Alle Artikel von Konstanze

[DVD] The Woodsman and the Rain

„The Woodsman and the Rain“ ist für mich meine Filmentdeckung des vergangenen Jahres. Zu dritt saßen wir damals in einem überfüllten und viel zu heißen Kino und wurden trotz der nicht so günstigen Rahmenbedingungen schnell von dem Film gefangen genommen. „The Woodsman and the Rain“ gehört zu den wenigen Filmen, bei denen man relativ viel über die Handlung verraten kann, denn der Genuss entsteht beim Sehen weniger aus der Entwicklung der Geschichte als aus den vielen kleinen und häufig überaus amüsanten Szenen.

Die eine Hauptfigur ist der sechzigjährige Holzfäller Katsuhiko (gespielt von Koji Yakusho), dessen Leben schon seit langer Zeit in eingefahrenen Bahnen verläuft. Vor ein paar Jahren hat er seine Frau verloren und mit seinem Sohn versteht er sich nicht so gut. Er kann nicht nachvollziehen, dass dieser so antriebslos ist, keiner Arbeit nachgeht und es nicht mal auf die Reihe bekommt, die Wäsche reinzuholen, wenn es anfängt zu regnen. Eines Tages wird Katsuhiko bei seiner Arbeit von einem Mann unterbrochen, der zu einer Filmcrew gehört, die in der Nähe dreht. Torii ist für alles Organisatorische beim Dreh zuständig und soll nun dafür sorgen, dass der Kettensägenlärm des Holzfällers nicht weiter die Aufnahmen stört. Er ist es auch, der in den folgenden Tagen immer wieder die Hilfe von Katsuhiko erbittet.

Begeistert ist der Holzfäller nicht, aber er ist auch zu hilfsbereit, um diese orientierungslosen Städter sich selbst zu überlassen. So ist er zur Stelle, als eines der Crew-Autos feststeckt, oder lässt sich dazu überreden, als Führer auf der Suche nach weiteren Drehorten zu dienen oder sogar bei den Dreharbeiten einzuspringen. Dabei stolpert er immer wieder über einen jungen Mann, der teilnahmslos und passiv mit der Filmcrew rumhängt. Irgendwann platzt Katsuhiko der Kragen, während er zusieht, wie Torii mal wieder alle Arbeiten alleine macht, während der junge Mann abwartet, bis alles erledigt ist. Erst einige Zeit später findet der Holzfäller heraus, dass dieser Taugenichts niemand anderes ist als der vielversprechende Regisseur des Films.

Dabei ist Koichi (gespielt von Shun Oguri) vollkommen überfordert mit all der Verantwortung und unfähig, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Erst durch Katsuhikos erfrischende Sicht auf die Dreharbeiten, durch seine Begeisterung nach dem Lesen des Drehbuchs und seine Fragen zu der Geschichte, entwickelt Koichi so etwas wie Rückgrat und greift aktiver in die Entstehung seines Films ein. Dabei entsteht eine wunderbare und ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Männern, die zu vielen leisen und doch unglaublich komischen Situationen führt. Katsuhiko lässt sich immer weiter auf die Dreharbeiten ein und zieht auch so nach und nach seine Freunde und Nachbarn als Helfer für den Film heran, was zu weiteren sehr lustigen Momenten führt.

Ich liebe den Humor in diesem Film, gerade weil er nicht so flach ist, sondern von vielen leisen Szenen und Situationskomik getragen wird. Die Schauspieler sind ebenfalls wunderbar. Koji Yakusho spielt den Holzfäller Katsuhiko nicht nur in seinem Alltag sehr überzeugend, sondern zeigt auch durch feine Veränderungen in Mimik und Gestik das wachsende Interesse des Mannes an den Geschehnissen rund um den Filmdreh und die dadurch in ihm vorgehenden Wandlungen. Einfach zu niedlich ist die Szene, in der er seinen Holzfällerkollegen von seinen ersten Erlebnissen als Statist erzählt. Da geht einem einfach das Herz auf, weil er zum ersten Mal richtig offen und fröhlich wirkt.

