Tanya Huff: Sing the Four Quarters (A Quarters Novel 1)

Tanya Huff gehört ja zu den Autorinnen, von denen ich mir nach und nach noch die fehlenden Titel besorgen will. Die „Quarters Novel“ gibt es leider nur noch als relativ teure ältere TB-Ausgaben oder als eBooks (immerhin mit einem Extra-Band mit Kurzgeschichten). Da ich mir immer gut überlege, ob ich wirklich Geld für ein eBook ausgeben will, war ich sehr glücklich, als Natira mich vor ein paar Wochen darauf aufmerksam machte, dass es an dem Tag „Sing the Four Quarters“ umsonst für den Kindle gab. „Sing the Four Quarters“ ist ein klassisches High-Fantasy-Buch und obwohl ich das Genre nur noch selten lese, habe ich diesen Roman wirklich genossen (und werde mir definitiv auch die anderen Bände noch zulegen).

Das Königreich, in dem die Geschichte spielt, bedient sich ganz klassisch der Barden, um zu spionieren, Nachrichten zu verbreiten und Verträge zu bezeugen. Natürlich machen diese Barden auch Musik, wobei sie in der Lage sind, mit ihrer Stimme und ihren Instrumenten Naturgeister (Kigh) zu beeinflussen. Manche Barden haben nur Einfluss auf ein Element, andere hingegen – wie die Protagonistin Annice – können alle vier „Quarter“ singen, wenn auch in unterschiedlicher Stärke. Normalerweise ist es für eine Familie eine große Ehre, wenn ein Kind das Talent zum Barden zeigt, doch bei Annice war ihre Verwandtschaft nicht darüber erfreut, dass sie so ein großes musikalisches Talent besaß.

Annice ist die jüngste Schwester des aktuell herrschenden Königs und hat ihren Bruder nur durch eine List – die ihn in seinen Augen vor seinem sterbenden Vater und dem gesamten Land entehrt hat – dazu gebracht, sie Bardin werden zu lassen. Eine der Bedingungen, die ihr Bruder damals stellte, war, dass sie von dem Tag, an dem sie die Ausbildung beginnt. alle Rechte als Prinzessin abgibt und niemals ohne Erlaubnis des Königs Kinder bekommen würde. Dummerweise kommt Annice von ihrer letzten Reise schwanger wieder und muss nun einen Weg finden, um das ungeplante Kind und ihre eigene Haut vor ihrem Bruder zu retten. Damit Annice‘ Leben nicht zu einfach wird, wird sie auch noch in eine Intrige verwickelt, die dazu führt, dass Pjerin (der Erzeuger ihres Kindes) des Hochverrats angeklagt wird. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Stasya versucht Annice, ihr Kind, ihren Liebhaber und ihr Land zu retten, was zu einer amüsanten, berührenden und spannenden Geschichte führt, die ich rundum genossen habe.

Tanya Huff hat ein Händchen für Dialoge und Szenen, die mich zum Schmunzeln bringen. Ich mag ihre Protagonisten und ich mag es, wie selbstverständlich es in dieser Welt ist, dass zwei Frauen zusammenleben (und eine davon trotzdem Sex mit Männern haben mag). Auch die Charaktere fand ich insgesamt stimmig. Keiner von ihnen ist makellos, aber selbst bei den „Bösewichten“ kann man nachvollziehen, warum sie handeln, wie sie es tun. Und nachdem ich mich vor einiger Zeit darüber beschwert habe, dass Mütter in Fantasyromanen so gut wie nie eine tragende Rolle haben, ist es umso schöner, eine stimmige Darstellung einer schwangeren Frau in dieser Geschichte zu erleben. Annice ist zwar schwanger, aber das hält sie nicht davon ab, ihre Mission zu verfolgen. Dass ihr dabei ständig schlecht ist, erleichtert ihr die Sache nicht, und dass ihr verändertes Gewicht dazu führt, dass sie nicht die gewohnten Strecken pro Tag durchs Land laufen kann, erschwert die Angelegenheit nur noch mehr. Ihr Baby ist ihr wichtig, aber um es auf die Welt bringen zu können, kann sie nicht einfach abwarten und hoffen, dass schon alles gut wird.

Es schwierig nicht zu viele Details zu verraten und doch zu erwähnen, wie viele kleine Elemente mir an dieser Geschichte gefallen haben. Tanya Huffs Welt fühlt sich – ebenso wie die Figuren – realistisch an, ohne dass ich das Gefühl habe, sie hätte zu viel Raum in die Beschreibung dieser Welt gesteckt. Oft sind es scheinbar kleine Dinge, die zu Spannung führen, während man sich gleichzeitig beim Lesen wunderbar darüber amüsiert, dass zwei Figuren zusammen reisen müssen, die sich die ganze Zeit kabbeln. Und obwohl es ein paar kleinere Wendungen gibt, die vorhersehbar waren, weil es genügend Andeutungen für diese Entwicklungen gab, so hat die Autorin das Ganze am Ende so verpackt, dass es einfach Spaß macht zu sehen, auf welche Weise sich die Vorahnungen des Lesers erfüllen. Ich finde es einfach schön, wenn eine bewährte Autorin mich am Ende eines Buchs wieder so zufrieden zurücklässt. Das einzige Ärgerliche ist, dass ich frühestens im Herbst die weiteren Bände kaufen kann, weil ich natürlich mal wieder meinen Etat langfristig verplant habe. 😉

Emily Larkin: Unmasking Miss Appleby (Baleful Godmother 1)

Ich hatte vorher weder etwas von der Autorin noch von dem Roman gehört, als ich Ende Mai über einen „habe ich genossen, gibt es gerade kostenlos“-Link bei Twitter gestolpert bin. Weil sich die Inhaltsangabe nett anhörte, habe ich die Geschichte auf meinen eReader geladen und wollte sie dann nur kurz anlesen. Inzwischen habe ich vier Titel aus der Baleful-Godmother-Reihe gelesen und freue mich, dass ich noch mindestens zwei weitere Bücher vor mir habe. 😉

Emily Larkin hat mit „Unmasking Miss Appleby“ einen wunderbaren Historical geschrieben, der mehrere ungewöhnliche Elemente aufweist. So beginnt die Geschichte an dem Tag im Jahr 1805, an dem die Protagonistin, Charlotte Appleby, ihren 25 Geburtstag feiert und sich auf einmal ihrer Feen-Patentante gegenübersieht. Wie jede vernünftige Frau glaubt sie eigentlich nicht an Feen und hatte auch keine Ahnung, dass eine Vorfahrin dafür verantwortlich ist, dass jedes weibliche Mitglied ihrer Familie von einer Fee einen Wunsch gewährt bekommt. Doch nachdem Charlotte sich sicher ist, dass die unheimliche Frau, die in ihr Zimmer eingedrungen ist, wirklich eine Fee ist, geht sie sehr sachlich und überlegt an die Sache heran und entscheidet sich letztendlich für die Gabe der „Metamorphose“.

