten Blick unbekümmert, aber auch bei ihnen wird immer wieder deutlich, dass auch sie das Gefühl haben, dass die Familie auseinander bricht. Blue selber scheint in ihrer Familie keine nennenswerte Rolle zu spielen, sie beobachtet nur, sie zieht sich ständig zurück, hat keine Freunde und auch in der Schule versucht sie so unsichtbar wie möglich zu sein.

Erst mit dem Einzug des Nachbarjungen Joss ändert sich dies für Blue. Joss sieht wie unglücklich das Mädchen ist und sorgt – um ihr zu helfen – für einige Unruhe in ihrem Leben. So lustig viele der Szenen mit Blue und ihrer chaotischen Familie sind, so zieht sich doch eine gewisse Traurigkeit durch den Roman. Schon früh erfährt man, dass Blue eine Zwillingsschwester hatte, die vor drei Jahren gestorben ist, und wie sehr sie ihre Schwester Iris vermisst. So ist „Die Geschwister Gadsby“ eine wunderbare Mischung aus witzigen, nachdenklichen, traurigen und berührend alltäglichen Szenen. Blue wächst einem schnell ans Herz und auch ihre Familie mochte ich – ebenso wie den armen überforderten Zoran – sehr.

Obwohl es in der Geschichte auch einige ungewöhnliche Momenten gibt, besteht der Großteil des Romans aus beinah alltäglichen Szenen, in denen die einzelnen Charaktere deutlicher ausgearbeitet werden und man die vielen verschiedenen Untertöne mitbekommt, die zwischen den einzelnen Familienmitgliedern so mitschwingen. Und gerade die kleinen Dinge haben bei mir immer wieder dafür gesorgt, dass ich schmunzelten, dass ich den Kopf schüttelte oder mir eine Träne wegwischen musste.

Auch den Erzählstil habe ich sehr gemocht. Auf der einen Seite die – nur auf den ersten Blick – distanziert wirkenden „Filmszene“, auf der anderen Seite die Zusammenfassungen von Blue, die immer wieder ihre aktuelle Gefühlslage zum Ausdruck bringen. Diese Mischung hat für mich einfach gut funktioniert und es hat Spaß gemacht eine Geschichte mal auf diese Weise erzählt zu bekommen.

Phoebe Rivers: Saranormal – Die Geisterstadt

„Saranormal – Die Geisterstadt“ von Phoebe Rivers war mir im Verlagskatalog ins Auge gefallen. Die Inhaltsangabe klang nett und zur Abwechslung lese ich ja gern Kinderbücher. Leider hat mir „Saranormal“ nicht ganz so gut gefallen wie erhofft. Die Geschichte beginnt eigentlich ganz vielversprechend, während man Sara und ihren Vater auf dem Weg in eine neue Stadt begleitet. Da der Vater einen neuen Job angenommen hat, ziehen die beiden von Kalifornien nach New Jersey. Saras Mutter ist schon vor langer Zeit gestorben, das Mädchen hat sie eigentlich nie richtig kennengelernt.

Schon auf den ersten Seiten erzählt Sara, wie sie mit vier Jahren zum ersten Mal Geister gesehen hat, als sie im Kindergarten draußen spielte und wie sehr es sie verstörte, dass niemand sonst die beiden Mädchen auf dem Spielplatz wahrnehmen konnte. Im Laufe der Zeit hat Saras Fähigkeit dafür gesorgt, dass sie zu einem sehr zurückhaltenden und unsicherem Mädchen wurde. Auch ihrem Vater hat sie nie von den Geistern erzählt, die sie sehen kann, auch wenn sie weiß, dass ihn ihre regelmäßigen Albträume beunruhigen – ebenso wie die Tatsache, dass sie keine gleichaltrigen Freunde hat.

War Sara von Anfang an schon über den Umzug unglücklich, so ist sie geradezu verstört, als sie feststellen muss, dass ihre neue Heimatstadt geradezu von Geistern wimmelt. Dazu kommt noch, dass ihre neue Vermieterin „Lady Azura“ eine Wahrsagerin ist und es kaum einen Raum in ihrem Haus gibt, der nicht von einem Geist bewohnt wird – und auf solche Mitbewohner ist Sara wirklich nicht scharf. Umso mehr freut sie sich aber, dass sich das Nachbarmädchen Lily mit ihr anfreunden will und auch bereit ist über Saras immer mal wieder seltsames Verhalten hinweg zu sehen.

Diese Vorstellung von Sara, ihrem Leben und ihrem Verhältnis zu ihrem Vater nimmt einiges an Raum ein in dem Roman. Ebenso nimmt sich die Autorin viel Zeit für die Beschreibungen, die sich um die Stadt, den Pier und all seinen Geschäften, die neue Wohnung und all die Leuten, die Sara kennenlernt, drehen. Das ist alles sehr unterhaltsam zu lesen. Auch mag ich die Atmosphäre in diesem Buch, die mal unheimlich (wenn es um die Geister geht), mal sommerlich-leicht (wenn es um den Pier und Saras neue Freundin Lily geht) gehalten ist.