Shun Oguri hingegen beweist mit seiner Darstellung des Koichi Mut zur … hm … Unattraktivität. Sein Koichi ist so schrecklich antriebslos und schüchtern und lässt sich von jedem herumschubsen. Da kann man nur zu gut verstehen, dass Katsuhiko den jungen Mann anfangs am liebsten schütteln würde, damit er mal in die Gänge kommt. Und auch ihm nehme ich die langsamen Veränderungen ab und freue mich, wenn der kleine Regisseur im Laufe des Films lernt, Entscheidungen zu treffen und weniger auf seine Ängste zu hören. Er ist am Ende kein neuer Mensch, das wäre unglaubwürdig, aber er ist reifer geworden und das ist so schön zu verfolgen.

Bislang gibt es den Film nur auf Japanisch mit englischen Untertiteln, aber so ist es mir auch lieber, da eine Synchronisation in der Regel viel von der Atmosphäre zerstört. Wenn man die Augen aufhält und sich nicht nur auf deutsche Anbieter beschränkt, dann findet man die DVD online zu finanzierbaren Preisen – und die Anschaffung lohnt sich auf jeden Fall. Wir haben „The Woodsman and the Rain“ vor ein paar Tagen mit großer Freunde wieder gesehen und uns über die vielen amüsanten Szenen gefreut. Und ich bin mir sicher, dass der Film in den nächsten Jahren noch sehr oft von uns angeschaut wird.

Wer jetzt neugierig auf den Film geworden ist, kann sich bei Youtube mal den Trailer zu dem Film angucken.

Mai-SuB 2013

Im April hat es sich deutlich bemerkbar gemacht, dass ich nicht mehr „frei“ hatte. Irgendwie wurde so nichts aus meinen Lesevorhaben, stattdessen habe ich einen (vorhersehbaren) Thriller nach dem anderen aus der Bibliothek gelesen. Geschrumpft ist mein SuB zwar trotzdem ein bisschen, aber deutlich weniger als erhofft. Insgesamt habe ich 18 Bücher und einen Comic gelesen, aber mein Leih-SuB ist immer noch nicht abgebaut (und die sieben Bibliotheksbücher, die ich in den nächsten drei Wochen noch lesen sollte, gucken mich auch vorwurfsvoll an). Also besteht mein Vorhaben für den Mai aus drei Punkten: 1. endlich die Leih-Biografie und die Bibliotheksbücher lesen, ohne sie verlängern zu müssen, 2. SuB-Vorhaben des letzten Monats nachholen und 3. fünf Bücher vom SuB lesen.

A (2)
Ben Aaronovitch: Schwarzer Mond über Soho
Tim Akers: Das Herz von Veridon

B (7)
Quentin Bates: In eisigem Wasser
Quentin Bates: Kalter Trost
Alfred Bekker: Drachenring (Die Drachenerde-Saga 2)
Alfred Bekker: Drachenthron (Die Drachen-Erde-Sage 3)
Bettina Belitz: Dornenkuss
Jenna Black: Rosendorn
Frank Bresching: Der Teufel von Grimaud  

C (1)
Eoin Colfer: Das Zeit-Paradox (Artemis Fowl)

D (4)
John Dickinson: Das Kind des Schicksals
Joe Donnelly: Jack Flint und der Dämon der Schlangen
Joe Donnelly: Jack Flint und der Raub der Kupferschriften
Rebecca Drake: Still sollst du sterben  

E (0)
Lissa Evans: Stuart Horten – Sieben Rätsel und ein magischer Stern
Lissa Evans: Stuart Horten – Acht Münzen und eine magische Werkstatt

F (9)
Melissa Fairchild: Weltenwanderer
Francecso de Fillipo: Gezeichnet
Alex Finn: Beastly
Alan Dean Foster: Echsenwelt
Alan Dean Foster: Die Stimme des Nichts
Alan Dean Foster: Patrimonium
Alan Dean Foster: Quofum
Alan Dean Foster: Die Spur der Tar-Aiym
Earlene Fowler: Tödliche Schatten

G (1)
Sandra Grimm: Der heimtückische Hühnermord

H (4)
Karola Hagemann: Jung stirbt, wen die Götter lieben
Brendan Halpin: I can see clearly now
Frederike Hieronymi: Silla – Tochter der Wölfin, Die Prophezeiung
Will Hill: Department 19 – Die Wiederkehr
Mark Hodder: Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack

I (1)
John Irving: Letzte Nacht in Twisted River

J (1)
P.D. James: Ein makelloser Tod

K (5)
Elisabeth Kabatek: Laugenweckle zum Frühstück
Tom Kahn: Das Tibet-Projekt
Jörg Kastner: Die Tulpe des Bösen
Celine Kiernan: Schattenpfade
Clara Kramer: Eine Handbreit Hoffnung