Seit vor einigen Jahren ihr Eltern gestorben sind, lebt sie als unbezahlte/s Hausmädchen/Gesellschafterin/Gouvernante im Haushalt ihres Onkels. Und obwohl dieser ihrem Vater versprochen hatte, dass Charlotte von ihrer Tante in die Londoner Gesellschaft eingeführt würde, hat der Onkel sein Versprechen nie eingehalten. So wünscht sich Charlotte nichts mehr, als irgendwie auf eigenen Füßen stehen und sich ihren Unterhalt selbst verdienen zu können. Durch die Gabe der Metamorphose ist sie nun in der Lage, sich in einen jungen Mann zu verwandeln und sich als Sekretär bei Lord Cosgrove zu bewerben. Sie ist sich sicher, dass sie die Arbeit gut verrichten kann – schließlich hat sie für ihren Vater schon eine ähnliche Position eingenommen. Allerdings war ihr nicht bewusst, wie wenig sie über das Leben als Mann in der Londoner Gesellschaft weiß und wie schwierig es werden würde, sich nicht zu verraten.

Lord Cosgrove (Marcus) hingegen ist dringend auf der Suche nach einem neuen Sekretär, nachdem sein früherer Angestellter bei einem Anschlag im Park schwer verletzt wurde. Dieser Anschlag galt dem Adeligen – und ist nur ein Ereignis in einer ganzen Reihe von Unerfreulichkeiten, die von eingeschlagenen Glasfenstern und Unrat auf seiner Türschwelle bis zu nächtlichen Angriffen reichen. Marcus selbst weiß nicht, wer für all diese Taten verantwortlich ist, verfügt aber über eine lange Liste von Verdächtigen, die aus politischen oder privaten Gründen etwas gegen ihn haben. Zu seiner großen Überraschung ist der junge Christopher Albin nicht nur bereit, die Stellung bei ihm als Sekretär anzunehmen, obwohl die Position nicht ohne Risiken ist, sondern Christopher kommt im Laufe der Zeit auch immer wieder an Informationen heran, die dem Lord wirklich helfen. Natürlich weiß Marcus nicht, dass sein neuer Sekretär eigentlich eine Frau ist und erst recht nicht, dass Charlotte ihre Gabe der Verwandlung nutzt, um für ihren neuen Arbeitgeber zu ermitteln.

Es gibt eine ganze Menge Dinge, die ich an diesem Roman mochte. Nicht nur fand ich die Protagonisten sympathisch, ich konnte ihr Verhalten in der Regel auch gut nachvollziehen (was ja nicht immer bei einem historischen Liebesroman gegeben ist) und mochte es, dass Charlotte ihre neu entdeckte Freiheit so wichtig war (und zwar so sehr, dass ihr ihr Job wichtiger ist als ihre Gefühle für ihren Arbeitgeber). Überhaupt ist Charlotte angenehm intelligent und vernünftig und testet – wenn sie die Zeit und Möglichkeit hat – jede neue Gestalt erst einmal, bevor sie sie wirklich einsetzt. Auch der „Beziehungsteil“ ist überraschend stimmig, wenn man bedenkt, dass Charlotte Marcus ja anfangs nur in männlicher Gestalt kennenlernt. Durch Lord Cosgrove entdeckt sie Ecken von London, von denen sie zuvor nie gehört hat, was nicht nur dazu führt, dass sie sich stellenweise sehr naiv anstellt, sondern auch, dass sie Einblick in das Leben und Denken von Männern bekommt, wie es für ihre Zeit und Stellung nun mal ungewöhnlich ist.

Das bringt sie dazu, dass sie Schritte ergreift, um Marcus – in ihrer realen Gestalt – näher kennenzulernen, die ich stimmiger finde, als in so manch anderem Roman. Auch verrate ich wohl nicht zu viel, wenn ich schreibe, dass es mehr als eine Sexszene zwischen den beiden Protagonisten gibt – und dass dieser Körperkontakt nicht von Anfang an für die beiden großartig und wiederholenswert ist. Für Charlotte ist der erste Sex in ihrem Leben sogar so unangenehm, dass sie es dabei durchaus belassen würde, wenn er nicht bei einem weiteren Treffen die Initiative ergreifen würde. Der Krimianteil ist jetzt nicht so wahnsinnig ausgefeilt, bietet Emily Larkin aber genügend Gelegenheiten, um die verschiedenen Figuren vorzustellen und Charlotte in die unterschiedlichsten Stadtteile von London zu führen – und damit ihre Geschichte nicht nur in gehobenen Adelskreisen spielen zu lassen. Ich habe mich wirklich wunderbar mit „Unmasking Miss Appleby“ amüsiert und mehr als einmal beim Lesen vor mich hingekichert, weil für Charlotte die Zusammenarbeit mit Marcus nicht immer einfach war und sie ständig auf der Hut sein musste (oder mitten ins Fettnäpfchen trat).

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Zum Schluss noch eine Anmerkung zu den weiteren drei Teilen, die ich bislang gelesen habe:
Sowohl „Resisting Miss Merryweather“ (Baleful Godmother 2), als auch „Claiming Mister Kemp“ (Baleful Godmother 4) sind deutlich kürzer als „Unmasking Miss Appleby“ und „Trusting Miss Trentham“ (Baleful Godmother 3), was sich auch auf die Qualität der Geschichten auswirkt. „Resisting Miss Merryweather“ war nett, aber nicht mehr als ein langer Anhang zum ersten Band, damit eine der Nebenfiguren noch ein Happy End bekommt. Sowohl die Tatsache, dass Miss Merryweather erst zum Schluss ihre magische Gabe bekommt, als auch die Handlung an sich haben mich nicht so sehr überzeugen können wie die Geschichte von Charlotte und Marcus.