Allerdings gelingt es Phoebe Rivers nicht, einen runden Ausklang für die Geschichte zu finden. Sie baut wunderbar Spannung auf, in dem sie einen bestimmten Geist auftauchen und mit Sara kommunizieren lässt. Es ist ganz klar, dass etwas Schlimmes passieren wird, wenn Sara nicht herausfindet, wovor der Geist sie warnt. Auch der Zwiespalt, in dem Sara steckt, die auf der einen Seite diese Warnungen nicht überhören kann, aber auf der anderen Seite ein ganz normales Leben führen möchte, wird schön dargestellt.

Aber am Ende löst sich die Gefahr für meinen Geschmack viel zu schnell auf und all die aufgebaute Spannung verpufft einfach. Ich kann gut damit leben, dass nichts Dramatisches passiert. Es dreht sich bei „Saranormal – Die Geisterstadt“ immerhin um ein Kinderbuch und da finde ich ein Happy End mehr als angebracht. Aber trotzdem hätte mir etwas „Action“ am Ende der Geschichte besser gefallen. Eine kleine Wendung hätte gereicht, um die Handlung befriedigend zum Abschluss zu bringen, aber genau die hat gefehlt. So habe ich gerade mal einen Tag, nachdem ich das Buch gelesen habe, schon das Gefühl, dass die Erinnerung an die Geschichte verblasst und dass von „Saranormal“ nichts zurückbleibt – und das finde ich bei der schönen Grundidee wirklich schade.

Michelle Lovric: Melodie der Meerjungfrauen

„Melodie der Meerjungfrauen“ von Michelle Lovric habe ich spontan letzten Mittwoch aus der Bibliothek mitgenommen, weil ich Lust auf ein Kinderbuch hatte. Die Geschichte spielt in Venedig im Jahr 1899. Die Stadt droht unterzugehen und um einen Plan zur Rettung zu entwerfen, treffen sich diverse Wissenschaftler in der Lagunenstadt. Zu diesen Wissenschaftlern gehören auch die Eltern von Teodora, die von Neapel aus anreisen und ausnahmsweise ihre Tochter mitnehmen. Teo(dora) wünscht sich schon lange einmal Venedig besuchen zu dürfen, empfindet sie doch eine unerklärliche Sehnsucht nach dieser Stadt.

Kurz nach ihrer Ankunft findet Teo, die nicht nur Bücher über alles liebt, sondern auch in der Lage ist die gesprochenen Wörter eines Menschen als Schrift über seinem Kopf zu sehen, in einer Buchhandlung ein magisches Buch mit einer Meerjungfrau auf dem Cover. In dieser Buchhandlung lernt Teo auch den gleichaltrigenVenezianer Renzo kennen, der ein ebensolcher Büchernarr ist wie sie selber, doch so richtig gut verstehen sich die beiden anfangs nicht. Aufgrund der verschiedensten Vorfälle und den Informationen, die das magische Buch für Teo bereit hält, steht für die beiden Kinder schnell fest, dass Venedig von etwas Größerem als „nur“ dem Wasser bedroht wird. Ein uralter Feind versucht sich zu erheben und Macht über die Stadt zu gelangen.

Dass Michelle Lovric sich in Vendedig verliebt hat und der Stadt mit diesem Kinderbuch ein Denkmal setzen möchte, ist beim Lesen unübersehbar. Gemeinsam mit Teo entdeckt der Leser Venedig und erfährt von den Besonderheiten und historischen Ereignissen, die die Lagunenstadt geprägt haben. Dazu kommen noch viele fantastische Einfälle und Kreaturen wie die Meerjungfrauen, die Teo und Renzo zur Seite stehen, und das Ganze ergibt eine wunderbar unterhaltsame Geschichte rund um eine magische Bedrohung für eine besondere Stadt und zwei Kinder, die auserwählt sind, die Stadt zu retten.

Die Erzählweise von Michelle Lovric ist stellenweise etwas anstrengend. Es gibt sehr viele Abschweifungen in die Vergangenheit Venedigs, es werden Legenden erzählt und der unheimliche Bösewicht und seine Taten vorgestellt und dabei springt die Handlung schon mal von einer Zeit oder einem Ort zum anderen. Mir haben besonders die Kleinigkeiten gefallen, die Beschreibungen von kleinen Geschäften, der Duft des Gebäcks am Morgen in einem Café und ähnlich atmosphärische Momente. Die wie Hafenarbeiter fluchenden Meerjungfrauen mit einer Vorliebe für Curry fand ich zum Teil etwas überzogen, ebenso wie manch anderes „lustiges“ Element, aber ich kann mir vorstellen, dass es der Zielgruppe (Kinder ab 12 Jahren) gegenüber noch angemessen ist.

Bei einigen Rezensionen wird die Brutalität in diesem Roman kritisiert. Es kommt zu einigen Todesfällen und Erkrankungen, Angriffen durch Menschen, Geister und Tiere und dazu gibt es noch einige unappetitliche Beschreibungen. Ich persönlich fand das nicht schlimm und der Handlung angemessen. Die Geschichte einer so alten Stadt wie Venedig beinhaltet nun mal auch einige grauenhafte Episoden. Schrecklicher als ein durchschnittliches Märchen (also in der unbereinigten Version, in der die Bösen am Ende in glühenden Schuhen tanzen dürfen oder ähnliches) ist es nicht. Es hängt wohl vom einzelnen Kind ab, ob es die geschilderten Dinge im Rahmen der Handlung erträglich findet oder nicht.