L (1)
Siri Lindberg: Nachtlilien

M (3)
Chris Marten: Hydra
Christoph Marzi: Lyra
Boris Meyn: Die Schattenflotte
Edward Kelsey Moore: Mrs. Roosevelt und das Wunder von Earl’s Diner

N (2)
Melissa Nathan: Mit Milch und Zucker
Jo Nesbo: Headhunter

O (0)
–

P (4)
Jackson Pearce: Blutrote Schwestern
Renata Petry: Hilgensee
Bernd Perplies: Magierdämmerung – In den Abgrund
Chris Priestley: Mister Creecher

Q (0)
–

R (11)
Jennifer Rardin: Man lebt nur ewig
Sarah Rayner: Das Licht des frühen Tages
Ilkka Remes: Das Erbe des Bösen
Mike Resnick: Mallory und der Taschendrache
Silvia Roth: Querschläger
Michael Rothballer: Tausendsturm (Vermächtnis der Schwerter 1)
Michael Rothballer: Feuerzwinger (Vermächtnis der Schwerter 2)
Michael Rothballer: Götterschild (Vermächtnis der Schwerter 3)
Patrick Rothfuss: Die Königsmörder-Chronik 1 – Der Name des Windes
Craig Russel: Lennox
Craig Russel: Walküre

S (8)
Victoria Schlederer: Des Teufels Maskerade
Jens Schumacher: Ambigua – Der Sternstein von Mogonthur
Alexander Schwarz: flip rouge
Helen Simonson: Mrs. Alis unpassende Leidenschaft
Ilka Stitz: Wer Fortuna trotzt
Jonathan Stroud: Bartimäus – Das Amulett von Samarkand
Rosemary Sutcliff: Troja oder die Rückkehr des Odysseus
Rosemary Sutcliff: König Artus und die Ritter der Tafelrunde

T (10)
Amy Tan: Der Geist der Madame Chen
Charles den Tex: Die Zelle
Thomas Thiemeyer: Nebra
Thomas Thiemeyer: Chroniken der Weltensucher 2 – Der Palast des Poseidon
Thomas Thiemeyer: Chroniken der Weltensucher 3 – Der gläserne Fluch
P.J. Tracy: Der Köder
P.J. Tracy: Mortifer
P.J. Tracy: Memento
Jonathan Tropper: Sieben verdammt lange Tage
Gail Tsukiyama: Die Straße der tausend Blüten

U (0)
–

V (1)
Uwe Voehl: Tod und Schinken

W (5)
Danny Wallace: Auf den ersten Blick
Lauren Weisberger: Die Party Queen von Manhattan
Gabriele Wollenhaupt: Leichentuch und Lumpengeld
Gabriella Wollenhaupt: Grappa und die keusche Braut
Elizabeth Woods: Caras Schatten

X (2)
Xinran: Gerettete Wort
Xinran: Wolkentöchter

Y (1)
Rick Yancey: Der Monstrumologe und die Insel des Blutes

Z (0)
–

83 Titel auf dem SuB

Englischer SuB:

Tanya Huff: The Complete Keeper Chronicles
Kelly Meding: Another Kind of Dead
Kelly Meding: As Lie the Dead
Tamora Pierce: Bloodhound (The Legend of Beka Cooper #2)
Tamora Pierce: Mastiff (The Legend of Beka Cooper #3)
Tamora Pierce: Melting Stones (Circle Reforge)
Tamora Pierce: Tortall and other Lands

7 Titel auf dem englischen SuB

(durchgestrichene Titel habe ich in diesem Monat gelesen)
(kursive Titel sind in diesem Monat neu hinzugekommen)

Juliet Blackwell: If Walls Could Talk (A Haunted Home Renovation Mystery #1)

Nachdem ich die „Witchcraft Mystery“-Serie der Autorin so unterhaltsam fand, musste ich einen Versuch mit ihrer „Haunted Home Renovation Mystery“-Reihe starten. „If Walls Could Talk“ ist der erste Teil von Juliet Blackwells Serie rund um eine Bauunternehmerin, die sich auf die Restaurierung historischer Häuser im Bereich San Francisco spezialisiert hat. Genau gesagt hat Mel Turner vor zwei Jahren die Firma ihres Vater übernommen, da dieser nach dem Tod ihrer Mutter nicht mehr in der Lage war, seinem Job mit dem notwendigen Engagement nachzugehen. Dabei bringt sie regelmäßig ihren Traum von Paris zur Sprache, wo sie sich fern aller Bindungen und Verpflichtungen frei entfalten will, um zu betonen, dass sie sich ihr Leben vollkommen anders vorgestellt hatte. Auf der anderen Seite ist Mel viel zu vernünftig und zu pflichtbewusst, um ihren Traum zu verwirklichen.