„Trusting Miss Trentham“ habe ich hingegen wieder rundum genossen und mochte die Charaktere ebenso wie die Geschichte (inklusive den Ermittlungen rund um die Frage, wer bei einer Schlacht in Portugal wohl die Engländer verraten haben mag). Und obwohl „Claiming Mister Kemp“ einige Dinge aus „Trusting Miss Trentham“ wiederholt, so fand ich es schön mal eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern zu lesen, die in dieser Zeit spielt. Das ändert nichts daran, dass auch hier die Handlung etwas dünn ist und das Ganze ebenfalls geschrieben wurde, damit auch hier zwei Nebenfiguren noch etwas mehr Raum bekommen, als es in dem dritten Band der Reihe möglich war.

Es gibt noch vier weitere Geschichten, die Jahrhunderte vor den „Baleful Godmother“-Romanen spielen und erzählen, wie es überhaupt zu der Verbindung zwischen dieser Familie und den Feen kommt. Aber bislang kann ich dazu noch nichts sagen, weil ich erst einmal wieder etwas Abwechslung benötigte. Wer aber neugierig auf die Autorin und „Unmasking Miss Appleby“ geworden ist, kann den ersten Baleful-Godmother-Band und „The Fey Quartet“ kostenlos bekommen, wenn er sich für Emily Larkins Newsletter anmeldet.

Kelly Thompson und Brianne Drouhard: Mega Princess 1-5 (Comic)

Auf „Mega Princess“ wurde ich durch meinen Mann aufmerksam, als er mir den US-Comic-Katalog hinhielt und meinte, dass das doch was für mich sein könnte. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht mehr über die Comics, als dass mir die Protagonistin auf dem ersten Cover gefiel und dass es inhaltlich um eine Prinzessin ging, die gern ein Detektiv sein wollte. Inzwischen habe ich die ersten fünf Hefte (und damit den Handlungsstrang rund um den verschwundenen Prinzen) gelesen und bin schwer verliebt in Prinzessin Maxine I. und ihr grumpiges Pony Justine.

Die Geschichte beginnt am zehnten Geburtstag der Prinzessin, wo sie – statt weiter in Ruhe in ihrem Baumhaus spielen zu können – an einem Reittunier teilnehmen muss. Max findet „Prinzessin-sein“ ziemlich langweilig, genauso wie die damit verbundenen Pflichten, und würde lieber ein viel aufregenderes Leben führen. So träumt sie von einer Tätigkeit als Detektivin und erfindet coole Ausstattungen für ihr – damit nicht gerade glückliches – Pony, die das Tier für Verfolgungen und Kämpfe optimieren soll. Dummerweise stehen Max nicht mehr Mittel zur Verfügung als jedem anderem Mädchen ihres Alters, und so besteht die erdachte Ausstattung bislang nur aus bemalten Pappkartons, einem Besen und anderen Elementen, die von der Kreativität des Mädchens zeugen.

Immerhin bekommt jede Prinzessin zu ihrem zehnten Geburtstag von einer guten Fee eine besondere Gabe verliehen. Und da die Fee Amber, die Max zu ihrem Ehrentag aufsucht, noch recht ungeübt in ihrem Job ist, verfügt das Mädchen kurz darauf nicht nur über alle erdenklichen Prinzessinen-Gaben auf einmal, sondern bekommt auch noch die erträumte Ausrüstung für Justine. Beides muss Max wohlüberlegt einsetzen, als sie sich auf die Suche nach ihrem entführten kleinen Bruder macht. Ihre Ermittlungen führen sie durch diverse Reiche – und bringen sie dazu, eine Menge über sich und all die anderen Bewohner ihrer Welt zu lernen.

Es gibt so viele Elemente, die ich an diesen Comics mag. Max ist ein selbstbewusstes und mutiges kleines Mädchen, das zielstrebig seinen Traum verfolgt. Und auch wenn man am Anfang eher das Gefühl hat, dass sie die Entführung ihres kleinen Bruders als Abenteuer empfindet, so ist ihr schon bewusst, dass der kleine Bobs in Gefahr ist, und sie macht sich große Sorgen um ihn. Sehr schön finde ich auch, dass Max von ihren Eltern so unterstützt wird. Ihre Mutter ist zwar eine „klassische Prinzessin“ und fände es angenehmer, wenn Max „mädchenhaftere“ Interessen hätte, aber man merkt deutlich, dass sie das kleine Mädchen nicht verbiegen will (auch wenn sie darauf besteht, dass Max ihren Prinzessinnen-Pflichten nachkommt).

Neben Max ist ihr Pony der große Star der Comics. Justine ist ein ungemein grumpiges Wesen, was mehr als verständlich ist, wenn man sieht, wie Max sie anfangs behandelt. Doch da zu den Prinzessinen-Gaben auch die Fähigkeit gehört, Tiere zu verstehen, muss Max sich im Laufe der Zeit nicht nur mit Justine anfreunden (und dabei so einige sarkastische Bemerkungen überstehen), sondern auch einsehen, dass selbst ein grumpiges Pony so seine Stärken hat. Die Geschichte ist wirklich witzig, Max und Justine sind ein großartiges Team, die fantastische Welt ist – inklusive all der popkulturellen Anspielungen auf unsere Welt – wunderbar und ich fand es sehr unterhaltsam, wie Max im Laufe der Handlung doch noch Verwendung für all die Prinzessinen-Gaben findet, die in ihrem Detektiv-Leben eigentlich keinen Platz haben. 😉

Wenn ihr Lust habt, mehr über „Mega-Princess“, die Autorin und die Zeichnerin, die feministischen Elemente und sonstige Hintergründe zu erfahren, dann könnt ihr HIER ein Interview mit den beiden Künstlerinnen (und noch ein paar Bilder aus dem Comic) finden.

