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Von Buchhandlungen und der Suche nach Neuentdeckungen…

Ich muss gestehen, dass ich mir eigentlich nie ernsthafte Gedanken darüber gemacht habe, wie ich auf die Bücher komme, die ich lese. Dann habe ich vor einiger Zeit diesen Post bei Susanne gelesen (ebenso wie den von ihr verlinkten Beitrag), und mir ging auf, dass sich meine Suche nach neuen Büchern in den letzten Jahren sehr verändert hat. Der von Irina in diesem Post verlinkte Artikel hat mir heute dann erst einmal bewusst gemacht, wie sehr sich auch mein Verhalten in Buchhandlungen verändert hat.

Ich bin schon früher sehr zielstrebig in Buchhandlungen gegangen. Zum stundenlangen Stöbern bin ich selten gekommen, viel zu schnell stapelten sich einige Wunschbücher vor mir und ich musste dann überlegen, wie viele davon mein Geldbeutel wohl finanzieren könnte. So habe ich auch selten länger als ein paar Minuten als Kunde in der Buchhandlung verbracht, wenn ich nicht gerade mit der Buchhändlerin ins Gespräch gekommen bin.

Aber dafür gab es diese Abstecher in die Buchhandlung mindestens einmal die Woche. Als Schülerin bedeutete das oft, dass ich für meine zehn Minuten in der Buchhandlung 1,5 Stunden später nach Hause kam, weil ich dann den späteren Bus nehmen musste, der die lange Strecke über alle Dörfer nahm. Als Abiturientin hatte ich manchmal Glück und der Zug war so pünktlich, dass ich aus dem Bahnhof sprinten, die Einkaufsstraße hochrasen, in der Buchhandlung meine Bestellungen abholen und trotzdem noch den Bus erreichen konnte. Wenn ich allerdings Pech hatte, dann hieß es wieder ein bis zwei Stunden auf den Bus warten – aber immerhin hatte ich dann ja frisches Lesefutter.

Dann kam meine Ausbildung im Buchhandel und mit ihr nicht nur die Leseexemplare für Buchhändler, sondern auch die Möglichkeit, Bücher aus dem Laden zu lesen, ohne sie gleich kaufen zu müssen. Und da ich mein nachfolgendes Studium mit der Arbeit im Buchhandel finanzierte, konnte ich dieses Angebot ziemlich lange nutzen. Dazu kamen dann noch diverse neue Freunde, deren Bücherregale geplündert werden konnten – was wiederum dazu führte, dass ich mir einige Titel bei meinem Arbeitgeber bestellen musste, um sie dann auch selbst zu besitzen. Nach dem Studium gab es dann neue Jobs, aber solange der Heimweg an der Buchhandlung vorbeiführte, war ich dort weiterhin mehrmals in der Woche anzutreffen. Mit dem Umzug weg vom Studienort hat sich daran aber eine Menge geändert – ohne dass es mir groß bewusst geworden wäre.

***

Einige Jahre später muss ich nun feststellen, dass ich Buchhandlungen deutlich seltener von innen sehe. Auf der einen Seite lebe ich jetzt in einem Stadtteil ohne Buchhandlung (seitdem die „Buchhandlung um die Ecke“ geschlossen hat), und da ich zu Hause arbeite, habe ich keine Monatskarte für die Öffentlichen Verkehrsmittel. Ich sehe es nicht ein, 5 Euro zu investieren, wenn ich keinen konkreten Anlass für eine Fahrt habe, was natürlich die „Stöbergelegenheiten“ schon mal deutlich einschränkt.

Außerdem bin ich nicht gerade glücklich mit den bislang entdeckten Buchhandlungen hier vor Ort. Die bislang erkundeten Läden waren entweder zu „literarisch“ für meinen Alltagsgeschmack (auch wenn ich es schön finde, dass diese Buchhandlungen hier vor Ort anscheinend noch genügend Kunden haben, um zu existieren) oder zu groß, zu sehr Buchkaufhaus, um mich wirklich zu reizen. Es gibt nur zwei Buchhandlungen, die ich gern aufsuche.

Auf der einen Seite eine gutsortierte und liebevoll geführte Kinderbuchhandlung, bei der ich auch meine Bestellungen aufgebe. Ich bin mir zwar sicher, dass die Inhaberin etwas irritiert ist, weil ich relativ wenige Kinderbücher bestelle und nur sehr selten bei ihr stöbere, aber dafür gibt mir das die Möglichkeit, den Einzelhandel zu unterstützen. Auf die Onlineanbieter greifen ich noch oft genug für meine englischen Titel und die Non-Books zurück.

Auf der anderen Seite gibt es da noch eine sehr enge und chaotische Buchhandlung, die sich irgendwie auf Krimis spezialisiert hat (aber eben nicht nur), auch antiquarische Bücher anbietet und nur deshalb zum Verweilen einlädt, weil man dort eben doch noch die eine oder andere neue Entdeckung machen kann. Ich muss zugeben, dass ich nicht oft dort bin, denn diese Buchhandlung liegt abseits meiner normalen Busstrecke, die Wege im Laden sind unfassbar beengt und wenn man sich nach einem Buch bückt, dann wischt man gleichzeitig schnell mal mit dem Hintern den Stapel hinter sich vom Tisch. Mich macht auch die Unübersichtlichkeit in den Regalen ganz kirre. Aber hier ist das Angebot so groß, dass sogar ich mal wieder zum Stöbern komme.

In diesem Laden erlebe ich etwas, das ich lange Zeit vermisst habe, nämlich die Entdeckung neuer Bücher in der Buchhandlung! Ich muss deutlich länger suchen als früher, aber hier gibt es noch Autoren, die ich noch nicht kenne, auf die ich neugierig werde, wenn ich ihren Roman in der Hand halte und bei denen ich das Gefühl habe, dass ich auch mal „blind“ einen Titel verschenken kann.