So lebt sie seit ihrer Scheidung wieder bei ihrem Vater, versucht immer noch, den Tod der Mutter zu verkraften, kümmert sich – trotz der Trennung von ihrem Mann – um ihren Stiefsohn und steckt so viel Zeit in die Verwirklichung ihrer Bauprojekte, dass sonst kaum Zeit für ein Privatleben übrig bleibt. Dabei ist Mel so gutmütig, dass sie sich von einem Freund dazu überreden lässt, neben ihren regulären Jobs auch noch die Renovierung seines neuen Hauses in die Hand zu nehmen. Matt hat sie kennengelernt, da ihr Stiefsohn und sein Sohn gut miteinander befreundet sind. Und obwohl sie schon schlechte Erfahrungen damit gemacht hat, für Matt und seinen Geschäftspartner Kenneth zu arbeiten, kann sie sich nicht zurückhalten, wenn es um ein schönes und renovierungsbedürftiges altes Haus geht.

Erschreckenderweise kommt Kenneth nach einer „Renovierungsparty“ ums Leben, bevor Mel und ihr Team überhaupt mit ihrer Arbeit anfangen können. Und statt sich ganz auf die Gestaltung des Hauses konzentrieren zu können, muss sich die Bauunternehmerin nun mit mysteriösen Vorfällen, gefälschten Papieren und Geistererscheinungen herumschlagen. Dabei scheint die Polizei sich erstaunlich desinteressiert zu verhalten, während Mel überraschend Unterstützung von einem alten Bekannten bekommt, den sie seit gut zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Ich muss zugeben, dass ich Mel als Figur wirklich angenehm finde. Sie ist Ende 30, hat eine gute, wenn auch nicht zu perfekt-harmonische Beziehung zu ihrer Familie, und obwohl die Scheidung von ihrem Mann und der Tod ihrer Mutter sie immer noch belasten und sie manchmal die Nase voll von allem hat, scheint sie eigentlich ein ganz befriedigendes Leben zu führen. Schön finde ich auch, dass sie in der San Francisco Bay Area aufgewachsen ist und sich deshalb nicht nur in der Region gut auskennt, sondern auch eine Menge Beziehungen hat. Das gibt der Serie eine ganz andere Grundstimmung, als sie bei den „Witchcraft Mysteries“ herrscht.

Der Fall rund um den verstorbenen Kenneth ist solide konstruiert und war sehr nett zu lesen, auch wenn ich diesen Roman weniger amüsant fand als die andere Serie. Aber das liegt auch daran, dass die Handlung in „If Walls Could Talk“ realistischer aufgebaut ist. Abgesehen natürlich von der Geistererscheinung, mit der Mel erstaunlich gut zurecht kommt. Ich glaube, wenn ich von einem Tag auf den anderen einen Geist sehen würde, würde ich extremer reagieren. Auf der anderen Seite hätte die Geschichte wesentlich mehr Längen gehabt, wenn Mel diese Erscheinungen nicht irgendwann als real akzeptiert hätte.

Insgesamt ist „If Walls Could Talk“ unterhaltsam und bietet entspannte Lesestunden. Mir haben die Passagen rund um die Renovierungen gefallen, denn für so etwas habe ich ein Faible, und Mel war mir ebenso wie ihre Familie und ihre Freunde sympathisch. Juliet Blackwell hat außerdem so viele Figuren auftreten (und verdächtig handeln) lassen, dass man bei dem Kriminalfall schön mitermitteln und spekulieren konnte. Allerdings hat mich dieser Roman nicht so gepackt wie „Secondhand Spirits“, dafür fehlte einfach der gewisse Funke, der ein Buch aus der Masse heraushebt und den man so schlecht festmachen kann. Es ist einfach so, dass ich nicht auf den nächsten Band hinfiebere, auch wenn ich bestimmt irgendwann einen weiteren Teil der Reihe lesen werde, wenn ich mal wieder auf der Suche nach einem soliden und unterhaltsamen Cozy Mystery bin.