Caroline Carlson: Der weltbeste Detektiv

Ich weiß nicht mehr, wo ich über „The World’s Greatest Detective“ von Caroline Carlson gestolpert bin, aber ich weiß noch, dass ich die Inhaltsangabe vielversprechend fand. Als ich nun die Gelegenheit hatte, die deutsche Ausgabe zu lesen, habe ich mich sehr gefreut. Die Geschichte dreht sich um den elfjährigen Toby Montrose, der vor einiger Zeit seine Eltern verloren hat und nun von einem Verwandten zum nächsten geschoben wird. Seine letzte Chance, dem Waisenhaus zu entgehen, ist sein Onkel Gabriel Montrose, der als Detektiv arbeitet und gemeinsam mit vielen Konkurrenten in der Schnüfflergasse lebt. Toby tut alles in seiner Macht stehende, damit Onkel Gabriel zufrieden ist, aber er muss Tag für Tag beobachten, wie vor der Tür des berühmten Detektivs Hugo Abercrombie die Klienten Schlange stehen, während bei seinem Onkel nur Rechnungen und Mahnungen eintrudeln. Als Toby es dann auch noch fertig bringt, die einzige potenzielle Klientin seit Wochen zu vergraulen, ist er bereit, alles zu unternehmen, damit er an Geld kommt, um für Onkel Gabriel von Nutzen zu sein.

So setzt Toby alle Mittel in Bewegung, um an dem großen Detektivwettbewerb teilzunehmen, der von Hugo Abercrombie ausgerufen wurde. Während Onkel Gabriel verreist ist, um in einem schon älteren Fall Nachforschungen anzustellen, gelingt es Toby die Anwesenheit seines Onkels in Coleford Manor vorzutäuschen und als „Detektivassistent“ von Onkel Gabriel Teil der Ermittlungen rund um einen fiktiven Mordfall zu werden. Dummerweise stolpert Toby aber schon an seinem ersten Abend in dem Herrenhaus über eine echte Leiche, so dass aus dem spielerischen Wettbewerb eine Angelegenheit um Leben und Tod wird. Zum Glück findet er in der gleichaltrigen Ivy, die auf Coleford Manor lebt und eine begeisterte Detektivin ist, eine Verbündete, die mit ihm gemeinsam die Ermittlungen aufnimmt.

Ich muss zugeben, dass ich mich beim Lesen von „Der weltbeste Detektiv“ wirklich gut unterhalten habe. Ich mochte die vielen verschiedenen (skurrilen) Charaktere, ich mochte Toby und ich konnte mich im Laufe der Zeit sogar mit Ivy anfreunden. Auch war der Kriminalfall rund um den ermordeten Hugo Abercrombie gut erzählt, obwohl die verschiedenen Hintergründe stellenweise etwas arg durchsichtig waren – aber der Roman wurde ja auch für eine jugendliche Zielgruppe geschrieben und ich halte der Autorin wirklich zugute, dass sie trotzdem eine recht solide Krimihandlung konstruiert hat. Was mich aber im Laufe der Zeit immer mehr störte, war die Welt, in der die Geschichte spielte. Ich fand es unstimmig, dass es zwar Polizei gab, aber die Detektive viel mehr bei einem Mord zu sagen hatten. Das Ganze ging so weit, dass die Polizei drei Tage vor den Toren des Herrenhauses warten musste, bis sie endlich hereingelassen wurden (weil die Detektive noch keinen Schuldigen gefunden hatten).

Die Welt fühlte sich stellenweise sehr britisch an und es gibt auch einige Anspielungen auf klassische britische Kriminalromane, aber die Autorin erwähnt in der ganzen Zeit nur drei Länder (inklusive dem, in dem Toby und sein Onkel leben) und alles, was man über das Heimatland von Toby erfährt, ist, dass dort alle Detektivgeschichten mögen und Detektive sein wollen, während im Nachbarland nicht einmal Kriminalromane gelesen werden und man in Land Nummer drei Ausgrabungen machen kann. Die Welt, die Caroline Carlson da geschaffen hat, ist einfach unrund. Sie ist nicht skurril genug, um für sich zu funktionieren, aber auch nicht normal genug, dass man sie als Teil unserer Welt akzeptieren könnte. Diese Unstimmigkeiten haben mich nicht daran gehindert die Geschichte zu genießen – und ich bin mir sicher, dass viele (gerade jugendliche) Leser darüber hinwegsehen können -, aber sie sorgen dafür, dass ich froh bin, dass ich den Roman nur geliehen und nicht gekauft habe.

Juni-SuB 2017

Auch im Mai war es mir in der Regel viel zu warm, um etwas anderes zu machen als zu lesen. Wobei der Besuch von Natira immerhin eine Woche lang dafür gesorgt hat, dass ich jeden Tag unterwegs war (und insgesamt fünf Kinofilme geschaut habe – ein Hoch auf klimatisierte Kinos!). Auch habe ich mich wegen des anstehenden Besuchs beim Lesen vor allem auf all Natiras Leihgaben konzentriert und deshalb in diesem Monat kein Buch vom SuB gelesen. (Ich würde ja jetzt gern sagen, dass ich alle Leihgaben los bin – aber natürlich gab es neuen Nachschub …) Insgesamt kam ich so auf 17 Bücher, 7 Comics und 7 Manga. Zum Hörbuch habe ich schon wieder nicht gegriffen, da muss ich mir wirklich mal überlegen, wie ich die auch ohne Garten wieder in meinen Alltag einbinde. Für den Juni habe ich zwei Reihen vom SuB im Hinterkopf – mal schauen, ob ich darauf in den nächsten Tagen auch wirklich Lust habe.