Aber für andere Genres habe ich noch keine Buchhandlung gefunden, und das macht mich verflixt traurig. Natürlich finde ich durch das Betrachten der vielen Verlagsprogramme, das Lesen diverser Buchblogs und durch Gespräche mit meinen Freunden mehr als genügend Bücher, die ich mal lesen möchte. Einige davon kaufe ich mir gleich, andere leihe ich über die Bibliothek aus und bei wieder anderen stelle ich irgendwann fest, dass das Interesse erlahmt  ist und werfe sie von der Merkliste.

Aber das alles führt auch dazu, dass ich in einer „durchschnittlichen“ Buchhandlung sehr unzufrieden bin. Ich sehe Regale voller Bücher, die ich innerlich schon längst in Schubladen (wie SuB, Wunschliste, Bibliothek oder „nicht mein Ding“) gestopft habe. Meinem Gefühl nach gibt es zwar unfassbar viele neue Titel (gerade im Fantasybereich hat sich da unglaublich viel getan seit meinen ersten zaghaften Leseversuchen in diesem Genre), aber viel weniger Abwechslung in den Buchhandlungsregalen. Ich will hier keinen Lobgesang auf die gute alte Zeit singen, dafür musste ich damals auf zu vieles verzichten! Aber ich finde es schon auffällig, dass ich mich zu den individuellen Buchhandlungen hingezogen fühle und ich hoffe sehr, dass die Tendenz wieder in diese Richtung geht und dass ich dann wieder überraschende Neuentdeckungen machen kann, die dazu führen, dass ich verzweifelt nach noch einem Euro im Geldbeutel suche, um mir doch noch ein Buch mehr leisten zu können …

Maryrose Wood: Das Geheimnis von Ashton Place 1 – Aller Anfang ist wild (Hörbuch)

Ich muss zugeben, dass ich schon seit Wochen um diese Rezension herumschleiche. „Das Geheimnis von Ashton Place“ hat mich beim Anhören so gepackt, dass ich die 3 CDs fast in einem Schwung durchhören musste, weil ich wissen wollte wie die Geschichte ausgeht. Und als ich dann mit dem Hörbuch durch war, dann stand ich da und fragte mich, wie ich in Worte fassen soll, warum mich Miss Lumley und ihre Schützlinge so bezaubert haben.

Aber erst einmal zur Handlung: In den ersten Minuten begleitet man die fünfzehnjährige Miss Penelope Lumley auf dem Weg zu ihrem ersten Vorstellungsgespräch als Gouvernante. Die junge Dame hat eine ausgezeichnete Erziehung am „Swanburne Institut für kluge Mädchen aus armen Verhältnissen“ erhalten und ist nun bereit in den Berufsalltag einzusteigen. Dabei bekommt man schnell mit, dass Miss Lumley nicht nur eine sehr eigene Ausbildung genießen durfte, sondern auch erstaunlich behütet aufgewachsen ist.

Zu ihrer großen Überraschung verläuft das Vorstellungsgespräch ganz anders als sie erwartet hatte und am Ende des Tages findet sie sich als Gouvernante in Ashton Place wieder. Eingestellt wurde sie von der ebenfalls noch recht jungen Lady Ashton, die sich kurze Zeit nach ihrer Hochzeit mit drei wilden Kindern konfrontiert sieht, die ihr Mann bei der Jagd im Wald gefunden hat. Anscheinend wurden die beiden Jungen und das kleine Mädchen von Wölfen großgezogen – und da Lord Ashton seine drei „Fundstücke“ nun als sein Eigentum ansieht, benötigen sie dringend gesellschaftlichen Schliff.

Druck wird dabei nicht nur durch die – sehr unterschiedlichen – Erwartungen von Lord und Lady Ashton aufgebaut, sondern auch dadurch, dass in wenigen Wochen Weihnachten ist und die drei Kinder bei der an den Feiertagen stattfindenden Abendgesellschaft präsentiert werden sollen. So muss Miss Lumley in den wenigen Wochen all ihren Einfallsreichtum aufbringen, um aus Alexander, Beowulf und Casseiopeia (wie die armen Kinder vom Lord genannt werden) kleine brave viktorianische Kinder zu machen, die in einer Veranstaltung der feinen Gesellschaft keinen Fauxpas begehen (wie zum Beispiel Eichhörnchen kläffenden den Baum hinauf zu jagen …).

Wenn ich ehrlich bin, dann passiert kaum etwas in dieser Geschichte. Man verfolgt wie Miss Lumley (die wunderbare, süße und unerschrockene Miss Lumley) all ihre Gewitztheit aufbringt, um die drei Kinder zu erziehen. Diese hingegen sind so dankbar für die Aufmerksamkeit und Zuwendung, die sie von ihrer Gouvernante bekommen, dass sie sich die größte Mühe geben, um alle Erwartungen zu erfüllen. Dazu kommen noch Lord und Lady Ashton, die immer wieder (unbewusst) die Erfolge von Miss Lumley sabotieren, und ein rätselhafter Angestellter, der auch nicht gerade zugunsten der Kinder aktiv zu werden scheint.

Maryrose Wood hat hier eine so unheimlich charmante und im besten Sinne altmodische Geschichte geschaffen, dass es gar keine großen Handlungshöhe oder -tiefpunkte benötigt, um gut unterhalten zu werden. Obwohl ein Hauch von Grusel in der Luft liegt (man malt sich zum Beispiel immer die schlimmste Alternative aus) passiert nichts, was nicht auch von einem extrem ängstlichen Kind gehört werden könnte. Trotzdem erinnert die Atmosphäre an eine Mischung aus Gruselgeschichte und klassischer britischer Erzählung für Kinder. Gespickt ist das Ganze dann noch mit einem wunderbaren Humor und so habe ich ständig vor mich hingekichert, während das Hörbuch lief.