[Figurenkabinett] Roderick Alleyn

Wie Modesty Blaise habe ich Roderick Alleyn in den Jahren rund um mein Abitur in der Bahnhofsbuchhandlung entdeckt. Er war zu diesem Zeitpunkt um die 40 Jahre alt und hatte schon einiges in seinem Leben gesehen. Drei Jahre lang war er während des Ersten Weltkriegs beim Militär – doch im Gegensatz zu Lord Peter Wimsey wurde er dadurch nicht traumatisiert -, danach diente er eine Zeitlang beim „British Foreign Service“, nur um dann als Konstabler bei Scotland Yard (der Metropolitan Police) anzufangen. Warum es zu diesem abrupten Wechsel in seinem Berufsleben kam, hat er mir nie verraten, aber als ich ihn kennenlernte, hatte er es schon zum Chief Detective Inspector gebracht.

Geboren wurde Roderick Alleyn als zweiter Sohn eines Baronets, doch abgesehen davon, dass er eindeutig ein Gentleman ist und dies ihm immer mal wieder in seinem Beruf zugutekommt, hatte seine Herkunft anscheinend wenig Einfluss auf sein Leben. Seine Ermittlungen führen ihn immer wieder ins Theatermilieu – vor allem in Häuser, in denen Stücke von Shakespeare gespielt werden. Ansonsten ermittelt er in klassischen britischen Kriminalfällen, wie man sie auch bei Agatha Christie finden könnte, bei denen es zu einem Mord bei einer Hausparty in einem ländlichen Herrenhaus kommt oder zu ungewöhnlichen Vorfällen während einer Bootstour auf einem der vielen englischen Flüsse.

Dazu kommen die Romane, die in Neuseeland spielen und die für ein ganz eigenes Flair sorgen. Hier spürt man, dass die Autorin (Edith) Ngaio Marsh selbst Neuseeländerin war und über ein Land schrieb, dem sie sich nahe fühlte. Roderick Alleyn verschlägt es während des Zweiten Weltkriegs nach Neuseeland, wo er anscheinend nach Aktivitäten der „Fünften Kolonne“ Ausschau halten soll, doch stattdessen stolpert er natürlich über Kriminalfälle – bei denen er sich nicht so ganz sicher sein kann, dass diese nichts mit den Kriegsgeschehnissen zu tun haben.

Im Laufe der Zeit lernt Roderick Alleyn eine ungewöhnliche Frau kennen und lieben, und selbstverständlich wird auch diese Dame hin und wieder in die Fälle ihres Mannes verwickelt. Auch seine Ehefrau mag ich sehr, und ihre Sicht auf die Verbrechen fügt der Geschichte oft eine erfrischende Perspektive hinzu. Ich muss gestehen, dass ich die Romane schon viel zu lange nicht mehr gelesen habe, da auch diese Titel seit einigen Jahren in Umzugskartons darauf warten, dass ich mir eine große Zahl neuer Regale zulege. Aber ich freu mich jetzt schon auf den Tag, an dem ich ein Wiedersehen mit Roderick Alleyn feiern kann.

Insgesamt wurden 32 Roderick-Alleyn-Romane und ein paar Kurzgeschichten von Ngaio Marsh geschrieben, deren Titel ich hier nicht aufführen werde, weil es den Beitrag sprengen würde. Wer nun aber neugierig geworden ist, findet online diverse Listen mit den Romantiteln. Deutsche Ausgaben scheint es nur noch gebraucht zu geben, aber auf englisch gibt es aktuelle Ausgaben. Da muss ich mir gerade auf die Finger hauen, denn bislang kenne ich die Geschichten nur in der deutschen Übersetzung und wäre doch neugierig darauf, ob sich das Original anders liest.

SuB-Zuwachs im April

Nachdem mir die „Witchcraft Mystery“-Reihe von Juliet Blackwell so gut gefallen hatte, musste ich unbedingt  auch noch eine andere Serie von ihr antesten.