  1. Alan Bradley: Flavia de Luce 5 – Schlussakkord für einen Mord
  2. Alan Bradley: Flavia de Luce 6 – Tote Vögel singen nicht
  3. Marie Brennan: The Tropic of Serpents – A Memoir by Lady Trent
  4. Marie Brennan: The Voyage of the Basilisk – A Memoir by Lady Trent
  5. Marie Brennan: In the Labyrinth of Drakes – A Memoir by Lady Trent
  6. Marie Brennan: Within the Sanctuary of Wings – A Memoir by Lady Trent
  7. Stephanie Burgis: The Dragon with a Chocolate Heart
  8. Jim Butcher: Die Verschwörer von Kalare (Codex Alera 3)
  9. Jim Butcher: Der Protektor von Calderon (Codex Alera 4)
  10. Jim Butcher: Die Befreier von Canea (Codex Alera 5)
  11. Jim Butcher: Der erste Fürst (Codex Alera 6)
  12. Mira Grant: Deadline (Newsflesh #2)
  13. Mira Grant: Blackout (Newsflesh #3)
  14. Alex Grecian: The Yard
  15. Kate Griffin: The Midnight Mayor (Matthew Swift #2)
  16. Kate Griffin: The Neon Court (Matthew Swift #3)
  17. Kate Griffin: The Minority Council (Matthew Swift #4)
  18. Kate Griffin: Stray Souls (Magicals Anonymous #1)
  19. Kate Griffin: The Glass God (Magicals Anonymous #2)
  20. Kim Harrison: Bluthexe (Rachel Morgan 12)
  21. Kim Harrison: Blutfluch (Rachel Morgan 13)
  22. Jim C. Hines: Die Buchmagier – Angriff der Verschlinger
  23. Mark Hodder: Auf der Suche nach dem Auge von Naga
  24. D. B. Jackson: Thieve’s Quarry (Thieftaker #2)
  25. Diana Wynne Jones: The Dark Lord of Derkholm
  26. Diana Wynne Jones: Year of the Griffin
  27. Diana Wynne Jones: The Ogre Downstairs
  28. Morgan Keyes: Darkbeast Rebellion
  29. Claire Legrand: Some Kind of Happiness
  30. Scott Lynch: Die Lügen des Locke Lamora
  31. Bishop O’Connell: The Stolen
  32. Jackson Pearce: Blutrote Schwestern
  33. Cindy Pon: Serpentine
  34. Bea Rauenthal: Karfreitagsmord
  35. Philip Reeve: Larklight
  36. John Scalzi: Fuzzy Nation
  37. Helen Simonson: Mrs. Alis unpassende Leidenschaft
  38. A.C.H. Smith: Jim Henson’s The Dark Crystal
  39. Jonathan Stroud: Bartimäus – Das Amulett von Samarkand
  40. Rosemary Sutcliff: Troja oder die Rückkehr des Odysseus
  41. Rosemary Sutcliff: König Artus und die Ritter der Tafelrunde
  42. Charles den Tex: Die Zelle
  43. Rob Thomas: Veronica Mars – The Thousand Dollar Tan Line
  44. Gail Tsukiyama: Die Straße der tausend Blüten
  45. Uwe Voehl: Tod und Schinken
  46. Xinran: Gerettete Wort
  47. Rick Yancey: Der Monstrumologe und die Insel des Blutes

43 Titel auf dem SuB

(durchgestrichene Titel habe ich in diesem Monat gelesen)
(kursive Titel sind in diesem Monat neu hinzugekommen)

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind

Über „Weil wir längst woanders sind“ bin ich bei Natira gestolpert, die mir den Roman dann auch geliehen hat. Dieses Buch ist der Debütroman der Autorin Rasha Khayat, deren Geschichte von den Geschwistern Layla und Basil handelt, die als Grundschüler mit ihren Eltern von Jeddah (Saudi-Arabien) nach Deutschland umzogen. Geboren wurden die beiden in Jeddah, als Kinder einer deutschen Krankenschwester und eines saudi-arabischen Arztes, und so war für sie die Reise nach Deutschland anfangs nicht mehr als der übliche Sommerurlaub bei den deutschen Großeltern. Erst als sie nach den Ferien in Deutschland eingeschult wurden, beschlich die beiden der Verdacht, dass sie nun für längere Zeit in Deutschland leben würden. Wie lange die Eltern in Deutschland bleiben wollten, wird in dem Roman nicht gesagt, aber nachdem der Vater verstirbt, zieht die Mutter eine Rückkehr nach Jeddah nicht in Betracht.

Weder für Basil noch für Layla war die Umstellung auf das Leben in Deutschland damals einfach, aber immerhin konnten sie füreinander da sein. Trotzdem begreift Basil erst viele Jahre später, wie belastend das Ganze für die damals siebenjährige Layla war, als diese sich als erwachsene Frau ohne Abschied nach Jeddah aufmacht, um das Land ihres Vaters und ihrer Kindheit neu kennenzulernen. Wenige Monate später fliegt Basil nach Saudi-Arabien, um mit der dort lebenden Familie Laylas Hochzeit mit einem Mann zu feiern, den sie zwar nicht liebt, von dem sie sich aber ein Leben verspricht, in dem sie zufrieden sein kann. Für Basil ist diese Hochzeit Anlass, um über seine Eltern, seine Kindheit, seine Schwester und seine eigenen Erfahrungen in Deutschland und in Saudi-Arabien nachzudenken. So begleitet man als Leser Basil zwar nur wenige Tage, erfährt aber viel darüber, wie das Leben zwischen zwei so unterschiedlichen Ländern sein kann und wie schwierig es ist, wenn einen die Umgebung in Schubladen steckt, gegen die man nicht ankommt.

Ich habe mich mit Natira kurz über das Buch unterhalten, als diese bei uns zu Besuch war, und sie meinte, dass sie Laylas Entscheidung nicht nachvollziehen könne und dass dies den Roman für sie zu einem unbefriedigten Leseerlebnis gemacht habe. Ich hingegen kann – wie am Ende auch Basil – mit Laylas Hochzeit leben. Die junge Frau geht eine Ehe mit einem Mann ein, der sie ebenso wenig liebt wie sie ihn. Aber dafür hat sie das Gefühl, dass da jemand ist, der sie so akzeptiert, wie sie ist. Sie fühlt sich in Jeddah nicht in irgendeine Schublade gesteckt, hat nicht das Gefühl, sie müsse sich dafür verteidigen, dass ihr Vater aus einem arabischen Land stammte, oder irgendwelche Vorurteile aufklären. Ich glaube, dass es sehr erleichternd sein kann, wenn man zum ersten Mal in seinem erwachsenen Leben das Gefühl hat, man könne sich auf Augenhöhe mit jemandem unterhalten, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie man selbst.