Während ich es normalerweise immer ganz besonders schrecklich finde, wenn Kinder in Büchern/Hörbüchern besonders „niedlich“ sprechen, so habe ich es hier – auch dank der tollen Leistung von Katja Danowski – einfach nur niedlich gefunden, wenn die drei Kinder mal wieder wufften und wuhten und kläfften. Überhaupt hat die Sprecherin – soweit ich das beurteilen kann, ohne die Buchvorlage zu kennen – das Beste aus dem Text herausgeholt und so einiges zum Charme der Geschichte beigetragen. Ich gehe bei einer „Autorisierten Audiofassung“ davon aus, dass Kürzungen oder Veränderungen vorgenommen wurden, aber ohne den direkten Vergleich merkt man davon nichts.

Ich bin ganz verliebt in Miss Lumley und ihre Schützlinge, ich bin schrecklich neugierig auf die weiteren Teile der Geschichte, bange, dass Lord Ashton und seine Leidenschaft für die Jagd noch zu einer Katastrophe führen und bin überhaupt überzeugt davon, dass jeder mit einer Schwäche für niedliche und „britische“ Geschichten mal in „Das Geheimnis von Ashton Place“ reinhören sollten! 😉

Susanne Goga: Die Tote von Charlottenburg

Über Hanne bin ich über das Buch „Die Tote von Charlottenburg“ gestolpert und hat mir dann aus lauter Neugier den Roman in der Bibliothek vorbestellt. Der Titel ist schon der dritte Roman rund um den Kommissar Leo Wechsler, aber ich hatte beim Lesen nicht das Gefühl, dass ich relevante Dinge verpasst hätte oder der Geschichte nicht folgen könnte, weil ich die ersten Teile nicht kannte.

Die Handlung setzt im Juli 1923 bei einem Urlaub in Hiddensee ein, den Kommissar Leo Wechsler gemeinsam mit seiner Freundin Clara Bleibtreu verbringt. Eines Morgens lernt Clara am Strand eine ungewöhnliche Frau kennen, die Ärztin Henriette Strauss. Obwohl sich die beiden Frauen nur kurz unterhalten, hinterlässt die Medizinerin einen nachhaltigen Eindruck bei Clara und so erzählt sie auch Leo von dieser Begegnung. Nur wenige Wochen später wird Leo gebeten in einem dubiosen Todesfall zu ermitteln, da sowohl der Hausarzt, als auch der Neffe der Toten befürchten, dass nicht eine einfache Lungenentzündung, sondern eine unnatürliche Einwirkung von Außen zum Tod der engagierten Ärztin Henriette Strauss geführt haben.

Ich muss zugeben, dass ich den Kriminalfall nur so ganz nett fand. Obwohl es so einige Verdächtige gibt, die alle ihren Grund gehabt hätten,  um der Ärztin Übles zu wollen, fand ich diesen Aspekt des Roman etwas zu sehr vorhersehbar. Sowohl die Hintergründe des Mordes, als auch die Ausgangssituation, die dazu geführt hat, lagen für mich viel zu schnell auf der Hand. Trotzdem habe ich „Die Tote von Charlottenburg“ sehr gern gelesen und mich gut unterhalten gefühlt. Susanne Goga hat für ihren Roman nicht nur realistische Figuren geschaffen, die mit ihren Stärken und Schwächen stimmig wirken und zum Teil schnell meine Sympathie hatten, sondern sie hat sich auch mit einem sehr interessanten Teil der deutschen Geschichte befasst.

Während man als Leser Leos Ermittlungen verfolgt, wird man mitten ins Berlin der 20er-Jahre geworfen. Hier herrscht durch die extreme Inflation, die Arbeitslosigkeit und politische Instabilität eine explosive Stimmung. Es gehört inzwischen zum erschreckenden Alltag, dass Kinder verhungern, weil sich die Eltern kein Essen mehr leisten können. Die Menschen verhökern ihr letztes Hab und Gut, um noch etwas Geld für Lebensmittel zu bekommen und für einen einzigen Brotkauf muss man mit einer ganzen Tasche voll Papiergeld zahlen.

Unter diesen Umständen ist es auch nicht verwunderlich, dass immer mehr Frauen heimlich einen Weg suchen, um eine verbotene Abtreibung durchführen zu lassen. Was wiederum zu der Ärztin Henriette Strauss führt, die in einer Beratungsstelle für schwangere Frauen gearbeitet hat. Über diese Figur gelingt es der Autorin nicht nur einen kleinen Einblick in den umstrittenen Forschungsbereich in Krankenhäusern zu bieten, sondern auch eindringlich zu zeigen wie die Stellung der Frau zu dieser Zeit in der Gesellschaft war. Und auch der immer wieder aufflackernde Hass gegen Juden in der Bevölkerung, der durch den aufkommenden Nationalsozialismus noch angefacht wird, wird durch einen jüdischen Mitarbeiter von Leo gut in die Geschichte eingebunden.

Diese historischen Aspekte sind es dann auch, die „Die Tote von Charlottenburg“ so spannend machen. Susanne Goga erzählt in ihrem Roman eigentlich nichts Neues, aber ihr gelingt es die kleinen bekannten Details so zu verknüpfen, dass sie für den Leser realer werden. Man spürt die Frustration der Menschen, kann sogar ein wenig verstehen, wie es zu Ausschreitungen kommen kann und ist verzweifelt, weil man als Leser schon weiß, dass es nicht besser wird für die Menschen. Und es ist einfach ein Unterschied, ob man in einem Sachbuch über den Wertverlust des Geldes liest oder ob man in einem Roman den Alltag der Figuren unter diesen Umständen miterleben kann.

Auch hat es mir gefallen wie die Autorin die Charaktere angelegt hat. Obwohl Leo und Clara und Henriette Strauss (über die man im Laufe der Geschichte sehr viel erfährt) sehr intelligente und aufgeschlossene Menschen sind, sind sie doch Figuren ihrer Zeit. Sie haben – bei aller Offenheit für andere Meinungen – ihr Vorurteile, ihre auch mal beschränkten Vorstellungen vom Leben und ihre Ängste und Befürchtungen. Ein ganz einfaches Beispiel dafür ist Leos Unverständnis gegenüber Clara, als er sie bittet seine Frau zu werden. Ihm ist nicht bewusst, dass eine „normale Ehe“ für Clara eine Art Rückschritt wäre, nachdem sie sich von ihrem ersten Mann hatte scheiden (und somit die gesellschaftliche Ächtung über sich hatte ergehen) lassen und sich ein selbstständiges Leben aufgebaut hat.