Und dann saß da schon viel zu lange der zweite Trixie-Belden-Band auf meiner Wunschliste … 😉

Seanan McGuire: Midnight Blue-Light Special (InCryptid #2)

„Midnight Blue-Light Special“ ist der zweite Teil der „InCryptid“-Serie von Seanan McGuire und erfordert meiner Meinung nach zwingend das Vorwissen aus dem ersten Band „Discount Armaggedon“, um die Geschichte in allen Facetten genießen zu können. Hatte ich nach dem Lesen des Reihenauftakts noch gemutmaßt, dass die Serie im zweiten Band etwas weniger gemächlich startet, so muss ich zugeben, dass ich mich da getäuscht hatte. Auch dieser Roman entwickelt sich sehr langsam, aber das hat mich in keiner Weise gestört, weil ich es wirklich unterhaltsam fand, welche Entwicklungen sich seit dem Kampf gegen den Schlangenkult ergeben haben und wie Verity Price und die anderen Figuren mit den aktuellen Ereignissen umgehen – die es wirklich in sich haben.

Für Verity haben sich in den letzten Wochen ein paar kleine, aber entscheidende Dinge geändert. Sie arbeitet zwar immer noch für die „Freakshow“, aber der Club wird inzwischen von einem anderen Besitzer geführt, was das Niveau doch etwas gehoben hat. Außerdem muss Verity immer wieder feststellen, dass ihr Brotjob in der „Freakshow“ und ihre „Nebenbeschäftigung“ als Kryptozoologin ihr nur wenig Zeit lassen, um ihre Karriere als professionelle Tänzerin voranzutreiben. Und während die junge Frau inzwischen immer mehr Freunde unter den „übernatürlichen“ Bewohnern von Manhattan findet, wird gleichzeitig ihr potenzieller Freund Dominic DeLuca misstrauisch von allen beäugt, da er als Mitglied des „Covenant of St. George“ zu den Erzfeinden aller nichtmenschlichen Wesen gehört.

Umso beängstigender ist es, als Dominic eines Abends Verity darüber informiert, dass der „Covenant“ eine Abordnung aus Europa schickt, die seine Arbeit in Manhattan überprüfen soll. Ihm ist dabei durchaus bewusst, dass sein Orden nicht nur Veritys Freunde, sondern auch die junge Frau selbst als jagbares Objekt ansehen wird, da ihrer Familie den „Covenant“ vor einigen Generationen verraten hatte. Aber natürlich kann Verity ihre Aufgabe und ihre Freunde nicht so einfach im Stich lassen – was selbstverständlich zu einigen kritischen Situationen führt.

Ich muss zugeben, dass es am Anfang der Geschichte viel Planung und Hin und Her gibt, weil jeder Beteiligte seine Lieben und seine Freunde aus der Gefahrenzone bringen will und man natürlich überlegen muss, wie sich all die übernatürlichen Wesen vor dem Orden verbergen können. Aber da diese Phase auch eine Menge über Veritys Familie und ihr Umfeld verrät, habe ich mich trotzdem gut unterhalten gefühlt. Für die junge Frau steht vor allem die Frage im Raum, ob sie Dominic vertrauen kann und für welche Seite er sich am Ende entscheiden wird. Denn dass er nicht langfristig sowohl dem Orden dienen als auch eine Beziehung mit ihr führen kann, steht ohne Frage fest.

Doch so richtig gut waren für mich die Passagen, in denen Istas vorkam. Ich mochte die Gothic-Lolita-Waheela (es gibt übrigens mehr zum Thema Waheela auf der Autorinnenseite) schon im ersten Band, und hier hat sie deutlich mehr Szenen, in denen ihr Charakter noch ausführlicher beleuchtet wird. Sehr schön ist da zum Beispiel ein Gespräch zwischen ihr und Veritys Cousine Sarah, während die beiden in der Kanalisation unterwegs sind:

„I realize I wear frilly clothing and impractical shoes, and that by many people’s standards, I am odd, but I am not stupid. […] I am here because Verity is my friend, and would look on me with sadness if I were to allow you to come to harm. Friendship is a rare thing among my people. We do not practice it often, and most of us do not practice it very well. I am hoping to be a better friend to Verity than my brothers and sisters were to me.“ (S. 219)

Auch über Sarah und ihre Spezies erfährt man in diesem Band deutlich mehr – einige Passagen sind sogar aus ihrer Sicht geschrieben. Ich mag den Gegensatz zwischen ihrer gefährlichen Natur und ihrer unsicheren Persönlichkeit, finde es stimmig, dass eine telepathische Rasse „gesichtsblind“ ist, weil sie Personen eben nicht an äußerlichen Aspekten identifizieren, und konnte mir gut vorstellen, wie ermüdend es sein kann, wenn der eigene angeborene Schutzmechanismus dafür sorgt, dass man kaum eine Beziehung aufbauen kann.