Dabei verschweigt die Autorin nicht, dass es in Jeddah sehr unterschiedliche Lebensweisen gibt. Während der Teil der Familie, der Basil und Layla nahe steht und der auch die Hochzeit organisiert, recht entspannt mit vielen Themen (wie Religion, Verschleierung, Alkohol, Zusammenleben von Männern und Frauen innerhalb einer Familie) umgeht, gibt es natürlich auch Verwandte, die sehr viel konservativer leben. Ebenso gibt es eine Szene, in der Rasha Khayat zeigt, dass es immer häufiger Vorfälle mit „Religionswächtern“ gibt. Ich persönlich fände es auch schwierig, unter solchen Umständen in einem Land zu leben, aber für Layla ist Jeddah eine Zuflucht voller liebevoller Familienmitglieder und ihr zukünftiger Mann jemand, der weiß, wie es sich anfühlt, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen.

Rasha Khayat lässt in „Weil wir längst woanders sind“ vieles ungesagt, so richtig kommt es auch nicht zu einer Aussprache zwischen Layla und Basil. Und weil Basil nicht richtig mit seiner Schwester sprechen kann, muss er sich darauf beschränken, über all die Menschen in seiner Umgebung nachzudenken. Das führt zu so einigen – für ihn – neuen Erkenntnissen und Fragen, die dem Leser auch immer wieder vor Augen führen, dass es weder bei Layla noch bei sonst jemandem um ein Land oder eine Kultur, sondern um ein Individuum geht. Verpackt wird das Ganze in eine reduzierte Erzählweise, die einem viel Raum für eigene Gedanken bietet.

Jiro Taniguchi: Bis in den Himmel (Manga)

„Bis in den Himmel“ von Jiro Taniguchi ist mal wieder eine Leihgabe von Natira gewesen – irgendwann muss ich mir mal einen eigenen Bestand von Taniguchi-Manga zulegen, da ich selbst die abwegigeren Titel von ihm sehr mag. Auch dieser Manga erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, die an dem Tag beginnt, an dem der 42jährige Kazuhiro Kubota und der 17jährige Takuya Onodera bei einem Unfall zusammenstoßen und lebensgefährlich verletzt werden. Beide liegen nach diesem Ereignis im selben Krankenhaus im Koma, und als Kazuhiro eines Tages aufwacht, findet er sich in Takuyas Körper wieder. Es ist für ihn absolut unbegreiflich, wie dies passieren konnte, und er weiß nicht so recht, wie damit umgehen soll, dass ihn nun jeder in seiner Umgebung für Takuya hält.

So beginnt für Kazuhiro für kurze Zeit ein neues Leben, in dem er auf der einen Seite versucht wiedergutzumachen, dass er seine Frau und seine Tochter zugunsten seiner Arbeit so lange vernachlässigt hat, und auf der anderen Seite mehr über Takuya und seine Familie herausfindet. Natürlich ist Takuyas Familie sehr irritiert, dass ihr Sohn keinerlei Erinnerungen an die Zeit vor dem Unfall hat und sich absolut atypisch verhält, aber Kazuhiro spürt auch eine gewisse Erleichterung bei Takuyas Eltern, dass ihr Sohn keine solch herausfordernde Haltung wie früher mehr an den Tag legt. Ich will nicht zu viel zur Handlung verraten, aber das Ganze läuft nicht darauf hinaus, dass Kazuhiro in Takuyas Körper die Chance für einen Neuanfang bekommt. Es geht vielmehr darum, dass er und andere Charaktere in diesem Manga herausfinden, was für sie wichtig ist und wie sie mit den Menschen umgehen wollen, die ihnen am Herzen liegen. Dabei verwendet Jiro Taniguchi den einen oder anderen Erzählkniff, der nicht weniger unrealistisch ist als die Grundidee – so „erkennt“ zum Beispiel Kazuhiros Hund sein altes Herrchen, als er in Takuyas Körper bei seiner Familie vorbeischaut -, um die Handlung voranzutreiben.

Mir hat die Geschichte aus zwei Gründen gefallen: Einmal fand ich es – trotz Jiro Taniguchis gewohnt ruhiger und ausführlicher Erzählweise – spannend herauszufinden, was Kazuhiro vor seinem Tod so sehr beschäftigt hat, dass er unbedingt noch bleiben wollte, und zum zweiten liebe ich all die Details zum Leben in Japan und all die liebevollen und genauen Beobachtungen zum menschlichen Verhalten, die sich immer wieder in den Werken des Mangaka finden lassen. Letzteres kommt auch zum Ausdruck, wenn es um die gegensätzlichen Charaktere von Kazuhiro und Takuya geht. Beide handeln auf ihre Weise egoistisch, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Motiven (und ich bin mir relativ sicher, dass Jiro Taniguchi das vermutlich nur bei einer seiner Figuren so gesehen hat), aber nur einer von ihnen bekommt die Gelegenheit etwas an seinem Verhalten zu ändern und für die Zukunft einen neuen Weg zu finden.

Natürlich schwingt bei so einer Geschichte auch immer ein wenig der erhobene Zeigefinger mit, der einen ermahnt, das Beste aus seinem Leben zu machen und gut zu den Menschen zu sein, die einen lieben, bevor es zu spät ist, aber damit kann ich bei einer so zurückhaltenden und schönen Erzählweise leben. Allerdings sorgt das auch dafür, dass „Bis in den Himmel“ trotz all der berührenden Szenen nicht mein Lieblingstitel von Jiro Taniguchi ist. Ich mochte die Charaktere und ich hatte bei Lesen immer wieder Tränen in den Augen, aber die Manga, die keine (oder zumindest eine dezenter verpackte) Botschaft beinhalten, mag ich am Ende doch lieber.

Vorfreude

Vorfreude auf eine Woche mit lieben Besuch, auf nette Gespräche, auf leckeres Essen, auf viele ungewöhnliche Kinofilme und einer Mischung aus viel Unterwegssein und daheim gemeinsam die Füße hochlegen und schwatzen.

Mein Mann hat Urlaub und die To-do-Liste wird für eine Woche zur Seite geschoben, damit wir uns ganz unserem Besuch widmen können.