Alles in allem hat mich „Die Tote von Charlottenburg“ als Kriminalroman zwar nicht so packen können, aber dafür hat mich das Buch als historischen Roman so weit überzeugt, dass ich die Augen nach weiteren Titeln von der Autorin aufhalten werde.

P.S.: Ich zähle den Roman für den Punkt „Feindschaft/Rivalität“ für die Themen-Challenge, da Rivalität ein Grund für den Mord war. Leider kann ich in diesem Text nicht direkt darauf eingehen, weil ich sonst die eh schon etwas arg offensichtige Lösung für diesen Mord bestätigen würde.

Seanan McGuire: Ashes of Honor (October Daye 6)

Nachdem ich ein paar Monate eine October-Daye-Pause machen musste, gab es am ersten Novemberwochenende für mich den aktuellen Band der Serie für die English-Challenge. Und da „Ashes of Honor“ schon der sechste Teil der Reihe ist, enthält diese Rezension unvermeidliche Spoiler zum Inhalt – also nur lesen, wenn man den fünften Band schon kennt!

Ein Jahr ist vergangen, seitdem October den Tod ihres Geliebten Connor miterleben musste, und ein Jahr ist vergangen, seitdem sie ihre Tochter Gillian vor die Wahl zwischen der Menschenwelt und ihrer übernatürlichen Herkunft stellen musste. In ihrer Trauer um die beiden ist Toby in den letzten Monaten unverantwortliche Risiken eingegangen – und so langsam geht ihrer Umgebung die Geduld mit ihrem selbstmörderischen Verhalten aus.

Aufgerüttelt wird Toby erst durch einen Auftrag von Etienne, dem Seneschall ihres Lords. Dieser hat gerade erst erfahren, dass er eine Tochter hat – und dass diese vermisst wird. Vor sechzehn Jahren hatte Etienne eine Affäre mit einer Professorin für Folklore und obwohl er sie seit ihrer Trennung im Auge behalten hat, gelang es der Frau ihm zu verschweigen, dass aus dieser Beziehung eine Tochter hervorgegangen ist. Chelsea hat anscheinend die Fähigkeiten ihres Vaters geerbt Türen in andere Räume zu öffnen und so zu teleportieren. Und nun ist Chelsea vor den Augen ihrer Mitschüler verschwunden und ihre Eltern müssen befürchten, dass sie entweder die Kontrolle über ihre Fähigkeiten verloren hat oder gar von jemanden entführt wurde, der mit dem Wechselbalg nichts Gutes im Sinn hat.

Für Toby bietet auch dieser Fall wieder einige Herausforderungen. Erst einmal ist es für sie nicht gerade einfach mit einem Mädchen mitzuhalten, das teleportieren kann (und kaum Kontrolle über diese Fähigkeit hat) und dann erinnert sie Etiennes Situation an ihren eigenen Verlust. Auch wenn Toby aufgrund ihrer besonderen Magie in der Lage war Gillians Leben nach ihrer Entscheidung für die Menschenwelt zu retten, so wird sie ihre Tochter nie wiedersehen. Außerdem bringt Tybalt, der October bei der Suche nach dem Mädchen zur Seite steht, sie immer wieder aus dem Tritt. Ihre Gefühle für den König der Katzen sind im Laufe der Zeit gewachsen, aber noch hat Toby das Gefühl, dass sie Connor verraten würde, wenn sie eine neue Beziehung einging. Erst als Tybalt aufgrund von Intrigen an seinem Hof in Gefahr gerät, bringt es Toby fertig einen Schritt auf ihn zu zu gehen.

Seanan McGuire hat in „Ashes of Honor“ einen sehr großen Schwerpunkt auf Octobers Beziehung zu Tybalt gelegt und ich muss zugeben, dass mir das sehr gefallen hat. Endlich wird Toby gezwungen ein paar Dinge hinter sich zu lassen und sich mit ihren Gefühlen für den König der Katzen auseinanderzusetzen. Das führt nicht nur zu einer Menge Tybalt-Zeit in diesem Roman (und ja, ich habe eine Schwäche für diese Figur!), sondern auch zu einigen neuen Informationen über die beiden Höfe der Katzen  und das dort herrschende Machtverhältnis. Aber auch über die ursprünglichen Herkunftsorte der übernatürlichen Wesen und was die Abwesenheit von Oberon für die Gemeinschaft der Feen bedeutet gibt es so einige neue Informationen, die die Seanan McGuires Fantasywelt wieder ein Stückchen komplexer und interessanter machen.

Ich bin sehr gespannt, wie es nach diesem Band mit der Geschichte weitergeht. Ein bisschen habe ich schon das Gefühl, dass man spürt, dass die Autorin die Handlung konzipierte, als sie noch nicht sicher sein konnte, dass ihr Verlag noch mehr October-Daye-Romane veröffentlichen will. Man könnte „Ashes of Honor“ ganz gut als Ende der Reihe nehmen, denn am Ende geht es mit Tobys Leben ein ganzes Stück aufwärts. Umso gespannter bin ich, was Seanan McGuire für ihre ungewöhnliche Heldin noch auf Lager hat und welche Wendungen für den großen Handlungsbogen in den kommenden drei Romanen noch kommen werden …

Sue Monk Kidd: Die Bienenhüterin

Über „Die Bienenhüterin“ bin ich auf mehreren Blogs (z.B. „Blattgold“ und „Bookberry“) gestolpert, aber aus irgendeinem Grund brauchte ich eine Weile, bis ich meiner Neugier nachgab und das Buch dann über die Bibliothek in die Finger bekommen habe. (Und nach dem Schreiben der Rezi ist mir dann noch aufgegangen, dass der Titel gut für den Punkt „Schuld“ der Themen-Challenge passt, so dass ich dafür auch endlich mal wieder etwas besprochen habe.)