So sind es in diesem Buch eher die verschiedenen faszinierenden Charakter, die fantastische und detailliert beschriebene Welt und der Humor als die Handlung an sich, die mich gut unterhalten haben. Aber auch wenn die Geschichte für meinen Geschmack etwas actionreicher hätte sein können (und da zähle ich sogar das dramatische Ende mit dazu), so bin ich definitiv nicht unzufrieden damit, dass dieser Roman sich anders entwickelte, als ich erhofft hatte. Und jetzt bin ich gespannt, wie mir die kommenden Bände der Serie gefallen, in denen nicht mehr Verity, sondern ihre Geschwister im Mittelpunkt stehen.

Daphne du Maurier: Rebecca

Mein Name ist Mrs. Danvers. Von meinen Schützlingen bin ich immer liebevoll „Danny“ genannt worden. Mein Vorname tut nichts zur Sache. Es gibt keine Person, der ich eine solche vertrauliche, ganz und gar respektlose Anrede zugestehen würde. Respekt ist wichtig, gerade dann, wenn man wie ich sein Leben lang in Stellung gewesen ist. Respekt nicht nur gegenüber mir als Person, sondern auch gegenüber meiner Position im Haushalt. Er hatte das nie verstanden. Er hatte nie verstanden, dass ich immer mehr war als eine gewöhnliche Haushälterin.

Dabei habe ich die Position nur übernommen, um auch weiterhin bei meiner geliebten Rebecca bleiben zu können. Schon als kleines Mädchen war sie einfach hinreißend. Eine bezaubernde Schönheit mit unbändigen schwarzen Locken und einem Temperament wie ein kleiner Junge. Was immer Rebecca sich vornahm, gelang ihr auch. Sie war eine unvergleichliche Sportlerin, und nichts zeugte von mehr Lebensfreude als ihr schönes Gesicht, wenn sie auf ihrem Boot über das Meer segelte. Meine Rebecca hatte vor nichts Angst. Mit gerade einmal sechzehn Jahren bändigte sie einen jungen Hengst, an den sich nicht einmal der Stallmeister herantraute. So eine willensstarke Frau war sie, meine geliebte Rebecca.

Er aber hat sie nie verstanden. Der feine Herr de Winter … Ständig hat er ihr Vorschriften gemacht, konnte nicht begreifen, dass eine so schöne und junge Frau das Leben genießen muss. Dabei hat jeder sie geliebt. Nach diesem schrecklichen Segelunfall hat einfach jeder von ihrer Schönheit und Anmut gesprochen, davon, was für ein Verlust ihr Tod für die Grafschaft war, wie sehr man ihr Lachen und die charmanten Gespräche mit ihr vermissen würde und wie sehr ihre Bälle und Einfälle den Alltag der Nachbarn bereichert haben. Doch er, er wanderte nur in der Bibliothek herum. Bei der ersten Gelegenheit ging er auf Vergnügungsreise, verließ Manderley, wo ihn alles an meine wunderschöne Rebecca erinnerte, und kam nicht einmal zehn Monate nach Rebeccas Tod mit einer neuen Frau zurück.

Respektlos war das. Respektlos gegenüber der toten Rebecca und ebenso mir gegenüber. So ein fades Kind setzt er an die Stelle meiner geliebten Rebecca. Dieses rückgratloses Mäuschen sollte nun die neue Herrin auf Manderley sein. Eine unscheinbare Gestalt ohne Esprit, ohne Bildung und ohne jeglichen Charme – nichts von dem, was meine Rebecca ausgemacht hatte. Nicht einmal der Hund hat sie ernst genommen. Nur der schwachsinnige Sohn des Pächters lief ihr immer wieder mit großen Augen hinterher. Niemand konnte von mir erwarten, dass ich diese farblose Gestalt in Manderley duldete, dass ich zuließ, dass ihre verhuschte Präsenz das Andenken an Rebecca verwässerte.

Das Feuer war vielleicht etwas zu viel. Aber wie sonst hätte ich verhindern können, dass all das, was an meine geliebte Rebecca erinnerte, in falsche Hände gerät?

(Zur Info: „Rebecca“ wurde von mir im Rahmen der „Bücher, die man gelesen haben muss“-Challenge gelesen.)