Ich freu mich sehr darauf!

Jared Diamond: Guns, Germs and Steel – A Short History of Everybody for the Last 13.000 Years

Ich muss gestehen, dass ich jedes Mal, wenn ich in den vergangenen Woche zu diesem Buch gegriffen habe, dachte, dass „Jared Diamond“ klingt wie der Name des Protagonisten eines zweitklassigen Kitschromans. *g* Stattdessen ist Jared Diamond ein Evolutionsbiologe, Physiologe und Biogeograf, der für seine populärwissenschaftlichen Bücher bekannt wurde. Lustigerweise hatte ich durch Neyasha schon mehrfach von dem Autor gehört, ihn aber immer wieder verdrängt, bis ich in der Bibliothek vor dem Buch stand. Die Tatsache, dass Neyasha schon seit Jahren die deutsche Ausgabe von „Guns, Germs and Steel“ weiterlesen will, war zwar nicht sehr ermutigend, aber ich dachte, ich könne ja mal reinschauen und gucken, wie ich damit vorankomme. Das Thema ist immerhin interessant, auch wenn das englische Schriftbild (wieso werden englische Sachbücher immer in so einer unangenehmen Schrift gedruckt?) mich eher abgeschreckt hat. Eine kurze Rechnung ergab, dass ich den Titel problemlos in einem Monat schaffen würde, wenn ich mir 16 Seiten pro Tag vornehmen würde. Das erschien mir durchaus machbar – und das war es auch.

Bevor ich (endlich) auf den Inhalt von „Guns, Germs and Steel – A Short History of Everybody for the Last 13.000 Years“ eingehe, möchte ich noch erwähnen, dass das Buch schon im Jahr 1997 von dem Autor geschrieben wurde. Das macht die darin enthaltenden Informationen nicht falsch, aber ich bin mir sicher, dass es ein paar Aspekte darin gibt, zu denen es aktuellere Daten gibt, und die deshalb vielleicht von Jared Diamond heutzutage anders bewertet würden. Wer also ein aktuelleres Buch von dem Autor lesen möchte, sollte eher auf „Collapse – How Societies Choose to Fail or Succeed“ aus dem Jahr 2005 zurückgreifen – ich muss gestehen, dass ich den Titel auch noch im Hinterkopf habe, um zu schauen, wie weit die darin aufgeführten Informationen die in „Guns, Germs and Steel“ erwähnten Theorien ergänzen oder vielleicht sogar widerlegen.

Jared Diamond greift in den verschiedenen Kapiteln unterschiedliche Themen auf, wobei er bei der Entwicklung des Menschen (zum Homo Sapiens) beginnt und dann die verschiedenen Völkerwanderungen, Klima- und Vegetationsbedingungen beschreibt, bis er am Ende einen Vergleich zwischen den verschiedenen Kontinenten, ihren Startbedingungen und den verschiedenen Einflüssen zieht. Dabei beginnt er jedes Kapitel mit einer oder mehreren Fragen zu dem Thema, um sich dann von verschiedenen Seiten der Beantwortung dieser Fragen zu nähern, bevor er am Ende noch einmal kurz zusammenfasst, welche Erkenntnisse es zu dem Gebiet gibt und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen. Er verschweigt auch nicht, wenn zu bestimmten Themen noch keine ausreichenden Daten vorliegen, erklärt aber an diesen Stellen auch, wie und warum die Wissenschaft eine bestimmte These als die wahrscheinlichste ansieht und wieso er diese für dieses Buch heranzieht. Natürlich sind die Informationen in „Guns, Germs and Steel“ sehr gedrängt und beschränken sich häufig auf den groben Zusammenhang und weite Regionen, aber durch die Zusammenfassungen zum Schluss des Kapitels hat man beim Lesen das Gefühl, dass all das gehäufte Wissen an den richtigen Platz fällt und ein schlüssiges Gesamtbild ergibt, das auch langfristig haften bleibt. (Wie langfristig, werde ich dann im Laufe der kommenden Monate sehen. *g*)

Ich fand es auf jeden Fall sehr spannend, welche Aspekte der Autor ansprach und welche Verbindungen er schafft. Es gab so einige Dinge, die nicht neu für mich waren, die ich aber nie in einem großen Zusammenhang gesehen habe und die so einen ganz neuen Eindruck auf mich machten. Gerade diese weltweite Sicht auf das große Ganze hat mich sehr fasziniert und ich fand es großartig, mich mal nicht beim Lesen eines Sachbuches fragen zu müssen, wie es wohl in einem anderen Teil der Welt aussah oder welche Auswirkungen diese eine Erfindung oder Entdeckung wohl auf andere Gebiete gehabt haben mochte. Gerade der afrikanische und südamerikanische Raum (und das ist ein verflixt großes Stück der Welt) werden in den klassischen Sachbüchern (die auf Deutsch erscheinen) häufig ausgespart, weil sie sich auf ein bestimmtes Themengebiet in Europa, Großbritannien oder Nordamerika konzentrieren und die weltweite Sicht den Rahmen sprengen würde. Ich finde es aber inzwischen ziemlich frustrierend, dass es so schwierig ist, mehr über andere Teile der Welt zu erfahren, wenn man nicht gerade Romane liest oder auf Sachbücher zurückgreift, die in Sprachen geschrieben wurden, die ich leider nicht beherrsche.

Obwohl nicht jedes Kapitel gleich spannend war, war ich überrascht, wie gut ich bei den meisten davon trotz der Faktenfülle am Ball blieb. Auch sprachlich konnte ich gut mithalten, weil Jared Diamond jedes verwendete Fachwort so gut erklärt, dass ich nichts (abgesehen von zwei Begriffen für Hirse *g*) nachschlagen musste. Allerdings ertappte ich mich zwischendurch etwas dabei, dass ich mit den Augen rollte, wenn ich den Begriff „New Guinea“ las. Ich weiß, dass Jared Diamond sehr viele Jahre dort geforscht hat und mir ist auch bewusst, dass diese – lange Zeit isolierte – Inselgruppe ein wunderbares Beispiel für viele Entwicklungsschritte der Menschheit darstellt, aber manchmal fragte ich mich, ob der Autor nicht auch ein anderes Gebiet als Beispiel hätte heranziehen können. Denn obwohl sich Jared Diamond bemüht, wirklich weltweit auf die verschiedenen Entwicklungen einzugehen, so gab es doch zu einigen großen Gebiete relativ allgemeine Informationen und ich kann nur spekulieren, ob das daran lag, weil es in diesen großen Gebieten keine individuell erwähnenswerten Vorkommnisse gab oder weil es keine greifbaren archäologischen Erkenntnisse dazu gibt.