Die Geschichte spielt im Jahr 1964 in den Südstaaten der USA und dreht sich in erster Linie um die junge Lily Owens. Das Mädchen ist die Tochter eines Farmers, der vom Anbau von Pfirsichen lebt. Während der Vater Lily ablehnt und sie ständig auf der Hut sein muss vor seinem unberechenbaren Temperament, seinen Schlägen und seinen Bestrafungen, findet sie etwas Halt bei der schwarzen Rosaleen, die sich seit Lilys viertem Lebensjahr um sie kümmert. Doch nicht einmal mit Rosaleen kann das Mädchen über seine Mutter Deborah reden, die durch eine Waffe getötet wurde, welche in den Händen der damals vierjährigen Lily losging.

Als Rosaleen dann auch noch ins Gefängnis geworfen wird, nachdem sie sich – wie es nach dem frisch erlassenen „Civil Rights Act“ ihr Recht ist – als Wählerin registrieren lassen will und dabei mit einer Gruppe rassistischer weißer Männer aneinandergerät, beschließt Lily, Rosaleen aus der Gewalt der Polizei zu befreien und mit ihr zusammen wegzulaufen. Unterschlupf finden die beiden bei drei ungewöhnlichen Schwestern. Die älteste Schwester Augusta hatte zwar vor Jahren am College für Farbige studiert, um Lehrerin zu werden, doch nun verdient sie ihren Lebensunterhalt als „Bienenhüterin“ (Imkerin). Auch die zweite Schwester, June, ist Lehrerin und lebt ansonsten für ihre Musik, während May, die dritte Schwester, psychische Probleme hat und sich in ihren „guten Phasen“ um den Haushalt der drei kümmert.

Diese drei Frauen bieten Lily und Rosaleen nicht nur eine Zuflucht, sondern auch ihre Zuneigung und Zeit, um sich zu erholen und zu sich selbst zu finden. Während Rosaleen sich problemlos in den Haushalt der drei Frauen einfügt, muss Lily mit einer Menge Dinge fertig werden. Sie ist nicht nur Schuld am Tod ihrer Mutter und hat diese Tatsache noch lange nicht verarbeitet, sondern muss auch damit leben, dass ihr Vater keinerlei Zuneigung für sie empfindet. Zusätzlich wird ihr bewusst, dass sie Rosaleens Situation durch ihre gemeinsame Flucht nicht einfacher gemacht hat und dass sie – trotz aller Gefühle, die sie für Rosaleen hegt – eine Menge Vorurteile gegenüber Farbigen hat, die sie nun revidieren muss.

„Die Bienenhüterin“ ist eine ruhige und leise Geschichte mit ganz viel Südstaatenatmosphäre und vielen kleinen, berührenden und liebevollen, aber auch skurrilen Szenen. Lily ist aufgrund ihrer Geschichte kein ganz normales Mädchen, aber trotzdem sehr realistisch von der Autorin angelegt worden. Die drei Schwestern sind sehr unterschiedlich, sehr sympathisch und genau das, was Lily in ihrem Leben gefehlt hat. Gerade zu Augusta baut sie eine enge Verbindung auf. Augusta macht ihr bewusst, dass sie – trotz der Schuld, die sie als kleines Kind auf sich geladen hat – wert ist, geliebt zu werden.

Mir hat es auch gefallen, wie Sue Monk Kidd in dieser Geschichte mit dem Thema Rassismus umgeht. Durch die Verabschiedung des „Civil Rights Act“ kommt sehr viel in Bewegung, und doch ist jedem bewusst, dass ein Gesetz allein nicht ausreicht, um gegen Rassismus vorzugehen. Obwohl sowohl Rosaleen, als auch Zack, ein Freund von Lily, der Willkür der Weißen ausgesetzt sind und schlimme Momente erleben müssen, hatte ich nicht das Gefühl, dass die Autorin diese Szenen ganz schlicht beschrieben hätte. Sue Monk Kidd hat mit ihrer Darstellung eher die bedrückende Alltäglichkeit dieser rassistischen Verhaltensweisen beschrieben, statt sie besonders zu betonen. Ich empfinde so ein Vorgehen immer als eindringlicher, als wenn mir große Tragik vorgesetzt würde.

Doch vor allem Lilys Suche nach Absolution, nach Zuneigung, nach einem Platz im Leben und nach Informationen über die Mutter, die auf so schreckliche Weise gestorben ist, stehen im Mittelpunkt des Romans. Und während Lily von Augusta in die Kunst des Bienenhütens eingeweiht wird und Details über die drei Schwestern und ihr Leben erfährt, erlebt sie zum ersten Mal, dass es Menschen gibt, die ihr Luft zum Atmen lassen und sie so akzeptieren, wie sie ist. Trotzdem ist es für Lily nicht einfach, mit ihren Erinnerungen fertig zu werden und einen Weg zu finden, mit sich und den Altlasten, die ihre Eltern ihr mitgegeben haben, umzugehen. Das alles fand ich berührend, aber auch bedrückend, amüsant und wunderbar atmosphärisch.

Und da mich der Roman an einige Filme erinnert hat, die ich sehr gern gesehen habe, werde ich mir vermutlich irgendwann auch noch die Verfilmung besorgen und schauen, ob sie dem Buch gerecht wird.

November-SuB 2012

Im Oktober habe ich relativ viele Bücher angefangen und dann doch nicht beendet. Trotzdem bin ich auf 10 gelesene Bücher, 4 gelesene Manga und 3 gehörte Hörbücher gekommen. Im November schaffe ich hoffentlich endlich die noch ausstehenden Rezensionen für die Themen-Challenge, außerdem muss ich mal wieder etwas gezielter lesen, wenn ich meine persönlichen Vorhaben in diesem Jahr noch schaffen will.