Frances Hodgson Burnett: The Secret Garden

„The Secret Garden“ von Frances Hodgson Burnett habe ich für die „Bücher, die man gelesen haben muss“-Challenge gelesen. Die Geschichte begleitet mich zwar schon seit meiner Kindheit, aber dieses Mal habe ich das Buch zum ersten Mal auf Englisch gelesen. Ich muss zugeben, dass ich dabei froh war, dass ich inzwischen beim Lesen auf Englisch – dank der English-Challenge – fitter bin, denn die (wenigen) Sätze, in denen Dialekt gesprochen wird, hätten mich sonst wohl deutlicher gestört. So hingegen war ich eher belustigt über das Weglassen und Zusammenziehen der Wörter.

Die Handlung dürfte eigentlich allgemein bekannt sein, aber ich liefere trotzdem noch eine kurze Zusammenfassung. Protagonistin dieser Geschichte ist die zehnjährige Mary Lennox, die in Indien geboren wurde. Weder ihr Vater, der als Kolonialbeamter in Indien tätig ist, noch ihre vergnügungssüchtige Mutter kümmern sich um ihre Tochter, und so wird das Mädchen von einer indischen Ayah aufgezogen. Diese lässt Mary von Geburt an ihren Willen, und so ist es kein Wunder, dass sich das Mädchen zu einem egozentrischen, verwöhnten und unsympathischen Gör entwickelt.

Nachdem ihre Eltern (sowie die Ayah und diverse andere indische Dienstboten) aufgrund einer Choleraepidemie sterben, wird Mary zu ihrem Onkel nach England gebracht. Archibald Craven kümmert sich genauso wenig um das Mädchen, wie es dessen Eltern taten, außerdem fehlt in seinem Herrenhaus jegliches Spielzeug für das Kind, und so muss sich Mary irgendwie selbst beschäftigen. Das Hausmädchen Martha bringt Mary dazu, in den Gärten zu spielen, und erzählt ihr auch von einem „geheimen Garten“, der vor zehn Jahren verschlossen und seitdem von niemandem betreten wurde.

Als Kind habe ich die Bücher von Frances Hodgson Burnett einfach nur genossen, wobei „Der geheime Garten“ meine Lieblingsgeschichte war – vielleicht auch deshalb, weil Mary nicht so schrecklich perfekt ist wie Lord Fauntleroy oder „Prinzessin“ Sara. Als erwachsene Leserin bin ich fasziniert davon, wie die Autorin Marys Leben in Indien beschreibt und die Reaktionen des Hausmädchens Martha auf Marys Erzählungen aus dieser Zeit. Obwohl es gar nicht so viele Passagen zu diesem Thema gibt, klingt doch immer wieder eine gewisse Kolonialherren-Haltung durch. Doch vor allem ist es Mary, die dafür sorgt, dass ich auch heute noch das Buch gerne lese. So eine kleine, hässliche und dickköpfige Hauptfigur müsste ja eigentlich unsympathisch sein, doch die Autorin macht von Anfang an deutlich, dass das Kind nichts für seine Charakterentwicklung konnte.

Auch wenn Mary viel zu schnell – dank einer großen Portion Einsamkeit, der guten englischen Luft und etwas Gartenarbeit – zu einem „normalen“ netten, kleinen Mädchen wird, gibt es im Laufe der Geschichte immer wieder genügend Momente, in denen ihr Trotz und ihre Dickköpfigkeit zum Ausdruck kommen. Besonders schön wird es, als sie ihren Cousin Colin kennenlernt und zu diesem Zeitpunkt zwei verwöhnte Egozentriker aufeinanderknallen. Aber auch der abweisende Gärtner Ben bietet genügend Ecken und Kanten, so dass Mary schnell klar wird, dass sie ihm nicht mit ihrer früheren Hochmütigkeit kommen kann. Ich mag es einfach, wenn Ben Mary mitten ins Gesicht sagt, dass sie nicht gerade liebenswert sei, oder wenn Mary und Colin sich gegenseitig beweisen, dass der jeweils andere ganz schrecklich unsensibel und egoistisch ist. Diese Szenen mag ich so viel lieber als den perfekten Dickon (Marthas Bruder, der einfach alles über Pflanzen und Tiere weiß und für Mary und Colin zu einem „großer Bruder“ wird) oder das unvermeidbare glückliche Ende dieser Geschichte.