Letzteres halte ich für eher unwahrscheinlich, aber wenn der gesamte eurasische Raum bei den meisten Themen als eine Einheit behandelt wird, dann frage ich mich schon, ob es nicht doch mehr erwähnenswerte Aspekte gegeben hätte – gerade im asiatischen Raum, der ja doch auch einige vielfältige Bedingungen und Lebensweisen hervorgebracht hat. Aber vermutlich wäre das zu sehr ins Detail gegangen, denn der Autor konnte seine Theorien ja auch so überzeugend vorlegen. Erst beim Epilog gibt es Passagen, in denen sich Jared Diamond (scheinbar) widerspricht, wobei er selbst sagt, dass diese (scheinbaren) Ungereimtheiten dadurch entstehen, dass man bei einer solch weitreichenden und groben Zusammenfassung auf bestimmte Aspekte nicht im Detail eingehen kann, obwohl diese neben den geologischen, biologischen und ähnlichen Bedingungen natürlich auch Einfluss auf die Entwicklung der verschiedenen Völker gehabt hatten. Ich kann mit diesem „Widerspruch“ leben, da der Autor ihn selber erwähnt und erklärt, und so schmälert das nicht meinen positiven Gesamteindruck von „Guns, Germs and Steel“.

Diana Wynne Jones und Ursula Jones: The Islands of Chaldea

„The Islands of Chaldea“ ist das Buch, an dem Diana Wynne Jones arbeitete, als sie an Krebs erkrankte. Nach dem Tod der Autorin hat ihre jüngere Schwester Ursula Jones den Roman beendet, wobei sie im Nachwort anmerkt, dass sie keine Ahnung hatte, in welche Richtung ihre Schwester die Geschichte weitergedacht hätte. Sie hat nur versucht, die Hinweise zu finden, die Diana Wynne Jones für ihre Leser in den schon geschriebenen Kapiteln versteckt hatte, und sich überlegt, welche Elemente ihren schon geschriebenen Romanen gerecht würden. Ich muss zugeben, dass ich beim Lesen keine großen Brüche in der Geschichte bemerkt habe, aber es ab einer bestimmten Stelle Szenen gibt, bei denen ich mich frage, ob die noch von Diana Wynne Jones stammen oder nicht. Doch obwohl es wiederkehrend Elemente in Diana Wynne Jones‘ Romanen gibt, lassen sich ihre Handlungsentwicklungen einfach nicht vorhersagen, weil sie den Leser immer wieder zu überraschen wusste. Wenn also nicht irgendwann einmal Ursula Jones verrät, welche Teile von ihr und welche von ihrer Schwester sind, werde ich wohl nie wissen, ob ich mit meinem Verdacht richtig liege oder nicht – und das ist vollkommen in Ordnung so. 😉

Die Handlung in „The Islands of Chaldea“ wird aus der Perspektive der zwölfjährigen Aileen erzählt, die seit ihrem fünften Lebensjahr bei ihrer Tante Beck lebt, die die Weise Frau von Skarr ist. Auch von Aileen wird erwartet, dass sie einmal diese Position übernimmt, wie es die Frauen ihrer Familie seit Jahrhunderten tun. Doch in der Nacht, in der ihre Initiation zur „Weisen Frau“ passieren soll, ist etwas schiefgelaufen, und so ist Aileen sich sicher, dass sie niemals gut genug für eine solch verantwortungsvolle Position sein wird. Noch bevor sie sich von ihrer Enttäuschung erholen kann, muss sie sich mit ihrer Tante und einigen weiteren Personen auf eine Reise begeben, um eine Prophezeiung zu erfüllen. Seit Jahren werden die drei Inseln Skarr. Bernica und Gallis durch eine unsichtbaren Barriere von der Insel Logra getrennt. Die Wirtschaft leidet sehr darunter, dass dadurch der Austausch zwischen den Inseln eingeschränkt wurde. Außerdem wurde der Sohn des Hochkönigs der Inseln – gemeinsam mit seinem Gefolge, zu dem auch Aileens Vater gehörte – vor dem Errichten der Barriere von den Logra geraubt. Seitdem wird er auf der isolierten Insel gefangen gehalten.

Für den Leser gibt es in „The Islands of Chaldea“ eine klassische Quest zu verfolgen. Gemeinsam mit Aileen und ihrer Tante reisen noch ein paar weitere Personen, die sie – gemäß einer alten Prophezeiung – zum Teil erst auf den anderen Inseln aufsammeln müssen. So lernt man die verschiedenen Inseln, ihre Bewohner und ihre Eigenheiten kennen, während Aileen sich im Laufe der Zeit weiter entwickelt und mehr über sich und ihre Fähigkeiten lernt. Das Ganze macht die grobe Handlungsentwicklung natürlich sehr vorhersehbar, aber das stört mich nicht, wenn die Geschichte so wie hier voller ungewöhnlicher Ideen, skurriler Charaktere und amüsanter Szenen erzählt wird. Allerdings fand ich den Schluss des Romans etwas überhastet und habe mich schon ein bisschen gefragt, was Diana Wynne Jones vielleicht anders gemacht hätte – oder ob sie überhaupt etwas anders gemacht hätte. Insgesamt war „The Islands of Chaldea“ eine wunderbar unterhaltsame und entspannende Lektüre, die ich dank all der skurrilen Ideen sehr genossen habe, während ich regelmäßig beim Lesen vor mich hinkicherte. Und obwohl die vier Inseln von Chaldea nicht so ungewöhnlich für eine Fantasywelt sind, fand ich sie vielversprechend genug, dass ich mir noch ein paar mehr Geschichten von den unterschiedlichen Inseln gewünscht hätte.