A (3)
Ben Aaronovitch: Schwarzer Mond über Soho
Ariette Aerts: Zwischenwelten
Tim Akers: Das Herz von Veridon

B (9)
Quentin Bates: In eisigem Wasser
Quentin Bates: Kalter Trost
Alfred Bekker: Drachenring (Die Drachenerde-Saga 2)
Alfred Bekker: Drachenthron (Die Drachen-Erde-Sage 3)
Bettina Belitz: Dornenkuss
Jenna Black: Rosendorn
Marie Brennan: Doppelgänger
Marie Brennan: Hexenkrieger
Frank Bresching: Der Teufel von Grimaud  

C (2)
Jennifer Chiaverini: Der Weihnachtsquilt
Eoin Colfer: Das Zeit-Paradox (Artemis Fowl)

D (4)
John Dickinson: Das Kind des Schicksals
Joe Donnelly: Jack Flint und der Dämon der Schlangen
Joe Donnelly: Jack Flint und der Raub der Kupferschriften
Rebecca Drake: Still sollst du sterben  

E (0)

F (10)
Melissa Fairchild: Weltenwanderer
Francecso de Fillipo: Gezeichnet
Alex Finn: Beastly
Gayle Forman: Wenn ich bleibe
Alan Dean Foster: Echsenwelt
Alan Dean Foster: Die Stimme des Nichts
Alan Dean Foster: Patrimonium
Alan Dean Foster: Quofum
Alan Dean Foster: Die Spur der Tar-Aiym
Earlene Fowler: Tödliche Schatten

G (1)
Sandra Grimm: Der heimtückische Hühnermord

H (5)
Karola Hagemann: Jung stirbt, wen die Götter lieben
Brendan Halpin: I can see clearly now
Frederike Hieronymi: Silla – Tochter der Wölfin, Die Prophezeiung
Lisa Higgins: In Liebe, Rachel
Will Hill: Department 19 – Die Mission

I (1)
John Irving: Letzte Nacht in Twisted River

J (1)
P.D. James: Ein makelloser Tod

K (5)
Elisabeth Kabatek: Laugenweckle zum Frühstück
Tom Kahn: Das Tibet-Projekt
Jörg Kastner: Die Tulpe des Bösen
Celine Kiernan: Schattenpfade
Clara Kramer: Eine Handbreit Hoffnung

L (1)
Siri Lindberg: Nachtlilien

M (3)
Chris Marten: Hydra
Christoph Marzi: Lyra
Boris Meyn: Die Schattenflotte

N (2)
Melissa Nathan: Mit Milch und Zucker
Jo Nesbo: Headhunter

O (0)

P (4)
Jackson Pearce: Blutrote Schwestern
Renata Petry: Hilgensee
Bernd Perplies: Magierdämmerung – In den Abgrund
Ursula Poznanski: Saeculum

Q (0)

R (12)
Jennifer Rardin: Man lebt nur ewig
Sarah Rayner: Das Licht des frühen Tages
Ilkka Remes: Das Erbe des Bösen
Mike Resnick: Mallory und der Taschendrache
Ransom Riggs: Die Insel der besonderen Kinder
Silvia Roth: Querschläger
Michael Rothballer: Tausendsturm (Vermächtnis der Schwerter 1)
Michael Rothballer: Feuerzwinger (Vermächtnis der Schwerter 2)
Michael Rothballer: Götterschild (Vermächtnis der Schwerter 3)
Patrick Rothfuss: Die Königsmörder-Chronik 1 – Der Name des Windes
Craig Russel: Lennox
Craig Russel: Walküre

S (8)
Victoria Schlederer: Des Teufels Maskerade
Jens Schumacher: Ambigua – Der Sternstein von Mogonthur
Alexander Schwarz: flip rouge
Helen Simonson: Mrs. Alis unpassende Leidenschaft
Ilka Stitz: Wer Fortuna trotzt
Jonathan Stroud: Bartimäus – Das Amulett von Samarkand
Rosemary Sutcliff: Troja oder die Rückkehr des Odysseus
Rosemary Sutcliff: König Artus und die Ritter der Tafelrunde

T (10)
Amy Tan: Der Geist der Madame Chen
Charles den Tex: Die Zelle
Thomas Thiemeyer: Nebra
Thomas Thiemeyer: Chroniken der Weltensucher 2 – Der Palast des Poseidon
Thomas Thiemeyer: Chroniken der Weltensucher 3 – Der gläserne Fluch
P.J. Tracy: Der Köder
P.J. Tracy: Mortifer
P.J. Tracy: Memento
Jonathan Tropper: Sieben verdammt lange Tage
Gail Tsukiyama: Die Straße der tausend Blüten

U (0)

V (0)

W (5)
Danny Wallace: Auf den ersten Blick
Lauren Weisberger: Die Party Queen von Manhattan
Gabriele Wollenhaupt: Leichentuch und Lumpengeld
Gabriella Wollenhaupt: Grappa und die keusche Braut
Elizabeth Woods: Caras Schatten

X (2)
Xinran: Gerettete Wort
Xinran: Wolkentöchter

Y (1)
Rick Yancey: Der Fluch des Wendigo

Z (0)

89 Titel auf dem SuB

Englischer SuB:
Jennifer Carson: Hapenny Magick
Seanan McGuire: Ashes of Honor
Tamora Pierce: Bloodhound (The Legend of Beka Cooper #2)
Tamora Pierce: Mastiff (The Legend of Beka Cooper #3)
Tamora Pierce: Melting Stones (Circle Reforge)

3 Titel auf dem englischen SuB

(fett markierte Titel habe ich in diesem Monat gelesen)
(kursive Titel sind neu hinzugekommen)

Wenn selbst eine flache Liebesgeschichte zu unglaubwürdig wird …

Gegen Jahresende überkommt mich mit relativer Berechenbarkeit die Lust auf eine weihnachtliche Liebesgeschichte. Irgendein Roman, der total vorhersehbar und kitschig ist, muss dann gelesen werden! Allerdings versuche ich dabei kein Buch in die Hände zu bekommen, bei denen dann noch Engel vorkommen oder irgendwelche ominösen Wunder geschehen. Ich suche nur so ein bisschen zuckersüßen Adventskitsch zum Entspannen …

In diesem Jahr flatterte mir ziemlich früh mein „Weihnachtsbuch“ ins Haus, und nachdem es gestern den ersten Schnee bei uns gab, hatte ich gerade Lust, in den Roman reinzuschnuppern. Doch nach den ersten siebzig Seiten von „Ein Weihnachtswunder zum Verlieben“ von Ali Harris bin ich so abgeschreckt, dass ich bezweifle, dass ich mich zum Weiterlesen überwinden kann. Anhand des Klappentextes hatte ich eine niedliche Geschichte rund um ein altes und verstaubtes Londoner Traditionskaufhaus erwartet, bei dem die Belegschaft nur noch die Adventszeit hat, um den Laden so weit in Schwung zu bringen, dass er nicht an amerikanische Investoren verkauft wird.

Bislang deutet sich dieser Teil der Geschichte nur ganz vage an, dafür hat es die Autorin geschafft, eine strunzdumme und unglaubwürdige Protagonistin zu erschaffen, der ich seit mehreren Seiten gern eine kräftige Ohrfeige verpassen würde. Und der Autorin würde ich gern ein paar Worte zum Thema „glaubwürdige Grundsituationen“ erzählen!

Die Geschichte spielt heutzutage in London, die Protagonistin heißt Evie und hat mit 21 Jahren den Abschluss an der Kunsthochschule gemacht. Dann lernte sie ihren ersten Freund kennen und war anscheinend fünf Jahre lang nichts anderes als eine „Freundin“. Kein Wort über irgendwelche Jobs, dafür eine Runde Lamentieren über fehlende Berufserfahrung. So ein Verhalten ist einfach nur nervig, aber okay, das könnte ich noch hinnehmen.

Fünf Jahre später hat sich Evies Freund von ihr getrennt und sie flüchtet sich zu ihrer großen Schwester. Und als die sagt, dass sie nun etwas aus sich machen müsste, geht sie in ihr Lieblingskaufhaus und wird dort ganz zufällig für eine neue Angestellte gehalten und landet im Lager. Abgesehen von dieser entsetzlichen Passivität der Hauptfigur, die hier schon wieder zum Ausdruck kommt, wird die ganze Szene auch nicht sehr glaubwürdig beschrieben. Aber gut, so weit war ich auch noch bereit, mich auf die Geschichte einzulassen.

Und während Evie es in einem Monat schafft, das Lager so umzuräumen und zu organisieren, dass die seit dem zweiten Weltkrieg (wie bitte?!) eingelagerten Sachen ebenso übersichtlich verstaut sind wie die Neuzugänge, bekommt sie es nicht hin, dass ihre Kollegen kapieren, dass sie nicht ihre Vorgängerin Sarah ist! Zu dem Zeitpunkt, an dem der Roman spielt, arbeitet Evie seit zwei Jahren in dem Kaufhaus und wird immer noch von allen Sarah genannt. An der Mitarbeitertafel hängen immer noch das Foto und der Name der Vorgängerin und keinem fällt auf, dass die Frau im Lager vielleicht etwas anders aussieht. Außerdem ist Evie inzwischen – angeblich – mit Carly, einer besonders attraktiven, glamourösen und extrovertierten Verkäuferin, gut befreundet und hat selbst die bislang nicht über die Namensverwechslung aufgeklärt. Wie glaubwürdig ist das denn noch?

Abgesehen davon, dass ich mich frage, wie das auf der bürokratischen Ebene laufen soll! Arbeitet Evie seit zwei Jahren umsonst, während Sarah immer noch Lohn für einen Job bekommt, den sie damals vor lauter Langeweile hingeworfen hat? Ich meine, die Geschichte spielt heutzutage in London und nicht in irgendeinem Setting, bei dem die Angestellten am Ende der Woche ihren Lohn bar auf die Hand bekommen. Es muss so etwas wie Buchhaltung geben und irgendeine Kommunikation zwischen der Buchhaltung und Evies Vorgesetzten. So etwa wie Stundenabrechnungen, Krankenversicherungen, Steuerunterlagen und Ähnliches – wie kommt die Autorin also auf den Gedanken, dass ich als Leserin so etwas einfach hinnehmen kann?

Der Punkt, an dem ich dann das Buch entnervt von mir geworfen habe, kam, als Evie sich ein glitzerndes Top anzog und ihre langen Haare hochsteckte und auf einmal von einem Typen, der gerade eben erst mit der schillernden Carly geflirtet hatte, für diese gehalten wurden. Natürlich hat der Mann nicht erkannt, dass er nun mit einer anderen Frau redet, und natürlich hat er die Verabredung zum Date noch einmal bekräftigt – und ebenso natürlich hat Evie die Verwechslung nicht aufgeklärt, obwohl sie sich kurz zuvor noch über ihre zwei Jahre als „Sarah“ aufgeregt hatte.

Nun bin ich frustriert, dass ich die letzte Stunde mit so einem unglaubwürdigen Mist verbracht habe. Ich bin  sauer, weil die Autorin anscheinend davon ausgeht, dass der Leser so etwas in einem weihnachtlichen Liebesroman einfach hinnimmt. Und ich bin überrascht (und erstaunlich verärgert), dass es bei Amazon doch wirklich eine 5-Sterne-Rezensionen für dieses Machwerk gibt.

Alte Katzen

Vor gut sieben Monaten hatte mir meine Mutter ein Buch geliehen, dass sie beim Lesen wirklich bewegt hatte. Erst hatte mich der Geruch nach Zigarettenrauch abgeschreckt, dann hatte ich einfach keine Lust auf den Roman. Da ich aber morgen ein Paket an meine Mutter schicken werde, habe ich mir heute Nachmittag das Buch endlich vorgenommen und bin über eine Stelle gestolpert, die ich dann doch ausnahmsweise mal zitieren möchte:

„Ein Kätzchen schließt man leicht ins Herz. […] Die Liebe zu einer alten Katze ist dagegen in langen Jahren gewachsen. Sie pinkelt aufs Kissen und übergibt sich als Form stillen Protestes. Wenn man mit einer alten Katze zusammenwohnt, lernt man nachsichtig zu sein.“
(Helen Brown, Cleo – Wie eine kleine Katze das Lachen in unsere Familie zurückbrachte“, S.369)

Ich gebe zu, an manchen Tagen ist es mit der Nachsicht nicht so einfach. Aber nach so vielen gemeinsamen Jahren findet man sich mit so mancher Eigenheit ab. 🙂

Foto von Natira, Oktober 2010

Herbst

Der eine oder andere Blogleser hat ja schon mitbekommen, dass ich den Herbst wirklich liebe, und hier gibt es ein paar Fotos, die zeigen, warum das so ist.

Sich mit einer Decke und den Katzen auf dem Sofa einkuscheln:

Herbstfarben:

Und frisch gebackene Appletarte zum Nachmittagstee:

Jessica Kremser: Frau Maier fischt im Trüben

In letzter Zeit bin ich an Romanen, die nach deutschem Regionalkrimi klangen, eher vorbeigegangen. Irgendwie hatte ich davon ein paar zu viel und so langsam kam das Gefühl auf, dass immer mehr auf „Humor“ gesetzt wird statt auf Regionalität oder gar eine stimmige Kriminalgeschichte. Trotzdem hat mich die Inhaltsbeschreibung von „Frau Maier fischt im Trüben“ nicht so recht losgelassen, obwohl das Buch vom Verlag als „Chiemgau-Krimi“ bezeichnet wird. Und ich bin ehrlich froh, dass ich meine Vorurteile lange genug überwunden habe, um mit Frau Maier auf Mörderjagd zu gehen.

„Frau Maier fischt im Trüben“ von Jessica Kremser ist ein wunderbar leiser Krimi, bei dem es mir beim Lesen weniger um die Identität des Täters ging als um die Protagonistin. Frau Maier lebt seit ihrer Kindheit in dem kleinen Ort Kauzing am Chiemsee. Obwohl sie auch mit über sechzig Jahren immer noch die „Zugezogene“ ist und kaum Kontakte im Ort hat, ist sie dort fest verwurzelt. Als Putzfrau hat sie ein sehr bescheidenes Auskommen und wenn sie nicht eine Hütte am Seeufer von ihren Eltern geerbt hätte, so würde sie trotz ihres wenig anspruchsvollen Lebensstils nicht zurechtkommen.

Es gibt eigentlich nur vier Dinge, an denen ihr Herz hängt: Elvis, gutes Essen, ihre Katze und der Chiemsee. Den See beobachtet sie nun schon seit vielen Jahrzehnten, so auch an dem Morgen, an dem sie und ihre Katze am Ufer einer Leiche finden. Da Frau Maier kein Telefon in ihrem abgelegenen Häuschen hat, läuft sie in den Ort, um die Polizei zu rufen – und in der Zwischenzeit verschwindet die Tote. Für die Behörden steht so schnell fest, dass sie es mit einer verwirrten alten Frau zu tun haben, die ihnen Ärger macht, um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen.

So sieht sich Frau Maier gezwungen zu beweisen, dass sie wirklich eine Leiche gefunden hat – vor allem, da sie die Tote auch erkannt hatte und sich nun fragt, warum jemand die Frau ermordet haben könnte. Um den Mörder, der ihr Nacht für Nacht mit boshaften Streichen Angst einflößen will, zu finden, nutzt Frau Maier nicht nur die Quellen, die ihr als Putzfrau zur Verfügung stehen. Sie erkennt auch wie nützlich es nun ist, dass sie ihr Leben lang eine Beobachterin am Rande der Ortsgemeinschaft war und wie viel Wissen sie auf diese Weise über ihre Nachbarn gesammelt hat.

Mir persönlich hat das Eintauchen in Frau Maiers Welt richtig gut getan und ich hatte die einsame Frau schon nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen. Frau Maier ist durch und durch bodenständig, hat ihre täglichen Rituale, liebt die Natur (vor allem den See vor ihrer Tür) und geht jedes Problem wunderbar sachlich an. Einzig ihre Gefühle für den – schon lange mit einer anderen verheirateten – Fischer-Karli und ihre Leidenschaft für Elvis verrät, dass auch sie in ihrem Leben Träume und Wünsche hatte, die sie aber tief in ihrem Herzen verschließen musste.

Stück für Stück erfährt man als Leser mehr über Frau Maier und während sich die Situation zwischen ihr und dem Mörder immer weiter zuspitzt, verändert sich die alte Frau unmerklich. Hatte sie ihr ganzes Leben lang versucht keine Aufmerksamkeit zu erregen, so muss sie nun bewirken, dass man sie wahrnimmt und ihre Aussagen ernst nimmt. Die Suche nach dem Mörder und den Hintergründen der Tat sorgt dafür, dass auch ihre Sicht auf ihre Person ändert und dass sie Fähigkeiten an sich entdeckt, die sie sich nie zugetraut hätte.

Dabei wird Frau Maier – ebenso wie die Figuren in ihrer Umgebung – angenehm realistisch beschrieben. Sie ist eine alte Frau mit Zipperlein, leichten Gewichtsproblemen und Angewohnheiten, die nur schwer abzulegen sind. Mal musste ich beim Lesen an meine Großmutter denken, mal an eine alte Nachbarin und so gut wie nie kam mir eine Szene überzogen oder künstlich vor. Auch die Ortsgemeinschaft wird von der Autorin stimmig dargestellt. Anfangs kam es mir zwar etwas extrem vor, dass Frau Maier nach all den Jahren so wenig Kontakt gefunden hatte, aber durch ihre Persönlichkeit und die Zeit, in der sie und ihre Eltern an den Chiemsee gezogen waren, ließ sich auch das ganz gut erklären.

Einzig das Motiv des Täters hat mir nicht so gut gefallen (hach, jetzt würde ich wirklich gern mal spoilern), aber damit konnte ich leben, weil ich diese leise und unterhaltsame Geschichte rund um Frau Maier so genossen habe.